Das rechte Bündnis »Demo für alle« hält mittlerweile lieber Symposien ab

Die Rettung der heterosexuellen Familie

Das Symposium »Familie am Abgrund – Ursachen und Auswege« des »Aktionsbündnis für Ehe und Familie – Demo für alle« fand am Samstag nur einen Kilometer entfernt vom Sonderparteitag der AfD Baden-Württemberg statt. Zwischen dem überparteilichen Bündnis und der AfD gibt es auch eine inhaltliche und organisatorische Nähe.

Das Bündnis »Demo für alle« (DfA) organisierte ursprünglich eine Reihe von Demonstrationen, die zwischen 2014 und 2017 sieben Mal in Stuttgart und zwei Mal in Wiesbaden stattfanden. Angelehnt waren sie an die großen »La Manif pour tous«-Demonstrationen im Nachbarland Frankreich. Während in Paris zeitweise mehrere Hunderttausende gegen die gleichgeschlechtliche Ehe auf die Straße gingen, waren es in der baden-württembergischen Landeshauptstadt auf dem Höhepunkt über 5 000 Menschen. Diese kommen aus dem gleichen Millieu wie die »Besorgten Eltern«, die gegen das Bildungsziel der »Akzeptanz sexueller Vielfalt« im Lehrplan von Baden-Württemberg demonstriert hatten.

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Verantwortlich für die Demonstrationen in Stuttgart war Hedwig Freifrau von Beverfoerde aus Magdeburg. Sie ist die Sprecherin des veranstaltenden Aktionsbündnisses und Vorsitzende des Vereins Ehe-Familie-Leben e. V. Bis Dezember 2016 war sie Mitglied der CDU, schon damals war sie in der »Zivilen Koalition«, einem von der derzeitigen AfD-Bundestagsabgeordneten Beatrix von Storch geleiteten Verein.

Die AfD Baden-Württembergs wählte am 15. Februar auf ihrem Landesparteitag Alice Weidel zur neuen Landesvorsitzenden. Diese lebt in einer eingetragenen Partnerschaft mit einer Frau aus Sri Lanka, die beiden haben zwei Söhne. Währenddessen widmete man sich auf dem DfA-Symposium der heterosexuellen, bürgerlichen Familie, die die Veranstalter auch durch alternative Familienmodelle bedroht sehen. In der Werbung für das Symposium hieß es: »Ehe und Familie stehen unter Beschuss wie nie zuvor.« Kaum eine Woche vergehe ohne »einen haarsträubenden Vorschlag aus Politik, Medien oder LSBT-Lobby«, um »Familien mindestens indirekt noch weiter in ihrer Freiheit einzuschränken«. Um die eigenen rechtskonservativen Ziele zu erreichen, versuchen die Verantwortlichen, bis in die sogenannte Mitte hinein anschlussfähig zu bleiben. Ihre eigentliche Klientel sind jedoch rechts- und klerikalkonservative Milieus, wie auch die Bewerbung der Veranstaltung in der neurechten Wochenzeitung Junge Freiheit und die Medienpartnerschaft mit der rechtskatholischen Die Tagespost zeigt.

Die meisten Referenten der bisherigen fünf Symposien kommen aus der konservativen und christlichen Rechten, die sich weniger auf biologistische oder nationalistische Mythen berufen als auf ein wörtliches Bibelverständnis. Einige der Referenten haben aber auch Berührungspunkte zur extremen Rechten.

Am 15. Februar sprach beispielsweise der Ökonom Jörg Guido Hülsmann zum Thema »Wie der Staat die Familien zerstört«. Er ist Professor an der Universität Angers in Frankreich und schreibt für das marktradikale Magazin Eigentümlich frei. Offenbar trifft sich hier die marktradikale Ablehnung des Sozialstaats mit der Angst der christlichen Rechten vor der Staatsintervention in Erziehung und Bildung. Der stramme Antikommunist Hubertus Knabe referierte »über die Zersetzung von Familien in der DDR«. Der ehemalige Direktor der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen war im September 2018 wegen problematischer Amtsführung unter anderem im Zusammenhang mit sexualisierten Übergriffen entlassen worden.

Der Mediziner Imre Téglásy war zum Thema »Fokus Familie: Konstruktive Familien- und Gesellschaftspolitik in Ungarn« angekündigt. Er ist der Wissenschaftlerin Magdalena Marsovszky zufolge in der in Ungarn immer stärker werdenden Bewegung »Alpha Alliance« um Edda Budaházy aktiv. Diese arbeite zusammen mit der englischen Bewegung »Knights Templar International« (KTI) um Nick Griffin, ehemals Europaabgeordneter der neofaschistischen British National Party.

Der Übergang der »Demo für alle« von Großdemonstrationen zu Sympo­sien ist offenbar einem Strategiewechsel geschuldet. Die politische Programmatik wird pseudowissenschaftlich in Symposien aufbereitet. Das soll der gesellschaftlichen Akzeptanz dienen, der Tagungsrahmen der Vernetzung. Auf den Symposien waren jeweils zwischen 250 und 750 Personen anwesend. In diesem Jahr haben nach Angaben der Veranstalter 500 Personen teilgenommen. Die »gefährdete Familie« ist in der gesamten extremen und in der christlichen Rechten sowie in großen Teilen der konservativen Rechten ein wichtiges Thema.

Eine Erweiterung und Pluralisierung des Familienbegriffs, der über die heterosexuelle bürgerliche Kleinfamilie hinaus reicht, wird abgelehnt. Kritik an traditionellen Familienformen sowie Rechte für Frauen und Kinder werden in diesen Kreisen als Bedrohung wahrgenommen. Dass diesen Leuten die reaktionäre ungarische Familien­politik als »konstruktives« Vorbild dient, ist kein Wunder.

Nicht alle teilen diese verengte Sicht auf Familie. Unter dem Motto »Familie ist da, wo Familie gelebt wird« gab es auf dem Stuttgarter Schlossplatz eine Gegenkundgebung, an der sich mehrere Hundert Menschen beteiligten.