Eine Kulturgeschichte der Leichenkonservierung

Eine schöne Leich

In manchen Epochen galt die Konservierung der Toten als ruhmreiches Handwerk. Heutzutage soll, wer gestorben ist, möglichst schnell verschwinden. Dass damit auch die Erinnerung verkümmern muss, ist jedoch nicht gesagt.

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In seinem 1841 erschienenen Text »Ein Gang durch die Katakomben« beschreibt Adalbert Stifter eine Führung durch die Katakomben unter dem Wiener Stephansdom. Der Autor, urbanen Sujets sonst eher abgeneigt, kehrt das junge Genre des Großstadtfeuilletons gegen sich selbst, indem er nicht das Leben auf den Gassen, sondern die Totenwelt darunter in den Blick nimmt. Mit offenkundiger Faszination schildert er die namenlosen Leichen, die neben den Grüften von Adeligen, Domherren und Bischöfen die Gänge säumen. Die ältesten Teile der Katakomben stammen aus der Zeit um 1485. Bis 1783, als solche Bestattungen innerhalb der Stadtgrenzen verboten wurden, sind neben berühmten Toten mehr als 10 000 weitere Menschen dort begraben worden. Die Katakomben waren in einzelne Räume unterteilt. War ein Raum mit Leichen gefüllt, wurde er verschlossen und der nächste geöffnet. Der Erhaltungsgrad der Toten war sehr unterschiedlich. Wie sie bestattet wurden, hing von ihrem gesellschaftlichen Rang ab. Den Toten der Habsburger, die in den Katakomben beerdigt sind, entnahm man die Eingeweide, die mit Alkohol konserviert in Metallgefäßen aufbewahrt wurden. Die eingeweidelosen Körper wurden einbalsamiert und in hermetisch verschlossenen Särgen bestattet. Kleriker und Domherren wurden hinter Marmorplatten eingesargt, daneben gab es auch Urnen sowie die Leichenräume, in denen sich die Körper häuften. Von vielen waren bald nur noch die Gebeine übrig, aber in günstiger Lage konnte es geschehen, dass die Leichen lange Zeit erhalten blieben.
Stifter interessiert sich vor allem für anonyme konservierte Leichen und schildert die Begegnung mit ihnen mit derselben Detailfreude, die er bei der Beschreibung von Bergpanoramen und Schneelandschaften an den Tag legt: »Wir traten nun wieder in eine neue Halle, und wie ich um die Ecke des Pfeilerbogens komme und vor mich hinleuchte, erschrak ich heftig. Ein großer nackter Mann lehnte starr an der Mauer; zu seinen Füßen saß ein anderer zusammengekauert, die Hände über der Brust gefaltet, und den Kopf, der nur mehr an einem losen Bande des Halses hing, über die Schulter seitwärts gesunken – eine Frau in sich gebückt und eingesunken, gleichfalls mit gefalteten Händen, lauerte im Winkel, und an den Wänden lehnten oder saßen, oder lagen andere – und wie ich so vor mich herleuchte, wieder andere und wieder andere – lauter Leichen und lauter Mumien, der eine mit offenem Munde, der andere mit furchtbar zusammen gepresstem, der eine gestreckt, der andere zusammengeknittert … aber bis zum Erschrecken deutlich waren die Gesichter und die Körperformen, als wären sie gestern hierher gestellt worden; – denn aus einer mir unbekannten Ursache war hier keine Verwesung eingetreten, sondern die Haut war sanft getrocknet, und war anzufühlen wie weich gegerbtes Leder, das Zellgewebe des Fleisches war ebenfalls ausgetrocknet und füllte die Haut wie eingestopfte Sägespäne, so dass selbst die Muskeln elastisch blieben, dem Drucke unserer Stöcke wichen, und wieder sachte emporschwollen, wenn der Druck nachließ.«
Obwohl er mehrfach vom Erschrecken spricht, scheint der Betrachter von fast zärtlicher Ruhe geleitet zu sein. Er wendet sich nicht angeekelt ab, erstarrt nicht, riskiert keinen schamhaften Blick, sondern leuchtet vor sich hin und her wie ein Nachtwächter beim Rundgang, ja er begutachtet die Haut der Leichen intensiv genug, um sie als sanft getrocknet oder wie gefüllt mit Sägespänen beschreiben zu können, und berührt die Leiber mit seinem Stock. Was zur gleichen Zeit Edgar Allan Poe als Motiv des Unheimlichen variierte, der tote Körper, der lebendig, der lebende, der tot erscheint, wird von Stifter mit der Rede von der lauernden Toten aufgegriffen, jedoch in eine seltsam kontemplative Szene überführt. In ihr scheint keine Furcht vor Berührung der Leichen zu bestehen, die eher Milde als Schrecken verbreiten. Es handelt sich um jene Milde, die sich einstellt, wenn Menschen sich mit ihrer Endlichkeit versöhnt wähnen: »Denn für uns Sterbliche ist keine Stelle in diesem Universum so beständig, dass man auf ihr berühmt werden könnte; die Erde selber wird von den nächsten Sonnen nicht mehr gesehen, und hätten sie dort auch Röhre, die zehntausendmal mehr vergrößerten als die unsern …  Während ich dies dachte, rasselte wieder ober uns das Geräusche eines rollenden Wagens auf dem Pflaster des Stephansplatzes, und es deuchte mir so leichtsinnig, oder so wichtig, wie etwa die Weltgeschichte der Mücken oder der Eintagsfliegen.« Die Vergeblichkeit allen Strebens und die Nichtigkeit weltlicher Güter enthüllt sich nicht dem Melancholiker bei Betrachtung welker Blumen, sondern dem Städter, der beim Sightseeing durch den Untergrund mit dem Spazierstock in frischgehaltene Leiber piekt.
Dass sich in Stifters barockem Szenario eine genuin moderne Inhumanität anmeldet, wird an der Metaphorik deutlich. An Leder fühlt er sich bei der Haut der Toten erinnert, ihre Körper evozieren ausgestopfte Säcke. Und nicht als erbarmungswürdige Menschenkinder erscheinen ihm die Stadtbewohner, die sich über den Grüften tummeln, sondern wie Eintagsfliegen: eher vernichtungswürdig als der Erlösung bedürftig. Nicht die Verfallenheit der Sterblichen, die trotz ihrer Gier nach Ruhm der Natur ausgeliefert sind, wird beklagt, sondern proklamiert, der Mensch sei inmitten seiner Zivilisation wieder zur ersten Natur, zum Insekt geworden. Nicht zufällig interessiert sich Stifter weniger für die in den Grüften bestatteten Berühmten als für die Unbekannten. Sie scheinen ihm die Wahrheit über die Lebenden zu enthüllen, die sich in der Oberwelt aufreiben und vergeuden. Als Stifter den Text schrieb, begann in Wien eine rasante Industrialisierung, zwischen 1800 und 1850 verdoppelte sich die Einwohnerzahl, Einwanderer, vor allem aus Böhmen und Mähren, strömten in die Stadt. Was Stifter in der Begegnung mit den Leichen als übergeschichtliche Einsicht in die Vergeblichkeit menschlicher Dinge vor Augen zu treten scheint, reagiert in Wahrheit auf eine zeitgenössische Erfahrung: angesichts der Erosion der feudalen Ordnung, des Historischwerdens des katholischen Weltbilds (die römisch-katholische Kirche war Staatskirche der Habsburgermonarchie) und der Anonymität der Tauschgesellschaft die Nebenmenschen, die immer auch Konkurrenten sind, nur mehr als Fliegen wahrnehmen zu können – gerade weil jeder fürchtet, selbst als eine solche behandelt zu werden.
Derlei Erwägungen waren jenen Zeiten, in denen die Konservierung von Toten als Geste ihrer Verehrung praktiziert wurde, weitgehend fremd. Das Individuum, dessen Liquidation bei Stifter vorausgeahnt ist, war noch nicht geboren, als sich im Europa des 13. Jahrhunderts als Bestandteil der Heiligenverehrung professionelle Techniken der Leichenkonservierung entwickelten. Anhand von Körpern katholischer Heiliger wie der 1297 gestorbenen Büßerin Margareta von Cortona, deren sterbliche Überreste 1986 von Pathologen der Universität Genua untersucht worden sind, lässt sich bestimmen, wie die Leichen frischgehalten wurden. Die Körper wurden aufgeschnitten, ausgeweidet, in den Bauchhöhlen mit Sand und Asche gefüllt, mit Natron, das die Austrocknung beschleunigt, behandelt und anschließend zugenäht. Salben und Gewürze wie Myrrhe und Aloe dienten dazu, die Entwicklung von Fäulnisbakterien zu hemmen, die Leichen wurden gewaschen und mit Essig, Weingeist und Salzen eingerieben. Bandagierungen, wie sie im alten Ägypten üblich waren, fanden in Europa keine Anwendung. Stattdessen wurden das Gesicht und oft der gesamte Körper mit Harzen und Ölen balsamiert; eine weniger langfristige Konservierungsmethode als die Mumifizierung, die aber die Haltung des Körpers und die Gesichtszüge der Toten sichtbar bewahrt. Ruhmreiche Tote wurden in Gewänder gehüllt, bevor bei der Aufbahrung Abschied von ihnen genommen werden durfte. Obwohl sich die Techniken der Leichenkonservierung seither verändert haben, hat sich die Zeremonie vor allem in der katholischen Kirche in wesentlichen Zügen erhalten. Im modern embalming wird der Leichenzerfall verlangsamt, indem verwesungshemmende Substanzen wie Formalin über die Halsschlagader ins Arteriensystem gespritzt werden. Zugleich haben sich die Methoden der hygienischen Totenversorgung, Thanato­praxie genannt, pragmatisiert. Sie dienen nicht mehr der Hagiographisierung bedeutender Toter, sondern dem durchaus profanen Zweck, den Hinterbliebenen einen pietätvollen Abschied zu ermöglichen.
Im ausgehenden Mittelalter wurde die getrennte Bestattung von Herz, Gehirn und Eingeweiden üblich, bei der der Körper vollständig ausgehöhlt wird; die zum jeweiligen Toten gehörenden Innereien wurden in Schalen zur Schau gestellt. In der frühen Neuzeit begann man, die Körper berühmter Verstorbener mit Parfüms zu behandeln. Bevor deren kosmetischer Gebrauch auf breiter Basis üblich wurde, dienten sie der Verschönerung der Toten, wie überhaupt vielfältige Verbindungen zwischen Kosmetik und Leichenbehandlung bestehen. Immer noch werden Leichen für die Aufbahrung gepudert und geschminkt, damit die Trauernden sich ohne Angst ihrem Anblick aussetzen können. Zwischen ästhetischer und hygienischer Funktion der Konservierung lässt sich nicht genau unterscheiden. Kosmetische Behandlungen dienen dazu, den Körper vor Verfall zu bewahren, und sollen zugleich in dessen Erscheinung die Erinnerung an den lebendigen Menschen festhalten. Umgekehrt können misslungene Konservierungen Eklats der Hässlichkeit nach sich ziehen. Während der Trauerfeier für den 1830 verstorbenen britischen König George IV. begann dessen Körper anzuschwellen und Verwesungsgase zu verströmen, für deren Abführung Löcher in die Sargwand gebohrt werden mussten. In derlei Situationen wird offenkundig, was durch die Verfahren der Thanatopraxie verdrängt werden soll: dass der tote Körper vom organischen Leben wieder übernommen wird; dass die Leiche keine bloße Körperhülle ist, sondern Teil der nichtmenschlichen Natur wird, die den Leib zerstört, den sie hervorbrachte. Seele ist der ohnmächtige Name der Menschen für das, worin sie sich von der nichtmenschlichen Natur unterscheiden, der sie entsprungen, aber nicht entronnen sind.
Seit dem 18. Jahrhundert haben sich die Verfahren der Thanatopraxie säkularisiert und demokratisiert. Erste Methoden der Leichensezierung, die auch zur Erkennung der Todesursache dienen konnten, wurden entwickelt, die Konservierung diente nicht länger allein sakralen und hagiographischen Zwecken, sondern trat in den Dienst der Rechtsmedizin. Gehörten zu frühen Pionieren der Thanatopraxie vor allem Leibchirurgen der Könige und Kaiser wie der französische Anatom Ambroise Paré, der Chirurg Heinrichs II. und Heinrichs III. war, wurde die Leichenbehandlung als Teil der Anatomie zu einer wissenschaftlichen Disziplin. Ab Anfang des 19. Jahrhunderts wurde mit der arteriellen Konservierung experimentiert, bei der den Toten Alkohol oder Arsenik gespritzt wurde. Ebenfalls im 19. Jahrhundert entdeckte der russische Chemiker Alexander M. Butlerow das Formaldehyd, das die langfristige Leichenkonservierung ohne Entnahme der inneren Organe ermöglichte und die heute übliche innere Konservierung vorbereitet hat. Dabei ersetzt eine Mischung aus Formaldehyd und Methanol das Blut im Kreislaufsystem und verhindert die Gewebefäulnis. Bei den Toten der Habsburger, deren Grüfte Stifter 1841 beschrieb, wurde die Organentnahme 1878 zum letzten Mal am Leichnam von Erzherzog Franz Karl praktiziert, dem Vater von Kaiser Franz Joseph. Alle späteren Leichen wurden mit der neuen Konservierungsmethode behandelt. Der Vatikan stieg Anfang des 20. Jahrhunderts auf Formaldehyd um.
Je häufiger die Leichenkonservierung zu wissenschaftlichen Zwecken verwendet wurde, desto mehr trat an die Stelle der Aufgabe, die Körper als Gedächtnisikone zu bewahren, das Interesse, Erkenntnisse über den menschlichen Körper, die Ursachen des Todes und Möglichkeiten der Lebensverlängerung zu gewinnen. Leichenkonservatoren, die es im Dienst des Klerus und Adels zu Ruhm bringen konnten, wurden zu medizinischen Experten. Im 19. Jahrhundert, als die Zuständigkeit für die Leichenerhaltung von der Kirche an die Medizin überging, inflationierten als Reaktion auf die fortschreitende Profanierung Phantasien von Toten, die wiederkehren, Siechenden, die nicht sterben können, Untoten und Somnambulen. Die Angst, lebendig begraben zu werden, ergriff die Massen. Friederike Kempner, von der Neuen Frankfurter Schule als unfreiwillige Nonsensdichterin wiederentdeckte Goethe-Epigonin, laborierte an der Entwicklung eines Klingelzugs, der es erlaubt hätte, den Friedhofswärter zu verständigen, falls sie nach der Bestattung aufwachen sollte. Edgar Allan Poe verband in Erzählungen wie »Ligeia«, »Eleonora« und »Morella« den Topos der Femme fragile, die nie ganz am Leben ist, aber auch nie sterben kann, mit dem Motiv der Seelenwanderung. Das morbide Szenario von Stifters Katakombenreportage, in der dem Leser nicht umsonst das anachronistische Motiv der »Mumie« begegnet, steht in engerem Zusammenhang mit der Schwarzen Romantik, als der dem Selbstverständnis nach antiromantische Autor geahnt haben mag; die Redewendung, der Wiener habe nichts lieber als eine schöne Leich, wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts topisch.
Wie als Kalauer auf den historischen Materialismus lösten im 20. Jahrhundert linke Heroen die Kaiser, Könige und Heiligen als bevorzugte Objekte der Thanatopraxie ab: von Lenin in seinem Mausoleum bis zum toten Hugo Chávez, der dem Militärmuseum von Caracas als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt werden sollte, worauf wegen des unplanmäßig früh einsetzenden Verwesungsprozesses verzichtet wurde. In den westlichen Staaten wird es indessen beliebter, den eigenen Tod mit derselben pragmatischen Wurstigkeit zu behandeln wie das ihm vorangehende Leben. Die Mehrheit möchte nach dem Tod verbrannt werden, anonyme Gräber und Urnenwälder wie auf der Insel Usedom, wo man die eigene Asche ökologisch abbaubar unter Buchen verscharren lassen kann, sind populär. Das liegt nicht nur an der vielberufenen Ent­traditio­nali­sier­ung der Lebensformen, daran also, dass fast niemand mehr darauf vertraut, dass das eigene Grab einmal von Angehörigen oder Freunden gepflegt wird, ja nicht einmal darauf, dass ein Grab überhaupt bezahlt werden kann. Es liegt auch daran, dass die meisten Menschen sich selbst und einander schon zu Lebzeiten als so überflüssig behandeln, wie sie nach dem Tod zu werden glauben.
Trotzdem haftet der Klage, die Gegenwart des Todes werde aus der Moderne verdrängt, etwas zutiefst Inhumanes an: als wäre der Skandal nicht der Tod, sondern seine Abstraktheit; als würden die Menschen mit ihm besser zurechtkommen, wenn sie den Sterbenden ins Gesicht sehen oder sich, schreiend und weinend, an den Verstorbenen klammern könnten. So geschah es 1989 beim Staatsbegräbnis Khomeinis, als eine »Allahu akbar« brüllende Menschenmenge den Abtransport der Leiche ihres Führers aufzuhalten suchte, was zu einer Massenhysterie mit Dutzenden Toten und mehr als 11 000 Verletzten führte. Solch kollektiver Klagefanatismus, wie ihn Don DeLillo in seinem Roman »Mao II« eindrücklich beschrieben hat, ist Frevel am Eingedenken, das seinem Begriff nach Stille, Individualität und Distanz voraussetzt. Schon die Verwandlung des Toten in ein Objekt, die Aufgabe von Leichenkonservatoren war, zielte darauf. Der Aufgebahrte wurde zum Denkmal des eigenen Lebens. Grabsteine, Bilder, Gegenstände aus der Vergangenheit des Gestorbenen erfüllen im säkularisierten Gedenken eine ähnliche Funktion. Dem Gedenken ist das Denken immanent: Treuester Hüter der Erinnerung und verbindlichster Gegner des Vergessens ist das als kalt und unmenschlich diffamierte Lebenselement der Vernunft, die Abstraktion.