Das Für und Wider des international bekannten Technoclubs

Das Berghain schließt nicht, aber sollte es?

Die Mitte ­Oktober kursierende Nachricht, dass der weltberühmte Berliner Technoclub Berghain schließt, stellte sich als Falsch­meldung heraus. Der Club wird geliebt und gehasst - sollte er vielleicht doch schließen? Anastasia Tikhomirova und Konstantin Nowotny diskutieren.

Das Hain bleibt

Das Berghain ist nicht perfekt, aber schließen sollte es trotzdem nicht. Es ist eine wichtige Institution der Berliner Clubkultur, ein historisches Relikt und immer noch einen Besuch wert.

Von Anastasia Tikhomirova

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Spätestens als die Instagram-Seite »Berlin Clubmemes« den Artikel der Berliner Zeitung darüber teilte, dass das Berghain wohl Ende des Jahres schließen werde, breitete sich Unruhe in der Berliner Technoszene aus. Das könne doch nicht wahr sein, kommentierten viele Berghain-Gängerinnen und -Gänger sowie jene, die den Club nur aus Erzählungen kennen. Doch schon kurz darauf gab es Entwarnung: Der Artikel soll nur eine schlecht recherchierte Boulevardstory gewesen sein. Im Dezember 2021 hatte hingegen das zum Umfeld des Berghain gehörende Label Ostgut Ton seine Arbeit eingestellt, nun soll auch die Agentur Ostgut Booking aufhören – nicht aber das Berghain.

Das war dann doch eine Erleichterung. Natürlich gibt es Kritik an dem Club – er sei kapitalistisch, sexistisch, habe keine politische Haltung, nehme die Gesundheit seiner Besucherinnen nicht ernst, beispielsweise. Aber muss man sich deshalb wirklich über die Schließung des weltberühmten Berliner Technotempels freuen oder sie gar fordern?

Hain, Bergi, Church – das sind nur ein paar der vielleicht etwas albernen Spitznamen, die sich für das Berghain etabliert haben. Sie zeugen von der Liebe oder quasireligiösen Verehrung für den Club. Neben der besten Soundanlage der Stadt und dem erlesenen Booking, das musikalisch am Puls der Zeit bleibt, hat das Berghain noch viel mehr zu bieten: Wer würde schon die leckeren Stullen, die vitalisierenden Smoothies oder das erfrischende Eis an der Eisbar über dem Mainfloor missen wollen? Zum fair bleibenden Preis kann man sich hier nach einer durchzechten Nacht (oder auch zweien) sättigen – was auch Heizkosten für die eigene Wohnung spart.

Da allerdings der Eintrittspreis kontinuierlich gestiegen ist, droht der Besuch im Berghain mittlerweile zum Reichensport zu werden. Die meisten treuen Besucherinnen dürften eher nicht im Geld schwimmen, aber man muss ja irgendwie die vielen netten Leute, die dort arbeiten, bezahlen. Auch dass sie alle ihren Arbeitsplatz verlieren würden, wenn das Hain seine Pforten schließt, sollte man nicht vergessen. Dass das Berghain geöffnet bleibt, hält durch die halbe Welt fliegende Partytouristinnen zudem davon ab, noch häufiger in Technoclubs in ärmeren Ländern einzufallen, wie vergangenes Jahr in das K41 in Kiew oder das Bassiani in Tiflis, wo sie die Preise in die Luft schnellen lassen, ohne sich dabei für die politischen Verhältnisse, die in diesen Städten herrschen, zu interessieren.

Selbst die größten Feinde des Berghain werden nicht leugnen können, dass der Club Kultstatus erreicht hat und jedes Jahr unzählige Touristen nach Berlin lockt. Das mag manch einen nerven, rein ökonomisch gesehen ist es aber ein großer Gewinn für die Stadt. Zudem haben das Berghain und sein Vorgänger, das Ostgut, zusammen mit vielen anderen Clubs, die heute leider nicht mehr existieren, die Berliner Subkultur mitgeprägt. Würde es schließen, wäre das ein weiterer harter Schlag für die Berliner Clubszene, die sich ohnehin durch das Clubsterben und die Pandemie bedroht sieht. Mit dem Hain und all seinen Makeln, aber vor allem seinen positiven Seiten, wäre ein weiterer geschichtsträchtiger Club verschwunden.

Das Berghain ist bei weitem kein Safe Space, aber es bemüht sich darum, die Atmosphäre zu verbessern. Die Frauentoilette neben der Garderobe bietet mittlerweile verschiedene Hygieneartikel an und wurde um eine Awareness-Person erweitert, wodurch sich viele sicherer fühlen können. Die Tür nimmt meiner Erfahrung nach Gäste und ihre Sicherheitsbedenken mittlerweile ernster. Das Personal besucht kontinuierlich Fortbildungen, um unter anderem auf das Problem des spiking adäquat reagieren zu können. Zuletzt hatte es Berichte von Frauen gegeben, die im Berghain und anderen Berliner Clubs Opfer von Attacken durch Spritzeninjektion von Betäubungsmitteln geworden seien.

Insbesondere für queere Menschen bietet das Hain einen Raum, in dem sie sich relativ frei ausprobieren können. Aufgrund der Wohnungsnot in Berlin haben manche zudem keinen anderen Ort, an dem sie Sex haben können, was für sie das Berghain unverzichtbar macht.

Aus der Türpolitik wird man auch nach mehreren Jahren Clubbesuch nicht schlau, aber tatsächlich gelingt es erstaunlich gut, für ein diverses Publikum zu sorgen. Kaum irgendwo sonst in Berlin kann man so viele ästhetische oder zumindest interessante Outfits betrachten wie im Berghain. Obwohl der Club nicht unbedingt für eine linke und antikapitalistische Haltung bekannt ist, hat er sich doch beispielsweise bei den »Black Lives Matter«-Protesten klar gegen Rassismus und bei Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine klar gegen diesen positioniert. Von wegen unpolitisch – dass offenbar Elon Musk an der Hain-Tür scheiterte, halte ich für eine stabile Ideologiekritik.

 

Tür zu

Zum Mythos des Berghain trägt maßgeblich die exklusive Türpolitik bei. Im Zirkel der Auserwählten wird ein neoliberales Feierideal ausgelebt und es geht vor allem darum, dazuzugehören – dabei gehört der Club auch nur zum oberen Durchschnitt.

Von Konstantin Nowotny

Es war ein Gerücht, wie es nur eine an sich selbst besoffene Hauptstadt erschüttern kann: Das Berghain schließt! Oy vey! Da es in Berlin bekanntermaßen kaum Orte gibt, vor denen man stundenlang anstehen muss, um am Ende sehr viel Geld für eine fragwürdige Erfahrung zu bezahlen, wäre das natürlich ein ­ungeheurer Verlust gewesen.

Man muss nicht im Berghain gewesen sein, um eine Meinung dazu zu haben. Schließlich müssen auch »Qualitätsmedien« keine Quellen mehr prüfen, wenn es um diesen mystischen Ort geht, über den alle vieles wissen zu glauben: Erst tauchte das Schließungsgerücht als »Insider-Information« in einem Nischenmagazin auf, dann wurde es ob seiner Brisanz auch vom Tagesspiegel und der Berliner Zeitung weitgehend unhinterfragt verbreitet. Im Nachhinein stellte sich heraus: So gut wie nichts davon stimmt, der Club bleibt offen – zumindest bis auf weiteres.

Im großen Clubsumpf Berlin schwimmt das Berghain schon ganz oben und ist auch international bekannt, das muss man fairerweise zugeben. Unvergessen bleibt, wie 2015 die US-Schauspielerin Claire Danes in einer Talkshow sagte, der Laden zwischen Kreuzberg und Friedrichshain (wow!) sei »der beste Ort der Welt«. Nun ist es nicht sonderlich schwer, US-Amerikaner mit deutschen Clubs zu beeindrucken – es haut sie normalerweise schon aus den Socken, dass man in der Schlange davor ungestraft Alkohol trinken darf. Zum mystischen Gefühl dürfte allerdings auch die Türpolitik des Clubs beitragen, die jedem, dem Eintritt gewährt wird, die Botschaft übermittelt: Du hast es verstanden, du hast es geschafft, du passt!

Unpassend erschien der »härtesten Tür der Welt« dieses Jahr wohl der Bat­terie-Guru und Oberhaupt der neoliberalen Glaubensgemeinschaft, Elon Musk. Er kam mutmaßlich nicht rein und musste später wie ein Lehrbuchnarzisst so tun, als hätte er das ohnehin nie gewollt. Das war einer der wenigen Momente, in denen die »exklusive« Türpolitik des Clubs einen positiven Effekt hatte. »Exklusiv« ist hier im Wortsinne »ausschließend« gemeint, und es wurden auch schon Vorwürfe laut, die Einlassregelung sei rassistisch. Das Berghain selbst verweist dann gern auf sein ewiges Credo, der Gast müsse »zur Party passen«, was nichts anderes ist als ein Freibrief für Willkür.

Dabei hätte Musk doch so gut gepasst, schließlich geht ins Berghain nur, wer die Grenze zwischen Arbeit und Leben ohnehin nicht mehr kennen will, wer Tanzen und Sex als lustvolle Performance versteht, für deren vollen Genuss man sich erst selbst zurechtbiegen muss, gern indem man seine körperlichen Bedürfnisse ignoriert oder mit Substanzen kaschiert.

Sofern es so weit überhaupt kommt. Wer als untauglich gemustert wurde, darf gehen. Das hat selbstverständlich Gründe: Man will nicht zur Touristen­attraktion werden (ist man sowieso schon), kein Junggesellenabschiedspublikum anlocken (tut man sowieso schon), kurz: Man will nicht werden wie jeder andere Club in Berlin, wobei man längst schon so ist.

Was als Hedonismus verkauft wird, ist auch hier die Ausdehnung der Arbeitssphäre ins Private: Auch der Arbeiter muss zu seiner Aufgabe passen und nicht umgekehrt, er muss seinen Tag danach ausrichten, seine Bedürfnisse ignorieren, seinen Stil und seinen Habitus konformistisch gestalten – und darf am Ende ganz selig sein, weil seine Bewerbung angenommen wurde, der Chef zufrieden ist, weil die Tür aufgeht zum Paradies, in dem nur noch mehr Arbeit wartet. Ihr, die ihr eintretet, lasst alle Hoffnung fahren!

Jene, denen Eintritt gewährt wurde, halten sich für etwas Besonderes, ihre toten Augen sehen aber ganz genauso aus wie die der Schichtarbeiter, mit denen sie sich später buchstäblich zähneknirschend den Heim- beziehungsweise Arbeitsweg teilen. Froh sind sie dann, dass sie zumindest im Club selbst vom Proletariat unbelästigt blieben, sich nicht mit den Nichtauskennern abgeben mussten, die nicht verstehen, wie man sich anzuziehen und zu verhalten hat, wenn man Spaß haben will.

Nein, es wäre kein Verlust gewesen, wenn so ein Ort verschwunden wäre. Im Zeitalter des Kapitals gibt es mehr als genug Elitarismus, Leistungsprinzip und willkürlich geschlossene Grenzen. Berghain, is‘ jut jetzt.