Feindbild Belgier

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Der Belgier – was ist das eigentlich für einer? Ein Franzose, der zuweilen die falsche Sprache spricht? Wohl bei kaum einem anderen Nachbarland Deutschlands und dessen Bevölkerung fällt es dem völkischen Rassismus so schwer, die passende Schublade zu finden. Das war schon vor über 100 Jahren so. »Belgien war in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zu selten Gegenstand öffentlicher Diskussionen in Deutschland gewesen, als dass sich ein öffentliches Bild hätte durchsetzen können«, schrei­ben Sebastian Bischoff und Frank Oliver Sobich in ihrer Studie »Feinde werden«. Was es allerdings damals in Deutschland schon länger gab, waren militärstrategische Diskussionen über Belgien: Für den geplanten Angriff auf Frankreich war unabdingbar, völkerrechtswidrig durch das neutrale Belgien vorzurücken. Wenig überraschend stieß der deutsche Einmarsch in Belgien Anfang August 1914 auf geringes Verständnis. Dennoch war das Bild des belgischen »Franktireurs« – des Freischärlers, die Regeln der Kriegsführung missachtend, auch in Gestalt von Frauen, Kindern und Alten auftretend, aus dem Hinterhalt angreifend, sich auf verwundete und kranke Soldaten stürzend, ihnen Gliedmaßen abtrennend und Augen ausstechend – ein Mythos, der mit realen Ereignissen kaum etwas zu tun hatte. Dennoch gelang es der deutschen Berichterstattung damit, binnen Wochen Belgierinnen und Belgier zu nationalen Feinden zu machen, gegen die jedes grausame Vorgehen gerechtfertigt war. An solchen Grausamkeiten mangelte es denn auch genauso wenig wie beim »Boxeraufstand« in China 1900 und dem Völkermord an Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika 1907. Bei allen Unterschieden entdecken die Autoren beim Vergleich der drei Fälle Muster einer Feindbildkonstruktion, die erklären, wie und warum eine nationale Öffentlichkeit Menschengruppen zu existentiellen Gegnern erklärt.