Der verstörende Single-Mom-Horrorstreifen »Babadook«

Es wird dich finden

In ihrem Regiedebüt »Der Babadook« überführt Jennifer Kent die Leiden einer alleinerziehenden Mutter in einen Horrorfilm.

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Das Buch will ich auch haben! Der Gedanke kommt sofort auf, als das Kinderbuch »Der Babadook« zum ersten Mal auf der Leinwand erscheint. Liebevoll aufgemacht und mit expressiven, düsteren Zeichnungen versehen, verspricht die Gestaltung des Pop-up-Buchs schaurig-schönes Gruseln. Doch dabei bleibt es nicht: Der im Buch hausende Babadook ist ein Dämon, der auch als zähnefletschender und krallenbewährter Butzemann mit Zylinder auftritt und Kinder in Stücke reißt. Nicht ohne Grund also ist der Titel ein Anagramm von »a bad book«. Ein böses Buch? Ja, das passt. Rasch ist man als Zuschauer des Horrorfilms ziemlich froh, dass das Buch unbedingt im Haushalt von Amelia und ihrem Sohn bleiben will.
Fast sieben Jahre nach dem Tod ihres Ehemanns ringt die Alleinerziehende Amelia (Essie Davis) noch immer mit dem Verlust. Zugleich hat sie mit ihrem sechsjährigem Sohn Samuel (Noah Wiseman) zu kämpfen, der verstockt und eigensinnig ist. Lieben kann Amelia ihn nicht, denn ihr geliebter Mann starb bei einem Unfall, als er die Hochschwangere ins Krankenhaus fuhr. Als Samuels siebter Geburtstag bevorsteht, wird er in seinen Träumen plötzlich von einem Monster heimgesucht, das aus dem Nichts als Kinderbuch in sein Leben getreten war und droht, ihn und seine Mutter zu töten. Samuel dreht durch, wird beim Versuch, beide zu retten, gewalttätig und drangsaliert Mitschüler mit selbstgebauten Waffen. Weil kein Arzt helfen kann, stellt Amelia ihn mit Tabletten ruhig. Doch schleicht sich der Babadook in ihr Bewusstsein und sie ahnt, dass an Samuels Warnungen etwas dran sein könnte. Alle Versuche, das Buch und damit den Dämon zu zerstören, misslingen, die Polizei will nicht eingreifen, die Paranoia verschlimmert sich.
Mit ihrem Regiedebüt hat die Australierin Jennifer Kent die Messlatte hoch gelegt. Die ehemalige Schauspielerin, die als Lars von Triers Assistentin an »Dogville« (2003) mitgearbeitet hat, legt mit »Der Babadook« psychologischen Horror in Reinform vor. Kent macht sich nicht die Mühe, einen verrätselten Plot zu entwickeln. Hier nimmt das Unbegreifbare schnell Form an, was den Film nicht eben harmloser macht.
Wovon werden Amelia und ihr Sohn heimgesucht? Was personifiziert sich im Wesen des Babadook? Man fühlt sich an den Dibbuk erinnert, einen Dämon aus der jüdischen Mythologie, der sich im Körper der Menschen einnistet, sie mit anderen Zungen sprechen lässt, Geisteskrankheiten verursacht und sie in den Wahnsinn treibt. Solche Symptome zeigt Amelia, wenn sie Samuel unflätig anherrscht, Nächte lang wach ist und ihrer Umwelt immer manischer erscheint. Ihr Dibbuk ist die nie überwundene Trauer um den Mann, zugleich aber auch das Leiden an der Unfähigkeit zu lieben, der Einsamkeit und der Sinnlosigkeit des Alltags. Auf diese Weise erhält der Film einen Dreh: Aus der klassischen Geschichte über den schwarzen Mann aus dem Kleiderschrank, der sich als kindliches Hirngespinst entpuppen könnte, entwickelt sich ein realer Horror der Gegenwart.
Darin liegt die Stärke des Films. Im Gegensatz etwa zum literarischen Altmeister H. P. Lovecraft, der die Welt traditioneller Gespenstergeschichten durch die Einführung extraterrestrischer Monster sprengte, siedelt Kent den Schrecken im vermeintlich harmlosen Allerweltsleben an. Das Grauen bricht hier nicht als Ausnahmesituation ins Leben herein, der Alltag selbst wird zum unbeherrschbaren Ausnahmezustand. Die Botschaft ist klar: Amelia ist eine Durchschnittsperson, die nicht viel tun muss, um vom Entsetzen gepackt zu werden. Es ist nicht notwendig, wie etwa in »The Descent – Abgrund des Grauens« (2005) in eine Höhle hinabzusteigen – der Horror kriegt einen so oder so.
Verfolgt wird Amelia von den gängigen Abstiegsängsten. Die Boshaftigkeit der Heimsuchung wächst, während Amelia Probleme an ihrem Arbeitsplatz als Altenpflegerin bekommt. Die Szenen mit Demenzpatienten tun ein Übriges, um die Atmosphäre trist zu halten.
Hier rumoren Überforderung und Erschöpfung sowie die Gefahr, allzeit aus der Bahn geworfen zu werden. Wenn der Dämon letztlich anscheinend mit Regenwurmopfern beschwichtigt wird, kann man das mysteriös oder albern finden – oder es als ein Zeichen deuten, dass die eigene Hilflosigkeit anerkannt wird. Die Gestrauchelte nimmt die Verhältnisse hin und ergibt sich ihrem Schicksal. Damit zeigt sich »Der Babadook« als ansehnliche Übersetzung der Leiden einer Alleinerziehenden und ihres Sohnes in einen Horrorfilm. Gut, Noah Wiseman ist als Samuel in etwa so pausbäckig wie einst Macaulay Culkin in »Kevin – Allein zu Haus« (1990). Aber »Der Babadook« kann mit seiner Kinderdarstellung auch als Parodie solcher Bälgerstreifen gesehen werden. Entscheidend ist letztlich die darstellerische Kraft von Essie Davis. Sie spielt Amelia fabelhaft und sorgt dafür, dass ihre inneren Kämpfe sich glaubhaft physisch manifestieren: Ihr Leiden ist an jeder Geste, jedem Blick ablesbar.
Natürlich ist das Thema Besessenheit nichts Neues im Horrorkino. Kents Clou ist die Verlagerung der Kampfzone. Während Ole Bornedals »Possession – Das Dunkle in dir« (2012) aufgrund zu konventioneller Mittel mäßig ausfällt, kann Kent an die Intensität von »Der Exorzist« (1973) anknüpfen. In William Friedkins Klassiker nimmt ein orientalischer Dämon Besitz von einem kleinen Mädchen, das sich dadurch auch äußerlich verändert. In »Der Babadook« ist das Leiden der Mutter zwar offensichtlich – es könnte sich aber auch lediglich um die Nöte einer überarbeiteten Alleinstehenden handeln, die ihren Alltag nicht mehr bewältigen kann. Wie in Stanley Kubricks Meisterwerk »Shining« (1980) verwischt die Grenze zwischen dem Terror der gesellschaftlichen Wirklichkeit und dem der Einbildung.
Schnitt und Fotografie sind überzeugend, immer wieder überwältigt »Der Babadook« mit kargen Bildern und selbst die Animation des Pop-up-Monsters ist hübsch gemein ausgefallen. Verglichen mit »Der Exorzist«, der bisweilen plump und effekthascherisch zu Werke geht, kommen die Einschläge hier subtiler daher. Das macht den Film »Der Babadook« so fies: Kent hat auf die genretypischen Mittel verzichtet, das Grauen schlägt immer wieder unvorbereitet zu. Eingefleischte Fans etwa von »Hostel« (2005) oder der »Saw«-Reihe (2004–2010) mögen davon abgeschreckt werden, weil Blutorgien, Dauerstress und brutale Nahaufnahmen im Stile von Splatter oder Torture-Porn in diesem Suspense-Marathon ausbleiben. Aber vielleicht geht es Kent gerade darum. »Der Babadook« kann als Verweigerung begriffen werden, die Regisseurin setzt dem allgemeinen Trend zum Schnelleren, Blutigeren und Härteren etwas entgegen. Sie hat nicht nur einen sehr guten Genrefilm geschaffen, sondern auch ein Gleichnis auf das Getriebensein in der Ermüdungsgesellschaft.

»Der Babadook« (Australien/Kanada 2014), Buch und Regie: Jennifer Kent. Darsteller: Essie Davis, Noah Wiseman. Start: 7. Mai