Loren Goldner im Gespräch über seine Erfahrungen bei der Ssangyong-Besetzung in Südkorea

»Und natürlich Molotowcocktails«

Loren Goldner wurde kürzlich Augenzeuge der militanten Besetzung der südkoreanischen Ssangyong-Fabrik in Pyeongtaek. Nach elf Wochen Besetzung und schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei wurde der Streik beendet. Mehr als hundert Menschen wurden verletzt, die Frau eines Gewerkschafters beging Selbstmord. Goldner ist Autor und Aktivist und lebt zurzeit in New York. Auf seiner Homepage berichtet er regelmäßig über Arbeitskämpfe und die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise. Die vergangenen vier Jahre lebte er hauptsächlich in Südkorea.

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Wie kam es dazu, dass Sie in die besetzte Ssang­yong-Fabrik in Pyeongtaek eingeladen wurden?

Ich habe die letzten vier Jahre vor allem in Korea verbracht, da ich ein Buch über die koreanische Arbeiterklasse schreibe. In dieser Zeit habe ich sehr viele militante Aktivisten kennen gelernt. Einer von ihnen war einer der Fabrikbesetzer.

Was haben Sie dort erlebt?

Am Nachmittag des 16. Juni besuchte ich die Fabrik. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits über drei Wochen besetzt. Mein Freund führte mich herum. Die Fabrik ist insgesamt etwa so groß wie zwei Fußballfelder und besteht aus vier Gebäuden. Es gab Schlaf- und Essbereiche, und es wurde gekocht. Die Besetzer wurden von ihren Familien und Partnern besucht, die auch Essen und Wasser vorbeibrachten. Im Großen und Ganzen wurde versucht, die Situation alltagsnah zu gestalten. Das ganze schien sehr festlich. Nach Beginn der Polizeiblockade, Mitte Juni, wurde allerdings niemand mehr auf das Gelände gelassen.
Nachdem mich mein Freund über die Hintergründe des Streiks aufgeklärt hatte, erzählte er mir, dass in einer Stunde eine Kundgebung stattfinden werde, bei der ich der erste Redner sein sollte. Und ich hatte eben erst die Fakten erfahren. Zum Glück dolmetschte mein Freund für mich. In einer solchen Situation eine Rede vor 1 000 Menschen zu halten, machte mich ein wenig nervös, aber natürlich fühlte ich mich auch geehrt. Ich hielt eine fünfminütige Rede über die Besetzung einer Visteon-Fabrik in Großbritannien und über die Situation der Autoindustrie in den USA. Ich wollte vor allem die Menschen ermutigen und meine Solidarität mit den Besetzern kundtun.

Nach Ihrem Besuch eskalierte die Situation, als die Polizei das Fabrikgelände räumen wollte. Was wissen Sie darüber?

Nach dem ersten Räumungsversuch der Polizei zogen sich die Besetzer in die Lackiererei zurück. Ein Arbeiter einer anderen Fabrik, der an den Demonstrationen vor dem Gebäude teilnahm, erzählte mir, das sei wie Krieg gewesen: Sobald die Polizei anrückte, errichteten die Besetzer brennende Barrikaden. Helikopter kreisten über dem Gebäude. Bei dem letzten Polizeieinsatz am 3. August seilten sich einige Beamte von Hubschraubern ab und versuchten, über das Dach in das Gebäude zu gelangen. Zudem setzten die Beamten über zwei Wochen lang regelmäßig Tränengas mit zugesetzten chemischen Substanzen ein. Der Lärm war unerträglich, so dass an Schlaf nicht mehr zu denken war. Brenzlich war auch die Tatsache, dass den Besetzern Lebensmittelzufuhr, Wasser und Strom verweigert wurde. Nachts benutzten sie Kerzen, obwohl sie von hochentzündlichen Stoffen umgeben waren. Um nicht zu verdursten, fingen sie Regenwasser auf. Die Polizei blockierte den Eingang zur Fabrik permanent.

Warum haben sich die Arbeiter ausgerechnet in der Lackiererei verschanzt, wo so viele brennbare Chemikalien lagern?

Da die Lacke durchgehend gekühlt werden müssen, dachten die Arbeiter zunächst, dass ihnen der Strom nicht abgestellt werden würde, was leider in den letzten Tagen der Besetzung nicht mehr der Fall war. Der Hauptgrund für die Wahl der Lackiererei als Aufenthaltsort war, dass die Polizei keine Tränengasgranaten einsetzen konnte. Sonst wäre es zur Explosion gekommen.

Wieso ist die Regierung mit Gewalt gegen die Demonstranten vorgegangen?

Bei diesem Streik hat die Gewerkschaft die illegalen Handlungen der Arbeiter unterstützt, was in Korea eigentlich nicht üblich ist. Das war neu. Nach den Protesten im Mai, die auf die Beerdigung des ehemaligen südkoreanischen Präsidenten Roh Moo Hyun folgten, will die Regierung zeigen, dass sie jede organisierte Opposition zerschlagen wird. Jeder Forderung nach Demokratie und der Beendigung der autoritären Politik der neuen Regierung soll Einhalt geboten werden. Ein Beispiel für diese autoritäre Politik ist das kürzlich verabschiedete Mediengesetz, das es den großen Medienkonzernen ermöglicht, eine Art Medienmonopol zu errichten. Einseitige Berichterstattung und Hetze öffnen die Tür für eine Offensive gegen Protestbewegungen.
Mittlerweile ist bekannt geworden, dass die Besetzer vom koreanischen Militärnachrichtendienst bespitzelt wurden, höchstwahrscheinlich von Anfang an. Das heißt, dass die Polizei, auch wenn sie in den ersten Wochen der Besetzung nicht präsent war, dennoch über alles Bescheid wusste. Das Abfilmen von Demonstrationen und Kundgebungen ist heutzutage in Südkorea üblich, dieses Vorgehen hingegen ist beängstigend.

Einige Arbeiter haben den Streik vorzeitig abgebrochen. Warum?

Die Arbeiter, die den Streik vorzeitig beendeten, waren geschockt von dem Vorgehen der Besetzer, es war ihnen zu brutal. Während des Räumungsversuchs benutzten die Besetzer Zwillen und, wie ich gehört habe, sogar ein Katapult. Und natürlich Molotowcocktails. Deshalb konnten sich die Streikbrecher nicht mehr vorstellen, in Zukunft mit diesen Leuten zusammen zu arbeiten. Sie dachten: »Jesus, diese Menschen benutzen Metallgegenstände, um auf uns zu schießen, wie soll ich in Zukunft mit ihnen umgehen?« Damit möchte ich nicht sagen, dass ich mit denen, die den Streik abgebrochen haben, sympathisiere, das ist nur der psychologische Hintergrund. Was die Besetzer allerdings sehr gestört hat, waren diejenigen, die gar nicht erst zur Besetzung kamen, sondern versuchten, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Diese gehörten zu jenen 5 000 Arbeitern, die im Gegensatz zu allen anderen keine Kündigung erhalten hatten.

Bekamen die Fabrikbesetzer Unterstützung aus der Gesellschaft?

Ja, allen voran von den örtlichen Gewerkschaftsfunktionären der Korean Metalworkers’ Union (KMWU). Diese standen voll und ganz hinter den Arbeitern und blieben bis zum Ende der Besetzung an der Seite der Arbeiter in der Lackiererei. Die höheren Funktionäre der KMWU hingegen hielten sich etwas im Hintergrund. Tausende Arbeiter anderer Unternehmen haben sich vor dem Fabrikgelände gesammelt und gegen die Polizei gekämpft. Viele Menschen haben versucht, die Arbeiter mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Es gab aber kaum Solidaritäts-Streiks in anderen Unternehmen. Allerdings kamen sehr viele Arbeiter extra nach Pyeongtaek, um die Besetzer zu verteidigen, und die Einheimischen haben regelmäßig demonstriert. Im 60 Kilometer entfernten Seoul fanden auch einige Kundgebungen statt. Nach einigen Veranstaltungen in Pyeongtaek selbst wurden die Teilnehmer auf Felder gejagt, verprügelt oder verhaftet. Die Korean Confederation of Trade Unions (KCTU) hat sich dagegen eher im Hintergrund gehalten.

Wie würden Sie die KCTU politisch einordnen?

Die KCTU ist ein eher konservativer Gewerkschafts­verband, dessen Mitglieder hauptsächlich festangestellte Arbeiter sind. Sie ist nicht militant. Das ist schon seit dem Ende der neunziger Jahre der Fall. Damals hatte die KCTU die radikal antikapitalistische KNTU (Korean National Trade Union Chonohyeop) ersetzt. Viele Mitglieder der radikalen KNTU, die es jetzt nicht mehr gibt, wurden damals wegen ihres militanten Auftretens verhaftet; andere mussten untertauchen. Die KCTU wurde dann 1995 als reformistische Alternative gegründet. Einige Mitglieder der heutigen KCTU sprechen sich für das nordkoreanische System aus, so wie es in Deutschland, etwa in der DKP, DDR-Sympathisanten gab.

In der Ssangyong-Fabrik gibt es Festangestellte und prekäre Arbeiter. Wie ist das Verhältnis zwischen denen mit fester Anstellung und denen ohne Festanstellung?

Bei Ssangyong bekommt ein permanent angestellter Arbeiter im Jahr 30 000 Dollar, aber für dieselbe Arbeit bekommt ein prekär angeheuerter nur 15 000 Dollar. Hinzu kommt, dass selbst die prekären Angestellten schon bis zu 20 Jahre in dem Betrieb arbeiten. Da die meisten Mitglieder des Gewerkschaftsverbands KCTU festangestellte Arbeitskräfte sind und sich der Verband auch auf die Mehrzahl seiner Mitglieder konzentriert, sind Spannungen unvermeidlich. Vor Ort habe ich davon jedoch nichts mitbekommen.

Ssangyong gehört zu 51 Prozent dem chinesischen Unternehmen Shanghai Automotive Industry Corporation. China ist sowohl Koreas größter Handelspartner als auch größter Konkurrent. Gab es nationalistische Strömungen in der Protestbewegung?

Sicherlich gab es am Rande auch Nationalisten, die der Meinung waren, dass der Konzern allein in koreanischer Hand bleiben sollte, aber das war lange Zeit vor dem Streik. Das chinesische Unternehmen hatte sich Ideen und Technologien angeeignet, die von der koreanischen Regierung gefördert wurden, und diese für eigene Projekte in China genutzt. Doch während der Besetzung war das, soweit ich weiß, kein Thema.

Was steht den Besetzern und der Gewerkschaft nach diesem elf Wochen langen Kampf bevor?

Leider müssen sowohl die Arbeiter als auch die Gewerkschaften einen hohen Preis zahlen. Momentan sind mindestens 66 Arbeiter in Untersuchungshaft und sie werden vermutlich sehr hohe Strafen auferlegt bekommen. Die Gewerkschaft wurde verklagt. Sie soll für die Betriebsverluste während des Streiks in Höhe von 50 Millionen Dollar aufkommen. Des Weiteren hat ein Unternehmen nach koreanischem Recht die Möglichkeit, einzelne Arbeiter auf Grund finanzieller Einbußen zu verklagen. In der Vergangenheit kam es vor, dass Arbeiter nicht nur ihren Job, sondern wirklich alles verloren haben: ihr Auto, ihre Wohnung, ihre Ersparnisse, einfach alles.

Wie ist die wirtschaftliche Lage Südkoreas ­derzeit?

Alle asiatischen Länder haben durch den Export einen Wirtschaftsboom erlebt. Aufgrund der Krise brach die Wirtschaft der USA im vergangenen Jahr stark ein. Da China in den vergangenen sechs Monaten auch wirtschaftliche Zugewinne erzielt hat, konnte sich Korea etwas erholen. Allerdings fürchten viele Arbeiter Südkoreas das so genannte Sandwich-Syndrom: Japan drückt von der einen Seite und China von der anderen. Die Konkurrenz macht ihnen zu schaffen. Wie es in Zukunft aussieht, hängt vor allem von den Entwicklungen der wichtigsten Handelspartner Koreas, den USA und Europa, ab.

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