Dienstag, 11.09.2018 / 11:03 Uhr

Islamkritik und Westen

Von
Thomas von der Osten-Sacken

GZ

 

Was eigentlich unterscheidet emanzipatorische Kritik an Islamismus und auch Islam von ressentimentgeladener, regressiver? Dies ist wohl eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit und heute, am Jahrestag der Angriffe von 9/11 und nach Lektüre von Samuel Salzborns großartigem Essay, möchte ich kurz auf einen ganz zentralen Unterschied hinweisen.

Kaum stürzten damals die Türme in New York ein, verbreiteten sich schon die ersten Verschwörungstheorien. Entweder so hieß es, war es ein „inside job“ oder aber irgendwie handelte Al Qaida im Auftrag, schließlich sei Saudi Arabien ja ein enger Verbündeter der USA und auch in Afghanistan habe Amerika Jihadisten gegen die Sowjetunion unterstützt. Ähnliches hört man seitdem immer wieder, vor allem befeuert durch russische und iranische Propaganda. In Syrien seien jihadistische Milizen und selbst der Islamische Staat eigentlich Kreaturen der USA und Israel, um die wirklichen Kräfte des antiimperialistischen Widerstandes in Damaskus, Teheran und auch Moskau zu schwächen oder gar zu stürzen.

Diesen Islamkritikern geht es eben nicht um eine Verwestlichung der Welt, der Durchsetzung von individueller Selbstbestimmung, Freiheit und dem Glücksversprechen der amerikanischen Revolution bis in den letzten Winkel, das abgelegendste Dorf und den furchtbarsten Slum dieses Planeten.

Und dann wäre da noch diese anti-Soros Kampagne: Der jüdische Milliardär, der sein Vermögen an den Finanzmärkten gemacht hat und nun mit Hilfe einer Stiftung, die sich ihrem eigenen Verständnis nach weltweit für Menschenrechte und Demokratie einsetzt, an einer „Umvolkung“ arbeitet. Dafür möchte er Millionen muslimische Flüchtlinge nach Europa bringen.

Hinter all diesen Phantasien steckt eine nur allzu bekannte Vorstellung: Es seien sinistere Kräfte in den USA, Israel und dem vermeintlichen Weltjudentum, denen es um die Zerstörung der bestehenden Ordnung voranzutreiben. Ihre Waffe sind dabei auch Islamisten und/oder muslimische Flüchtlinge.

So gerät der Kampf gegen Islamisierung bzw. Islam zu einem gegen den Westen. Bestenfalls verteidigen seine Protagonisten das Abendland oder ein Europa der Völker. Damit teilen sie, ob gewollt oder nicht, sogar die eigentliche Feindbestimmung von Islamisten aller Couleur: Eben den Westen und die Ideen für die dieser Begriff steht.

Diesen Islamkritikern geht es eben nicht um eine Verwestlichung der Welt, der Durchsetzung von individueller Selbstbestimmung, Freiheit und dem Glücksversprechen der amerikanischen Revolution bis in den letzten Winkel, das abgelegendste Dorf und den furchtbarsten Slum dieses Planeten, sondern um eine vermeintliche Vielfalt von Völkern, Kulturen und Religionen. (Eine Vorstellung, die auch im Weltbild einer Linken dominiert, die in Religionen und Kulturen irgendwie eine bereicherung sieht und deshalb Kritik an Islam gerne pauschal als Rassismus ablehnt.)

Und damit wäre ein zentrales Unterscheidungsmerkmal formuliert: Es gibt einerseits weltweit antiwestliche Islamkritik und dann eine, die sich unverbrüchlich den Ideen des Westens verpflichtet fühlt. Die einfache Frage lautet deshalb: Which side are you on?