ქვეყნის შიგნით - Die Diskriminierung ethnischer und religiöser Minderheiten

Wer zur Nation gehört

In Georgien leben seit Jahrhunderten viele ethnische und religiöse Minderheiten, doch der georgische Nationalismus ist stark ausgeprägt. Insbesondere Angehörigen der armenischen Minderheit wird immer wieder mangelnde Loyalität zum Staat unterstellt.

Über der Altstadt von Tiflis erhebt sich die Sameba-Kathedrale. Das pompöse Gebäude wurde von 1995 bis 2004 als Symbol der nationalen und religiösen Wiedergeburt Georgiens nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion errichtet. Dabei wurden ein armenischer Friedhof und Reste einer in den dreißiger Jahren zerstörten armenischen Kirche überbaut. Manchem erscheint dieses Vorgehen symbolisch für das Verhältnis der georgischen Gesellschaft nicht nur zur armenischen Geschichte der Stadt, sondern auch zur armenischen Minderheit im Land, die rund sechs Prozent der Bevölkerung ausmacht.

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Tatsächlich sind antiarmenische ­Ressentiments integraler Bestandteil des georgischen Nationalismus. ­Stärker noch als heute waren die historischen südkaukasischen Gesellschaften multiethnisch geprägt. In der feudalen georgischen Gesellschaft war die soziale Stellung oft durch ethnische ­Zugehörigkeit definiert. Während Geor­gier als Bauern und Adlige vor allem auf dem Land lebten, sprachen die Handwerker und Händler von Tiflis meist Armenisch. Im 19. Jahrhundert, als die feudale Agrargesellschaft anfing, sich aufzulösen, zogen viele georgische ­Adlige nach Tiflis, wo sie auf dieses armenische Bürgertum trafen. Aus dieser Zeit stammen Stereotype, die man im Gespräch mit Georgiern heute noch hören kann. Demnach seien die Geor­gier gesellig, lebenslustig und etwas faul, die Armenier hingegen arbeiteteten hart, seien geldgierig, betrügerisch und geizig. Die jungen Adligen, die den ­georgischen Nationalismus begründeten, taten dies in Konfrontation mit der armenischen städtischen Gesellschaft. Diese Auseinandersetzung war für die georgischen Nationalisten auch deshalb wichtig, weil Tiflis im 19. Jahrhundert ein armenisches politisches und kulturelles Zentrum war. Beispielsweise wurde hier 1890 die wichtigste Organisation des armenischen Nationalismus gegründet, die Armenische Revo­lutionäre Föderation, ihre Mitglieder wurden Daschnaken genannt. Erst die sowjetische Nationalitätenpolitik, die in den Sowjetrepubliken auf die Stärkung der jeweiligen Titularnation zielte, machte aus Tiflis eine überwiegend ­georgische Stadt.

Erst die sowjetische Nationalitäten­politik, die in den Sowjetrepubliken auf die Stärkung der jeweiligen Titularnation zielte, machte aus Tiflis eine überwiegend georgische Stadt.

Trotz dieser Entwicklung trat der ehemalige Dissident Swiad Gamsachurdia, der 1991 Präsident des unabhängigen Georgien wurde, unter der Parole »Georgien den Georgiern« an. Andere Nationalitäten, vor allem Aseris, Armenier und Osseten, galten ihm als von den Russen ins Land gebrachte Neueinwanderer. In Abchasien, das sich 1992 für unabhängig von Georgien erklärte, schlugen sich viele Armenier auf die Seite der Separatisten. Infolge des Kampfes armenischer Einheiten in Abchasien wurden auch ­Armenier in Tiflis oft als Feinde Georgiens ange­sehen. In der auf den Sturz Gamsachurdias im Jahr 1992 folgenden Ära Eduard Schewardnadses, in die auch der Bau der Sameba-Kathedrale fällt, entspannte sich das Verhältnis. Die ­armenische Minderheit wurde aber dennoch nicht als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft angesehen.

Nach der sogenannten Rosenrevolution 2003 zog Micheil Saakaschwili als Präsident Georgiens die Konsequenz daraus, dass der georgische Ethno­nationalismus der neunziger Jahre die separatistischen Tendenzen unter den Minderheiten verstärkt hatte, und begann einen staatsbürgerlichen Nationalismus zu propagieren. Wiederholt betonte er die Zugehörigkeit von Armeniern, Aseris und anderen zur georgischen Nation; politische Gegner unterstellten ihm deshalb, eigentlich Armenier zu sein. Gleichzeitig verfolgte die Regierung der von Saakaschwili geführten Vereinigten Nationalen Bewegung eine Politik der Förderung des Georgischen und der Zurückdrängung der immer noch häufig genutzten russischen Sprache. Dies benachteiligte Angehörige nationaler Minderheiten bei Bildung und Karriere, da diese häufig in der lingua franca der Sowjetunion kommunizierten. Zum Ausgleich wurden 2010 eine Fünf-Prozent-Quote für Angehörige nationaler Minderheiten an georgischen Universitäten und ­begleitende Fördermaßnahmen eingeführt.

Die von Saakaschwili 2007 durchgesetzte Schließung der russischen Militärbasis in der südgeorgischen Region Samzche-Dschawachetien, einem ländlichen Siedlungsschwerpunkt der ­armenischen Minderheit in Georgien, führte dort zu erhöhter Arbeitslosigkeit. Bis heute ist die Region  eine der ärmsten Georgiens. Nach dem Augustkrieg 2008 und der russischen Annektion der Krim 2014 wurde in georgischen Medien der armenischen Minderheit unterstellt, separatistische Bestrebungen zu hegen und auf einen russischen Einmarsch zu hoffen, was deren politische Vertreter wiederholt zurückwiesen. Im Herbst 2017 kam es in Samzche-Dschawachetien zu Auseinandersetzungen zwischen armenischen Anwohnern und der Polizei. Die georgische Denkmalschutzbehörde hatte im Dorf Kumurdo begonnen, eine Kirche als georgische Kirche zu restaurieren, die die Einheimischen als armenische Kirche beanspruchen. Auch hier wurde unterstellt, die dagegen Protestierenden würden im russischen Interesse agieren.

Wie eine Studie von Forschenden an der Staatlichen Universität Tiflis 2017 nachwies, haben Menschen mit armenischen oder aserischen Nachnamen darüber hinaus deutlich schlechtere Chancen, einen Arbeitsplatz zu bekommen, als jene mit georgischen Nachnamen. Nicht selten lassen Angehörige der Minderheiten deshalb ihre Namen ändern und an die georgische Form anpassen.

Nicht absehbar ist, wie sich das Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheiten in Zukunft entwickeln wird. Einerseits sind in Georgien Bürgerrechtsbewegungen entstanden, die alte Vorurteile in Frage stellen. Andererseits erlebt der militante Ethnonationalismus eine Renaissance. Unter dem Motto »Georgien den Georgiern« gelingt es Gruppen wie dem »Georgischen Marsch« mittlerweile erneut, Tausende zu mobilisieren. »Jetzt ­demonstrieren sie gegen LGBT und muslimische Migranten. Es wird nicht lange dauern, bis sie feststellen, dass wir auch nicht zu ihrem Georgien ­dazugehören«, kommentierte dies eine Armenierin aus Tiflis im Gespräch mit der Jungle World.