Israel während des Gaza-Konflikts. Erster Teil eines Berichts

Ruhe im Sturm

Trotz der anhaltenden Bedrohung ist die Stimmung in Israel gelassen. In der Regierung tobt allerdings ein heftiger Streit. Erster Teil eines Berichts aus Israel.

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Im Flugzeug nach Tel Aviv las ich im Wiener Kurier ein Interview mit dem Modephilosophen Richard David Precht: »Israel will nun die Gunst der Stunde nutzen, um die Hamas so nachhaltig zu schä­digen, dass sie längerfristig keine Gefahr mehr darstellt. Israel bedient sich bei diesem Krieg aber Mitteln, die wir deutlich verurteilen müssen. Deutschland hat in seiner Geschichte Russland zwei Mal überfallen und allein im Zweiten Weltkrieg etwa 30 Millionen Russen ermordet. Bei Russlands Politik schlagen wir heute sofort scharfe Töne an. Die fürchterliche Ermordung von sechs Millionen Juden verpflichtet uns dagegen, bei Israels Krieg gegen die Palästinenser sehr moderat zu bleiben. Diese Logik überzeugt mich nicht!«
Prechts Behauptung, die Kritik an Israel sei in Deutschland wegen des Holocaust »moderat«, hat nichts mit der Realität zu tun. Gerade viele Deutsche behaupten, die Israelis hätten aus dem Holocaust nichts gelernt und der jüdische Staat müsse, wenn er angegriffen wird, verhandeln und die zweite Wange hinhalten.
Es war die Hamas, die den Konflikt mit Israel provoziert hat, indem sie im Juni drei jüdische Jugendliche bei Hebron ermorden ließ. Das wurde von vielen Medien, die gewohnt sind, die Verantwortung der Hamas herunterzuspielen, bezweifelt. Doch der Vertreter der Hamas in der Türkei hat sich bei einer Konferenz islamischer Wissenschaftler in Istanbul am 20. August mit der Schandtat gebrüstet.

Am Flughafen Ben Gurion fallen die Hinweisschilder für den kürzesten Weg zum nächsten Luftschutzraum auf, die Grenzkontrolle ist äußerst schnell. Man merkt, dass es weniger Touristen gibt, die meisten Reisenden sind Israelis. Vor der Bahnhofskasse steht eine lange Schlange Israelis, die meisten sind soeben aus dem Ausland angekommen. In Friedenszeiten habe ich da öfters Nervosität und Streit erlebt. Doch diesmal beobachte ich während der fünf Tage, die ich im Land verbrachte, nichts dergleichen.
Die Fahrt im kühlen Zug nach Herzliya, einer großen Stadt nördlich von Tel Aviv, dauert mit umsteigen nur 40 Minuten. Auch in dieser Stadt ist nichts vom Krieg zu bemerken, obwohl hier im freien Feld schon Raketen eingeschlagen sind. Auffallend sind die Tafeln mit Bildern von Soldatinnen und Soldaten und der Aufschrift »Wir umarmen euch, seid willkommen in unserer Stadt.«

In der israelischen Politik geht es weniger harmonisch zu. Während einer im Fernsehen ausgestrahlten Pressekonferenz von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu wirkt dieser, stehend eine vorbereitete Erklärung lesend, noch ganz wie ein gelassener älterer Staatsmann. Doch als er sich hinsetzt, um die Fragen der Journalisten zu beantworten, verliert er die Fassung. Zuvor hatten ihn seine beiden weiter rechts stehenden Koalitionspartner, Außenminister Avigdor Lieberman und Wirtschaftsminister Naftali Bennett, öffentlich kritisiert, weil er bereit war, mit der Hamas indirekt zu verhandeln.
Netanyahu nennt die beiden nicht beim Namen, aber alle wissen, über wen er spricht: »Sie werfen mit Schlagwörtern um sich, geben hohle Sprüche von sich, ich habe ihnen kein vertrauliches Material gegeben, weil ich eine Indiskretion befürchte.« Man merkt, Netanyahu steht unter großem Druck, er kann diese beiden nicht entlassen, denn dann würde er die Mehrheit in der Knesset verlieren. Netanyahu behauptet, er habe als Oppositionsführer die Regierung während ­eines Konflikts immer loyal unterstützt. Doch im Februar 2009, kurze Zeit nach der Aktion »Gegossenes Blei« im Gaza-Streifen, sagte der damalige Oppositionsführer: »Tzipi Livni und die Kadima-Regierung haben das Militär gestoppt, bevor die Arbeit beendet wurde. Wir werden die Arbeit abschließen, wir werden die Terrorherrschaft der Hamas beenden.« An dieses Versprechen will er nicht mehr erinnert werden.
Manche glauben, Netanyahu könnte dem Beispiel Ariel Sharons folgen und eine politische Wende herbeiführen, doch darauf besteht nicht viel Hoffnung. Er möchte lediglich den Status quo aufrechterhalten und das wird ihm nicht nur von den Rechten, sondern auch von der linken Partei Meretz übelgenommen, der es bei den letzten Wahlen gelungen ist, die Zahl ihrer Abgeordneten von drei auf sechs zu verdoppeln. Netanyahu erklärte vor Beginn der israelischen Operation, er wolle nicht das System der Hamas ändern, und versprach »Ruhe für Ruhe«. Doch die Hamas gibt keine Ruhe, am Freitag voriger Woche tötete eine Mörsergranate einen Vierjährigen. Noch immer weiß man im Süden Israels nicht, ob im September die Schulen wieder öffnen können, weil nicht alle Schulen über Schutzräume verfügen.
Detailliert zeigen die israelischen Fernsehanstalten, wie die israelische Luftwaffe vorgeht. Zuerst wird das Ziel mit einem Kreuz markiert, dann wird eine Bombe abgeworfen und das Hochhaus, in dem Mohammed Deif, der Kommandant des militärischen Flügels der Hamas, seine junge Frau treffen wollte, ist nicht mehr da. Ein Hamas-Sprecher behauptete, Deif lebe noch und werde eine arabische Armee nach Jerusalem führen, um das ganze Land vom »Schmutz« (den Juden) zu befreien. Ein anderer, mit Palästinensertuch verhüllter Mann in martialischer Pose mit Maschinenpistole sagt, die Hamas werde am nächsten Tag um sechs Uhr in der Früh den Tel Aviver Flughafen stilllegen, und bittet die ausländischen Fluglinien, nicht mehr hinzufliegen.

Diese Prahlerei amüsiert viele Israelis. Innerhalb des militärischen Flügels der Hamas gibt es offenbar Personen, die mit Israel zusammenarbeiten, anders ist nicht zu erklären, wieso der israelische Nachrichtendienst sofort wusste, wann sich militärische Führer aus den Bunkern wagen. Binnen weniger Minuten werden die Luftwaffe und die politische Instanz informiert, die entscheidet, ob ein Angriff stattfindet.
Die Hamas meldete stolz, 18 israelische »Spione« ohne gerichtliches Urteil an die Wand gestellt und erschossen zu haben. Früher hat die Hamas noch ihren »Justizapparat« bemüht. Ihre Mitglieder warnen nun oft genug unliebsame Personen und schießen ihnen ins Knie. Es mutet wie absurdes Theater an, wenn die Hamas und die Palästinensische Autonomiebehörde unisono erklären, sie möchten Israel vor einem internati­onalen Kriegsverbrechertribunal anklagen.
Die Hamas hat bislang jeden vereinbarten Waffenstillstand gebrochen, ein Ende des Konflikts ist nicht absehbar. Am Wochenende wurde Israel auch aus dem Libanon und Syrien mit Raketen angegriffen. Das Abwehrsystem Iron Dome ist effektiv, kann aber nicht alle Geschosse abfangen. Trotz der Bedrohung trafen in den vergangenen Wochen Tausende Einwanderer ein.
Warum suchen gerade jetzt so viele Jüdinnen und Juden hier Zuflucht? Am Freitag erscheint die Gratiszeitung Israel hajom mit einer Shabat-Beilage, diesmal macht die Titelgeschichte »Klare und akute Gefahr« auf die Lage in Europa aufmerksam: »75 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs setzen sich die Juden Europas mit einem Anstieg der Zahl antisemitischer Vorfälle um mehrere hundert Prozent auseinander.« In dem siebenseitigen Artikel wird die Lage in verschiedenen Ländern geschildert. Zum Beispiel die Geschichte des 18jährigen J. D. aus Berlin, der zur Synagoge ging und plötzlich einen Schlag auf den Kopf erhielt. Ein Mann, der in einem Restaurant saß, hatte die Kippa des Jugendlichen gesehen. Das genügte ihm. Der Vater des Angegriffenen, ein Rabbiner, wies seine Söhne an, in der Öffentlichkeit die Kippa und die Gebetsquasten zu verbergen.