Thailand nach dem Tod des Königs

Bye-bye, Bhumi

Der Posterboy des thailändischen Nationalismus, König Bhumibol, ist tot. Da das Land noch immer ungelöste politische und wirtschaftliche Probleme hat, sorgt der Verlust des Monarchen für mehr Instabilität.

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Ein ganzes Volk trauert. Dieser Eindruck entsteht, wenn man die Berichterstattung über den Tod des thailändischen Königs Bhumibol Adulyadej verfolgt. Für die Bangkok Post war der seit 1946 herrschende Bhumibol der »Vater der Nation«, ein »Leitbild für Arm und Reich, Jung und Alt« gleichermaßen, ein »Intellektueller und Philosoph«, der stets das Wohlbefinden seiner Untertanen zum Ziel seines Handelns gemacht habe. Laut Spiegel wurde keiner »mehr vom Volk verehrt« als »der geliebte König« Bhumibol. Neben der Liebe seiner Untertanen wird insbesondere seine Rolle als politische Konstante hervorgehoben: Er sei »über alle Krisen, Militärputsche und politische Gräben hinweg die einende Kraft Thailands« gewesen, findet der Focus.
Doch das glatte Bild einer über allen Grenzen und für das Gesamtwohl der Nation stehenden, fürsorglichen Vaterfigur ist nur ein Mythos. Der König intervenierte immer wieder parteiisch in die Politik seines Landes, um im Interesse eines Netzwerks aus Militär, hohen Beamten und wohlhabenden Bürgern eine demokratische Entwicklung Thailands zu verhindern.
König Bhumibol war ein Produkt des Kalten Krieges. Das vom Militär regierte Thailand war ein wichtiger Bündnispartner der USA im Kampf gegen kommunistische Bewegungen in Vietnam, Kambodscha und Laos. Bhumibol verlieh dem Regime ein freundliches und glamouröses Gesicht. Er spielte Saxophon, initiierte eigene Entwicklungsprojekte und bereiste mit Kamera und Landkarten sein Land, um den Armen mit Bewässerungsanlagen zu helfen. Mit seiner Frau, Königin Sirikit, an seiner Seite war er ein beliebtes Motiv für die Klatschzeitschriften des Westens.
Als eine Massenbewegung 1973 das Militärregime stürzte, erteilte sie der herrschenden Klasse eine wichtige Lektion. Die Macht der Armee allein reichte nicht aus, um die sich politisierende arbeitende Klasse zu beherrschen. Auch die moralische Legitimierung durch den König war keine Garantie, denn sein sorgfältig gepflegtes väterliches Image konnte falsch interpretiert werden. Wie einst die russische Revolution mit einer Petition an den geliebten Zaren begann, so appellierten auch die thailändischen Studentenführer an König Bhumibol, er möge die verhassten Generäle des Landes verweisen. Ihm blieb damals nichts anderes übrig, wollte er verhindern, dass die Bewegung sich auch gegen ihn richtete.
Es folgte eine kurze Zeit der Demokratie, in der die Herrschenden mit wachsender Sorge die Radikalisierung der Studierenden, der Arbeiter und der Bauern beobachteten. Als Gegengewicht wurden – mit aktiver Unterstützung des Königshauses – drei faschistische Bewegungen ins Leben gerufen: die »Red Gaurs«, vom thailändischen Militär gegründete und aus dem Lumpenproletariat zusammengesetzte städtische Schlägertrupps, die paramilitarischen und antikommunistischen »­Village Scouts« sowie das reaktionäre buddhistische Netzwerk Nawaphon, das seine Mitglieder aus der herrschenden Klasse rekrutierte.
Am 6. Oktober 1976 schlugen sie zu. Studierenden der Thammasat-Univer­sität, die aus Protest gegen die vom König gebilligte Rückkehr des Diktators Thanom Kittikachorn ihren Campus besetzt hielten, wurden von einem faschistischen Mob und dem Militär angegriffen. Hunderte wurden vergewaltigt, erschlagen, erschossen, verschleppt und gefoltert. König Bhumibol ernannte daraufhin den rechtsextremen Richter Thanin Kraivichien, ein Nawaphon-Mitglied, zum Ministerpräsidenten. Dieser verbot politische Parteien und Gewerkschaften und verfolgte diejenigen, die sich für ihre Rechte eingesetzt hatten. Thanin ist bis heute Mitglied des Kronrats.
Das Zusammenspiel aus faschistischem Mob und reaktionären Netzwerken im Staatsapparat funktionierte auch gegen Thaksin Shinawatra. Der 2001 gewählte und 2005 wiedergewählte Ministerpräsident wurde aufgrund seiner sozialen Reformen besonders von der ärmeren Bevölkerung unterstützt. Er wurde 2006 vom Militär gestürzt, nachdem die Gelbhemdbewegung mit ihrer extrem nationalistischen und monarchistischen Ideologie dafür die politische Legitimierung geschaffen hatte. Auch der Militärputsch gegen Thaksins Schwester Yingluck 2014 wurde mit einer rechten Mobilisierung auf der Straße vorbereitet. Die wichtigste Konstante von Bhumibols Regentenschaft war also die aktive Unterstützung oder zumindest passive Billigung von Interventionen gegen demokratisch gewählte Regierungen.
Das Militärregime benutzt nun den Tod Bhumibols, um seine eigene Legitimität zu stärken. Dazu gehört die staatlich verordnete Trauer, die ein ganzes Jahr dauern soll. Alle Zeitungen dürfen nur in schwarz-weiß erscheinen, alle Fernsehsender senden ausschließlich Material über das Leben und Wirken des Monarchen. Die Telekommunikationsbehörde hat angekündigt, soziale Medien »24/7« nach königskritischen Kommentaren zu durchforsten. Schon jetzt gehen wütende schwarz bekleidete Mobs auf Menschen los, die nicht die gebührende Trauer an den Tag legen. Das Gesetz gegen Majestätsbeleidigung wird umso schärfer angewandt. Ein Verstoß kann mit 15 Jahren Haft geahndet werden.
Es gibt viele Thais, die um ihren König trauern. Es sind diejenigen, die sich in den letzten Jahren an den nationalistischen und monarchistischen Massenbewegungen beteiligt haben oder ihre Ziele unterstützten. Tausende weinende Menschen verdecken jedoch auch eine andere Realität in Thailand, nämlich eine republikanische Kritik am König und ein Verlangen nach Demokratie.
Diese republikanische Tradition hat ihre Wurzeln in der Revolte von 1932 gegen die damalige Monarchie. Eine von Pridi Panomyong und Plaek Phibunsongkhram angeführte »Volkspartei« drohte mit der Ausrufung einer Republik und setzte eine demokratische Verfassung und eine konstitutionelle Monarchie durch. Bis 1957 waren der König und seine Entourage politisch weitgehend marginalisiert. Erst nach dem Putsch des proamerikanischen Generals Sarit wurde die Symbiose zwischen Königshaus und Militär etabliert und König Bhumibol als gottähnliche Gestalt eingeführt. Man könnte daher mit Recht behaupten, dass auch Bhumibol erst durch einen Putsch an die Macht gekommen ist.
Die linken Bewegungen der siebziger Jahre waren dem König gegenüber kritisch eingestellt. Für die Politisierung der Rothemden in den letzten Jahren spielte die Kritik an der Monarchie eine wichtige Rolle. Viele von ihnen beschreiben den Moment, als sie die Machtstrukturen hinter dem König durchschauten, als »taa sawang«, »politisches Erwachen.« Heutzutage werden bekannte Intellektuelle, die die Monarchie offen kritisieren, wie der ehemalige Studentenführer von 1973 und im Exil lebende Professor Somsak Jeamteerasakul, von den Rothemden wie Popstars gefeiert.
Das Problem des Militärregimes und der Monarchisten ist offensichtlich: Sie können die Trauer um König Bhumibol nicht unbegrenzt für die eigene Legitimierung nutzen. Der Tronfolger, Prinz Maha Vajiaralongkorn, ist wahrlich keine geeignete Integrationsfigur für die Monarchie. Er ist als Playboy und Lebemann verschrien, war dreimal verheiratet und ließ die Familie seiner dritten Frau wegen Majestätsbeleidigung ins Gefängnis werfen. Es ist schwer vorstellbar, dass er ähnliche Gefühle der Hochachtung und Treue hervorrufen wird, die sich zur ideologischen Bindung einer nationalistischen und monarchistischen Massenbewegung eignen würden. Außerdem möchte Vajiralongkorn die Nachfolge seines Vaters erst in einem Jahr antreten. Der 96jährige Interimsregent, General Prem Tinsulanonda, wird es auch nicht richten. Er ist bei den Rothemden noch verhasster als der Prinz. Die Repression, die vom Militärregime ausgeht, wird voraussichtlich in den kommenden Monaten stärker werden – während seine gesellschaftliche Hegemonie ­zugleich schwindet.