Die Willkommenskultur der CSU

Schwarzer Humor

Politiker der bayerischen Regionalpartei CSU leisten eigenwillige Beiträge zur neuen deutschen Willkommenskultur.

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Der bayerische Innenmister Joachim Herrmann (CSU) wird in der Geschichte der politischen Rhetorik den legendär gewordenen Bundespräsidenten Heinrich Lübke (CDU) beerben. Allerdings gibt es einen gewichtigen Unterschied zum zweiten deutschen Bundespräsidenten. Dem Staatsnotar »Papa« Lübke hat das Publikum die Sentenz »Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger« lediglich zugeschrieben.
Im Fall Hermanns ist die Verwendung des N-Worts in der Talkshow »Hart aber fair« hingegen belegt. Dabei handelte der Minister doch nur in allerbester Absicht. Mit dem CSU-Ehrenmitglied Roberto Blanco wollte er einen Musterbürger loben. Gemäß der vor 15 Jahren formulierten Logik seines Vorgängers und Parteifreunds Günther Beckstein bräuchten »wir weniger Ausländer, die uns ausnützen, und mehr, die uns nützen«. Zudem haben Witze über die Hautfarbe des Schlagersängers in der CSU ebenso Tradition wie populistische Ausfälle gegen Einwanderer. Blanco selbst amüsierte schon Anfang der Achtziger johlende Parteitagsdelegierte mit dem Kalauer »Wir Schwarzen müssen zusammenhalten«. Ob die CSU einen »Schwarzen« wie ihn seinerzeit auch im Kreis Alt­ötting als Landratskandidaten nominiert hätte?
Herrmanns volkstümlicher Bierzeltjargon verrät den Geist seines politischen Herkunftsmilieus. Die Stilistik der CSU ähnelt oftmals einem täglichen »Politischen Aschermittwoch«. Horst Seehofer prägte schon 2011 einen Satz, der heute wie eine Kampfparole aus Dunkeldeutschland klingt. Er wolle sich in der Berliner Koalition »bis zur letzten Patrone« gegen die Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme wehren, kraftmeierte der bayerische Ministerpräsident in Passau. Wer wundert sich also, wenn »es« auch seinem Innenminister einfach mal rausrutscht. Doch bajuwarische Sonderwege in der politischen Rede verstoßen nun gegen den Stilkanon der »modernisierten« Christdemokratie Angela Merkels. Selbst stramme Parteisoldaten wie Norbert Geis (»Warum lasst ihr nicht Deutschland den Deutschen?«) wirkten in der politisch-medialen Landschaft zuletzt arg anachronistisch. Und brennende Flüchtlingsheime sind auch ein Problem für die Verteidiger von Law & Order. Nicht nur deshalb inszeniert Seehofer seine Partei auch als die Speerspitze im laufenden NPD-Verbotsverfahren. Unkontrollierbare Proteste sollen so eingedämmt werden.
Im Sinne der konservativen CSU-Kernklientel äußert Hermann angesichts der Lage am Münchner Hauptbahnhof gegenwärtig seinen Unmut über die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Allerdings gibt Merkel mit Blick auf schwarz-grüne Optionen mit dem Lob der »Willkommenskultur« die Tonlage vor. Hier muss die CSU partiell Rücksicht nehmen – und dennoch ihr Milieu besänftigen. Dieser Widerspruch wird weiter für rhetorische Meisterleistungen sorgen. Die bayerische Sozialministerin Emilia Müller hat Merkels »buntes« Leitmotiv kürzlich denn auch recht eigenwillig interpretiert. Mit der Frage »Sie wissen aber, dass sie zurückmüssen?« begrüßte Müller einen Einwanderer aus dem Kosovo. Auf anschließende Streicheleinheiten à la Merkel verzichtete die Ministerin. Und zeigte somit nicht nur dem Neuankömmling, welch wunderbare bayerische Traditionen in der politischen Rhetorik und Realität auch künftig gepflegt werden sollen.