Gedenken an die Toten von Odessa in der Ukraine

Vergeben will niemand

Am 2. Mai wurde in Odessa den Opfern der Ausschreitungen und des Brandes im Gewerkschaftshaus von vor einem Jahr gedacht. Von beiden Seiten.

Offiziellen Angaben zufolge ist es am 2. Mai ruhig geblieben in Odessa. Es war eine Ruhe im Angesicht von etwa 4 000 Soldaten, Polizisten und freiwilligen Helferinnen und Helfern. Befürchtet wurden Szenen wie die, die sich vor genau einem Jahr in der ukrainischen Hafenstadt abspielten. Am 2. Mai 2014 hatte eine Reihe von schweren Auseinandersetzungen auf den Straßen stattgefunden, bei denen auf der einen Seite Anhänger der Maidan-Bewegung und verschiedener rechter Gruppen sowie Fußballhooligans, auf der anderen russlandfreundliche Gegner der neuen Regierung und der Maidan-Bewegung beteiligt waren. Mindestens 42 Menschen starben im vom pro-ukrainischen Mob angezündeten Gewerkschaftshaus auf dem Kulikowo-Feld, Hunderte wurden verletzt. Zuvor waren in der Innenstadt mehrere pro-ukrainische Aktivisten durch Schüsse umgekommen.

Der 2. Mai gilt heute nicht nur in Odessa als Wendepunkt, eine konfliktfreie Koexistenz der verschiedenen politischen Lager scheint seitdem undenkbar. Die Regierung in Kiew dürfte an diesem Tag nicht nur Ausschreitungen und Bombenanschläge, die in den vergangenen Monaten häufiger auftraten, befürchtet haben. Auch Interventionen der im 150 Kilometer entfernten Transnis­trien stationierten russischen Streitkräfte wurden nicht ausgeschlossen. Der ukrainische Geheimdienst SBU ordnete vor dem 2. Mai die Verhaftung mehrerer des »Terrorismus« verdächtigter Menschen an. Als Demonstration der Stärke marschierten die unterschied­lichen anwesenden Truppen zudem bereits am Morgen des 2. Mai martialisch über das Kulikowo-Feld vor dem Gewerkschaftsgebäude. Anschließend wurde es abgesperrt und war für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Gedenkkundgebung nur noch durch eine Kontrollstelle mit Metalldetektoren zugänglich.
Unter den etwa 500 Menschen, die an diesem Tag auf das Feld kommen, sind viele Angehörige der Toten. Einige tragen Fotos mit sich, viele Gesichter sind tränenüberströmt. Auch am provisorischen Gedenkort sind Bilder und Namen der Toten zu sehen. »Den Genozid werden wir nicht vergeben«, steht in großen Lettern davor auf den Boden gesprüht. Der Zaun, mit dem das ausgebrannte Gebäude abgesperrt wird, ist vor kurzem von Mitgliedern rechter und proukrainischer Organisationen in den ukrainischen Nationalfarben bemalt worden, die an diesem Tag von einem schwarzen Banner überdeckt werden. Ei­nige Menschen lassen schwarze Luftballons und weiße Tauben fliegen, Blumen werden niedergelegt, Lieder gesungen, es wird gebetet. Über ein kleines Megaphon melden sich Sprecher politischer Organisationen, aber auch Angehörige und Augenzeugen zu Wort, sie fordern die Aufklärung der Ereignisse rund um das Gewerkschaftshaus und die Bestrafung der Täter. »Wir verge­ben nicht, wir vergessen nicht!« und »Der Faschismus kommt nicht durch!« skandiert die Menge immer wieder.
Mit Faschisten seien vor allem die »Banderowzi« gemeint, Anhänger des ehemaligen Nationalistenführers Stepan Bandera, erklärt mir ein älterer Herr. Die neue Regierung wird mit diesen Tendenzen verbunden, und so sehen viele hier die starke Präsenz der Sicherheitskräfte als Provo­kation. Ein Passant am Rande des Feldes ruft »Faschisten!«. Pjotr, einer der Anwesenden, vergleicht die Situation gar mit der in Deutschland 1933. Ihn treiben aber nicht nur die Ereignisse des 2. Mai hierher, sondern auch soziale Probleme: »Meine Rente beträgt 1 300 Griwna (55 Euro), davon kann ich mir vier Kanister Benzin kaufen.« In der Sowjetunion sei auch nicht alles besser, aber wenigstens für alles gesorgt gewesen. In letzter Zeit seien die Menschen deutlich ärmer geworden. Das Geld reiche einfach nicht mehr zum Leben, ergänzt eine Anwesende, die dann in den Chor sowjetischer Lieder einstimmt.

Einer Kundgebung »patriotischer Kräfte« in der Innenstadt haben sich derweil ebenfalls Hunderte Menschen angeschlossen. Auch hier wird der eigenen Toten des 2. Mai gedacht. »Kein Vergeben – kein Vergessen!« heißt es unter einem Foto, das die Todesschützen abbildet. Die Blumen rund um die Bilder der Toten sind mit blau-gelben, teilweise auch mit rot-schwarzen Bändchen umgeben, ein historischer Bezug auf die nationalistische Ukrainische Aufständische Armee (UPA). Auch hier werden vereinzelt Polizisten und Militärangehörige beschimpft, allerdings als »Tscheka«, womit der Staatssicherheitsdienst der Sowjetunion gemeint ist. Ergänzt werden die ­Sicherheitskräfte hier durch Freiwillige, unter anderem des »Rechten Sektors«. Eine nach dem Ende der Kundgebung verbliebene Gruppe älterer Frauen diskutiert, es müsse eine unabhängige Kommission gebildet werden, um die Vorgänge des 2. Mai aufzuklären, Studierende sollten beteiligt werden. Von einem Radiojournalisten verabschieden sie sich mit dem populär gewordenen »Heil der Ukraine«.
Einer bereits seit Monaten arbeitenden »Kommission 2. Mai« gehören Journalisten, Wissenschaftler und ehemalige Polizisten beider Lager an. Um die Ereignisse und ihre Ursachen aufzuklären, haben sie Hunderte Stunden Videomaterial ausgewertet, Zeugen befragt und den Tatort untersucht. Ihr bisheriges Ergebnis besagt, Aktivisten beider Lager seien für die Eskalation verantwortlich gewesen. Sergej Dibrow, Journalist und Angehöriger der Kommission, spricht von einer »Verkettung unglücklicher Zufälle« und sieht sowohl die von der russischen als auch die von der ukrainischen Regierung vertretene Version skeptisch. Besonders populär sind die Ergebnisse der Kommission derweil nicht. Eine Frau hält an diesem Tag vor dem Kulikowo-Feld ihre eigene Losung hoch: »Die ganze Welt kennt die Wahrheit.«

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