Die Zahl der Fußballschiedsrichterinnen und -schiedsrichter nimmt hierzulande ab

Unentbehrlich, aber unbeliebt

Der mangelnde Respekt vor Fußballschiedsrichterinnen und -schiedsrichtern führt dazu, dass sich immer weniger Menschen für das Pfeifen entscheiden.

Die Zahl der Fußballschiedsrichterinnen und -schiedsrichter nimmt hierzulande ab. Immer öfter werden vor allem in den unteren Ligen Spiele von Menschen ohne Schiedsrichterausbildung gepfiffen. Ein Grund für den Schiedsrichtermangel: der rüde Umgang mit den Männern und Frauen in Schwarz.

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Man kann es als ein Dokument sprachlicher Vielfalt und menschlicher Kreativität lesen oder ganz einfach als eine Liste von Beleidigungen. Der Deutsche Fußballbund (DFB) ­legte vor weit über zehn Jahren seinen Landesverbänden einen Katalog mit mehr oder weniger freundlichen Kraftausdrücken vor. Diese sollten ihn an ihre Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter mit der Bitte weiterleiten, sie zu bewerten. Dem DFB war klar, dass es bei der Beurteilung der Schimpfwörter regionale Unterschiede geben könne. »Was in Bayern ein freundlicher Hinweis ist, gilt in Niedersachsen schon als deftige Beleidigung«, sagte der damalige DFB-Schiedsrichterobmann Volker Roth. »Schlappi«, »Weihnachtsbaum« oder »Tüffelpott« würden wohl nur sehr sensible Gemüter wirklich ­übelnehmen. Bei Begriffen wie »Dilettant«, »Drecksack« oder »Dummbeutel« dürfte es hingegen schon anders aussehen.

»Es wird auf dem Platz nicht besser, wenn aus Mangel an Schiedsrichtern jemand eingesetzt wird, der keine Ahnung hat.« Thaya Vester, Kriminologin

Fußball ist ein Spiel mit einfachen Regeln, deren Auslegung aber diffizil sein kann. So schön die Vorstellung auch sein mag, dass Spieler und Fans sich nach mehr oder weniger langer Diskussion auf das Vorliegen eines Foulspiels und gar dessen ­Ahndung durch einen Elfmeter oder eine Rote Karte einigen, so unrealistisch wäre dieses Unterfangen. Ohne einen Schiedsrichter auf dem Platz, der entscheidet, geht es nicht. Doch die Zahl der Fußballschiedsrichterinnen und -schiedsrichter nimmt ab: Pfiffen in der Saison 2015/2016 noch 59 482 Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter die Spiele der 131 072 Mannschaften, die sich hierzulande am Ligabetrieb beteiligten, waren es in der Saison 2019/2020 nur noch 51 884. Auch um den Nachwuchs ist es schlecht bestellt: 8 115 men and women in black befanden sich vor sieben Jahren in der Ausbildung. Vor zwei Jahren waren es nur noch 3 239.

Thaya Vester lehrt an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und ist Mitglied der DFB-Projektgruppe »Gegen Gewalt gegen Schieds­richter*innen«. Sie forscht am Institut für Kriminologie über Gewalt im Fußball und deren Auswirkungen. Im Gespräch mit der Jungle World sagt Vester, Gewaltanwendungen gegen Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter kämen eher selten vor, Re­spektlosigkeiten gehörten dagegen so gut wie zum Alltag: »Wenn man sich auf einen Fußballplatz begibt, muss man nicht damit rechnen, geschlagen zu werden. Aber man muss damit rechnen, angepöbelt zu werden.«

Fans und Mannschaften würden Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter spüren lassen, dass sie nicht willkommen seien, man sähe sie schlicht nicht als die Person an, die das Spiel erst ermögliche, so Vester. Auch wenn sich gegnerische Mannschaften nicht schätzten, würden sie sich immer wieder gegen den Schieds­richter beziehungsweise die Schiedsrichterin zusammenschließen. »Es ist ein Problem, es färbt ab und verstärkt sich. Es kommt zu einer Negativspirale.« Auch in den Medien kämen Schiedsrichter oft nicht gut weg, sagt Vester. Wenn dann noch Berichte über einzelne Fälle von Gewalt bei Amateurspielen die Runde machten, bliebe das nicht ohne Auswirkungen.

Doch Gewalt und Respektlosigkeit sind für Vester nur zwei von vielen Gründen, warum die Zahl der Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter rückläufig ist: »Menschen engagieren sich heute weniger und wenn, nur über kürzere Zeiträume. Passt einem etwas nicht, lässt man es schnell wieder sein.« Befragungen hätten ergeben, dass für frühere Schiedsrichtergenerationen ihr Hobby eine Lebensaufgabe gewesen sei. »Da galt der Satz: ›Einmal Schiri, immer Schiri.‹ Man hat sich vielleicht wegen der Familie oder der Arbeit mal ein wenig zurückgezogen, ist aber immer wiedergekommen«, so Vester. Heute sei es dagegen wesentlich schwieriger, »neue Schiedsrichter zu finden und sie zu halten«.

Dabei wirbt der DFB sehr offensiv um neue Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter. Die Hürden sind nicht hoch: Je nach Verband müssen die Bewerber mindestens zwölf bis 14 Jahre alt sein. Die Ausbildung dauert 20 bis 50 Stunden. Dann kommen eine theoretische und eine sportliche Prüfung. Das Regelwerk muss sitzen, außerdem sollten die potentiellen neuen Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter 1 300 Meter laufen können. Die Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter müssen Mitglied in einem Fußballverein sein, der auch ihre Sportkleidung stellen sollte. Bei Eignung können sie wie ein Verein bis in die Bundesliga aufsteigen und Geld gibt es auch: Fünf Euro werden für Schülerspiele gezahlt, 300 Euro in der Regionalliga, 1 000 Euro in der Dritten Liga, 2 500 Euro in der Zweiten Liga und 5 000 Euro pro Spiel in der Bundes­liga. Mit der Schiedsrichter-Zeitung gibt der DFB auch ein »amtliches ­Organ« für die pfeifende Zunft heraus. In der aktuellen Ausgabe geht es neben Erläuterungen des Regelwerks um das Outing des brasilianischen Schiedsrichters Igor Benevenuto sowie um Deniz Aytekin, der zum zweiten Mal zu Deutschlands Schiedsrichter des Jahres gekürt wurde.

Vester hat im Auftrag des DFB alle gewaltbedingten Spielabbrüche der Spielzeiten 2018/2019 und 2019/2020 untersucht. 2018/2019 fanden 1 497 385 Spiele statt, 719 davon wurden von den Schiedsrichtern aufgrund von Gewalttätigkeiten abgebrochen. Wegen der Covid-19-Pandemie konnten 2019/2020 nur 852 591 Begegnungen ausgetragen werden, davon wurden 266 Spiele gewaltbedingt abgebrochen. Weil zwölf Abbrüche sich als Fehlangaben herausstellten, galt es schließlich, insgesamt 973 Spielabbrüche zu analysieren. In Relation zu den 2 349 976 Spielen, teilt der DFB in einer Presse­mitteilung mit, bedeute dies eine Abbruchquote von 0,041 Prozent.

Nach den vorliegenden Zahlen wurde im untersuchten Zeitraum im Schnitt eines von 2 415 Spielen abgebrochen. Es habe in den schlimmsten Fällen übelste Beleidigungen, rassistische und misogyne Diskriminierungen und sogar Morddrohungen gegeben. Dafür, dass Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter heutzutage häufiger Opfer von Gewalt werden, sieht die Kriminologin Vester keine Belege. Es gebe schlicht keine langfristigen Studien. »Als ich angefangen habe, über Fußball zu forschen, habe ich beim Württembergischen Fußballverband ins Archiv geschaut. Auch in den achtziger Jahren ging es heiß her.«

Mannschaften aus den Balkanstaaten hätten regelrechte Stellvertreterkriege geführt: »Da kamen zu Kreisligaspielen 500 Leute. Es wurde aber nicht so viel darüber berichtet und man war auch nicht so sensibel. Gewalt wurde mehr geduldet«, sagt Vester.

Die Austragungen von Spielen im Amateurbereich seien durch den Mangel an Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern zwar nicht unmittelbar bedroht, aber die Qualität nehme ab. »Was soll der Verband machen, wenn er keine Schiris hat? Dann schickt er die, die er hat, zu den höherklassigen Spielen. Die Schiris müssen von den Vereinen kommen, wenn die keine haben, kann der Verband nichts machen«, so Vester. Und wenn keine ausgebildeten Schiris zur Verfügung stünden, würden die Vereine auf Freiwillige zurückgreifen.

Und das sei ein Problem: »Es wird auf dem Platz nicht besser, wenn jemand eingesetzt wird, der keine Ahnung hat«, sagt Vester. So etwas sei ein Nährboden für Konflikte. »Ich habe von einem Schiri gelesen, der nicht einmal Gelbe und Rote Karten dabei hatte.« Der Respekt sei geringer, wenn man weiß, »der hat das gar nicht gelernt«.