Die marxistische Seite des französischen Autors Georges Perec in »Die Dinge«

Kritik des Alltagslebens

Georges Perecs Roman »Die Dinge« ist wieder erhältlich. In ihm zeigt sich die marxistische Seite des großen französischen Schriftstellers.

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Mit der Neuauflage von Georges Perecs Roman »Die Dinge. Eine Geschichte der sechziger Jahre« schließt sich eine Lücke. Denn Perecs Debüt offenbart eine weitere Facette im komplexen Œuvre des französischen Schriftstellers. Ein interessiertes Publikum weiß mittlerweile, dass Perec mehr war als der Verfasser lustiger Sprachexperimente, als der er hierzulande lange galt. Sein Werk kreist um die Leere, die von der Shoah in sein Leben gerissen wurde.
1979 drehten Perec und Robert Bober einen Dokumentarfilm über Ellis Island, den Nicht-Ort, über den bereits im frühen 20. Jahrhundert die Migration in die Vereinigten Staaten erfolgte. Im Begleitband schrieb Perec, anders als Bober sehe er sich nicht in einer jüdischen Tradition. Seine jüdische Identität bedeute »kein Zeichen von Zugehörigkeit«, sondern ein »Infragestellen« und gleichzeitig die Gewissheit, »das Leben nur dem Zufall und dem Exil zu verdanken«. Als Kind hatte Perec die Besatzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten nur überlebt, weil er unter falscher Identität bei Verwandten untergekommen war. Sein Vater war im Kampf gegen die Deutschen gefallen, seine Mutter nach Auschwitz deportiert worden.
Der Roman »Die Dinge« steht für den soziologischen Strang in Perecs Werk, der sich auch in Essaysammlungen wie »Warum gibt es keine Zigaretten beim Gemüsehändler« niederschlägt. »Die Dinge«, im Original 1965 veröffentlicht, schildert das Leben eines Pariser Liebespaars in den sechziger Jahren. Sylvie und Jérôme sind Mitte 20 und nach abgebrochenem Studium in der Marktforschung tätig. Ihr Lebensstil wirkt auch noch 50 Jahre später erstaunlich aktuell, und so verwundert es nicht, dass die US-amerikanische Schriftstellerin und Filmemacherin Chris Kraus die Hauptfiguren in ihrem Roman »Torpor« nach ihnen benannt hat (Jungle World 4/2015).
Sylvie und Jérôme streunen am Wochenende über Flohmärkte, lieben Vintage-Kleidung und träumen von einem besseren Leben. Doch sie müssen feststellen, dass ihnen dafür ­außer dem nötigen Geld das kulturelle Kapital fehlt. »Sie hätten gern im Komfort, in der Schönheit gelebt. Aber sie schrien auf vor Begeisterung, brachen in Bewunderung aus, der sicherste Beweis dafür, dass sie nicht darin lebten. (…) Zu oft liebten sie an dem, was sie Luxus nannten, nur das Geld, das dahinterstand.« Als sie schließlich ein geregeltes Einkommen haben und sich das Essen in besseren Restaurants leisten können, stellen sie fest, dass sie die Gerichte, die man ihnen serviert, »schlicht und einfach fade« finden. Der gehobene Geschmack wächst eben nicht einfach mit dem Arbeitslohn.
Von den »Kreisen der Werbung«, heißt es in »Die Dinge«, sie stünden »allgemeinhin auf fast mythologische Weise links«. Für kurze Zeit engagieren sich Sylvie, Jérôme und ihre Clique politisch. Doch es ist nur eine Phase, der Versuch, ihrem kleinen Leben auf andere Weise eine Bedeutung zu geben.
Zwei Jahre nach der Veröffentlichung von »Die Dinge« nahm die Gruppe L’ Ouvroir de Littérature Potentielle (Oulipo) Perec auf. Die Autorinnen und Autoren von Oulipo legen sich beim Schreiben selbst absurde Regeln auf. Perec wird später in seinem Roman »Anton Voyls Fortgang« nur Worte verwenden, die den Buchstaben E nicht enthalten. Doch schon vor seiner Zeit bei Oulipo experimentierte Perec mit Erzählformen. Der Anfang von »Die Dinge« liest sich wie eine Parodie des französischen Nouveau Roman. Bevor die beiden Hauptfiguren auftreten, wird seitenlang die Wohnungseinrichtung beschrieben. »Zuerst würde der Blick über den grauen Teppichboden eines langen, hohen und schmalen Korridors gleiten. Die Wände wären Einbauschränke aus hellem Holz, deren Messingbeschläge glänzten. Drei Stiche – der eine stellt Thunderbird dar, Sieger in Epsom, der andere einen Schaufelraddampfer, die Ville-de-Montereau, und der dritte eine Lokomotive von Stephenson – würden zu einem von großen, schwarz gemaserten Holzringen gehaltenen Ledervorhang führen, der sich durch eine einfache Handbewegung zurückschieben ließe.«
Doch Perec stellt das Verfahren des Nouveau Roman gewissermaßen auf den Kopf. Was so akribisch beschrieben wird, ist nicht die reale Einrichtung, sondern der Wunschtraum von Sylvie und Jérôme. So sähe ihr Apartment aus, wäre ihr Einkommen höher. Ein Leben im Konjunktiv.
Wie beim Nouveau Roman spielt in »Die Dinge« das individuelle Seelenleben der Personen keine Rolle. Sie sind Charaktermasken des französischen Kleinbürgertums. Einer der prominentesten Vertreter des Nouveau Roman, Alain Robbe-Grillet, kommt in »Die Dinge« nicht gut weg. Über seinen mit Alain Resnais gedrehten Film »Letztes Jahr in Ma­rienbad«, der 1961 die Filmkritik begeisterte, heißt es: Sylvie und Jérôme seien zwar »Filmnarren«, »trotzdem, sagten sie, und mit Recht, ›Letztes Jahr in Marienbad‹, was für ein Mist!«
Seit den fünfziger Jahren beschäftigte sich die marxistische Linke in Frankreich verstärkt mit den Dingen des Alltags und Fragen des guten Geschmacks. Henri Lefebvre, der heutzutage als Philosoph der »Recht auf Stadt«-Bewegung gilt und mit dem Perec befreundet war, veröffentlichte die ersten Teile seiner »Kritik des Alltagslebens«. 1957 waren Roland Barthes’ »Mythen des Alltags« erschienen, die Perec später als wichtigen Einfluss für sein Debüt bezeichnete.
Ein paar Jahre später sollte Pierre Bourdieu mit »Die feinen Unterschiede« für diese marxistischen Studien die entscheidenden Begrifflichkeiten liefern. Ganz in diesem Sinne schließt Perecs Roman »Die Dinge« mit einem Zitat von Karl Marx: »Zur Wahrheit gehört nicht nur das Resultat, sondern auch der Weg. Die Untersuchung der Wahrheit muss selbst wahr sein, die ­wahre Untersuchung ist die entfal­tete Wahrheit, deren auseinander­gestreute Glieder sich im Resultat zusammenfinden.«
Noch in den sechziger Jahren erschienen von Perecs Debüt zwei deutsche Fassungen. In der DDR-Übersetzung war das Zitat aus Marx’ »Bemerkungen über die neueste preußische Zensurinstruktion« korrekt wiedergegeben. In der westdeutschen Fassung stand hingegen unter dem Zitat der Name Sergej ­Eisenstein. Seinem westdeutschen Übersetzer Eugen Helmlé hatte Perec geschrieben, vielleicht stamme der Satz »gar nicht von Marx. (…) Ich habe ihn bei Eisenstein gelesen, der ihn Marx zuschreibt.« In der nun neu aufgelegten, überarbeiteten Übersetzung ist dieser Fehler behoben worden. Perec kannte das Marx-Zitat nicht im Original. Er hatte es tatsächlich in einem kunsttheoretischen Aufsatz des großen sowjetischen Filmemachers gefunden, in dem Eisenstein ausführte, dass »Montageprinzipien« für alle Kunstgattungen, nicht nur für den Film relevant seien. Auch Perec montierte. Wie er Helmlé verriet, seien in seinem Roman 20 bis 30 Zitate aus Gustave Flauberts »Die Erziehung der Gefühle« versteckt. Das Spiel mit versteckten Zitaten sollte Perec in seinen späteren Werken noch weitertreiben.
Das Spiel mit Zitaten verweist bei Perec, wie die Notizen in »Ellis Island« zeigen, auf eine spezifisch jüdische Erfahrung, das Fehlen einer Tradition und einer positiven Identität. In seiner Perec-Studie »Das Sprachspiel der Moderne« zieht Jürgen Ritte eine Verbindung zwischen Perecs Literatur und der Philosophie Jacques Derridas, der ebenfalls um diese Leere kreise. In »Die Schrift und die Differenz« schrieb Derrida: »Jude wäre ein anderer Name für diese Unmöglichkeit, ein Selbst zu sein.« Doch das Gefühl, in einer fremden Welt zu leben und nicht zu wissen, wer man ist, gehört auf einer anderen Ebene zu den Grunderfahrungen im Kapitalismus. In Perecs Werk kreuzen sich die beiden Motivstränge. In »Die Dinge« geht es vornehmlich um die Entfremdung in der Moderne, um den verzweifelten Wunsch, in der Warenwelt glücklich zu werden. Selten ist diese Verzweiflung literarisch so erfasst worden wie in Perecs Debütroman.
Georges Perec: Die Dinge. Eine Geschichte der sechziger Jahre. Aus dem Französischen von Eugen Helmlé. Diaphanes-Verlag, Zürich/Berlin 2016, 120 Seiten, 12,95 Euro
Ders.: Ellis Island. Aus dem Französischen von Eugen Helmlé. Diaphanes-Verlag, ­Zürich/Berlin 2016, 64 Seiten, 9,95 Euro
Ralph Schock (Hg.): »Cher Georges« – »Cher Eugen«. Die Korrespondenz zwischen Eugen Helmlé und Georges Perec 1966–1982. Conte-Verlag, St. Ingbert 2015, mit Audio-CD, 416 Seiten, 19,90 Euro