Blogeinträge von Ute Weinmann

Mittwoch, 04.07.2018 / 17:55 Uhr

Rechte Hools suchen Streit

Von
Ute Weinmann

Bei so manchem aufgekratzten russischen Fan wird man den Eindruck nicht los, dass er seine in den Nationalfarben gehaltene Schminke tagelang nicht vom Gesicht wäscht.

Und solange sie hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt sind oder vor den Augen eines Polizisten eine Lampe in der Metro zertrümmern will ich mich gar nicht beschweren. Das wäre ohnehin zwecklos.

Am Sonntag gegen Abend versammelten sich wenig sympathisch aussehende junge Männer in einem Park gegenüber der Moskauer Synagoge. Einige sind aufgrund ihrer Kleidung und einschlägigen Tattoos leicht als eindeutig rechtslastige Fans der Fußball-Clubs Spartak und CSKA auszumachen. Sie suchen Streit.

Doch das Ärgerlichste an der Fankultur ist und bleibt die Interaktion mit Unbeteiligten. Nicht alle Menschen haben schließlich ein Faible für Fußball, lautes Gegröle, Feuerwerke um drei Uhr morgens oder verdienen am während der WM immens gestiegenen Bierkonsum. Und rechten Hooligans will sowieso niemand über den Weg laufen der halbwegs bei Verstand ist, auch jetzt nicht, während der sicheren Spiele. Abseits von den mit Polizei und Nationalgarde gespickten Fanmeilen tummeln sie sich und warten auf eine Gelegenheit ihrer Aggression freien Lauf zu lassen. Vor einigen Tagen zogen einige Dutzend Zenit-Hools "White Power!" rufend durch St. Petersburgs Innenstadt. An sich nichts ungewöhnliches.

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Am Sonntag gegen Abend versammelten sich wenig sympathisch aussehende junge Männer in einem Park gegenüber der Moskauer Synagoge. Einige sind aufgrund ihrer Kleidung und einschlägigen Tattoos leicht als eindeutig rechtslastige Fans der Fußball-Clubs Spartak und CSKA auszumachen. Sie suchen Streit. Im Park hängen neben ein paar unauffälligen Männern mittleren Alters überwiegend Jugendliche mit bunt gefärbten Haaren ab, die sich größtenteils in eine Ecke verziehen, als die Hools ihre Macker-Allüren spielen lassen. Mit den harmlos aussehenden Teenies glauben sie wohl eine leichte Beute aufgespürt zu haben, denn jene sind es ganz offensichtlich nicht gewohnt physischer Gewalt mit Gegenwehr zu trotzen. Später erzählte mir ein völlig aufgelöster Queer-Teenager, er habe ohne Vorwarnung einen Schlag ins Gesicht verpasst bekommen. Jemand anderer will gesehen haben, wie die Hools mit Blick auf die Synagoge zum Hitlergruß angesetzt hatten.

Um dem Spuk ein Ende zu bereiten, suchen die Jugendlichen Schutz hinter einem Treppengeländer. Sie beschließen einen Emissär zu den Hools zu schicken, die sich an der der Synagoge zugewandten Parkmauer räkeln. Fehlschlag. Der Emissär kassiert eine grobe Absage und macht sich dann gemeinsam mit einigen anderen auf die Suche nach der Polizei. Die hat sich im Park die letzten Tage rar gemacht. Nach einer Weile tauchen zwei Uniformierte mit Schlagstock auf und beginnen ein Gespräch mit ein paar Hooligans, während der Rest sich aus Sichtweite begibt. Eine Treppe führt hinunter zu einem Platz, der Skatern als Übungsfläche dient. Ein Typ in Trainingshose und schwarzem T-Shirt mit der Aufschrift Spartak auf dem Rücken provoziert einen Skater mit in Rottönen gefärbten Dreadlocks. Es entsteht eine Schlägerei zwischen beiden, der offenbar selbst kampferprobte Skater lässt sich nichts gefallen und packt den Angreifer mit seinen starken Armen am Hals.

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Die Polizei führt schließlich beide Beteiligten ab. Sie hätten keine Ressourcen, um den Park ständig im Auge zu behalten. Sichere Spiele haben eben ihren Preis. Sobald die Uniformierten außer Reichweite sind gehen die rechten Hool wieder ihrem gewohnten Zeitvertreib nach. Die Teenies treten ihrerseits die Flucht an und laufen in Richtung Metrostation wohl in der Hoffnung, dort den einen oder anderen Polizisten vorzufinden. Ein befreundeter Antifa schüttelt den Kopf und sagt lakonisch, sie müssten eben lernen sich zur Wehr zu setzen.

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Dienstag, 19.06.2018 / 17:31 Uhr

Die WM-Metropolen im Ausnahmezustand

Von
Ute Weinmann
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Ute Weinmann

In Russlands WM-Metropolen herrscht Ausnahmezustand. Es gelten plötzlich ganz neue Spielregeln. Zu einer Gruppe junger Leute mit bunten Frisuren und lässigem Auftreten in einem Moskauer Park gesellt sich ein uniformierter Polizist. Er sagt fast beiläufig, dass das Wetter heute wirklich schön sei. Die jungen Leute stehen und sitzen mittlerweile in Habachtstellung, alle erwarten mit ihren Zigaretten und den Bierflaschen in der Hand eine weniger poetische Fortsetzung des Gesprächs. Auf der Straße darf grundsätzlich kein Alkohol konsumiert werden und im Park ist auch das Rauchen verboten. Doch der Polizist zieht unvermittelt einfach seines Weges. Kurz darauf zettelt ein weniger alternativ gekleideter Parkbesucher ein lautes Geschrei an. Ins Visier seiner Verbalattacke gerieten zwei Sicherheitskräfte, die am Rand des Parks gelangweilt ins Nichts starrten. Der aufgebrachte Mann beschuldigte sie lauthals, untätig herumzustehen, während er bereits seit einer halben Stunde vergeblich versuche, angesichts der trinkenden und rauchenden Massen rundherum die Ordnungsmacht an ihre Pflichten zu appellieren. Die Angesprochen gingen in die Defensive und warteten auf Verstärkung. Als diese eintraf musste der zivile Einzelkämpfer für Recht und Gesetz erst mal seinen Pass vorzeigen.

Ein Mann löst sich aus einem Pulk iranischer Fans und packt einen blonden Russen mit Nationalfahne um die Schulter. "Rossija!" ruft er ihm zu. Mehr zu sagen hat er ihm nicht. Ist das jetzt schon Völkerverständigung oder sogar Völkerfreundschaft? Die meisten Fans haben keine gemeinsame Sprache, dafür ist das Wort "spasibo" in aller Munde.

Am Strand gegenüber der Zenit-Arena in St. Petersburg ist im Sommer immer viel Betrieb. Fans aus aller Welt sucht man hier jedoch vergeblich. Die Plattenbausiedlungen in der Gegend gehören nicht zu den klassischen Sehenswürdigkeiten der Stadt und der 462 Meter hohe Turm des hier kürzlich fertiggestellten Lahta-Zentrums ist ohnehin von überall zu sehen. Dafür tummeln sich umso mehr Fußballbegeisterte im historischen Teil der Zarenstadt. An einer roten Fußgängerampel ertönt laute arabische Musik aus der Tasche eines hochgewachsenen gutgelaunten Mannes mit rotem Fez auf dem Kopf. Neben ihm stehen zwei wesentlich kleinere mit Einkaufstaschen bepackte russische Frauen. Er begrüsst sie mit einem entwaffnenden "Privet". Die Frauen grüßen schüchtern zurück, ein etwa achtjähriger Junge blickt sie irritiert an und schaut dann dem roten Fez nach, der bei grünem Licht eilig in Richtung Fan-Zone entschwindet.

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Der Strand an der Zenit-Arena in St. Petersburg

Bild:
Ute Weinmann

An der Fontanka, einem der vielen Kanäle, spielen sich derweil weitaus romantischere Szenen ab. Zwei alles andere als schick herausgeputzte Russinnen mittleren Alters flirten mit zwei etwa gleichaltrigen Männern. Fans, möchte man denken, aber ohne Landesflagge um den Hals oder andere Fussballdevotionalien erschließt sich auf den ersten Blick nicht, ob sie aus Ägypten, dem Iran oder Peru stammen. Tamara Pletnewas warnende Worte, die in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende der Parlamentskommission für Familie, Frauen und Kinder und langjähriges Mitglied der kommunistischen Partei KPRF russischen Frauen riet während der Fussball-WM keine intimen Beziehungen mit ausländischen Fans einzugehen, scheinen keine Wirkung zu zeigen.

Auf dem Newskij Prospekt herrscht derweil ausgelassene Stimmung. Wer kann zeigt Flagge. Keine Regenbogenfahnen natürlich, sondern einzig nationalstaatliche Attribute. Die Fan-Zone hat geschlossen, alle Spiele für den Tag sind beendet. Fast könnte man meinen einer Reclaim-the-Streets-Aktion beizuwohnen, aber so ganz ohne inhaltliche Statements wird die gute Laune rundherum schnell langweilig. Ein Mann löst sich aus einem Pulk iranischer Fans und packt einen blonden Russen mit Nationalfahne um die Schulter. "Rossija!" ruft er ihm zu. Mehr zu sagen hat er ihm nicht. Ist das jetzt schon Völkerverständigung oder sogar Völkerfreundschaft? Die meisten Fans haben keine gemeinsame Sprache, dafür ist das Wort "spasibo" in aller Munde. Ein junger Mann hat sich in roter Farbe die Buchstaben CCCP aufs schwarze Haar gemalt. Warum? "Meine Mutter ist Russin", antwortet er freudestrahlend. Als ob das alleine selbsterklärend wäre. Er studiert Regie in St. Petersburg und kann sich gar nicht sattsehen an den unaufhörlich vorbeiziehenden Menschenmassen.

Iranische Fans haben sich mittlerweile an einer Unterführung in Stellung gebracht. Als sie anfangen "Rossija!" zu rufen gerät die Menge rundherum beinahe in Ekstase. Schwarz Uniformierte lassen den Emotionen etwa zehn Minuten freien Lauf, bevor sie die Anstifter in so gar nicht üblichen Manier Petersburger Polizeikräfte sanft beiseite schieben.

Freitag, 15.06.2018 / 13:21 Uhr

Kick-Off für Diversität

Von
Ute Weinmann


Moskau. Am Eröffnungstag der Fußball-WM öffnete das Moskauer Diversity House seine Pforten. Dort wird das FARE-Network gegen Diskriminierung im Fußball parallel zu den sportlichen Events laufen sollen. Einen Monat lang wird im  Rahmen von verschiedenen Veranstaltungen in Moskau und St. Petersburg über Rassismus, Homophobie, Nationalismus, Sexismus und Diskriminierung von Menschen mit Beeinträchtigungen diskutiert.

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Die Eröffnung des Diversity House am 14. Juni in Moskau. Bild: Ute Weinmann

 

Das Haus liegt keine zwei Schritte entfernt von einem der angesagtesten Parks der Stadt, Moskaus älteste Synagoge liegt auch nicht weit. Es ist eines der idyllischsten Viertel im Stadtzentrum von Moskau, das einen Eindruck von Russlands größter Metropole vor der Zeit der stalinschen Architektursäuberungen vermittelt.

Bei der Auftaktveranstaltung des FARE-Network sorgte die Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina für die meiste Aufmerksamkeit. Sie ging darauf ein, wie die tschetschenische Führung die Fussball-WM für ihre Zwecke nutz. Der internationale Fußballverband FIFA hatte entschieden, die ägyptische Mannschaft in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny unterzubringen. Prompt ließen sich Präsident Ramsan Kadyrow und seine rechte Hand Magomed Daudow mit dem ägyptischen Stürmer Mohamed Salah ablichten. In strahlender Pose zeigten sich die zu Recht gefürchteten Hardliner, die sonst wegen Folterungen und Gewaltherrschaft bekannt sind, auf Fotos mit  dem Starfussballer. Ein billiger, aber wirksamer Trick. Nach dem Pressegespräch im Diversity House kam einer der FARE-Verantwortlichen auf Gannuschkina zu und dankte ihr ausdrücklich für ihren Auftritt. Die FIFA-Funktionäre hätten sicherlich aus Unkenntnis der Situation in Tschetschenien die Konsequenzen ihrer Entscheidung nicht mitbedacht. Gannuschkina sieht das anders: "Wir haben die FIFA im Vorfeld mehrmals darüber informiert."

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Swetlana Gannuschkina. Bild: Ute Weinmann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Diversity House sorgt für ein weltoffenes Flair, das der von Rassismus geprägten russischen Gesellschaft gut tun könnte, gesetzt den Fall, die vorbeiflanierenden Moskauerinnen und Moskauer würden einen Blick in die für alle Menschen offene Tür werfen. Die in Regenbogenfarben gehaltene Blumendekoration neben dem Eingang fällt einigen Frauen mittleren Alters auf und sie können sie sogar richtig einordnen, immerhin ohne die Nase zu rümpfen.

An einer nicht weit entfernten, engen Ausfallstraße steht ein junger Mann aus Afrika und verteilt Reklamezettel. Eine typische Einkommensquelle für Männer, seltener für Frauen, die aus afrikanischen Ländern nach Russland gestrandet sind und keine Aussicht auf einen legalen Aufenthaltstitel haben. Er lächelt, spricht sogar recht gut Russisch, aber vom Diversity House um die Ecke hat er noch nichts gehört.

Auch dort werden die WM-Spiele live übertragen, das könnte also ein Anlass sein, mal vorbeizuschauen. Aber ohne einen  guten Grund wagen sich viele Flüchtlinge und Migranten nicht aus dem Haus oder scheuen zumindest den meist langen Weg ins Stadtzentrum. Denn das kann richtig schief gehen.

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Bild: Ute Weinmann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Traore aus Côte d'Ivoire kennt diese Seite des harten ununkalkulierbaren russischen Alltags nur zu gut. Als Flüchtling war der Fußballer vor einigen Jahren nach Moskau gekommen mit der fixen Idee, für den Club Dynamo zu spielen. Statt der Erfüllung seines Traums erwartete ihn der tägliche Alptraum von Rassismus und Polizeiwillkür. Erst neulich haben ihn Uniformierte in einen Wagen gezerrt, verprügelt und ihm sein gesamtes Bargeld abgenommen. Würden ihn die Behörden lassen, könnte er wenigstens einer legalen Lohnarbeit nachgehen. Ein Asylstatus kommt in Russland jedoch einem Sechser im Lotto gleich, es gibt im ganzen Land keine 800 anerkannte Flüchtlinge. Ein subsidiärer Status kann eher schon gewährt werden, wird nach einem Jahr jedoch in der Regel nicht verlängert. Bleibt die trostlose Perspektive eines illegales Daseins.

Dabei hat Traore in Moskau seine große Liebe gefunden, geheiratet und ein kleines Kind bekommen. Aber auch das gilt in Russland nicht als Grundlage, einen Weg aus der Illegalität zu finden.

Traore wird seine Geschichte im Diversity House erzählen. Ein Termin steht bereits fest.
 

Donnerstag, 03.08.2017 / 17:21 Uhr

Stoppt die Abschiebung von Ali Feruz!

Von
Ute Weinmann

Russland nimmt jährlich zehntausende Abschiebungen vor, auch nach Usbekistan. Obwohl in dem zentralasiatischen Land nachweislich Foltermethoden angewendet werden. Folter droht auch Chudoberdi Chumatow, der unter dem Pseudonym Ali Feruz für die oppositionelle Zeitung Novaya Gazeta schreibt. Am 1. August wurde der 30jährige Journalist unweit der Redaktion festgenommen und noch am selben Abend in einem Schnellverfahren wegen Verstoß gegen das Aufenthaltsgesetz verurteilt. Seither befindet er sich in Abschiebehaft. Innerhalb von zehn Tagen kann das Urteil angefochten werden, aber die Behörden werden vermutlich alles dransetzen, die Abschiebung zu vollziehen.

Ali Feruz ist in Usbekistan geboren, aber in Russland aufgewachsen. Seine nächsten Familienangehörigen besitzen die russische Staatsbürgerschaft, er selbst erhielt nach einem längeren Aufenthalt in seinem Geburtsland einen usbekischen Pass. 2008 nahmen ihn die usbekischen Sicherheitsbehörden in Gewahrsam und forderten von ihm, als Informant über die politischen Einstellungen im seinem Bekanntenkreis zu berichten. Nach seiner Weigerung drohten sie ihm mit Haft und malträtierten ihn zwei Tage lang mit Schlägen und Nadeln unter den Fingernägeln. Ali gab daraufhin seine Zusage und flüchtete nach Russland.

Als seine Tasche mit allen Dokumenten gestohlen wurde, blieben kaum noch Alternativen für einen legalen Aufenthaltstitel. Eine Passbeantragung bei den usbekischen Behörden ist mit der Gefahr einer Verhaftung verbunden. Sein Asylantrag in Russland wurde abgelehnt, ein Entscheid über subsidiären Schutz steht noch aus. Demnach hält er sich in Russland nicht illegal auf, eine Abschiebung ist also rechtswidrig. Die russischen Behörden scheint das weiter nicht zu stören, was im Übrigen auch auf zahlreiche andere Fälle zutrifft. Wer als Staatsbürger eines der zentralasiatischen Länder auf der Straße ohne gültige Papiere bei sich zu tragen auf einen Polizisten trifft, riskiert eine Ausweisung. Gerichte verhängen Abschiebungen nicht selten auch dann, wenn im Zuge der Verhandlung ein rechtmäßiger Aufenthalt durch Vorlage entsprechender Dokumente nachgewiesen wird.

Im Falle von Ali Feruz muss jedoch von einer gezielten Verfolgung ausgegangen werden. Er bekennt sich offen zu seiner Homosexualität - ein Strafdelikt in Usbekistan. Noch dazu hat er Arabisch studiert. Kremlnahe Medien behaupteten, er solle früher Anhänger eines radikalen Islam gewesen sein, dabei liegen gegen ihn offiziell keinerlei derartige Anschuldigen vor. Verhandlungen über eine Ausreise in die Europäische Union zwecks Asylbeantragung scheiterten an der Absage der russischen Migrationsbehörde, eine entsprechende Genehmigung zu erteilen. Ein Grenzübertritt zwecks Abschiebung nach Usbekistan scheint hingegen keine Bedenken aufzuwerfen.

Damit es gar nicht erst so weit kommt braucht es eine breite internationale Unterstützung.

Stoppt die Abschiebung von Ali Feruz von Russland nach Usbekistan!

Unterschreibt und verbreitet folgende Petition:

https://www.change.org/p/leiterin-haupt-migrationsamt-bei-innenministerium-russland-kirillowa-olga-ewjenevna-stoppt-die-abschiebung-von-ali-feruz-von-russland-nach-usbekistan

 

Montag, 03.07.2017 / 16:59 Uhr

Fußball als Ausnahmezustand

Von
Ute Weinmann

Deutschland hat wieder einmal gewonnen. Beim Fußball. Dieses Mal im Confederations Cup in St. Petersburg. Der fand nämlich leider als Generalprobe für die Fußball-WM 2018 in Russland statt. Wo in Hamburg wegen des bevorstehenden G20-Gipfels Ausnahmezustand herrscht, reicht hier in Russland indes ein ödes Sportereignis, um gesetzlich garantierte Freiheiten einzuschränken. Weil die Dumaabgeordneten mit ihrem Pensum nicht fertig wurden, sprang der Präsident in die Bresche. Per Dekret machte er Russland sicherer - und sei es nur für die Zeit des Cups und ein wenig darüber hinaus.

 

Zwischen dem 1. Juni und dem 12. Juli darf mensch beispielsweise keine Pfeffersprays zur Selbstverteidigung bei sich tragen. An romantischen Bootsfahrten auf den Kanälen von St. Petersburg während der weißen Nächte darf nur verdienen, wer garantiert keine Terroristen befördert; also nur Strukturen, die in den Geldkreislauf der Fußballfunktioniärsbürokratie eingebunden sind. Dass nichtsportliche Versammlungen und Demonstrationen einem Verbot unterliegen, braucht nicht extra erwähnt zu werden. Gemeingefährlich sind im Übrigen alle Formen bürgerlichen Engagements, insbesondere Recycling und Aufklärung über Müllentsorgung. Einmal im Monat sind die Bewohner der Millionenstadt an der Newa aufgefordert, Papier, Plastik und allerlei sonstige Wertstoffe in ihrem Stadtteil an private Initiativen zu übergeben. Den Behörden käme solcher Kleinkram nie in den Sinn, schließlich findet sich in dem riesigen Land immer irgendwo ein Plätzchen zur Lagerung von ein wenig Abfall. Zur Not tut es auch eine Halde irgendwo am Stadtrand. Bis zum deutschen Sieg beim Endspiel in St. Petersburg und ein wenig darüber hinaus muss der Müll umweltbewusster Bürgerinnen und Bürger allerdings zu Hause bleiben. Der Präsident wollte es so.

 

Und die Menschen selber bleiben am besten auch zu Hause und halten sich von allen Austragungsorten des Fußballspektakels fern, also Moskau, St. Petersburg, Kasan und Sotschi; im nächsten Jahr während der WM erweitert sich die Liste dann um weitere Städte. Das Dekret enthält nämlich eine Klausel, wonach Ausländer und Ausländerinnen innerhalb 24 Stunden einer behördlichen Meldepflicht unterliegen, während russische Staatsbürger und Staatsbürgerinnen ganze drei Tage Zeit haben, eine legale Unterkunft zu suchen und eine Person, die bereit und berechtigt ist, jemanden unter seiner Adresse zu registrieren. Kein leichtes Unterfangen, zumal neben anderen praktischen Hindernissen die Option, Unterlagen per Post zu schicken, kurzfristig außer Kraft gesetzt worden war. Und eine Behörde betritt in Russland schließlich niemand freiwillig. Schon die Post ist ein Abenteuer für sich.

 

Im Übrigen herrscht selbst bei der für Anmeldungen zuständigen Migrationsbehörde keine Einigkeit über die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme. Macht ja alles Arbeit. Zum Glück wissen die wenigsten Menschen Bescheid über die neuen Sicherheitsbestimmungen des Präsidenten. Ein Selbstversuch in St. Petersburg aus reiner Neugierde, wie sich der Ausnahmezustand auf das Leben gesetzestreuer Menschen auswirkt, veranlasste eine Mitarbeiterin der Migrationsbehörde zu einer regelrechten Offenbarung: "Wenn Ihre Unterlagen nicht in Ordnung sind, gebe ich Ihnen einen Rat: hauen Sie ab bevor es zu spät ist!"

 

Der deutsche Sieg in St. Petersburg kommt anderen teuer zu stehen. Aber das hat die Deutschen ja noch nie sonderlich interessiert.

Dienstag, 20.09.2016 / 14:41 Uhr

Ohne Qual der Wahl

Von
Ute Weinmann

Moskau, es ist Wahltag. Gewählt wird die Duma, schon die siebte in postsowjetischer Zeitrechnung. Wählen darf ich allerdings nicht. Das ist nicht nur eine Frage des Passes, sondern der Meldeadresse. Etwa zwei Drittel der volljährigen Einwohner der Megastadt haben offiziell ihren festen Wohnsitz an einem anderen Ort und verfügen bestenfalls über eine befristete Anmeldung. In dem Fall ist der Versuch sich in Moskau einen Wahlzettel zu erschleichen sinnlos. Nur einmal habe ich es wohl aus Versehen bei den Bürgermeisterwahlen in eine Liste ehrenwerter Hauptstadtbewohner geschafft und ein Schreiben vom Bürgermeister bekommen mit dem fast unwiderstehlichen Vorschlag, meine Stimme abzugeben. Von dem Angebot habe ich keinen Gebrauch gemacht. Vermutlich hat das dann jemand anderer an meiner Stelle erledigt.

Ungefähr so: In der Metro stoße ich buchstäblich mit meiner alten Bekannten Dascha zusammen, ihres Zeichens Moskauer Vertreterin des Außenministeriums der Donezker “Volksrepublik". Sie kandidierte bei den Dumawahlen für die “Kommunisten Russlands” - nicht zu verwechseln mit der Kommunistischen Partei KPRF -, und das nur deshalb, weil ihrem eigentlichen Favoriten, der “Vereinigten Kommunistischen Partei", bislang kein Erfolg beschert war sich zu registrieren. Früher war sie schon mal Abgeordnete, aber damals war das Parlament noch nicht so übersichtlich strukturiert wie heutzutage und das Einige Russland existierte noch nicht einmal. Dascha kommt gerade aus einem Wahllokal und ist auf dem Weg an höherer Stelle eine Beschwerde einzureichen. Im Wahlregister entdeckte sie die Namen ihrer beiden Nachbarinnen, daneben eine Unterschrift, mit der die Aushändigung der Wahlzettel ordentlich quittiert werden. Dascha hat allerdings berechtigte Zweifel an deren Echtheit, denn ihre russlanddeutschen Nachbarinnen halten sich seit mehreren Jahren arbeitsbedingt in Deutschland auf. Unwahrscheinlich, dass sie die Wahlbehörde davon in Kenntnis gesetzt haben. Dascha aber sollte es ohnehin besser wissen als die Menschen vom Amt, sie hütet nämlich derweil deren Wohnung und hätte es sicherlich bemerkt, wenn die beiden Damen, oder eine davon, um ihrer moralischen, ja vaterländischen Pflicht als wahlberechtigte Moskauerinnen nachzukommen, am vergangenen Sonntag an ihrem Wohnsitz aufgetaucht wären. Die Wahlhelferin konnte und wollte diese Logik nicht nachvollziehen. Anfangs versuchte sie es mit klassischen Zurechtweisungen von wegen Dascha sei so eine Dahergelaufene, da könne schließlich jeder irgendwelche Behauptungen aufstellen. Und ein Recht sich zu beschweren habe sie sowieso nicht. Aber weil das bei Dascha keinen Eindruck hinterließ, folgte das denkbar schlagkräftigste Argument: “Ich habe die Frau doch gesehen! Sie war hier!” Das soll mal jemand widerlegen.

Noch nie haben so wenige Wahlberechtigte ihre Stimme abgegeben wie bei diesen Parlamentswahlen. Will sagen selber abgegeben. Andere haben nachgeholfen, damit die Beteiligung nicht bei desaströsen zwanzig Prozent bleibt, sondern wenigstens knapp 50 Prozent erreicht. So mancher Beobachter durfte mit eigenen Augen zusehen, ansonsten kursieren Videos im Netz, beispielsweise aus Rostow am Don. An der Längsseite einer Turnhalle läuft das reguläre Wahlgeschäft, ein paar Meter weiter an der Wand das irreguläre. Dort wirft eine aus einem Nebenraum mit einem Stapel Papier gekommene Frau ein Blatt nach dem anderen in die Wahlurne und holt dann Nachschub. Tschetschenien liegt hinsichtlich der Wahlbeteiligung nur auf dem dritten Platz, dafür durfte die kleine Vorzeigerepublik erstmals seit 13 Jahren über ihren Präsidenten abstimmen. Gewonnen hat, wie es sich gehört, Amtsinhaber Ramsan Kadyrow. Für ihn persönlich war das Prozedere also ein Novum, und die tschetschenischen Wahlen waren selbstredend die transparentesten und fairsten überhaupt. So was von Transparenz und Fairness hat mensch dort noch nie erlebt. Alles klar. 

Das Einige Russland hat landesweit alle Direktmandate gewonnen, in denen die Partei einen Kandidaten aufstellen ließ, also in 203 von 225. In den anderen durften kremlnahe Politiker absahnen. Oppositionelle hatten das Nachsehen. Selbst Jabloko blieb unter drei Prozent, somit erhält die Partei, die im Unterschied zur liberalen Konkurrenz PARNAS ein Bündnis mit rechtsextremen und nationalistischen Kräften kategorisch ausschließt, nun auch keine Rubel mehr aus der Staatskasse. Verhalten optimistische Stimmen gibt es dennoch. Dass die Jabloko-Kandidatin und profilierte Kommunalpolitikerin Jelena Rusakowa in ihrem Moskauer Wahlkreis auf dem dritten Platz mit nur wenig Rückstand zur KPRF landete, ist eine nicht zu unterschätzende Leistung. Mangels finanzieller Ressourcen fiel ihr Wahlkampf bescheiden aus, die Konkurrenz sorgte dafür, dass ihre Flugblätter schnell von der Bildfläche verschwanden und sie kann von sich auch nicht behaupten, dass der übermächtige Staat hinter ihr stehe. Vielmehr lässt er sie beobachten. Die russische Opposition hat viele Mankos, eines davon ist die fehlende Politikerfahrung. Menschen wie Jelena Rusakowa versuchen sich durch Politik der kleinen Schritte langsam nach vorne zu arbeiten und sammeln dabei wertvolle Erfahrungen, die dem Protestpublikum vor fünf Jahren fehlte. Damals haben viele ihre Stimme gegen das Einige Russland abgegeben aus dem Kalkül heraus, der Kremlpartei damit wenigstens eine Ohrfeige zu erteilen. Enttäuscht vom Wahlergebnis gingen sie auf die Straße. Am Tag nach der diesjährigen Dumawahl blieben alle zu Hause. Auf Distanz gehen ist der sicherste Weg nichts falsch zu machen. Das tun dafür die Anderen.