Die neue Platte von David Grubbs

Geföhnter Hardcore

Squirrel Bait, diese Vereinigung 16jähriger Teenager, die Stücke über Vergil machten, kamen in den Achtzigern zu früh. Jetzt kann man sich die Pionierarbeit von Postrock retrospektiv anhören und auch, wie David Grubbs heute klingt.

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Für einige Menschen war die erste Hälfte der achtziger Jahre ein musikalisches Paradies. So zumindest sieht es Paul Rachman, Regisseur des viel beachteten Dokumentarfilms »American Hardcore« (2006). Von MTV und dessen Hörern völlig ignoriert, entstand zu dieser Zeit in den USA eine vitale Szene, die völlig auf sich selbst gestellt war, eigene Labels und Netzwerke hervorbrachte und innerhalb kürzester Zeit zu Hunderten von Bandgründungen führte. Doch selbst ein Fan wie Rachman kann nicht ignorieren, dass die Szene fast ausschließlich von Männern dominiert wurde, weißen Männern. Und ausgerechnet die einzige schwarze Hardcore-Band, The Bad Brains, war für ihre Schwulenfeindlichkeit berüchtigt. Von solchen gender politics einmal abgesehen, hatte die Szene allerdings noch einen ganz anderen gravierenden Schönheitsfehler: Nahezu alle Bands hörten sich gleich an. Hardcore war Ausdruck ungefilterter jugendlicher Wut, musikalische Feinheiten wurden da nicht so genau genommen. Unter rein musikalischen Gesichtspunkten ist »American Hardcore« daher auch ein sterbenslangweiliger Film, aus dessen Einheitsgeknüppel gerade einmal Black Flag, die notorisch unterschätzten Flipper und Minutemen hervorstechen. Letztgenannte seien »zu erwachsen für die Hardcore-Szene« gewesen, hatte Thurston Moore von Sonic Youth einmal gesagt. Das könnte man auch von Squirrel Bait behaupten. Liest sich aber komisch, wenn man bedenkt, dass die Musiker zur Zeit der Bandgründung gerade einmal 16 Jahre alt waren.
Squirrel Bait sind ein Phänomen, das aus heutiger Sicht alles richtig gemacht hat, während der kurzen Zeitspanne von 1983 bis 1988 innerhalb der Szene jedoch wie ein Fremdkörper wirkte. Kein Wunder, dass sie in »American Hardcore« gar nicht vorkommen. Schon ihr Dresscode belegt diesen Sonderstatus. Auf dem Backcover der in diesem Jahr von »Drag City« wiederveröffentlichten Debüt-EP ist erstmals ein Bandfoto zu sehen, das auf dem »Homestead«-Original noch fehlte. Mit ihren halblangen Föhnfrisuren haben sich die Jungs deutlich von der im Hardcore damals üblichen, martialischen Kahlrasur abgehoben, sahen Duran Duran ähnlicher als Minor Threat. Auch musikalisch setzten Squirrel Bait auf Verweichlichung, lange bevor Begriffe wie »Emocore« die Runde machten. Aber was heißt hier Verweichlichung? Jede Nummer ihrer beiden Platten, der Debüt-EP von 1985 und der LP »Skag Heaven« von 1987, ist ein Kracher, von Sänger Pete Searcy mit einer Wucht herausgeschleudert, die bereits Mudhoneys »(Touch Me) I’m Sick« vorwegnimmt. Doch unter der Oberfläche brodelt und gärt es, auf gekonnt zerfahrene Weise wird jeglicher kompakte Rock-Sound vermieden. Im ständigen Auseinanderfallen und Wiederaufgreifen von Rockstrukturen kommen bereits jene Formen von Zweifel, Brüchigkeit und Reflektion zum Ausdruck, die von den Musikern in ihrem späteren Werdegang noch verfeinert werden sollten. Brian McMahan, Ethan Buckler und Britt Walford gründeten nach Auflösung von Squirrel Bait die gerne mit dem irreführenden Begriff »Math Rock« versehenen Slint, Gitarrist David Grubbs ging seinen Weg von Bastro zu Gastr Del Sol, ist Teilzeit-Mitglied bei The Red Crayola und hat gerade seine bislang schönste Solo-CD vorgelegt, ein stilles, filigranes Werk zwischen Folk und Dekomposition, von John Fahey ebenso wie von Derek Bailey inspiriert.
All das war bereits bei Squirrel Bait angelegt, der Band, die für Postrock zu früh kam und die dennoch rückblickend zusammen mit ihren Zeitgenossen Mission Of Burma als Keimzelle von Postrock gelten darf. Ausgerechnet David Grubbs, heute ein introvertierter Musiker, der sich in seiner Freizeit wohl eher Erik Satie als Motörhead anhört, war für das Ende von Squirrel Bait verantwortlich. Ihn störte es, dass sich die Mitmusiker immer mehr von ihren Punk-Wurzeln entfernten. Aus heutiger Sicht genau das, wie Grubbs sich inzwischen eingesteht, was die Besonderheit der Band ausgemacht hatte.
Für Paul Rachman erklärt sich die maskuline Aggressivität von Hardcore daraus, dass Hardcore im Gegensatz zum frühen Punk nicht in kul­turellen Metropolen wie New York oder London entstand, sondern in den berüchtigten Suburbs, den drögen Wohnvierteln der amerikanischen Mittelschicht. »Punk begann in Städten mit einer langen kulturellen, auch subkulturellen Tradition«, erklärt er. »In den Suburbs, wo die Hardcore-Kids lebten, gab es keine Museen, keine Programmkinos … Hardcore war also gewissermaßen unkultiviert.« Dieser Lesart widerspricht allerdings die Tatsache, dass ausgerechnet in New York mit Bands wie Agnostic Front und den Cro-Mags die männlich aggressivste – manche würden auch sagen: stumpfste – Form von Hardcore entstand. Und ihr widerspricht die Existenz von Squirrel Bait, die im nicht gerade mit kulturellem Reichtum gesegneten Louisville, Kentucky, gegründet wurden. Bei ihnen kamen die eher positiven Nebenerscheinungen einer Jugend in der Provinz zum Ausdruck: Aus Langeweile haben sie sich kulturelles Wissen angeeignet. Zum Beispiel über den römischen Dichter Vergil, dem die Eichhörnchen-Köder (so der eingedeutschte, ziemlich unpunkige Name der Band) auf »Skag Heaven« einen Song gewidmet haben. Grubbs las bereits als Jugendlicher Greil Marcus, stieß dort auf Namen wie PiL und Gang Of Four und war begeistert: »Diese Bands haben ja bereits Rock demontiert, haben Rock zum Feind erklärt!« Heute mag ein Verweis auf Gang Of Four wohl nur noch ein überdrüssiges »Nicht schon wieder« hervorrufen, doch welche Schlagkraft diese Band Anfang der Achtziger auf ein paar amerikanische Teenager haben konnte, hört man aus jedem bis zum Bersten angespann­ten Ton des Squirrel-Bait-Debüts heraus.
Für Grubbs gibt es daher auch keinen Grund, sich von seinem Jugendwerk zu distanzieren. Es war vielmehr nur ein logischer Schritt, dass die Beschäftigung mit den »Greil-Marcus-Bands« automatisch ein Interesse an Free Jazz und Neuer Musik zur Folge hatte. All das entdeckte Grubbs, als er 1990 zum Studieren nach Chicago zog. Betrachtet man Punk nicht als festgefahrenen Stil oder bloße Radikalisierung von Rock’n’Roll, sondern als Konzept, musikalische Grenzen auszuloten und gegebenenfalls einzureißen, dann ist der Weg zu Ornette Coleman und John Cage tatsächlich nicht weit. Musiker mit einem derart breit gefächerten Wissen laufen gerne Gefahr, es eklektisch wuchern zu lassen, man denke nur an den oft nervenden Cross­over eines Mike Patton. Auf seiner aktuellen CD »An Optimist Notes the Dusk« übt sich Grubbs dagegen in eindrucksvoller Selbstbeschränkung. Dieser Musik, die fast im Alleingang mit Gitarre eingespielt wurde und von lang anhaltenden Pausen durchsetzt ist, hört man zwar die Beschäftigung mit Free Jazz und Neuer Musik an, jedoch nicht im Sinne eines demonstrativ sperrig eingesetzten Avantgardismus. Die Musik besitzt durchaus Entertainer-Qualitäten: Hier möchte einer durchweg langweilige, standardisierte Musik vermeiden. Deshalb weiß man nie, welche Wendung die jeweilige Nummer in den nächsten Sekunden nehmen wird. Eine Eigenschaft, die sich Grubbs seit den Tagen von Squirrel Bait bewahrt hat.

Squirrel Bait: Squirrel Bait
Squirrel Bait: Skag Heaven
David Grubbs: An Optimist Notes the Dusk
Alle Drag City/Rough Trade