Kulturelle Aneignung wird mit Rassismus gleichgesetzt

Jedem Stamm seine Bräuche

In den Sozialwissenschaften und der antirassistischen Szene bedienen sich einige im Kampf gegen »kulturelle Aneignung« einer Sprache, die von der rechter Ethnopluralisten nicht mehr zu unterscheiden ist.

Die trügerische Idylle der Seenlandschaft um Lärz in Mecklenburg-Vorpommern verbirgt nur mühsam, dass etwas in dieser Gegend brodelt. Die Ortsteile der Gemeinde tragen Namen wie Krümmel, Ichlim und Troja. Wer hier keine Perspektive mehr für sich sieht, kann nur noch wegziehen, sterben oder der örtlichen Freien Kameradschaft beitreten, damit man wenigstens nicht alleine das nächstgelegene Asylheim anzünden muss. Doch dieses Jahr im Juni hat der Teil der indigenen Bevölkerung, der sich in einem Widerstandskampf gegen fremde Einflüsse auf den Lokalcharakter wähnt, Unterstützung in Form einer mehrtägigen Musikveranstaltung erhalten, deren Besucherzahl die bei Konzerten der in diesem Bundesland besonders populären »Rock für Deutschland«-Ablegern übertrifft. Auf dem Gelände des stillgelegten sowjetischen Flugplatzes Lärz versammelten sich zum Fusion-Festival 70 000 Menschen, die meisten von ­ihnen Weiße, um im amphetamingeschwängerten Delirium die Überlegenheit ihrer Rasse zu zelebrieren.
Nach der Lesart von Hengameh Yaghoobifarah, Redakteurin des Missy ­Magazines, haben Veranstalter und Besucher für diesen Zweck lediglich ­einen subtileren Weg gewählt als das sonst übliche Gebaren der Faschisten vor Ort: Statt die Fremden zusammenzutreten und Spuren ihrer Bräuche und künstlerischen Leistungen zu eliminieren, entschieden sich die Fusion-Gänger dazu, der Kultur der Marginalisierten habhaft zu werden und sie der Lächerlichkeit preiszugeben. »Ihre stereotypen, rassistischen Kostüme waren jedenfalls überall. Neben den Dreadlocks trugen weiße Menschen Kimonos, Kegelhüte, Oberteile mit random chinesischen Zeichen, Bindis, Saris, Federkopfschmuck, Tunnel, Turbane, Sharwals oder einzelne Federn im Haar«, so Yaghoobifarah in einem Blogbeitrag. Nicht einmal kulinarischen Errungenschaften zollte das Festival gebührenden Respekt, wurden die Speisen doch nach »deutschem Gaumen« und von weißen Standbetreibern zubereitet. »Was an sich ja in Ordnung wäre, würden sie nicht den Exotikfaktor erzwingen. Stichwort: Black and brown food served by white people«, beklagt die Verfasserin, die nur schwerlich ihre Enttäuschung darüber verhehlen kann, dass die gastronomischen Arbeiter nicht nach ethnischen Kriterien segregiert wurden und kein von Afrikanern betriebener Bananenstand die Anwesenden verköstigte.
Yaghoobifarahs im Netz viel diskutierter Artikel »Karneval der Kultur­losen« war nur einer der Impulse jüngeren Datums, die die Debatte um sogenannte »kulturelle Aneignung« (engl.: cultural appropriation) in periodischen Abständen immer wieder neu entfachen. Vor allem in nordamerikanischen Medien vergeht kaum eine Woche, in der kein Skandal an Universitäten oder im Showbusiness die Aneignungsgegner erzürnt. Die Studierendenrat der University of Ottawa entschied im ­November vergangenen Jahres einen kostenlosen Kurs auszusetzen, den eine Yoga-Lehrerin zuvor über mehrere Jahre angeboten hatte. Grund: Die Kultur, von der Yoga »übernommen« wurde, hätte in der Vergangenheit Imperialismus und westliche Beherrschung erlitten. Die Universität müsse daher Sensibilität beweisen, argumentierten Studentenvertreter in einer internen E-Mail. Das Oberlin College in Ohio erhielt im selben Zeitraum Beschwerden, dass die als vietnamesisch deklarierten Mittagsgerichte wie auch das Sushi in der Mensa aufgrund ihrer nicht originalgetreuen Zubereitung eine »Manipulation traditioneller Rezepte« und daher unzulässige Aneignungen darstelle. Die Sängerin Miley Cyrus musste sich einige Jahre zuvor auf dem feministischen Internetportal Jezebel den Vorwurf gefallen lassen, aus ihrer weißen Position heraus einen afroamerikanisch codierten Habitus zu imitieren. Tanztechniken wie das Twerking habe sie »gestohlen«.
Ethnopluralismus von links
Der Diskurs über diese und andere Erscheinungen wird vornehmlich von Bloggern und Akademikern getragen, die sich selbst als Teil einer antirassis­tischen Öffentlichkeit verstehen. Ihr Kampf geriert sich emanzipativ. Ihre Sprache ist rechts. Hindurch schimmert der Geist eines Authentizitätsfetischismus und reaktionärer Ethnopluralismustheorien, in denen Kultur ein verletzliches System ethnisch klar definierbarer Menschengruppen darstellt.
Die US-Juraprofessorin Susan Scafidi hat sich in ­ihrem Buch »Who Owns Culture? Appropriation and Authenticity in American Law« mit der Frage beschäftigt, ob das Urheberrecht, das die kulturellen Erzeugnisse von Individuen schützt, für Gemeinschaften gelten kann. Laut Scafidis oft zitierter Definition ist kulturelle Aneignung eine »unerlaubte Wegnahme geistigen Eigentums, traditionellen Wissens oder kultureller Artefakte«. Ausgesprochen schädlich sei dies, wenn »die Quelle eine Minderheit ist, die unterdrückt oder in anderer Weise ausgebeutet wurde oder wenn das angeeignete Objekt besonders sensibel ist, beispielsweise Heiligtümer«. Die meisten Verteidiger des Konzepts folgen dieser Stoßrichtung. Gegen kulturellen Austausch und gegenseitige Beeinflussung sei im Prinzip nichts einzuwenden. Nur müsse das gesellschaftliche Machtverhältnis berücksichtigt werden. Wer sich in Westeuropa oder den USA als Angehöriger einer ethnischen Minderheit beispielsweise dem Kleidungsstil der Mehrheit anpasst, betreibt lediglich Assimilation. Wenn sich ein Weißer hingegen Dreadlocks in die Haare dreht, könne schon von einem gewaltsamen Übergriff auf die Kultur der Rastafari und deren historischen Widerstand die Rede sein. Überdies seien weiße Europäer mit kulturfremder Haarpracht nicht derselben Stereotypisierung und Repression ausgesetzt, mit denen »people of color« zu kämpfen haben. Für die ­einen ist dieser Theorie zufolge die Frisur nur ein Modegag, der für sie ohne negative Konsequenzen bleibt. Für die anderen aber ist sie ein Schicksal, das jeden Tag erneut den Kampf gegen gesellschaftliche Ausgrenzung erfordert.
Es dürfte den Anhängern dieses Grundgedankens bewusst sein, dass Weiße, die ihre Privilegien reflektieren und sich aus lauter Betroffenheit die Wursthaare abschneiden, damit nicht den geringsten Beitrag zum Kampf ­gegen rassistische Polizeikontrollen in Bahnhöfen und Diskriminierungen auf dem Arbeitsmarkt leisten. Nur auf den ersten Blick kurios mutet die Empfehlung an, das Tragen von Bindis, Afros und Sombreros Angehörigen der »Ori­ginalkultur« zu überlassen. Hiergegen ließe sich schließlich einwenden, dass dies die Exotisierung von Menschen ohne biodeutsche Herkunft eher noch fördern würde. Je mehr sich bestimmte Symbole auf ein Kollektiv beschränken, desto leichter lassen sie sich als Stigma missbrauchen. Wer dagegen ist, dass die Trägerin eines Sari aufgrund ihrer Kleidung fremdenfeindlich beleidigt wird, sollte befürworten, dass die indische Tracht möglichst weite Verbreitung findet und als normales Stoffstück Einzug ins Straßenbild hält.
Kritikerinnen und Kritiker sogenannter Kulturaneignung haben daran kein Interesse. Sie hängen einer essentialistischen Ideenwelt an, die Gruppen ­Wesensmerkmale und ein angeborenes Schicksal zuweist. Selbst der naive Einspruch, dass alles von Menschenhand Geschaffene auf Inspiration und Nachahmung von anderen fußt, gilt ihnen nicht viel. Stattdessen ernennt sich etwa die Autorin Salomé auf dem Blog Mädchenmannschaft zur Stellvertreterin von mehr als einer Milliarde Individuen und schreibt: »Japaner_innen sind NICHT hellauf begeistert davon, dass Polyesterkimono als Karnevals- oder Halloweenkostüme verkauft werden. Inder_innen sind NICHT erfreut von Hipstern, die sich Bindis auf die Stirn kleben. Cherokee, Sioux, Choctaw und andere Ureinwohner_innen Amerikas finden es NICHT großartig, dass die gleichen Hipsterkids sich Warbonnets über den Kopf ziehen.« Die Verteidigung von tradierten Bekleidungsvarianten wird von Salomé zum Volkswillen erklärt, während ihr von den genannten Nationen gezeichnetes Bild zu einer rassistischen Groteske verkommt. Inderinnen, Japaner und Angehörige der Cherokee erscheinen hier nicht als Persönlichkeiten, die ein distanziertes, gleichgültiges oder ironisches Verhältnis zu ihrer eigenen Kultur pflegen können, sondern als sensible Dauerbeleidigte, die gar nicht anders können, als sich mit kleingeistiger Verlustangst an ihre Saris, Kimonos und Warbonnets zu klammern.
Von Verlustängsten durchdrungen ist auch die im Dunstkreis der Neuen Rechten in Deutschland und Frankreich einflussreiche Theorie des Ethnopluralismus. Das von Vordenkern wie Henning Eichberg und Alain de Benoist geprägte Ideengebäude postuliert die kulturelle »Reinhaltung« von Staaten und Gesellschaften als erstrebenswerten Zustand. Statt wie im klassisch biologistischen Rassismus definieren sie Ethnien nicht nach ihrer Abstammung, sondern nach der Zugehörigkeit zu einer Kultur. Den Ethnopluralisten geht es nicht um eine Werthierarchie von Völkern, sondern um ihre räumliche Trennung. ­Antiuniversalistisch lehnen sie allgemeine Menschenrechte ab. Der deutsch-dänische Soziologe Henning Eichberg gilt als Erfinder des Begriffs. Für ihn hat jedes Volk eine unveränderbare Identität, die sich aber nur in ihrer »angestammten Region« entfalten könne. Dem französischen Philosophen Alain de Benoist, der in der rechten Zeitung Junge Freiheit publiziert, zufolge basiert der Ethnopluralismus darauf, dass »jede Kultur ihre eigenen Normen« habe und dass jedes Individuum zuerst durch seine kulturelle und völkische Zugehörigkeit bestimmt sei. »Der Einzelmensch besteht nach unserer Auffassung nur in Verbindung mit den Gemeinschaften, in die er eingeschlossen ist«, heißt es in seinem Buch »Kulturrevolution von rechts. Gramsci und die Nouvelle Droite«.
Zu unterstellen, dass die meisten derjenigen Blogger und Antirassisten, die kulturelle Aneignung durch Mitglieder hegemonialer Gruppen kritisieren, die politischen Ziele der Ethnopluralisten unterstützen würden, wäre wohl verschlagen. Doch die Parallelen in ihrem Denken und in ihrer Begrifflichkeit sind unübersehbar. Bezeichnenderweise setzt sich etwa Alain de Benoist für einen »differentialistischen Antirassismus« ein. Zwar lehne er die Vorstellung von einer natürlichen Hierarchie der Kulturen ab, hebt aber ihre angeblich grundlegende Verschiedenheit hervor.Der Universalismus leugne jegliche Differenz und gehe lediglich von »abstrakten Individuen« aus. Der Antirassismus in der »differentialistischen« Version betone hingegen die konkrete Verbindung der Individuen mit ihren Gruppenidentitäten.
Plädoyer für Glaube und Tradition
Der moralische Relativismus, den Eichberg und de Benoist vertreten, drängt sich auch in der Debatte um kulturelle Aneignung auf. Während die Ethno­pluralisten sich nicht an Frauen- und Kinderrechte verletzenden Praktiken wie Genitalverstümmelung stören, solange diese in einer räumlich abgetrennten Gemeinschaft außerhalb der eigenen vollzogen werden, unterstützen Autorinnen in linksliberalen Medien die Positionen von reaktionären Traditionalisten. Als Lady Gaga 2013 einen Song namens »Aura« veröffentlichte, der die Zeilen »Enigma pop star is fun, she wear burqa for fashion. It’s not a statement as much as just a move of passion« enthält, und selbst eine durchsichtige Burka als Bühnenoutfit benutzte, ereiferte sich Callie Beusman im Online-Magazin Jezebel über den »beleidigenden« Aneignungsakt. Unter anderem warf sie der Künstlerin vor, ein »Kleidungsstück überzusexualisieren, dass Bescheidenheit« signalisiere. Umema Aimem hatte in der Washington Post musikalisch nichts an dem Lied auszusetzen, bedauerte aber, dass Lady Gaga ein »heiliges Symbol« in ein »exotisches Kostüm« für eine Halloween-Party verwandele.
Nicht etwa die fortwährende Existenz eines Zeltes, das Frauen zu anonymen und übersexualisierten Verfügungsobjekten ohne Bewegungsfreiheit verdammt, ist für Beusman and Aimem der Skandal. Ihre ganze Empörung gilt einer privilegierten Weißen, die sich im Rahmen ihres künstlerischen Werks mit der Ganzkörperverschleierung befasst. Dass es sich bei der Burka um ein Unterdrückungsinstrument handelt, das außer den Taliban und dem »Islamischen Staat« weltweit nur die wenigsten Muslime als ein heiliges Symbol der Bescheidenheit verehren, erscheint ­dabei beinahe irrelevant. Und so passt es auch ins Bild, dass Hengameh Yaghoobifarah in ihrer Kolumne für die Taz zwar nicht die Burka, aber das ­Kopftuch als progressives Widerstandssymbol gegen antimuslimische Ressentiments verklärt.
Der real existierende Antirassismus ist auf diese Weise dabei, in sein Gegenteil umzuschlagen. Ursprünglich war er angetreten, um Diskriminierung zu bekämpfen, Stereotype aufzubrechen und es Individuen zu ermöglichen, gleichberechtigt eine transnationale Menschheitskultur zu gestalten. Parteien und soziale Bewegungen, die gegen die weiße Hegemonie kämpfen, agieren allerdings immer öfter als Anwälte von Stamm, hood, Nation und Umma. Statt sich zuerst mit den Minderheiten innerhalb der Minderheiten zu solidarisieren, die als Frauenrechtlerinnen, Linke, Intellektuelle, Homosexuelle, Atheistinnen und Menschenrechtler oft unter Lebensgefahr das Regelwerk ihrer jeweiligen Zwangskollektive in Frage stellen, werden immaterielle Güter wie Tradition, Kultur und Religion unter einen ­Artenschutz gestellt, der jegliche Aneignung und Kritik delegitimiert.
Der positive Bezug auf Gruppenidentitäten sorgt dafür, dass die Autochtonen in Dresden, Passau oder Lärz am Stammeswahn teilhaben und sich auch mal als richtige Opfer fühlen wollen. Um gewaltsamen Konflikten zuvorzukommen, sollten Gegner der kulturellen Aneignung schon jetzt passende Konzepte für Mediationsverfahren ­erdenken. Möglich wäre eine »Konferenz der Völker«, bei der empörte Libanesen ihren Unmut darüber zum Ausdruck bringen dürfen, dass bei Electro-Festivals in Mecklenburg-Vorpommern die Falafel auf kulinarisch unsensible Weise zubereitet wird. Der Beschwerdeantrag der deutschen Kartoffeln könnte sich mit den Currywürsten in türkischen Großstadtdimbissen befassen, die – der hiesigen Tradition trotzend – aus Rind- statt aus Schweinefleisch bestehen, was muslimische Gaumen bevorzuge. So oder so: Wenn sich Gruppen angegriffen fühlen, stärkt das den Korpsgeist. Für Dissidenten in den eigenen Reihen war das schon immer eine schlechte Nachricht