Gestresste Grundschüler

Burn-out in der Grundschule

Eine Studie der Universität Würzburg kommt zu dem Ergebnis, dass Grundschüler starkem Stress ausgesetzt sind. Kritisiert wird in erster Linie die Schulpolitik Bayerns, doch der schulische Leistungsdruck ist überall spürbar.

Anzeige

Der britische Kulturkritiker Mark Fisher hat sich mit dem Problem bereits in seinem 2011 erschienen Essay »Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? Symptome unserer kulturellen Malaise« beschäftigt: »Wie konnte es zur Normalität werden, dass so viele Menschen, und insbesondere so viele junge Menschen, als psychisch krank angesehen werden?« Fisher setzt sich dort mit den gesellschaftlichen Folgen der »Privatisierung von Stress« auseinander und widmet sich dabei auch der Situation im Bildungssystem. Nun hat eine Studie der Würzburger Julius-Maximilians-Universität festgestellt, dass hierzulande bereits Grundschüler enormem Stress ausgesetzt sind, vor allem in Bayern.

Die Würzburger Wissenschaftler untersuchten die Stressfaktoren, die Grundschüler und ihre Eltern belasten, wenn der Übergang zur Sekundarstufe ansteht. Die Studie kommt zu dem wenig überraschenden Ergebnis, dass es Grundschüler enorm unter Druck setzt, wenn sie für den Übergang zur weiterführenden Schule bestimmte Notendurchschnitte erreichen müssen. Bis zu einem Notendurchschnitt von 2,33 erhalten Grundschüler in Bayern eine Schullaufbahnempfehlung für das Gymnasium. Wenn das Zeugnis im Durchschnitt schlechter ausfällt, reicht es nur noch für eine Anmeldung in der Real- oder Mittelschule, der früheren Hauptschule. Mit einem Notendurchschnitt von 2,66 dürfen Kinder »ohne weitere Aufnahmeprüfung« sofort die Realschule besuchen, denn dafür seien sie dann durchaus »geeignet«, während die Kinder mit einem Schnitt von 3,0 auch hierfür »nicht geeignet« seien, aber eine Aufnahmeprüfung ablegen können. Das legte Bayern 2009 als »Neuregelungen zur kind- und begabungsgerechten Übertrittsphase« fest. Man rühmte sich damit, dass der Erhalt der »bayerischen Qualitätsstandards« damit gewährleistet sei. In Hessen, dem Bundesland, das die Autoren der Studie als Vergleich heranziehen, sieht es hinsichtlich der Belastung für die Kinder schon etwas besser aus. Dort spielen weniger die Noten eine Rolle, sondern die »beratenden Übertrittsempfehlungen«. Zwar gibt auch in Hessen jedes dritte der befragten Elternhäuser an, dass ihr Kind sich vom Übergang in die Sekundarstufe sehr belastet fühle, in Bayern sind es jedoch mehr als die Hälfte. Statistisch gesehen ist Hessen damit – zumindest im Vergleich zu Bayern – fein raus. Mehr als fraglich ist allerdings, ob man es als Erfolg werten kann, wenn »nur« jedes dritte Kind an Stress leidet.
Die Autoren der Studie verweisen auf die Vorteile Hessens. Sie fordern darüber hinaus zwar auch zu einem Nachdenken über die starre Dreigliedrigkeit des deutschen Schulsystems auf, allerdings gerät bei dieser Sichtweise die generelle Tendenz, Schulstress vor allem als privates Problem zu begreifen, nicht in den Blick. Denn auch die in vielen Bundesländern bestehende beratende Übertrittsempfehlung führt zu einem unglaublichen Gymnasialstress. Mittlerweile schließen bereits 51 Prozent eines Jahrgangs mit dem Abitur ab, jedes Jahr steigt diese Quote um einen Prozentpunkt. In 20 Jahren wird der Anteil der Abiturienten in Deutschland, wenn die Entwicklung anhält, bei 70 Prozent liegen. Damit wäre das Ziel der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erreicht. Die Bildungsökonomen wären mit einem solchen Ergebnis zufrieden. Die 30 Prozent, die in diesem Fall ohne Abitur dastehen, dürften dann die Jobs machen, die keiner mehr will.

Immer mehr Tests und Studien begleiten diesen Prozess. Ob Pisa, Kermit (»Kompetenz ermitteln«) oder Igel (»Individuelle Förderung und adaptives Lernen«) – alle Studien zielen auf den messbaren Zuwachs kognitiver Leistung. Die Mahnung kritischer Bildungsexperten, dass reiner Wissenserwerb eher nicht zu reflektierten Mitgliedern der Gesellschaft führe, sondern zu mehr angepassten Individuen, verhallt beinahe ungehört. Es scheint einen stillschweigenden Konsens zu geben, auch die Schule als Mosaikteil der Leistungsgesellschaft zu gestalten. Kompetenzorientiertes und individualisiertes Lernen bereitet auf die Ellbogengesellschaft vor, optimiert den Einzelnen und erzieht ihn zugleich zum Gehorsam dem Kollektiv gegenüber. Nach außen sichtbar reagieren bereits Grundschüler auf den Leistungs- und Konkurrenzdruck mit stressbedingten Beschwerden wie Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Welche andere Möglichkeit haben Kinder denn auch? Egal ob Notendurchschnitte oder Empfehlungsgespräche – den Kindern wird früh vermittelt, worauf es ankommt.
Die Eltern der heutigen Grundschüler haben zwar selbst ihre Schullaufbahn in einem dreigliedrigen System bestritten, was sie jedoch nicht in einem solchen Ausmaß erlebt haben, war der Zwang zur Selbstoptimierung. Egal ob in Hessen, Bayern oder in Berlin, derzeit arbeiten fast flächendeckend bereits ABC-Schützen brav an ihrer Optimierung. Schon ab der 1. Klasse stehen für sie Lernentwicklungsgespräche an – und die sind defizitorientiert. In den Gesprächen sollen die Kinder ihre Defizite möglichst selbständig benennen und bitteschön schleunigst abstellen. Schließlich lautet die Zielvorgabe, dass sie ein Gymnasium besuchen sollen. Implizit wird vermittelt, dass sich auf den Mittel-, Ober- oder Stadtteilschulen der Pöbel versammelt, und durch die Inklusion auch immer mehr Schüler mit extremen Verhaltensauffälligkeiten. Vor allem wohlhabende und gebildete Familien kämpfen verbissen um den Schulerfolg ihrer Kinder, und der beginnt mit dem Gymnasialbesuch.

Stillschweigend vollzieht sich ein knallharter Ausgrenzungsprozess. Wer es, aus welchen Gründen auch immer, nicht aufs Gymnasium geschafft hat, droht den Anschluss an die Bildungs- und Akademikergesellschaft. Scheinbar unaufhaltsam steuert das deutsche Schulsystem auf britische Verhältnisse zu. Dort wurde der Bildungsbereich zeitig privatisiert und mit Rankings überzogen. Mit unübersehbaren Folgen. »Es wirkt kaum übertrieben, wenn man sagt, dass das Teenagerdasein im spätkapitalistischen Großbritannien kurz davor steht, selbst als Krankheit klassifiziert zu werden«, warnt Fisher.
Es wird in Kauf genommen, dass sich die Prinzipien der Leistungsgesellschaft auf immer weitere, immer jüngere Mitglieder der Gesellschaft ausdehnen. »Die GymnasialschülerInnen von heute sind die EntscheidungsträgerInnen von morgen«, schreibt das Hamburger Gymnasium Hoheluft freimütig in einer Selbstdarstellungsbroschüre. Unverhohlen wird der rigide Leistungsgedanke propagiert. Widerspruch regt sich kaum, es scheint, als seien alle einverstanden mit dem eingeschlagenen Weg. Zwar warnt der Bielefelder Bildungsforscher Klaus Hurrelmann, dass dem Land durch den Akademisierungswahn bald die Handwerker ausgingen, doch auch er argumentiert vordergründig nur aus einer Angst vor wirtschaftlichem Schaden. Die hintergründige Sozialtechnologie, in der sich alle freiwillig selbst optimieren, ihren ach so coolen und kreativen Job aktiv bejahen, diese unverhohlene Absicht bei allen Versuchen, bereits Grundschüler zu Leistungsträgern zu machen – diese Komponente erwähnen weder Hurrelmann noch die Studie. Natürlich könnte Bayern den Notendurchschnitt als Kriterium abschaffen, und die Hauptschule gleich mit dazu, aber der Leistungsdruck würde damit nicht beseitigt. Ihn abzuschaffen und den Weg zu einer sozial gerechteren Bildung zu öffnen, diesen Weg beschreitet derzeit kein Bundesland.