Jungle World empfiehlt: Wählen Sie die Splitterparteien!

Immer auf die Kleinen

Die Jungle World versteht sich als Organ der Benachteiligten und Chancenlosen dieser Welt. Machen Sie die Kleinen groß, machen Sie die Splitterparteien ganz! Wählen Sie die PSG, die PBC, die RRP, die Violetten, die DKP oder die SPD!

Schluss mit dem Vergnügen!

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Der Reklamespot beginnt. Da steht ein grauschwarz gekleideter, gescheitelter Mann vor einem in kaltes, aseptisches Fernsehnachrichtenblau getauchten Hintergrund. Er spricht ernst, schüttelt den Kopf. Seine Mimik ist vorwurfsvoll. Er sagt »Rezession«, »Arbeit«, »Krise« und andere Worte, die sofort Tristesse erzeugen. Hier werde ich nicht belogen. Hier herrscht die angenehme Nüchternheit, Schmucklosigkeit und Übellaunigkeit, die man von deutschen Amtszimmern und Krankenhausfluren kennt. Hier erklingt die Stimme der Wahrheit. Keine Heile-Welt-Propaganda, keine grinsenden Hausmütterchen, keine sommersprossigen Kinder, keine niedlichen Haustiere, keine rührselige Schmierseifenmusik, kein anderer Scheißdreck. Dann endlich der Parteivorsitzende: auch er ein ernster, grauer Mann, mit mausgrauem Jackett bekleidet. Er spricht, dem Sound Dutschkes täuschend echt nachempfunden, ein schneidig hervorgebelltes Politkauderwelsch: »Arbeiter«, »kämpfen«, »Mobilisierung«. Der Mann gefällt mir außerordentlich. Er wirkt streng, asketisch, unnachgiebig, unbarmherzig, immun gegen die Zumutungen einer heruntergekommenen Spaßgesellschaft. Er erinnert mich an Leo Naphta aus Thomas Manns Roman »Der Zauberberg«. Seine Trotzkisten kämpfen gegen die Bösen: gegen den Kapitalismus, gegen die Stalinos, gegen die, die »am Rockzipfel der SPD hängen«. Ich wähle am Sonntag die Partei für Soziale Gleichheit, Sektion der Vierten Internationale (PSG) und hoffe inständig, dass sie an die Macht kommen wird. Damit endlich Schluss gemacht wird mit dem Vergnügen, mit der Albernheit, mit allem bunten, leeren Tand, allem geckenhaften, geistlosen Treiben und allem redundanten Gequatsche. Ja, ich werde Deutschland bestrafen.

Thomas Blum

 

Heterosexualität ist heilbar

Sehet hin, zur Wahl finden sich auch jene, die den Reichtum des Herren schaun. Drum gehet hin und wählet Politik nach biblischen Maßstäben. Wählt die Partei Bibel­treuer Christen (PBC)! Denn in der Bibel, da heißt es: Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist. Drum erhebet das Glas und preiset das erste Wunder des Herrn. Der Herr sprach: »Füllt die Wasserkrüge mit Wasser«, und das Wasser ward zu Wein. So tat Jesus das erste seiner Wunderzeichen, in Kana in Galiläa. So wählet, dass das Land den herrlichen Reichtum des Herrn schaue. »Mein Blut, mein Leib für euch gegeben«, sagt der Herr, drum frohlocket – welch Wahlprogramm schöner als jenes! Deine Liebe ist lieblicher als Wein, es riechen deine Salben köstlich; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Mädchen. Und mein Freund ist mir ein Büschel Myrrhen, das zwischen meinen Brüsten hängt. Und siehe, meine Freundin, du bist schön! Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die herabsteigen vom Gebirge Gilead. Deine zwei Brüste sind wie zwei junge Reh­zwillinge, die unter den Rosen weiden. Esst, meine Freunde, und trinkt und werdet trunken vor Liebe, denn Homosexualität ist heilbar! Und Heterosexualität ist es ja auch! Und ob ich schon allein wanderte, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Und sehet da: Ich habe mein Kleid ausgezogen – wie soll ich es wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie und warum sollte ich sie wieder schmutzig machen? Sehet, ihr Leistungsträger, ihr Pharisäer, sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht. und euer himmlischer Vater nähret sie doch!

Sabine Sievers

 

Mit dem Alter kommt die Weisheit

Sie sind jung, dynamisch und arbeitsuchend? Dann sollten Sie die Rentnerinnen und Rentner Partei (RRP) wählen. Wie die betagten Damen und Herren in ihrem Wahlwerbespot beweisen, sind sie mit ihrer »Lebenserfahrung noch lange nicht von gestern«. Die Rentnerinnen haben es immer noch drauf: Sie rasen auf dem Rennrad über die Landstraße, schweben mit einem wissenden Lächeln auf Selbstbalance-Rollern durch die Gegend und bezwingen jede Wanderroute ohne auffälliges Ächzen. Damit der Generationenvertrag trotz des demografischen Wandels Bestand hat, will sich die Partei dafür einsetzten, dass die Jugend besser gefördert wird. Kinder sollen schon mit vier Jahren verpflichtet werden, den Kindergarten zu besuchen, und werden somit bestens auf die Schulzeit vorbereitet. Dann heißt es Eliten rekrutieren und Arbeitsplätze schaffen. Sie selbst wollen ab 65 Jahren ganz gelassen 1 000 Euro Mindestrente kassieren. Wer jetzt noch nicht überzeugt von der Lebenserfahrung dieser Partei ist, dem sei Folgendes gesagt: Die Rentnerinnen und Rentner haben festgestellt, dass »längere Arbeitszeiten« sich »positiv auf die Rentenhöhe« auswirken. Das bedeutet im Klartext: arbeiten bis der Arzt kommt, in Frührente gehen und dann das Leben auf dem schicken Roller genießen. Wie die Dame in dem Spot so schön sagt: »Wenn Sie uns Ihre Stimme geben, ändern wir, was geändert werden muss.« Wählen Sie unser aller Zukunft, wählen Sie die gender-sensible Rentnerinnen und Rentner Partei!

Lisa Thiele

 

Violette Aussichten

Das Leben, das uns »Die Violetten – für spirituelle Politik« versprechen, wird ein schönes Leben, voller Liebe, Toleranz und Verantwortung. Der Mensch ist nämlich ein von Gott geformtes, durch und durch gutes Wesen. Wir müssen zwar noch auf den richtigen Weg gebracht werden, aber die Violetten weisen uns, völlig selbstlos, den Pfad. Dabei bietet die Partei wirkliche Alternativen an. Straftäter werden durch Meditationsübungen zur Bewusstseinsentwicklung angeregt und engagieren sich dadurch zukünftig nur noch zum Wohl allen Seins. Voilà! Das sind doch rosige, äh, violette Aussichten, wenn aus den Knästen ein ruhig geatmetes Ommmm durch die Lüfte weht. Außerdem kommen alle Soldaten nach Hause, das Zinssystem wird grundlegend geändert, die Bodenpreise reduziert, die Tiere gerettet, die Energiemedizin akzeptiert und durch unser immer höher fliegendes Bewusstsein automatisch Frieden geschaffen. Die »Violetten« haben die lange gesuchte Weltformel entdeckt und teilen sie freundlich mit allen. Unsere Spiritualität schenkt uns letztlich auch noch vollkommene Gesundheit. Die tragen wir alle in uns, wir müssen sie nur zulassen. Das alles kann man doch nicht ablehnen. Die Welt kann so schön einfach sein, wenn man sie von der richtigen – violetten – Warte aus betrachtet! Außerdem sind die Violetten die vermutlich einzige Partei, die ihr komplettes Wahlprogramm in einem einzigen Lied unterbringt. Gesungen von Frauen mit Gitarren, die allen anderen, die wie sie nicht besonders gut singen können, das Gefühl geben: Das kann ich auch! Mehr kann man von einer Partei wirklich nicht verlangen.

Sarah Schmidt

 

Warum ich DKP wähle

Ich wähle die Deutsche Kommunistische Partei. Und hier sind meine Gründe: 1. Ich wähle DKP, weil ich sie nicht kenne. Die ungefähre Ahnung, die ich von ihrem Programm und Personal habe, ist mir mehr als genug. Je weniger ich um ihre Existenz weiß, umso überzeugter kann ich für ihre Essenz stimmen. 2. Ich wähle DKP, weil ich Enttäuschungen hasse. Die Kandidaten dieser Partei werden gottlob niemals in die Gelegenheit kommen, mich durch Inkompetenz oder Inkonsequenz zu bekümmern. 3. Ich wähle DKP, weil ich Mitgefühl empfinde. Mit geringem Aufwand kann ich so pars pro toto Menschen meine Reverenz erweisen, die mir in politischen Belangen zweierlei voraus haben: Zuversicht und Hingabe. 4. Ich wähle DKP, weil ich melancholisch bin. Erzählt nicht bereits die Anschrift der Parteizen­trale – Hoffnung­straße 18, 45127 Essen – von allen Höhen und Tiefen der kommunistischen Bewegung? 5. Ich wähle DKP, weil ich launisch bin. Die DKP bedient am ehesten mein widersprüchliches Gemüt: morgens weltoffen und progressiv, mittags empathisch und reformistisch, abends sektiererisch und revolutionär, nachts engstirnig und konservativ. Und manchmal verschlafen und reaktionär, den ganzen langen Tag. 6. Ich wähle DKP, weil ich wähle. Mit Leuten, die das Parlament für eine »Schwatzbude« halten, will ich nicht einmal eine gemeinsame statistische Einheit bilden. 7. Ich wähle DKP, weil ich eitel bin. Mir gefällt es, meine Stimme wiederzuerkennen. Das Ideal ist erreicht, wenn die Partei allein meinetwegen ihr Ergebnis in meinem Wahlbezirk um hundert Prozent steigern kann. 8. Ich wähle DKP aus Erwägungen, die unvernünftig und romantisch sein mögen. Aber ich glaube, dass – ­jenseits von Gelehrtentum, Gulag und Gesamtschule – hierin der Zauber des Kommunismus liegt: eine Idee, ­deren Aussichtslosigkeit nur von ihrer Vagheit und deren Größe nur von ihrer Tragik übertroffen wird.

Melis Vardar

 

Proletarier, wo seid ihr?

Eine Montage aus der Presse der vergangenen Legislaturperiode. Der SPD laufen die Wähler weg. Nicht nur die Wähler laufen der SPD weg – die Partei hat sich längst von sich selbst verabschiedet. Da ist die Entkopplung der SPD von der Arbeiterklasse. Der SPD rutscht der organisatorische Unterbau weg. Schwer wiegt der Sinnverlust unter den Sozial­demokraten. Diese Gewissheit und Übereinstimmung von Ort, Subjekt und Ziel existiert nicht mehr. Der SPD mangelt es an Autoritäten, die Partei schämt sich für alles, was sie macht. Die SPD als Volkspartei gibt es nicht mehr. Nein, eine Volkspartei ist die SPD schon seit Jahren nicht mehr. Übrigens: Sie wird es auch nicht mehr werden. Die SPD ist dabei, zu einer kleinen Partei zu werden. Im Grunde geht es der Partei wie Opel. Es geht abwärts mit der SPD. Es geht nur noch abwärts. Schwungvoll abwärts. Die SPD zerlegt sich weiter selbst. Mit der SPD geht es bergab. Kann es mit der SPD noch weiter bergab gehen? Es kann wirklich noch weiter bergab gehen. Die SPD blutet aus. Die SPD schmilzt wie ein riesiger Eisberg in der Antarktis. Stück für Stück bricht ein Brocken heraus. Wenn in einem Hohlkörper der Innendruck niedriger ist als der Außendruck, kommt es zur Implosion: Das Objekt wird von den äußeren Kräften zerdrückt und fällt in sich zusammen. Das ist die Gefahr, die dem Hohlkörper SPD droht. Die SPD kann einem leidtun. Der Zustand der SPD ist zum Gotterbarmen. Proletarier aller Länder – wo seid ihr? Die Arbeit an der Zukunft der SPD beginnt am 28. September.

Regina Stötzel