Appell zum Sterben

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»Ungemein berührt« ist Kirsten Liese, Rezensentin der Verdi-Mitgliederzeitung Publik, von »Liebe«, dem neuen Film von Michael Haneke. In ihm leistet ein alter Mann seiner alten Frau, die nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt im Rollstuhl sitzt und pflegebedürftig ist, auf Wunsch aktive Sterbehilfe, beziehungsweise einen »Liebesdienst«, der sie »von ihrem Leiden erlöst«. Die Gefühlsaufwallung der Rezensentin ist groß. »Man atmet tief durch«, schreibt sie über die Todesszene. »Aber so schlimm ist es gar nicht, sondern ungemein befreiend.« Es steht Liese frei, sich durch den Filmtod alter Menschen kathartische Momente zu verschaffen. »Doch so schlecht, wie es um die Akzeptanz von aktiver Sterbehilfe noch immer bestellt ist«, versteht sie den Film offenbar als Handlungsanleitung. »Den möchte man sehen, der dem Leben noch etwas abtrotzen will«, wenn er wie die Filmfigur »gewindelt, gewaschen und gefüttert werden muss, nur noch stammeln – und nichts mehr Erbauliches tun kann«, schreibt sie. Sie hätte Menschen besuchen können, die in einer solchen Lage dennoch leben wollen. Es hätte aber wahrscheinlich nichts geändert: Die Hauptfigur trinkt aus der Schnabeltasse, ein »menschenunwürdiges Dasein«! Das sehen in einer Gesellschaft, in der unablässig von der »demographischen Katastrophe« oder auch mal von der »Rentnerschwemme« die Rede ist, viele ähnlich, und nicht nur bei Filmfiguren. Dass man, trotz menschenfreundlich und hilfsbereit vorgetragener Appelle zum Sterben, vielleicht doch nicht aufgeben möchte, dürfte manchen erst dämmern, wenn sie selbst betroffen sind. Das kann schnell gehen, wie sich an Liese selbst zeigt: Selbst eine Windel fürs Oberstübchen könnte ihren triefenden Ekel vor der Gebrechlichkeit nicht zurückhalten, ihre Schwulstschreibe ist schlimmer als Gestammel, von Erbaulichem keine Spur. Als Journalistin ist sie dennoch gut aufgehoben. Wäre sie Altenpflegerin, müsste man sich Sorgen machen.