Französische Soziologen streiten über Islamismus und Jihad

Ist der Islamismus ein Radikalismus?

In den Streit zwischen den französischen Soziologen Gilles Kepel und Olivier Roy über das Wesen des Jihad mischt sich der Politologe François Burgat ein.

»Islamisierung der Radikalität« oder »Radikalisierung des Islam« – der Streit zwischen den französischen Soziologen Olivier Roy und Gilles Kepel dreht sich um die wichtige Frage, warum junge Menschen aus zumeist muslimischen Familien sich »radikalisieren« – was im Sinne des Wortgebrauchs durch Politik und Medien bedeutet, sich von jihadistischen Sekten rekrutieren zu lassen und sich in eine apokalyptische Endkampf­erwartung zu begeben. In Wahrheit handelt es sich allerdings nicht um einen Streit zwischen zwei, sondern drei wissenschaftlichen oder auch politischen Positionen. Darauf macht unter anderem die Tageszeitung Libération aufmerksam. Die erste der beiden oben angeführten Aussagen bildet einen Kernsatz des aus der Philosophie und der Psychologie kommenden Sozialwissenschaftlers Olivier Roy, die zweite bildet die Gegenthese des Politikwissenschaftlers Gilles Kepel. Der dritte im Bunde, oder eher im Streit, ist der in Aix-en-Provence lehrende Politologe François Burgat.
Die Grundthesen lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Roy geht davon aus, dass islamische ­Terminologie und islamistische Ideologie nur eine Verkleidung gewalt­tätiger Bestrebungen seien, die, gäbe es den Jiihadismus nicht, einen anderen Ausdruck finden würden, etwa in Amokläufen. Kepel meint, es gebe eine reale Ausbreitung der salafistischen Strömung und ihrer Ideologie in Teilen der französischen Gesellschaft. Deren Anfang datiert er auf das Jahr 1990. Damals seien erheb­liche Geldmittel aus Saudi-Arabien geflossen, um den Sympathien der arabischstämmigen Bevölkerungsgruppen auch in Frankreich gegenüber dem Irak zu begegnen. Der Irak befand sich damals wegen der Besetzung Kuwaits im Streit mit den westlichen Großmächten. Dies führte im Januar 1991 zum militärischen Konflikt. US-Truppen waren zuvor auf dem Boden Saudi-Arabiens stationiert worden. Aufgrund von Kampagnen, die dies als »Ausverkauf heiligen islamischen Bodens« anprangerten, fürchtete das saudische Könighaus den Zorn der Massen. Die massive Finanzierung von Salafisten, die dem saudischen König mehr oder weniger verbunden waren, sollte als Gegenmittel wirken.
Burgat kritisierte in einem Interview mit der Onlinezeitung Mediapart gleich beide Ansätze. Roy spreche den Jihadisten die eigenständige politisch-ideologische Denkfähigkeit ab, Kepel verenge dagegen die Motivation zu sehr auf »religiöse Aspekte«. Unter den Begriff des Reli­giösen scheint er auch die salafistische Ideologie zu fassen, die in Wirklichkeit eher eine politische Strömung darstellt. Politik, nicht jedoch theologische Inhalte erkennt Burgat im Jihadismus. Er bezeichnet die Bezüge zum Islam in der jihadistischen Rhetorik als sekundär, womit er eher Roy zuneigt.
Doch Burgat geht es im Grundsatz darum, lediglich die Mittel des Jihad zu verwerfen, die im Jihadismus zum Ausdruck kommende »Revolte« betrachtet er als im Kern legitim. Der politische Islam, der sehr unterschiedliche Strömungen umfasst, bildet für ihn eine Art Widerstandsbewegung gegen die politische und ökonomische Dominanz des Westens. In seinem Buch »L’islamisme en face« von 1995 interpretierte er den Islamismus unterschiedlicher Couleur als eine Art Emanzipationsbewegung, die sich nur deshalb nicht des Vokabulars von Linken, Liberalen und Marxisten bediene, weil deren kulturelle Referenzen aus den ehemaligen Kolonialmächten stammten. Der Islamismus hingegen habe sich im kulturellen Fundus der eigenen Gesellschaften und ihres Vokabulars bedient. Dies beschreibt zwar teilweise die historische Grundlage des Erfolgs des Islamismus, doch Burgat verkennt damals wie heute die je nach Strömung konservative, reaktionäre oder faschistische Ausrichtung zumindest der meisten islamistischen Tendenzen, die eher rechte als linke Bewegungen darstellen. Der Politologe wurde auch immer wieder als Berater für Parteien wie die tunesische al-Nahda tätig. Man könnte ihn als einen Islamistenversteher bezeichnen, allerdings einen, der über genaue Kenntnisse der arabischen Länder verfügt.
Im Zusammenhang der jüngsten Ereignisse spricht er davon, die Jihadisten seien empört über die Kriege, die Frankreich in Afrika und im Mittleren Osten führe oder unterstütze. Dies, und nicht theologische Inhalte, treibe die Jihadisten an. Deswegen müsse man, sagt er im Interview, »zuerst nach dem Warum und nicht nach dem Wie fragen«. Die Frage nach der Wahl der Mittel sei nachrangig. Dabei lässt er keinen Zweifel daran, dass die Antwort, die mordende Jihadisten wählen, scharf abzulehnen sei. Doch sei es nur eine winzige Minderheit, die diese Antwort auf die politische Ausgangsfrage gebe, denn die Mehrheit der Muslime ­setze auf politische Lösungen.
Olivier Roy würde diesen Erklärungsansatz rundheraus verwerfen. Ihm zufolge verfügen die Jihadisten, die in Europa zuschlagen, über keine Botschaft an die Menschheit. Vielmehr sei ihr Kampf ein Ausdruck von Verrohung, der mit Perspektivlosigkeit zu erklären sei. Er spricht von einer »nihilistischen Revolte«. In Libération vom 14. April führt er das Beispiel der Brüder Abdeslam an. Beide Männer wohnten im Brüsseler Stadtteil Molenbeek, wo sie Café­besitzer waren. Einer von ihnen sprengte sich im November vergangenen Jahres in einem Pariser Café in die Luft, der andere wurde im März gefasst und sitzt derzeit in einem französischen Hochsicherheitsgefängnis. Die Brüder Abdeslam, erklärt Roy dazu, hätten Alkohol verkauft, im Brüsseler Nachtleben verkehrt und mit »westlichen« Frauen geschlafen. Der Jihadismus apokalyptischer Art wirkte Roy zufolge wie eine mystische Erweckung, die der zuvor vorhandenen Gewaltbereitschaft einen vermeintlichen Sinn verleihe. Und sie mit einer Paradieserwartung verknüpft, wie man ergänzend hinzufügen könnte.
Kepel dagegen sieht im jihadistischen Terror die Folge einer Entwicklung, die zwar Brüche aufweise, aber auch organisatorische und ideologische Kontinuitäten. Kepel führte bereits in seinem Buch »Terreur dans l’hexagone« (Jungle World 05/2016) seine Theorie von den »drei Generationen« des internationalen radikalen Islamismus aus: vom Afghanistan-Krieg über das elitäre Netzwerk al-Qaida bis zum Gegenmodell in Gestalt des »Islamischen Staats« (IS), das anders als al-Qaida auf ein eigenes Territorium gestützt sei und nicht alle Energien auf den »fernen Feind« USA richte, sondern den Nahkampf gegen Anders- und Ungläubige entfachen und dadurch die Endschlacht vorbereiten wolle. Über salafistische Netzwerke, Publikationen und Moscheen finde die Ideologie der jeweils führenden internationalen »Generation« gesellschaftliche Verbreitung.
Sicherlich lassen sich für beide Theorien Belege anführen. Die Vita des Attentäters von Nizza, Mohamed Lahouaiej-Bouhlel, der am 14. Juli dieses Jahres 84 Menschen tötete, spricht für die These des gewaltverliebten Individuums, das sich eine ­jihadistische Rechtfertigungsideologie besorgt. Zuvor führte Lahouaiej-Bouhlel, hingegen ein aus salafistischer oder allgemein islamistischer Sicht »unislamisches« Leben, er war bisexuell, trank Alkohol und aß Schweinefleisch. Dies lässt sich nicht für alle Attentäter sagen. Die Brüder Kouachi, die im Januar 2015 Charlie Hebdo angriffen, standen jahrelang in Verbindung mit einer jihadistischen Kleingruppe, die sich um den Prediger Farid Ben­yettou scharte. Letzterer tritt heute als Aussteiger auf. In den Nullerjahren war er jedoch an der Verbreitung salafistisch-jihadistischer Ideologie beteiligt und griff internationale Einflüsse auf, etwa aus dem radikalen Islamismus in Algerien.
In den vergangenen Monaten hat sich der Streit zwischen Roy und Kepel zugespitzt. Roy nannte Kepel einen »Rastignac«, einen Karrieristen, Kepel schlug zurück, indem er sich über die fehlenden Arabischkenntnisse Roys mokierte. Worauf dieser wiederum antwortete, er habe viele Untersuchungen in muslimisch geprägten Ländern unternommen, in denen eben kein Arabisch gesprochen wird, etwa in Afghanistan oder der Türkei.
Kepel ist seit seiner Nahost-Reise als junger Abenteurer im Jahr 1974 mit dem Arabischen vertraut und nutzte die Sprachkenntnis später zu wissenschaftlichen Zwecken. Dann solle Roy aber bitteschön auch endlich ein eigenes Buch schreiben und die renommierte Studie »Terreur dans l’hexagone« widerlegen, forderte Kepel. Roy scheint die Herausforderung angenommen zu haben, für Herbst ist ein Buch von ihm angekündigt.