Grauschleier über der Stadt

Berlin Beatet Bestes. Folge 162. Blank Pages: Blind Faith (2012).

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Ich hetze in den Punkplattenladen. Nicht um Platten zu kaufen, sondern weil ich dort letzte Woche den Entwurf zu meinem Comic-Strip vergessen habe. Zum Glück liegt er noch da, und Ladeninhaber Iffi drückt ihn mir auch gleich in die Hand. Fahrig krame ich noch kurz in der Kiste mit den Neuerscheinungen, lasse es dann aber, denn ich habe keine Zeit, um mir etwas anzuhören. Dennoch will ich nicht ganz mit leeren Händen aus einem Schallplattengeschäft gehen, das fühlt sich irgendwie seltsam an.
Also frage ich Iffi, ob es was Neues gibt. Zielgerichtet zieht er aus derselben Kiste, in die ich eben noch geguckt habe, die Single der Blank Pages. Die Platte war mir nicht ins Auge gefallen. »Ganz neu … im August erschienen … sind aus Berlin«, sagt er noch und schon ist meine Kaufentscheidung getroffen. Singles aus Berlin kaufe ich aus Prinzip, egal, was für Musik darauf zu hören ist. Ich zahle 4,50 Euro und radle nach Hause.
Als ich die Scheibe auf den Plattenteller lege, erwarte ich Hardcore, sie ist schießlich auf dem dafür bekannten Hardware Records Label aus Münster erschienen. Dann die Überaschung: treibendes Schlagzeug, fette Gitarren, Melodien, Pop, Punk – geil! Das ist ja völlig mitreißend, ich muss mal den Kopfhörer aufsetzten: »So cold and empty/so devoid of meaning and without a cause/is what they tell you, your life is like/They want to make you believe/the same superstitions and fairytales/they sold themselves out to.«
Was ich immer denke! Mein Leben ist nicht ohne Bedeutung, nur weil ich keiner festgefahrenen Ideologie anhänge.
»Complete denial/and no concept of reality/I call it blind faith/you call it ideology.«
Voll ins Schwarze! Nieder mit den Ismen. Ideologie ist Mist. Diese Punks wissen Bescheid!
»If there’s only one pattern/only black and white and never grey/you never know what you really see/If there’s only one choice/only one solution and only one way/then you’re not thinking for yourself/you obey.«
Es gibt nie nur eine Lösung. Richtige Schlussfolgerung: Folgt nicht, macht euch eure eigenen Gedanken. Wie cool, wann kommt so ein Punk-Hit noch zusammen mit einem so tollen Text? In Berlin selten.
Der einzige Schwachpunkt dieser Platte ist das Cover. Es ist mir einfach nicht aufgefallen. Es ist toll, wenn es im Text um die Graustufen geht, die es in jeder Lebenslage gibt. Aber muss denn auch das Cover grau sein? Ein unscharfes Foto von einem Bahnsteig und ein bisschen Miniaturtypo. Geht’s noch öder? Ich hoffe nicht, dass es ein subversiver Marketingtrick ist, um die Platte nur unter sehr coolen Leuten zirkulieren zu lassen, denn diese Songs haben es verdient, von sehr vielen Leuten gehört zu werden. Vielleicht ist es aber auch ganz gut so, denn sicher wird auch mein euphorischer Text viele Leute eher abschrecken. Man will Sachen selber entdecken. Das langweilige Cover wird vielleicht noch oft dazu beitragen, dass irgendjemand diese Platte für sich entdeckt.