Alle Hirne stehen still

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Man kann die Bourgeoisie derzeit nur beneiden. Wer solche Feinde hat, braucht keine Freunde mehr. Als radikalstes Manifest der Linken gilt das Pamphlet einiger französischer Stadtflüchtlinge, die einen linken Survivalism propagieren. Bei ihrem angeblich »kommenden Aufstand« (siehe Dschungel-Seite 16–23) soll ausgerechnet »die technische Infrastruktur der Metropole« angegriffen werden. Man will wissen, wie »ein Stromnetz unbrauchbar gemacht« und »die Flimmerkiste wieder zum Rauschen gebracht« wird. Also, liebes Unsichtbares Komitee: Wenn ich einen von euch bei mir in Neukölln erwische, wie er an den Kabeln herumfummelt, gibt’s was hinter die Löffel. Ich halte es nämlich mit Jerry ­Rubin: »Jeder Revolutionär braucht einen Farbfernseher.« Und mit Eldridge Cleaver von der Black Panther Party: »Wir wollen die bestmöglichen Lebensbedingungen, den bestmöglichen Lebensstandard erzeugen, den Techno­logie und menschliche Erkenntnis zur Verfügung stellen können. Das ist die Sehnsucht der revolutionären Bewegung«. Und nicht, seine Kartoffeln wieder selbst anzubauen. Die Sabotage der Infrastruktur können wir getrost der Bourgeoisie und ihren Bürokraten überlassen, die erledigen das viel effizienter: Alle Räder stehen still, weil Bahn-Chef Gruber sparen will. Wenn etwa Lenin, der bekanntlich mit einem deutschen Sonderzug zur Revolu­tion anreiste, die Fahrt heute antreten müsste, würde er garantiert zu spät ankommen. Immerhin käme er dann wohl nicht auf die Idee, ausgerechnet einen deutschen Staatskonzern zum Vorbild für die Arbeitsorganisation zu erklären.
Gesine Lötzsch könnte sich nach dem Lösen der Bahnsteigkarte vermutlich nicht entscheiden, welchen Zug sie nehmen soll. Schließlich gibt es »sehr viele unterschied­liche Wege« zum Kommunismus. Die muss man »ausprobieren, ob in der Opposition oder in der Regierung«. Lieber natürlich in der Regierung, doch erntet Lötzsch nur Undank, obwohl sie sich unermüdlich der von Gregor Gysi dem US-Botschafter Philip Murphy erläuterten Aufgabe widmet, mit scheinbar radikalen Sprüchen die Linken in der »Linken« in der Illusion zu bestärken, sie seien unter Linken. Nebenbei integriert Lötzsch posthum noch Rosa Luxemburg. Die wollte sich »hineinpressen in den bürgerlichen Staat«, zitiert Lötzsch, doch verstand man 1918 darunter nicht, sich in ein Kabinett zu drängeln. Vielmehr ging es darum, »Schritt um Schritt« die »Machtmittel des Staates, die der Bourgeoisie Stück um Stück entrissen werden müssen, den Arbeiter- und Soldatenräten zu übertragen«. Statt Arbeiter- und Soldaten­räten gibt es nun Lötzsch, die sich um die »schnelle energetische Sanierung des Wohnungs- und Gebäudebestandes« und den »Ausbau qualifizierter Dienstleistungen« verdient machen will. Da erzittert die Bourgeoisie vor Angst. Aber immerhin will Lötzsch mir nicht den Fernseher abstellen.