Trolle im Dienste der Regierungspropaganda

Armee der Trolle

n sozialen Netzwerken hetzen professionelle russische Internet-Trolle gegen Kritiker der russischen Regierung. Auf der Straße werden die Opfer dann häufig tätlich angegriffen.

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Was früher in Deutschland der Blockwart besorgte, darum kümmern sich in Russland heutzutage anonyme User in sozialen Netzwerken. Dabei ist nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich, ob es sich um bezahlte Profis handelt oder um Überzeugungstäter, die ohne Honorar und konkrete Anweisungen vorgehen. So oder so eint sie manches: Sie können keine Kritik am Führungsstil des russischen Präsidenten Wladimir Putin ertragen, reagieren allergisch auf dessen US-amerikanischen Kollegen Barack Obama und vertreten im Ukraine-Konflikt klare prorussische Positionen. Und sie werden gerne ausfällig.
In St. Petersburg wurden in der Vergangenheit immer wieder Fälle von Internetmobbing bekannt, wie der einer jungen Frau aus Burjatien. In der russischen Kulturmetropole wollte Viktoria Maladajewa beweisen, dass hier auch eine Frau mit nur einem russischen Elternteil – wie sie selbst – Chancen bei einem Schönheitswettbewerb hat. Bei der Abstimmung im Internet errang sie letztlich den Sieg, der aber kam ihr teuer zu stehen. Es hagelte rassistische Kommentare, im Zentrum der Aufmerksamkeit stand jedoch ihre offen geäußerte regierungskritische Einstellung, insbesondere hinsichtlich der russischen Ukraine-Politik. Die Folge waren wiederholte Drohungen, dass sie abgestochen würde, wenn sie ihre Kritik nicht einstelle. Derlei Attacken hörten selbst dann nicht auf, als Maladajewa bereits in die USA emigriert war.
Inzwischen sehen sich in St. Petersburg auch Oppositionelle mit Drohungen über das Internet konfrontiert, die in der Öffentlichkeit kaum oder gar nicht bekannt sind. Die Vorgehensweise ist immer ähnlich. Im russischen Netzwerk VKontakte wird ein Fake-Account eröffnet, der auf die Person verweist, gegen die sich die Drohungen richten. Er enthält persönliche Informationen und Fotos, die von Unbekannten aufgenommen wurden. Anfangs sind die Mitteilungen noch in einem verhältnismäßig moderaten Tonfall verfasst, kurze Zeit später erfolgt jedoch ein tätlicher Übergriff auf der Straße oder im Treppenhaus. Im Fall von Julia Tschernobrodowa, die nur einige kremlkritische Kommentare gepostet hatte, zündeten Unbekannte ihr Auto an. Auf einer speziellen Website, die seit kurzem allerdings nicht mehr online ist, fanden sich Angaben zu Blogs und Accounts in sozialen Netzwerken mit den vollen Namen, Anschriften und sogar Bankdaten verschiedenster Regierungskritikerinnen und -kritiker. Weder die Polizei noch die Staatsanwaltschaft interessieren sich für die Vorfälle.
Wer hinter großangelegten, gezielten politischen Desinformationskampagnen im Netz steht, ist längst bekannt. Detaillierte Hinweise zur Existenz einer Troll-Armee, bestehend aus etwa 400 gutbezahlten Angestellten, die im Sekundentakt Kommentare und Falschmeldungen erstellen, sorgten bereits 2013 für Aufsehen. Ehemalige Mitarbeiter der »Agentur für Internetforschung« am Stadtrand von St. Petersburg berichteten ausführlich über ihre Aufgaben, über harte Arbeitsbedingungen und ideologische Kontrolle. Ludmilla Sawtschuk, die sich für zwei Monate in die Troll-Armee eingeschleust hatte, gewann sogar einen Prozess ­wegen schlechter Arbeitsbedingungen, bei dem das Gericht eine symbolische Entschädigung von einem Rubel für den entstandenen moralischen Schaden anordnete.
Auch in anderen Ländern, die für Russland besondere Bedeutung im Kampf um Informationshoheit besitzen, gehen von Russland bezahlte Trolle ungeniert vor, etwa in Deutschland oder Finnland. Der unmittelbare westliche Nachbar ist kein Nato-Mitglied und das soll auch so bleiben. Als die Journalistin Jessikka Aro vom finnischen Sender Yle Kioski Recherchen zu russischen Internettrollen anstellte, sah sie sich einer monatelang andauernden Hetzkampagne ausgesetzt, an der sich auch Johan Bäckman beteiligte, der sich in Finnland als Propagandist des Kreml einen Namen gemacht hat. Mit derartigem Ruhm will sich jedoch nicht jeder schmücken. Ende Mai reichte Jewgenij Prigoschin, der Mann hinter der Petersburger Troll-Agentur, Milliardär mit krimineller Vergangenheit und ein Freund des russischen Präsidenten, Klage gegen die russische Internetsuchmaschine Yandex ein. Er will alle Hinweise auf seine Troll-Verbindungen löschen lassen. Bislang ohne Erfolg.