Blogeinträge von Endi Endemann

Sonntag, 15.07.2018 / 11:21 Uhr

It´s all over now, baby blue

Von
Endi Endemann

Tag 11: England – Panama 6:1

Ich verbringe den Sonntag damit, mit X und Y nach bezahlbaren Flügen zurück nach Deutschland zu suchen. Die Herren müssen schließlich am Montag wieder arbeiten. Daran hat die Bundespolizei bei der Datenübermittlung nach Russland natürlich wieder nicht gedacht. Aber wer kann schon wissen, dass solche Fußballchaoten Arbeit haben. Parallel dazu verhandeln meine Kolleginnen und Kollegen mit den russischen Sicherheitsbehörden. Langwierig. X und Y finden Flüge und beschließen, es zu probieren, einfach auszureisen. Hm. Könnte auch schief gehen.

Schon am gestrigen Abend hatte ich beschlossen, auch zum Iran-Spiel nach Saransk zu fahren und mir ein Zugticket gekauft. 16 Stunden in der 3. Klasse. Das wird ein Spaß. Wir fahren zum Bahnhof, um auch Maryam ein Ticket zu kaufen. Online ist nichts zu finden und Sara hat schon einen Flug. Maryam findet ein Ticket, fährt nach mir los und ist 5 Stunden vor mir da.

Unterwegs der erlösende Anruf: X und Y dürfen sich verpissen, ohne eingesperrt zu werden. Yay! Gute Reise!

Um 21 Uhr besteige ich den Zug, Ankunft um 13 Uhr am nächsten Tag. Es klärt sich auch auf, warum dieser Zug 15 anstatt 10-12, wie die meisten anderen für die knapp 650 km braucht. Nein, er fährt nicht rückwärts. Der Zug fährt über Pensa, eine Großstadt ein paar hundert Kilometer südlich von Saransk, was einen Umweg von über 300 km bedeutet. Macht Sinn.


Tag 12: Iran - Portugal 1:1

Ich wache gegen 9 auf und habe fast 8 Stunden gepennt. Die Betten sind ein bisschen zu kurz für mich, aber sonst völlig ok. Ich unterhalte mich mit meinem Abteilnachbarn, der auch zum Spiel fährt. Er kommt aus Pakistan, ist riesiger Fan von Christiano Ronaldo und extra angereist um sein großes Idol einmal spielen zu sehen. Hätte Ronaldo mal wissen sollen, dann hätte er ein paar Stunden später vielleicht nicht seine schlechteste Saisonleistung abgeliefert.

 

WM-Blog-zug

Gegen 11 erreichen wir Rusajewka, mit gerade mal 40.000 Einwohnern (nach Saransk), die zweitgrößte Stadt der Republik Mordwinien. Nach Saransk sind es noch ca. 30 Km. Die Schaffnerin erzählt uns, dass der Zug jetzt erst einmal 90 Minuten planmäßigen Aufenthalt habe. Say what?
Macht überhaupt keinen Sinn! Die spinnen, die Mordwinen.

Nach zwei Wochen Umherfahrerei in Russland haben in unserem Team inzwischen einige Spielorte Spitznamen. Sotschi z.b. ist „Seaside Guantanamo“. Saransk ist dann „Mordwinian Disneyland“.

Mit zwei WM-Touristen aus Indien mache ich einen Stadtbummel. Zu sehen gibt es: eine kleine Kapelle, eine große Lokomotive, die vor der Kapelle steht, eine Lenin Statue, die hinter der Kapelle steht.

Nach zehn Minuten sind wir durch.

In Saransk angekommen, holt mich der alte Fußballgenosse Christian ab, der auch gerade auf WM-Tour ist. Christian sitzt inzwischen als Fanvertreter im Aufsichtsrat von Mainz 05. Da Fans zu dumm sind, einen Verein zu führen und ein zu großer Einfluss von Fans auf den Fußball generell eine Schreckensvision ist, hatte neben anderen der Kicker vor einiger Zeit eine Kampagne gegen ihn gefahren. Christian sollte sich u.a. dazu äussern, dass er bei einem Spiel „in der Nähe“ von Fans stand, die Pyrotechnik gezündet haben. Guter Mann.

Nach zwei Wochen Umherfahrerei in Russland haben in unserem Team inzwischen einige Spielorte Spitznamen. Sotschi z.b. ist „Seaside Guantanamo“. Saransk ist dann „Mordwinian Disneyland“. Die Stadt ist unfassbar sauber und die Architektur wirr. Auf dem Hauptplatz steht ein UFO. Hinter der Kathedrale ist ein kleiner Park, mit Seen und Riesenrad, auf einer Bühne tanzen Einheimische in traditioneller Tracht. Das Publikum ist spärlich. Den Neurussen und Steuerflüchtling Gerard Depardieu, der hier angeblich lebt, treffen wir nicht. Auch Saransker sehen ihn wohl eher selten.

Schon vor der WM gab es in Russland viele kritische Stimmen, die nicht verstanden haben, warum ausgerechnet Saransk mit seinen gerade mal 300.000 Einwohner WM-Spielort wurde. Die Stadt ist klein, hat kaum Infrastruktur und die neugebaute Arena, die nach Rückbau immerhin noch über 30.000 Plätze verfügen wird, ist viel zu groß für den örtlichen Zweitligisten Mordowija Saransk. Mehr zum Fussball in Saransk, wie auch über alle anderen Spielorte kann man in der vorzüglichen Broschüre „Doppelpass mit Russland“ der DFB-Kulturstiftung nachlesen, die zum freien Download erhältlich ist.

Da ich noch keine Rückfahrt habe und online keinerlei Tickets erhältlich sind, gehe ich nochmal zum Bahnhof, vielleicht habe ich ja Glück. Saransk hat viel zu wenig Hotelbetten, am Tag des Spieles ist das günstigste Zimmer bei 800 Euro. Daher bin ich nicht der einzige, der versucht, eine Rückfahrt in der Nacht zu ergattern. Neben mir verzweifelt ein Argentinier. Nach der Auskunft dass es keine Tickets mehr gibt, möchte er den Vorgesetzten sprechen. Diesem erklärt er dann, dass er jetzt gefälligst Putin anzurufen habe, dem er dann persönlich die Meinung geigen wolle. Der Vorgesetzte muss sein Lachen sehr unterdrücken.

In ihrem Hotel treffen wir Thomas von Aniko und Ori aus Jerusalem, der den tollen Blog Babagol betreibt. Wer an Fußball im Nahen Osten interessiert ist, sollte da mal rein sehen. Es sind wieder Zigtausende Iraner in der Stadt. Wir kommen kurz mit iranischen Fans am Nebentisch ins Gespräch. „Woher kommt ihr?“. „Israel“, antwortet Ori. „Und ich drücke heute alle Daumen, dass der Iran weiterkommt.“ Handshakes, Weltfrieden.

Einige der wenigen portugiesischen Fans trinken im Biergarten des Hotels um ihr Leben. Wir sind eher skeptisch, dass sie noch das Stadion von innen sehen werden. Der Nüchternste von ihnen kommt zu uns an den Tisch. „Ihr lacht, aber ich musste mit diesen Idioten mit dem Auto von Portugal hierher fahren.“

Die FIFA hat Wort gehalten und es tatsächlich geschafft, die iranischen Protestplakate aus den Fängen der tatarischen Polizei zu entreißen und nach Saransk zu transportieren. Wir bekommen sie im Stadion zurück, zum zweiten Mal kann Maryam sie zeigen. Wer den Kampf der iranischen Frauen um ihr Recht im Iran, Spiele zu sehen, unterstützen möchte, sollte diese Petition unterschreiben. Durch die breite Berichterstattung weltweiter Medien über Sara und Maryam, haben inzwischen schon 170000 Menschen unterschrieben.

Iran-spiel

Nach dem Spiel die verzweifelte Suche nach Essen und Bier. Saransk mag laut Umfragen eine der lebenswertesten Städte Russlands sein, für uns sieht es aber eher nach Servicewüste aus. Alles hat geschlossen, Mordwinen scheinen die schlechtesten Geschäftsleute der Welt zu sein. Nach vielen Kilometern finden wir eine Burgerbude, die geöffnet hat, tränenreicher Abschied von Maryam und Sara. Wir versprechen zum Teheran Derby zu kommen, sobald sie auch ins Stadion dürfen.

Mein Zug fährt um 3 Uhr nachts, am Bahnhof herrscht völliges Chaos. Zigtausende fahren noch in der Nacht nach Moskau zurück.


Tag 13: Nigeria – Argentinien 1:2

Falle im Zugbett sofort in Ohnmacht und wache erst kurz vor Moskau wieder auf. Kurz Duschen, dann ins Büro.Abends treffe ich mich mit Christian und Ronan beim Georgier. Wo sonst? Nach dem Essen gehen wir zum ersten Mal spätabends auf die Nikolskaya. Die Einkaufstrasse direkt neben dem Roten Platz hat sich in den letzten Wochen zur inoffiziellen Fanmeile entwickelt. Das offizielle FIFA-Fanfest an der Universität ist vielen Fans dann eben doch nicht zentral genug, zudem gibt es auch dort nur überteuerte Budweiser Plörre.

In der Sowjetunion gab bis in die 70er Jahre keine Oberränge, da alle Zuschauer möglichst gleiche Plätze haben sollten. 

Selbst um Mitternacht ist die Hölle los. Man kann buchstäblich kaum laufen. Zehntausende Fans jeglicher Couleur trinken und tanzen auf der Straße. Bier trinken auf der Straße ist nicht wirklich legal und der Alkoholverkauf nach 23 Uhr verboten. Eines der vielen Verbote, die während der WM offensichtlich komplett außer Kraft getreten sind. Viele Moskauer machen das Geschäft ihres Lebens, indem sie warmes Dosenbier aus ihren Rücksäcken verkaufen. Darunter auch viele junge Hools. Überall stehen Polizeikräfte und machen: Nichts. Genaugenommen ist diese „Fanmeile“ für die Polizei nicht unwillkommen, so sind wenigstens alle Massen an einem Ort und verteilen sich nicht über verschiedene Viertel der Stadt. Nur der Rote Platz ist durch Sicherheitsscanner gesichert, die aber auch nicht in Betrieb scheinen. So sieht es hier wirklich jeden Abend aus, das Chaos wird sich nach dem Sieg der Sbornaja am Sonntag gegen Spanien noch einmal potenzieren.  


Tag 14: Serbien – Brasilien 0:2

Heute schaffe ich es endlich mal ins Shchusev Architekturmuseum zu gehen. Während der WM gibt es dort eine Sonderausstellung zu sowjetischer Stadionarchitektur. Kann ich nur jedem empfehlen der noch in Moskau ist (läuft bis zum 26. August). Die Ausstellung ist spannend, vor allem die politischen Implikationen der Stadionprojekte. So gab es in der Sowjetunion bis in die 70er Jahre keine Oberränge, da alle Zuschauer möglichst gleiche Plätze haben sollten. Die Stimme aus dem Audioguide verspricht für das Ende der Ausstellung eine „große Überraschung“. Wir suchen noch heute.

Teambesprechung in der Kneipe. Wir wollen nebenbei das deutsche Ausscheiden gegen Südkorea sehen. Die Kneipe ist: Ein deutscher Biergarten. Danke, Chef. Das war doch Absicht. Das Publikum  besteht allerdings ausschließlich aus Russen und vereinzelten Engländern. Nach dem zweiten Tor von Südkorea sind alle am Jubeln. Ein sehr schönes Spiel.

Am Abend Stadion. Wieder mal Spartak. Letztes Vorrundenspiel von Brasilien. Der Schwarzmarkt boomt, es werden absurde Preise aufgerufen, unter 600 Dollar geht nichts. Das Spiel ist lang und weilig, außer der Rolleinlage von Neymar wird nichts in Erinnerung bleiben. Auf dem Weg nach Hause merke ich, dass ich dringend eine Pause brauche. Die zuständige Redakteurin hat ein Einsehen und gewährt mir Fronturlaub. Morgen früh geht es „nach Berlin!“. Yay.

 

Tag 15: England – Belgien 0:1

Mit Bier, Wodka und Balkongesprächen mit Di und Joe halte ich mich wach und fahre um 4 mit dem Taxi zum Flughafen. Der Fahrer kommt aus Pakistan und hat hervorragende Reflexe, was sich bemerkbar macht, als ein uralter Lada mit Tempo 50 von der Spur ganz rechts auf die vierte (unsere) zieht. Wir fahren 140. Jetzt bin ich SEHR wach und will einfach nur nach Hause.

Ich komme am Flughafen an. Später merke ich, dass ich den Heimflug der deutschen Mannschaft von hier aus nur um 5 Stunden verpasst habe. Das hätte mir mal jemand vorher sagen sollen.

Die Englischen Behörden haben übrigens keine Daten ihrer Staatsbürger an die russischen Kollegen übermittelt. Nicht sehr überraschend. Außer Deutschland scheinen dies nur die Australier gemacht zu haben, von denen einige Fans ihre Fan-ID ebenfalls entzogen bekamen.

Da kurzfristig Flug gebucht, muss ich Gepäck nachzahlen, darf das aber nicht am Schalter erledigen. Ich soll irgendwo anders hingehen und dann wieder kommen. Auf meine Frage, wo ich bezahlen soll, deutet die Angestellte in eine unbestimmte Richtung und schreit irgendetwas auf Russisch, was ich als „Da drüben!“ deute. Da drüben ist: nichts. Zurück zum Schalter, ich muss mich wieder hinten anstellen. „Wo?“, „Da drüben!“, „Wo genau?“, „Da drüben!“, „Da ist nichts?“, „Da drüben!“. Alles ein bisschen wie beim Passierschein A38. Die Kollegin am Nachbarschalter kann sich den stand-off nicht mehr ansehen und führt mich an einen weiteren Schalter, auf dem ein kleiner Zettel mit dem Wort „Kassa“ steht und wo ich meine 12 Euro bezahlen darf. Danke.

Zwei Stunden später: Zwischenlandung in Chisinau, Moldawien. Bis kurz vor Abflug war ich wegen des Flughafencodes KIV davon ausgegangen, dass ich über Kiev fliege. Aber 1. ist der Code von Kiev natürlich KBP und 2. gibts es wegen des Krieges gar keine Direktflüge von Moskau nach Kiev. Jetzt also Moldawien. Schön, war ich auch noch nie. Da der Weiterflug nach Berlin mit einer anderen Fluggesellschaft ist, muss ich einreisen, Gepäck einsammeln und nochmal bezahlen. Service definitiv besser als in Moskau. Die Angestellte am Schalter ist äußerst zuvorkommend:

„Sie müssen bezahlen für das Gepäck“
„Ich weiß.“
„Ein ausgedrucktes Ticket haben sie auch nicht?“ (lacht)
„Nein“
„Das kostet auch“ (lacht)
„Ok, darauf kommt´s auch nicht mehr an“
„100 Euro bitte“
„….“
„Müssen sie aber an der Kasse zahlen“
„….“

Immerhin gibt sie mir genaue Instruktionen und Zeit eine zu rauchen habe ich auch noch. Am Ende mit ca. 20 Minuten, die kürzeste Zeit, die ich jemals in einem Land verbracht habe. Es war wunderschön.

Ankunft in Berlin. Alle klatschen. Als Vielflieger dachte ich bisher das wäre eine typisch deutsche Eigenart. Aber auch Moldawier klatschen. Russen übrigens auch.

Knappe Stunde warten an der Passkontrolle, inzwischen bin ich 30 Stunden wach. Zuhause angekommen, fällt mir ein, dass ich noch ein Telefoninterview mit dem Kicker habe. Der Redakteur ist fit und stellt gute Fragen, auch das gibt´s bei dem Blatt. Ich bin zufrieden.

Habe Zeit  für eine Dusche, bevor ich mit meiner Mum verabredet bin, die gerade in der Stadt ist. Biergarten mit ihr und M. Schön war´s. Hallo Mama, auf bald!


Tag 16/17/18/19

Sofa.

 

Tag 20: Kolumbien – England 3:4 i.E.

Hallo Moskau. Hatte Dich schon vermisst.

Den Nachmittag verbringe ich mit den Kolleginnen und Kollegen der Englischen Fanbotschaft auf dem Moskovskaya Platz. Sie haben nicht allzu viel zu tun. Nach wie vor unglaublich wenig England Fans am Start, am Abend werden etwa 1000 von ihnen im Stadion sein. Und 30.000 Kolumbianer. Wie immer bei Großturnieren, bricht in den Playoff Runden die große Zeit für Schwarzhändler an. Die Kontingente für „Follow your Team“ (garantierte Karten, solange die eigene Mannschaft im Turnier ist) sind relativ klein, ansonsten muss man auf Verdacht die Achtelfinale kaufen vor Turnierbeginn. Zwar bekommen die Verbände jeweils noch mal ein gewisses Kontingent, doch nicht jeder Verband hat Regelungen für eine faire Vergabe dieser. Einer der korruptesten Europäischen Verbände scheint etwa sein Viertelfinalkontingent direkt an Reiseanbieter weiterzugeben, so dass viele Fans, die schon bei den Gruppenspielen da waren leer ausgehen.

Die Englischen Behörden haben übrigens keine Daten ihrer Staatsbürger an die russischen Kollegen übermittelt. Nicht sehr überraschend. Außer Deutschland scheinen dies nur die Australier gemacht zu haben, von denen einige Fans ihre Fan-ID ebenfalls entzogen bekamen. Unter anderem ein Rollstuhlfahrer. Inzwischen gibt es auch eine Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der FDP-Fraktion im Bundestag, mit etwas umfangreicheren Antworten, die aber natürlich weitere Fragen aufwirft. Hier ist jetzt schon von 37 übermittelten Datensätzen die Rede. Fantastisch in diesem Zusammenhang die herrlich naive Antwort auf Frage 10. Die russischen Behörden lassen sich von einem "Belehrungstext” über Datenschutz sicher sehr beeindrucken.

Da wir keine Karten haben, sehen wir das Spiel im Copa90 Clubhouse. Volkan Ağır, ein befreundeter Journalist aus der Türkei ist auch da. Schön. Er berichtet über die WM unter anderem für eines der letzten in der Türkei verbliebenen Oppositionsmedien, die Gazete Duvar.

England gewinnt ein Elfmeterschießen. Wow. Joe und Di haben herrliche Laune als sie nachts nach Hause kommen.

 

Tag 21: spielfrei

Büro, Büro, Büro.

Wenn man so wie ich schon relativ lange in Welt des Fußballs unterwegs ist, bleibt es nicht aus, dass man so einige Leute kennt, die auch bei der WM unterwegs sind, ein nicht unerheblicher Teil darunter sind Journalisten. Wie es deren Job nun mal mit sich bringt, sind die natürlich immer am Ort des Geschehens und so fahren wir in manchen Fällen dauernd aneinander vorbei. Heute schaffe ich es allerdings endlich mal den Kollegen Andreas Bock von den 11 Freunden zu treffen, der Fabian Scheler von der ZEIT im Schlepptau hat. Die Berichterstattung beider unbedingt mal auschecken, Andreas schreibt auch für den Tagesspiegel, der es im Gegensatz zu den 11 Freunden auch schafft, seine Autoren ordentlich zu verlinken.

Wir gehen noch in die ein oder andere Kneipe, die Straßen sind merklich leerer geworden. Es regnet. Von der sommerlichen, anarchistischen Partystimmung der Vorwoche ist nur noch wenig zu spüren. Die meisten Fans der ausgeschiedenen Teams sind abgereist, alle Viertelfinalspiele finden außerhalb Moskaus statt. Back to reality. Fade to grey.

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Tag 22: spielfrei

Tagsüber Kater und langer Bürotag. Schlechte Mischung.

Morgen will ich eigentlich nach Nischni Nowgorod zum Frankreich-Spiel. Doch es gibt keinerlei Zugtickets. Hier macht sich neben der Ticketvergabe ein weiteres Problem der Play-off Runden bemerkbar. Viele Fans der Teams, die sich potentiell für ein Viertelfinale qualifizieren konnten, haben im Vorfeld bereits halbe Zugkontingente aufgekauft. Doch sie wissen entweder nicht, dass man bei der russischen Staatsbahn Tickets online zurückgeben kann, oder es ist ihnen aus Enttäuschung des Ausscheidens schlicht egal. Die Folge sind halbleere Züge, ohne das Tickets erhältlich sind. Ich drücke F5, bis die Finger wund werden.

Nicht weit vom FARE Diversity House finden wir eine nette Craft-Beer Bar und treffen zufällig Pavel von FARE und Oleksandr, der für das große russische Sportportal sports.ru arbeitet. Beide stammen aus der Ukraine und haben so noch einmal einen ganz anderen Blick auf die WM. Er findet Union gut. Hilfe. Es ist ein netter Abend und die Biere der Micro-Brewery aus St.Petersburg, AFBrew, munden gar sehr.

F5, F5, F5. Keine Tickets. Um 2 gebe ich auf.

Tag 23: Uruguay – Frankreich 0:2

Unverhofft freier Tag. Auch gut. Die Kollegen sind schon auf dem Weg nach Sotschi, für das Spiel der russischen Mannschaft.

Daher habe ich Zeit noch ein paar Punkte abzulaufen, die ich die ganze Zeit schon ansehen wollte. Ich fahre zum Eduard Strelzov Stadion, der Heimat von Torpedo Moskau. Das Stadion kommt auf Anhieb in die Top 10 der schönsten Stadien in denen ich je war. Vier freistehende, verrostete Flutlichtmasten, das Stadion ist an einem Hang mit wunderbarer Sicht auf die Stadt gelegen. Pure Ostalgie. Auf dem Weg zum Stadion gibt es ein paar Ausstellungstafeln zur Geschichte des Vereins. Das komplette Umfeld ist von einem Greenscreen umgeben, überall laufen KomparsInnen in Retrotrikots von Torpedo und Dinamo herum. Offensichtlich wurde hier in den 50/60er Jahren ein Film über die großen Zeiten Torpedos gedreht. Ich kann es kaum erwarten den zu sehen.

Kurz das Frankreich-Spiel gesehen, nicht mehr traurig gewesen nicht dabei gewesen zu sein. Ich gehe ins Biblio-Globus, den riesigen, völlig unüberschaubaren Buchladen in der Stadtmitte. Zwei Highlights: Die Englischsprachige Politik Abteilung besteht zu 90 % aus Büchern von oder über Donald Trump. Und es gibt Fußball Trikots der größten Russischen Autoren. Mit entsprechender Sponsorenaufschrift: „Read Dostoyewsky“, „Read Puschkin“, „Read Tolstoi“. Sauber.

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Danach eine feine Stunde im tollen Museum der sowjetischen Arkade Maschinen verbracht, das 2007 von Moskauer Studentinnen und Studenten gegründet wurde. Für ca. 7 Euro Eintritt bekommt man 15 sowjetische Kopeken Münzen und kann sich an den rund 50 Automaten austoben. Die Maschinen stammen zum Großteil aus den frühen 80er Jahren, die Themen sind überschaubar. Autorennen, Weltraum, Schießen, Sport. Und U-Boote-Simulatoren. Морской бой scheint das russische "Space Invaders" gewesen zu sein, von der Maschine stehen gleich mehrere Exemplare im Museum. Der Spielspaß hält sich in Grenzen, vielleicht bin ich auch nur zu dumm, die 15 Münzen habe ich schnell verballert.

Heute mal früh nach Hause, packen, aufräumen, schlafen.

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Tag 24: Russland – Kroaten 3:4 i.E.

Der Rückflug verläuft unspektakulär. Ich verpasse das England-Spiel, verpasse aber anscheinend wenig.

In einer Kreuzberger Kneipe verfolgen wir das Russland-Spiel. Alle, wirklich alle außer mir sind für Kroatien. Elfmeterschießen, Kroatien gewinnt. Der Traum ist aus, mein Weltmeistertipp lebt.

 

Sonntag, 01.07.2018 / 09:16 Uhr

It´s a WM-World - Woche drei

Von
Endi Endemann

Tag 7: Uruguay – Saudi-Arabien 1:0

Halb verschenkter Tag. Wir fahren weiter nach Rostow am Don, dem „Tor zum Kaukasus“. Auf dem Weg zum Spiel fahren wir gerade einmal 30 Kilometer am Donbass vorbei. Eine WM direkt neben einem Kriegsgebiet. Auf einem Güterzug, den wir auf der Strecke überholen werden Panzer transportiert. Hat natürlich sicher nichts mit dem Krieg zu tun.

Bei der Einfahrt nach Rostow passieren wir das wunderschöne alte Stadion „Olimp-2“ des FK Rostow, in welchem der Verein bis Anfang diesen Jahres seine Heimspiele austrug. Die ganze Autobesatzung schreit: „Anhalten!“. Ich biege rechts auf einen Parkplatz ab. Auf dem linken Auge sehe ich das Einfahrtverbotsschild, auf dem rechten ein Polizeiauto. Unfähig die Implikationen beider Informationen zusammen genommen zu verarbeiten fahre ich weiter. Und werde natürlich raus gewunken. Im klaren Bewusstsein unseres Fehlers verlegen wir uns auf die Taktik, die wir am besten beherrschen: Dumm stellen. Auf deutsch/französisch/englisch radebrechen wir freundlichst mit dem Polizisten. Russisch?

Nein, beherrschen wir leider nicht. Nach 5 Minuten sieht er ein, dass es den Stress nicht wert ist, wegen eines 20 Euro Strafzettel einen Übersetzer einzuschalten, zumal er das Geld dann nicht in die eigene Tasche stecken kann. Ha!

Schnell ein paar Fotos vom Stadion, dann ab in die City. Rostow ist eine nette Stadt, mit schicker Kathedrale, netten Häuschen und einem feinen Billigmarkt. Rostow ist allerdings auch die erste Stadt, die wir besuchen, in der man merkt, dass doch nicht alles fertig geworden ist. Zum Beispiel die Straßenbahn. Hieran wird am 2. Spieltag noch fleißig gewerkelt.

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Die Rostow-Arena ist malerisch am Don gelegen, reißt aber architektonisch niemanden vom Hocker.

Grau in grau. Sie ist eines der Beispiele, warum die WM bei vielen Russen stark umstritten ist. Die Baukosten gingen stetig in die Höhe, am Ende sollen es ca. 250 Millionen Euro gewesen sein. Zwar ist der FK Rostow außerhalb Moskaus einer der am besten supportesten Vereine, doch ist sehr fraglich, ob er auf Dauer die Arena wird füllen können, auch wenn die Kapazität nach der WM von 45.000 auf 37.000 verringert wird.

Das Spiel sehen wir nicht. Akkreditierung verpeilt. Dumm. I blame the Jungle World. Aufgrund des  Fluges hätten wir aber ohnehin nur eine Halbzeit sehen können, das Spiel ist zum Glück erbärmlich.

Kurz nach Mitternacht landen wir wieder in Moskau. Am Flughafen: Absolutes Chaos. 10.000 Fans, die von allen möglichen Spielen zurückkommen, der letzte Flughafenzug gerade weg und die Straße direkt vor dem Flughafen gesperrt. Alle versuchen verzweifelt, einen Uber oder Yandex zu bekommen: Nichts.

Die Taxifahrer scheinen sich abgesprochen zu haben, auf App-Anfragen nicht zu reagieren, so können sie unter den Gestrandeten Fantasiepreise aufrufen. Um 2 Uhr endlich zuhause, ab ins Bett.

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Tag 8: Argentinien – Kroatien 0:3

Bürotag. Wir schreiben die ersten Zwischenberichte zu den einzelnen Spielorten für unsere KollegInnen. Pressearbeit. Keine besonderen Vorkommnisse. Abends sehen wir im Fernsehen den kommenden Weltmeister Kroatien.

Tag 9: Serbien – Schweiz 1:2

Bürotag 2. Mehr Presse, mehr Briefings. Di von den 3 Pride Lions stößt am Abend zu uns. Sie hat inzwischen Verstärkung von ihrem Kollegen Joe bekommen, der im Vorstand der Gay Gooners (Arsenal) sitzt, einem der größten LGBT Fanclubs in England. Ab morgen werden die beiden bei uns einziehen.

Wir gehen in unserer georgisches Lieblingsrestaurant, Шпинат (Spinat). Das Cafe versteckt sich im Inneren des Bildungsministeriums. Verwinkelte Gänge führen hinein, die Anwesenden sind alle FreundInnen des Hauses. Keine nicht in Moskau lebende Person wird es jemals finden. Ausser den LeserInnen der Jungle World.

Das Essen ist fantastisch, mehr als reichhaltig und billig. Es gibt Khachapuri, Pkhali, Khinkali, Chkmeruli und Unmengen an Schaschlik. Getränke darf man selbst mitbringen. Zu uns gesellen sich noch zwei Freunde aus Frankreich. Sie sind gerade aus China angekommen. Per Anhalter.

WM-Blog-Essen

Das Restaurant hat extra zur WM einen riesigen Fernseher gekauft. Dummerweise scheint die Satellitenschüssel nicht zu funktionieren, daher läuft das Spiel auf einem schlechten Internetstream. Aus den Augenwinkeln feuere ich die Schweiz an, die ich in den roten Trikots vermute. Serbien trifft in der letzten Sekunde durch Shaqiri. Hä? Seit wann spielt der denn für Serbien? Achso, 45 Minuten die falschen angefeuert. Seine Jubelgeste wird in den nächsten Tagen für viel Aufregung auf dem Balkan sorgen. Viele Links zu dem Thema findet man beim Kollegen Dario.

Wir trinken noch so einige Tschatscha, bevor wir nach Hause fahren. Ich schlafe in der Metro ein. Es war die letzte.

Tag 10: Belgien – Tunesien 5:2

Di und Joe ziehen ein. Willkommen. Wir fahren zusammen in die Stadt. Joe ist gefühlt zwei Meter groß, dünn, hat knallrote Haare und trägt ein Shirt mit rosa Flamingos. Die Blicke der Passanten sind unbezahlbar.

Ich gehe zur Veranstaltung „Whose game is it anyway – How Woman are transforming Football Culture in 2018“. Es diskutieren Felicia Pennant vom Season Magazine,  Amy Drucquer von This Fan Girl und die Fotografin Yana Davydova, die bei GirlPower FC in Moskau Fußball spielt. Alles sehr spannend und an dieser Stelle eine gute Gelegenheit auf unsere Wanderausstellung Fan.Tastic Females hinzuweisen, die im September im Millerntor Stadion eröffnet werden wird.

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Wieder Büro. Nachmittags bekomme ich einen Anruf von zwei Allesfahrern eines Bundesligisten. Ich nenne sie mal X und Y. Die beiden, sowie einige weitere Freunde, haben schon vor Ewigkeiten WM-Tickets bestellt, ihre Fan-ID beantragt und zugeschickt bekommen. Einige Tage vor Abflug bekamen die beiden eine Mitteilung, dass ihre Fan-ID gecancelt wurde und somit auch ihr freies Visum. Sie wissen es nicht genau, aber da sie seit Jahren zu Fußballspielen fahren, besteht die Möglichkeit, dass sie in der Datei „Gewalttäter Sport“ stehen. Es ist nicht sonderlich schwierig dort hineinzugeraten, darin stehen mehr als 10000 Personen. In die Liste aufgenommen werden dabei nicht nur verurteilte Straftäter und Personen, gegen die ein Ermittlungsverfahren läuft, sondern in vielen Fällen auch Personen, die im Rahmen eines Spieles in eine Personalienfeststellung gerieten.

Auf eine Anfrage der Grünen MdB Monika Lazar hin, hat das Bundesinnenministerium inzwischen bestätigt, dass die Bundespolizei „nach Einzelfallprüfungen personenbezogene Daten von bisher 30 Personen, die in der sogenannten Datei Gewalttäter Sport erfasst sind, auf Grundlage von §32 Absatz 3 Nr.1 i.V.m. §2 des Gesetzes über die Bundespolizei an Russische Sicherheitsbehörden übermittelt.“ Die Daten von X und Y scheinen dazuzugehören. Monika Lazar spricht laut Netzpolitik von einer rechtswidrigen Datenweitergabe an ein autoritäres Regime und nennt sie einen „Skandal“. Ich bin mir sicher, zu dieser Praxis werden in den nächsten Tagen und Wochen noch einige Fragen gestellt werden.

Da X, Y und ihre Freunde schon alles gebucht hatten, beschließen sie trotzdem zu fliegen. Und werden tatsächlich ins Land gelassen. Im Gegensatz zu einigen anderen, ähnlich gelagerten Fällen, von denen wir nach und nach hören. Sie fahren zum Stadion um sich das Spiel Belgien vs. Tunesien anzusehen. Dort blinkt es am Einlass rot, sie kommen nicht rein und X wird zu allem Überfluss noch seine Fan-ID weggenommen. Das ist sehr schlecht. Denn nun kann er nicht mehr nur kein weiteres Spiel sehen, sondern auch nicht mit seinen Freunden mit dem kostenlosen Zug weiter fahren. Außerdem steht er nun im Land, ohne Visum im Pass. De facto ist er also illegal hier. Meine russischen Kolleginnen und Kollegen setzen alle Hebel in Verfügung, um herauszufinden, wie X wieder das Land verlassen kann, ohne bei der Ausreise festgenommen zu werden.

X und Y sind sehr angenehme Zeitgenossen, wir nehmen sie bei uns auf. Zu uns gesellen sich noch Maryam und Sara, die beiden iranischen Aktivistinnen, die ich schon in St.Petersburg getroffen habe. Sie hatten beim zweiten Spiel des Iran ebenfalls Probleme. Ihre Protestbanner wurden ihnen in Kazan von der örtlichen Polizei am Stadioneingang abgenommen. Trotz Zulassung durch die FIFA. Wir kontaktieren die FIFA, die uns verspricht alles in die Wege zu leiten, um die Banner wieder zu bekommen und diese ihnen bis zum nächsten Spiel des Iran zukommen zu lassen.

Langsam wird es voll in der Wohnung, doch alle verstehen sich prächtig.

 

Montag, 25.06.2018 / 12:44 Uhr

It´s a WM-World - Woche zwei

Von
Endi Endemann

Tag 4: Deutschland – Mexiko 0:1 (haha)

Sonntag Nachmittag. Harter Kater. Nie wieder Wodka. Nie wieder Island. Umso dümmer, als ich mitten in der Nacht einen Flug nach Rostov habe. Glücklicherweise steht in meinem Arbeitsvertrag, dass ich um Deutschlandspiele einen großen Bogen machen darf.

(Nicht ganz wahr, ist eher eine informelle Vereinbarung). Das Spiel sehe ich daher mit einigen alten Freunden, die auch hier sind, unter anderem mit Thomas aus Brasilien, der in Thessaloniki den Aniko FC leitet, ein Fussballprojekt mit Refugees. Später kommt noch Dario dazu, der über Fußball auf dem Balkan forscht. Auf seinem Twitter-Kanal findet sich immer interessantes über Fußball und dessen politischen Implikationen in der Gegend.

Neben uns sitzt ein Fan mit einem Shirt von Torpedo Moskau, dem kleinsten der fünf traditionellen Moskauer Vereine. „Ich bin so ein bisschen in der Hooliganszene involviert“, erzählt er. In Deutschland wäre das ein eher unüblicher Gesprächseinstieg, hier ist das gesellschaftlich nicht sonderlich verpönt. Er ist mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn hier, deswegen er etwas kürzer treten wolle. Er ist begeistert, dass ich aus Berlin komme und es stellt sich heraus, dass er gerade vor ein paar Wochen dort war. Stadturlaub und Technoclubs. Kater Blau ist sein Favorit.

Mit dem Spiel sind alle hochzufrieden.

 

WM-Blog-Torpedo_Moskau

Torpedo Moskau

 

Tag 5: England – Tunesien 2:1

00.30, auf zum Flughafen, 03.00 Abflug. Dummerweise kann ich weder im Flugzeug noch im Auto schlafen. Also wird die 7stündige Autofahrt von Rostov nach Wolgograd die Hölle. Die Kollegen Ronan und Gael sind die russische Fahrweise gewohnt und kutschieren mich sicher. In Wolgograd treffen wir die Kolleginnen und Kollegen der Englischen Fanbotschaft. Sie haben nicht viel zu tun, es sind sehr wenige Engländer in der Stadt, vielleicht 5000 insgesamt, so wenig wie seit Ewigkeiten nicht mehr bei einem internationalen Turnier. Warum das so ist, erklärt unser Kollege Kevin Miles von der Football Supporters Federation dem Fußballmagzin Kicker.

Das Stadion liegt zwischen der Wolga und dem Mamajew-Hügel, dem riesigen Gedenkpark zur Belagerung Stalingrads. Hier treffen wir Di, glühender Fan von Norwich City, die zu den Gründerinnen des LGBT+ Fandachverbandes Pride in Football und des LGBT+ Nationalmannschaftsfanclubs 3 Lions Pride gehört. Sie wird nach Alexander Agapov von der russischen LGBT Sportföderation die zweite sein, die bei dieser WM eine Regenbogenfahne im Stadion zeigt.

Di bekommt viel positiven Zuspruch von England-Fans für ihre Fahne. Nach dem Spiel gesellt sich ein Russischer Fan zu uns. Er sei einmal ums komplette Stadion gelaufen um uns zu finden, erzählt er. Er ist schwul und freut sich, uns zu treffen. Niemals habe er es zu hoffen gewagt, einmal eine Regenbogen Fahne in einem russischen Stadion zu sehen.

 

WM-3Lions

3 Lions Pride in Aktion

 

Nach dem Spiel gehen wir in die schäbigste Sportbar der Stadt, die malerisch hinter einem verlassenen Verwaltungsgebäude unter einer Autobahnbrücke liegt.

Der Besitzer ist Fan von Rotor Wolgograd (ehemals Rotor Stalingrad), dem örtlichen Zweitligisten. Er sei damals schon dabei gewesen, als 1995 Rotor Manchester United aus dem UEFA-Cup kegelte. Die Unart der Welle war auch damals schon in Russland angekommen.

Weder er noch die meisten anderen Gäste scheinen sich sonderlich daran zu stören, als wir irgendwann Fotos mit der Fahne machen. Aber wir sind auch nur verrückte Europäer und keine Russen. Die einzigen kleineren dummen Sprüche kommen vom einem betrunkenen Mann in Englandshirt am Nebentisch, der einen Kosakenhut trägt.
Tschüss Sergey, danke, endlich Schlaf.

 

Tag 6: Russland – Ägypten 3:1

Rückfahrt nach Rostov. Heute muss ich fahren. Nach 500 m werden wir von der Polizei angehalten. Routinekontrolle, kaum zu vermeiden, Polizeikontrollen gibt es alle paar Kilometer. Sobald man tatsächlich nichts gemacht hat, Fahrzeugpapiere hat, die Fan-IDs zückt und lächelt, gibt es keine Probleme.

Die Landschaft ist karg, der Verkehr erträglich. Unterwegs entscheiden wir uns, nicht durchzufahren, sondern zwei Stunden vor Rostov zu übernachten. Zu weit, zu teuer, einen Tag vor dem Spiel Uruguay vs. Saudi Arabien. Wir entscheiden uns für Belaja Kalitwa, mitten im Nirgendwo. Wenn man den Wikipedia Eintrag der Stadt liest, ist es wie mit jedem Ort in der Gegend: Deutsches Zwangsarbeiterlager, Todesmärsche, Vernichtung. Werde ob meiner Herkunft trotzdem kein einziges Mal dumm angesprochen, wie auch schon bei meinem ersten Besuch in Wolgograd, vor einigen Wochen zum Tag des Sieges am 09. Mai. Besonders mein Wohnort, Berlin, wird meist eher mit Belustigung aufgenommen. „Wir haben ja gewonnen“ und „На Берлин!“ heißt es dann.

WM-Blog-Endi_telefon

"Halloooo? Jungle-World-Redaktion?"

 

In der einzige geöffnete Kneipe von Kalitwa kostet das Bier 50 Rubel (ca. 80 Cent). Die sportliche Dorfjugend ist geschlossen vertreten und beäugt uns leicht kritisch. Wir jubeln pflichtschuldig bei den russischen Toren. Nach dem Spiel beraten sich die Jugendlichen kurz, dann entscheiden sie sich, das Gespräch zu suchen, statt uns sofort aufs Maul zu hauen. Angesichts der Bierpreise ist es nicht schwer, sich ihr Wohlwollen zu erkaufen. Übliche Fußballfachsimpelei, der örtliche Verein spielt vor 500 Leuten in der 4. oder 5. Liga. Später will der örtliche Trunkenbold uns dann doch noch zum Kampf herausfordern, er ist allerdings schon um die 60 und hat ebenso viele Promille. Wir lehnen dankend ab, er kämpft stattdessen mit einem Stuhl. Und verliert.

 

Mittwoch, 20.06.2018 / 15:08 Uhr

Eine Woche WM - Was bisher geschah

Von
Endi Endemann

Tag 1:
Russland – Saudi-Arabien 5:0

 

Ankunft in Moskau. Trotz der Größe des Molochs Moskau, merkt man tatsächlich, dass hier ab heute eine WM stattfindet. Der saudische Kronprinz, Mohammed bin Salman al-Saud,  hat an allen Einfallstrassen Werbebanden für sich gekauft und die U-Bahnen sind voll mit Fans. Ich habe keine Ahnung, wie viele Menschen in Peru zuhause sind, aber sie scheinen alle hier zu sein.

WM-Blog_Endi

Jungle-WM-Korrespondent Endemann im Einsatz

Ich beziehe erstmal das Apartment, das ich mit meinen Kollegen von Football Supporters Europe (FSE) hier in den kommenden Wochen beziehen werde. Wir koordinieren während der WM die Arbeit der Fanbotschaften. Der Vermieter hat blendende Laune, die Übergabe der Wohnung verläuft etwas anders, als man es in Deutschland gewohnt ist: "Ihr könnt hier so viele Leute mitbringen, wie ihr wollt, Lärm und Partys sind ok und wenn was kaputt geht, gar kein Problem." Ok. Wir sind zwar zum Arbeiten hier, aber ist ja gut zu wissen.

Wir treffen die Fussballhipster von COPA90, in deren "Clubhouse" alle Spiele gezeigt werden und die uns dort auch ein kleines Büro zu Verfügung stellen. Danke dafür, hier kann man gut mal rum kommen, wenn man einen Ort zum Spieleschauen in Moskau sucht.

Ab zum Stadion, die Fan-IDs abholen, was überraschend unproblematisch abläuft, obwohl es nur noch zwei Stunden bis Anpfiff sind.

Leider kein Ticket fürs Eröffnungsspiel bekommen, da geht sie hin, die Chance auf ein Selfie mit Robbie Williams. Das Spiel schaue ich wieder bei COPA90, alle sind happy, dass die Gastgeber gewinnen, ist immer gut für die Stimmung in den nächsten Wochen.

Großes Gelächter als die Achse des Bösen (Mohammed bin-Salman, Gianni Infantino, Wladimir Putin) auf der VIP-Tribüne eingeblendet wird. Gerhard Schröder sitzt ein paar Reihen darunter und fragt sich offensichtlich, warum er nicht bei seinen Freunden sitzen darf. Kurz nach Abpfiff bekomme ich eine Nachricht meiner Kollegen Ronan, Robert und Elena. Es ist ein Selfie. Mit Mireille Matheiu.

 

Tag 2:
Iran – Marokko 1:0

Nach dem Spiel ist im Clubhouse noch Party mit lokalen Trap-Djs, danach fix auf den Nachtzug nach St.Petersburg. Das 30er Abteil ist eine Sauna, aber die Stimmung ist gut, der iranische Student neben mir spielt die halbe Nacht Schach mit einem Kirgisen, der kein Wort Englisch spricht.

In St.Petersburg treffe ich Sara und Maryam. Beide sind Aktivistinnen der Open Stadiums Kampagne, die seit einigen Jahren für das Recht Iranischer Frauen kämpft, im Iran Fussballspiele zu besuchen. Iran ist das letzte Land der Erde, in dem Frauen nicht ins Stadium dürfen. Und das seit 1980, kurz nach der „Iranischen Revolution“. Sara kommt aus Theheran, ist lebenslanger Fan eines der beiden grossen Theheraner Teams, Esteghlal, und hat ihr Team noch nie im Stadion spielen sehen. Die Jungle World hatte vor einigen Monaten bereits über die Situation berichtet. Vor einigen Jahren gelang es Sara, sich einmal sich in Stadion zu schmuggeln, in Begleitung weiblicher Südkorea-Fans, die beim Qualifikationsspiel im Iran zugelassen waren. Mit uns in der Reisegruppe ist James Montague, einer der besten Sportjournalisten weltweit, der über den heutigen Tag für die New York Times berichtet. So viel zur Exklusivität.

WM-Blog-Let them in

Let them in

Sara ist nervös, sie möchte nicht, dass bekannt wird, dass sie Teil der Kampagne ist, im Iran könnte sie dafür grosse Probleme bekommen. Trotzdem ist sie heute in St.Petersburg, um vor und im Stadion zu protestieren. Maryam hat es einfacher, sie lebt seit vielen Jahren in den USA und macht sich keine Gedanken, dass sie auf Fotos zu erkennen ist. Etwa eine Stunde vor Spielbeginn packen die beiden Frauen ihr Banner mit der Aufschrift "Support Iranian women to attend stadiums" aus und platzieren sich vor dem Stadion. Die etwa 100 m entfernt stehenden Riotpolice Einheiten schauen herüber, scheinen aber nicht weiter interessiert zu sein.

Maryam und Sara bekommen viel Zuspruch, viele iranische Fans recken den Daumen und machen Fotos von dem Plakat. Diverse (meist männliche) Fans nehmen das Banner und lassen sich damit fotografieren. Wir gehen ins Stadion, das Banner kommt mit, die beiden haben es im Vorfeld angemeldet.

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Das Spiel ist sehr bescheiden, die Stimmung schlecht. Leider haben die Iraner die Vuvuzuela wiederentdeckt, man kann keine Gesänge hören, sondern nur infernalischen Trötenlärm. Nach fünf Minuten fühle ich mich taub. Die Versuche der vom Verband bezahlten "Leader" die Stimmung zu koordinieren, scheitert kläglich. Faszinierend ist die Gruppe iranischer Fans, direkt neben dem Capo, die Regenbogen-Perücken tragen. Solidarität mit der russischen LGBT-Community?

WM-Blog-IranPerücke

Das Eigentor in der letzten Sekunde lässt das Stadion erbeben. Es sind erstaunlich viele iranische Fans hier, ein Grossteil aus dem Exil, einige aber auch direkt aus dem Iran. Nach dem Spiel findet eine große Iranische Party statt, und als ob die Vuvuzuela nicht langt, wird auch noch das Isländische "Hu" adaptiert. Egal,  Sara und Maryam sind happy über den Sieg und ich darüber, dass sie sie happy sind. Wir gehen in ein fantastisches Lokal, verbringen einen Abend und ich hoffe, die beiden bei einem der nächsten Spiele wieder zu treffen.

 

Tag 3:
Argentinien – Island 1:1

Direkt nachts wieder in den Zug, die nächste Sauna. Diesmal im 4er-Abteil mit einem Russischen MMA-Fighter, einer alten Babushka und einem Fan aus El Salvador, der in vier Tagen vier Spiele sieht und dann wieder nach Hause fliegt. Kurz duschen, dann die Kollegen der Koordinationsstelle Fanprojekte besucht, welche die Deutsche Fanbotschaft leiten. Dabei ist auch Ingo Petz von Fankurve Ost. Wer sich für Fussball in Russland, der Ukraine und Weißrussland (auch jenseits der WM) interessiert, sollte ihren Newsletter bestellen, der immer viele interessante Informationen und Analysen enthält.

Weiter ins Spartak Stadion zu Argentinien-Island. Wir beobachten die Einlasskontrollen, alles ist hier ziemlich gut organisiert. In der Halbzeit treffen wir unsere Mitglieder von TOLFAN, dem isländischen Nationalmannschaftsfanclub. Wir stehen die zweite Halbzeit bei ihnen im Block, und es wird eines der aufregendsten Spiele, das ich in den letzten Jahren im Stadion gesehen habe. Die Isländer drehen beim von Hannes Thór Halldórsson perfekt gehaltenen Messi-Elfmeter völlig durch und das Team spielt um sein Leben.

WM-Blog-Island

Island drums. No to racism

Beeindruckende Teamleistung, zu keiner Zeit in Panik verfallen, den eigenen Stiefel herunter gespielt und verdient den Punkt mitgenommen.

Da kein Mensch auf der Welt irgendetwas gegen Isländer zu haben scheint, kommen auch viele Argentinier und gratulieren. Wir werden zur Isländischen Aftershow Party eingeladen. Da die meisten TOLFAN Mitglieder nur zu den Spielen anreisen und mitten in der Nacht zurückfliegen, haben sie in allen Städten in denen Island spielt Bars gemietet. Ein isländisches DJane Duo legt auf, alle tanzen und die Flasche Wodka kostet 12 Euro. Ich treffe Ex-Bundesliga Profi Eyjólfur Sverrisson (Hertha, VFB Stuttgart) , der mit den Fans feiert und erzähle ihm was ich von seinen Ex-Klubs halte. Es sei verraten: Nicht viel. Sorry, Eyjólfur, bist ein netter Kerl, war nicht so gemeint. Es wird noch eine lange Nacht.