Die Antilopen Gang im Gespräch über Pegida, Punkrock und das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören.

»Neidisch auf das Publikum«

Die Antilopen Gang ist eine Ausnahmeerscheinung im deutschen HipHop. Die Band ist unter Vertrag bei JKP, dem Label der Toten Hosen, covert auch schon mal Deutschpunklieder von Slime und brachte mit ihrem Song »Beate Zschäpe hört U2« den Verschwörungs­theoretiker Ken Jebsen auf die Palme. Anlässlich ihres zweiten offiziellen Albums mit dem Titel »Anarchie & Alltag« sprechen Koljah, Danger Dan und Panik Panzer über Pegida, Punkrock und das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören.
Interview Von

Als ihr vor fast genau zwei Jahren euer offizielles Debütalbum ver­öffentlicht habt, dachte ich: Jetzt wird endlich alles gut, endlich wieder eine antifaschistische Haltungsgruppe im BRD-HipHop-Game! Aber irgendwie ging es dann doch nur weiter bergab …

Koljah: Du meinst mit uns?!

Nee, ich meine gesamtgesellschaftspolitisch.

Koljah: Also, ich habe damals wirklich nicht gedacht, dass alles gut wird. Ich kann also weder deinen Optimismus noch deine Enttäuschung da­rüber teilen. Als »Aversion« im November 2014 erschien, begannen die Pegida-Demonstrationen. Da war die AfD noch gar nicht so ein Thema. Die waren da noch die Anti-Euro-Partei.
Danger Dan: Aber damals war es auch schon scheiße, muss man sagen.

Seither hat sich vieles zusammengebraut.

Koljah: Klar, aber die Situation war schon damals für uns so, dass wir ein Lied wie »Beate Zschäpe hört U2« unbedingt schreiben mussten. Was manche schon fast prophetisch ­fanden, weil bis heute so viel von dem passiert ist, was wir damals in dem Song, aber auch auf dem Album besungen haben. Aber würde man den Song heute nochmal schreiben, könnte man ihn sicher noch viel weiter zuspitzen.
Danger Dan: »Heute sind es noch Stammtischparolen, morgen haben sie Sprengstoff und scharfe Pistolen«, habe ich damals gesungen. Klar, ­früher hatten die auch schon Pistolen, aber in letzter Zeit werden auffällig viele Waffen bei »Reichsbürgern« beschlagnahmt. Es gab Sprengstoff­attentate auf Flüchtlingsheime und es wurde auch mit Pistolen geschossen. Ja, vielleicht war es tatsächlich etwas prophetisch, aber wie traurig, dass sich diese Dystopie so bewahrheitet hat.
Koljah: Was es heute aber auch vermehrt gibt, ist die öffentliche Kritik an Verschwörungstheorien. »Aluhut« ist fast ein geflügelter Begriff geworden. Sich heute über Verschwörungstheoretiker lustig zu machen, ist komplett im Mainstream angekommen – man muss sich nur TV-Sendungen wie etwa die Heute-Show anschauen.

Hat nicht zuletzt auch Xavier Naidoo mit seinen vielen verrückten Verlautbarungen einiges für die Popularität von Verschwörungstheorien in den Massenmedien getan?

Danger Dan: Es gibt ja von diesem Rapper Baron Totschild ein Stück, der übrigens eine erschreckend ähnliche Stimme wie ich hat. Sein Lied »Nie mehr Krieg« besteht fast ausschließlich aus Xavier-Naidoo-­Zitaten. Es sind Aussprüche, die aber schon viele Jahre zurückliegen. Naidoos Entwicklung war schon vor langer Zeit nicht nur absehbar, sondern bereits abgeschlossen: Der hatte also schon vor Jahren einen an der Waffel!
Koljah: Aber damals hätte man ihn vermutlich noch nicht so schnell wieder ausgeladen, beim Eurovision Song Contest für Deutschland aufzutreten. An abstruse Verschwörungen zu glauben, scheint definitiv weniger salonfähig geworden zu sein. Auf der anderen Seite hat der NDR ihn ja überhaupt erst dazu eingeladen.
Danger Dan: Es gibt übrigens noch eine Sache, die seit »Aversion« richtig schlimm geworden ist, und zwar diese Bildchen auf den Zigaretten­packungen. Das finde ich die größte Unverschämtheit der letzten Jahre überhaupt.
Koljah: Bei mir hat es leider dazu geführt, dass ich wesentlich mehr rauche als noch vor zwei Jahren. Das einzige, was mir wirklich etwas die Laune verdirbt, ist das Motiv »abgefaulter Fuß«.

Warum gibt es eigentlich noch kein Comeback des Zigarettenetuis?

Panik Panzer: Das gibt es doch schon! Wenn ich mich – wie fast täglich – auf irgendwelchen Modeblogs herumtreibe, ist mir in letzter Zeit bei ­irgendwelchen T-Shirt-Klitschen tatsächlich schon aufgefallen, dass sie vermehrt als Accessoire Zigarettenetuis anbieten.
Noch in den siebziger Jahren hatte jeder Raucher, der was auf sich hielt, silberne Zigarettenetuis und auf seinem Wohnzimmertisch ­einen ordentlichen Zigarettenspender stehen.

»Nicht mal in der Antilopen Gang finde ich wirklich ein Gruppengefühl. Zwar habe ich manchmal narzisstische Anfälle, aber tief in mir drin weiß ich: Ich bin ein Loser.« Danger Dan

Panik Panzer: Jetzt gerade ärgere ich mich, dass wir für »Anarchie & Alltag« keine Deluxe-Box gemacht haben.

Dabei ist so eine überteuerte Deluxe-Box doch der bauernschlaue Trick, um seine Chartposition vor allem in der Woche der Album-Veröffentlichung legal zu frisieren.

Panik Panzer: Bauernschlau, in der Tat. Wir brauchen als Antilopen Gang hier jetzt auch gar nicht so zu tun, als hätten wir das nicht auch schon versucht, möglichst viel Geld bei ­unseren Fans abzugreifen. Aber wir haben diesmal leider keinen Inhalt gefunden, auf den wir wirklich Bock gehabt hätten.
Koljah: Ich finde es viel reizvoller, es im Nachhinein so umzudeuten, dass es ein bewusstes Statement ist, keine Deluxe-Box zu machen, und wir uns eben verweigern, weil uns diese Dinger einfach ankotzen.

Die negative Dialektik der Antilopen Gang. Sich immer schön pfiffig aus allem rausklamüsern.

Danger Dan: Nee, das ist eher unser Postkonzeptionalismus. Wir sind aus lauter Dummheit und Hilflosigkeit in die Situation geraten, dass uns einfach keine würdige Box-Set-Idee ­eingefallen ist, aber ich fühle mich jetzt total wohl damit, ja fast schon ­erhaben und revolutionär.

Die Message gegen Sell-Out hört man auf jedem HipHop-Mixtape seit Jahrzehnten.

Panik Panzer: Ja, darum vermeiden wir es auch, uns explizit gegen Dinge auszusprechen, die wir später vielleicht selbst machen. Wir haben uns ja vor »Aversion« dagegen ausgesprochen, überhaupt für Musikalben Geld einzunehmen. Wir wollten immer Untergrund sein und nun sind wir Teil der Unterhaltungsmaschine geworden. Heute verkaufen wir unsere Musik.

Es gibt ja das schöne Zitat von Walter Benjamin: »Immer radikal, niemals konsequent.« Findet ihr euch darin wieder?

Koljah: Finde schon! Konsequenz ist ja per se auch nicht immer nur was Gutes. Manchmal werden wir konfrontiert mit irgendwelchen alten Songzitaten, dass wir eben mal »Fickt die Industrie!« gesungen haben oder so. Aber es muss ja nicht alles für immer in Stein gemeißelt sein. Konsequenz im Sinne von »Sich treu bleiben« oder »Sich nie verraten« ist doch ein schreckliches Klischee mit unangenehmem Beigeschmack.

Versteht ihr euch denn überhaupt noch als HipHop-Act?

Danger Dan: Wir selber würden uns so nicht unbedingt positionieren. Aber wenn ich uns jetzt von außen betrachten könnte, würde ich das wahrscheinlich auch so sehen: Die Antilopen Gang sind doch dieser HipHop-Act.
Koljah: HipHop ist am Ende ja sowieso auch nur Pop. Verstehe überhaupt nicht, wo man da die Grenze ziehen soll.

Es gibt kaum ein Genre, in dem sich die Protagonisten seit Generationen dermaßen esoterisch verhalten wie im HipHop.

Koljah: Also, stilistisch – klar, wir rappen ja auch und bringen Mixtapes heraus, weil wir da Bock drauf haben. Aber wie stark man sich das auf die Fahne schreiben muss, ist so ein bisschen die Frage. Wir werden ja seit »Aversion« in den Medien immer als die Punk-Rapper dargestellt.

Die Punkrock-Nähe wurde euch vor allem wegen eures Labels ­unterstellt, immerhin ist es das Label der Toten Hosen. Und du, Kolja, trägst fast immer Punkrock-Shirts in der Öffentlichkeit, was im HipHop doch eher unüblich ist.

 

Danger Dan: Es gibt Punkrock-­T‑Shirts seit Jahren bei H & M zu kaufen.
Koljah: Aber bisher noch kein Shirt von den Goldenen Zitronen! Klar, ­natürlich ist es eine bewusste Entscheidung, so ein Shirt in einem Video anzuziehen. Wenn wir auf Punkrockfestivals spielen, ziehe ich aber lieber ein Ice-Cube-Shirt an.

Auf eurem Album hört man erstaunlich viele echte Instrumente. Also E-Gitarren, Schlagzeug und so weiter.

Danger Dan: Ja, das stimmt, obwohl wir natürlich auch mit elektronisches Sounds und Samples arbeiten. Aber ich stehe einfach auf den Sound dieser Instrumente. Natürlich muss man da aufpassen, nicht in die Freundeskreis-Falle zu tappen.

Was ist die Freundeskreis-Falle?

Danger Dan: Na, dass es am Ende ­alles auf irgendeinen World-Music-mäßigen Hippiescheiß rausläuft.

Ihr habt immerhin Reggae-Anleihen in eurer Musik.

Danger Dan: Das stimmt. Aber ich finde ja, dass Reggae meistens falsch verstanden wird. Ich höre am liebsten irgendwelchen Skinhead-Reggae.

Du meinst Ska und Rocksteady?

Danger Dan: Ja, und schau: Ich habe heute extra meine Springer-Stiefel angezogen! Aber um nochmal auf die Instrumente auf unserem Album ­zurückzukommen: Tatsächlich mag ich echten Bass lieber als den Bass aus dem Computer. Auch wenn es am Ende vielleicht sogar gleich klingt. Aber ich mag die kleinen Nuancen, die ein Musiker einfließen lässt, wenn er sein Instrument live einspielt.

Panik Panzer, du guckst so skeptisch.

Panik Panzer: Das ist tatsächlich immer wieder ein Streitpunkt zwischen uns. Ab einem gewissen Punkt bekommt so ein Song etwas Un­cooles, wenn er zu muckerig wird. Und davor habe ich immer etwas Schiss. Dass wir überhaupt zwischen einem Mixtape und einem regulären Album unterscheiden, das kann man Leuten, die nicht aus der HipHop-Welt kommen, gar nicht begreiflich machen.

Was genau ist der Unterschied?

Panik Panzer: Bei einem Album investiert man unglaublich viel hinein, bei einem Mixtape rotzt man alles einfach so raus. Im Kosmos der Antilopen Gang bedeutet das auch, dass man zu einer Albumproduktion ­andere Musiker einlädt.
Danger Dan: Es ist ja auch anstrengender, eine Schallplatte aufzulegen, als ein MP3 anzumachen. Und ­eigentlich total dumm, heute überhaupt noch eine Schallplatte auf­zulegen. Aber allein weil eine Schallplatte schön ist, hat sie ihre Berech­tigung. Auf den Produktionsprozess übertragen, finde ich es einfach schön, wenn ein Klavier ein echtes Klavier ist und kein Keyboard.

Im Moment scheint es den Leuten reichlich egal zu sein, ob ein Song von einem Klavier oder einer Keyboard gespielt wird. Haupt­sache, die Stimme klingt ordentlich nach Autotune. Wie lange noch?

Danger Dan: Das wird man sich in den fünfziger Jahren auch über das Saxophon gefragt haben: Wie lange hält die Welt das noch aus?
Panik Panzer: Die meisten Auto­tune-Songs im HipHop sind wirklich sehr langweilig mit den immer gleichen Melodien, aber für mich ist es einfach ein kreatives Tool, weil ich auch nicht so ein guter Sänger bin wie zum Beispiel Dan.

Auf eurem Album besingt ihr Alf, den außerirdischen Serienhelden. Guckt das tatsächlich noch wer?

Koljah: Ja, ich zum Beispiel. Ich habe mir das DVD-Boxset gekauft und alle Folgen geguckt. Dass unser sehr junges Publikum überhaupt keine Ahnung hat, wovon wir da reden, das mag sein.
Danger Dan: Naja, die gleiche Frage könnte man heute auch zur Tagesschau stellen. Die guckt auch keiner mehr freiwillig …

Eure Fans werden eher die Heute-Show gucken. Also gleich die ­Satire, die ja dank fake news auf Facebook und Co. oft kaum mehr zu unterscheiden ist von den echten Nachrichten.

Danger Dan: Ich hatte in alten WG-Zeiten mal ein Titanic-Abo und musste, um die überhaupt zu verstehen, die Tagesschau gucken. Wenn die jungen Leute heute bei Böhmermann oder der Heute-Show mit­lachen wollen, dann müssen sie auch so langweile Sachen machen wie die Tagesschau gucken. Oder sich diese Alf-DVDs einfach mal gönnen.
Koljah: Gibt es bestimmt auch auf Youtube!

Abgesehen von Alf solidarisiert ihr euch auf »Anarchie & Alltag« durchweg mit irdischen Losern.

Koljah: Das zog sich als Thema bei der Antilopen Gang von Anfang an so durch. Wir müssen das auch ­immer wieder abklopfen, ob wir da nicht mittlerweile zu unserem ­eigenen Klischee verkommen. Früher waren wir die Antilopen-Outlaws, jetzt sind wir gerade das Patientenkollektiv. Wenn ich aber mit dem Warner-Chef zum Abendessen gehe, dann fühle ich mich natürlich überhaupt nicht als Loser. Höchstens, wenn ich die Rechnung zahlen muss.
Panik Panzer: Für mich sind tragische Helden immer schon die größeren Identifikationsfiguren gewesen. Dafür hatte ich immer schon mehr Sympathien als für die Superhelden.
Danger Dan: Bei Alf geht es ja vor allem um so eine Fremdheitserfahrung. Und auch wenn es bei der Antilopen Gang bisher ganz gut gelaufen ist, fühle ich mich auf unseren eigenen Konzerten noch immer sehr fremd. Auch wenn ich durch die Stadt laufe, fühle ich mich nirgends so richtig dazugehörig. Nicht mal in der Antilopen Gang finde ich wirklich ein Gruppengefühl. Zwar habe ich manchmal narzisstische Anfälle, aber tief in mir drin weiß ich: Ich bin ein Loser.

Es muss dann sehr befremdlich für dich sein, wenn du mit deiner Gang auf der Bühne stehst und vor euch 1 000 Antilopen-Fans zu einer grölenden Masse werden. Hat ja durchaus was Faschistoides, so eine Rockcrowd.

Danger Dan: Mir geht es dann meistens so, dass ich neidisch bin auf das Publikum. Man sieht im Publikum lauter kleine gutgelaunte Freundeskreise, die sich besoffen in den ­Armen liegen. Und ich würde da so gerne mitmachen. Aber ich kann nicht. Und das denke ich, während ich auf der Bühne meinen Job er­ledige.
Koljah: Wenn wir auf der Bühne skandieren: »Wir sind die … «, und das ganze Publikum antwortet wie aus einer Kehle »Außenseiter!« ist das natürlich ein Widerspruch in sich.
Danger Dan: Für eine Band wie die Antilopen Gang gibt es aber nun mal keine Alternative dazu. Vielleicht wäre die Alternative, Schlagermusik zu machen, inhaltlich komplett entleert, da würde ich dann aber vermutlich noch neidischer auf ein noch besser gelauntes Schlagerpublikum schauen. Und ich müsste mich noch mehr verstellen.
Koljah: Wobei so eine Schlagernacht vom Subventionsfaktor gar nicht so weit entfernt vom Punkrock ist. Vor 40 Jahren war Punkrock vielleicht neu und subversiv. Ich finde, es gibt aber heute kaum was Durchgekau­teres, als nur Punkrock zu machen. Ich schaue mir zwar auch gerne mal ein Konzert von den Lurkers oder so an, aber das sind über 50 Jahre alte Männer! Auch im Publikum.

Ist Punkrock der Bluesrock unserer Zeit?

Koljah: Klar, vor allem weil sich die Energie des Punkrocks aus den Siebzigern eben nicht konservieren ließ. Punk wollte einst die komplette Prog­rock-Gesellschaft wegblasen und ist nun selbst ein alter, stinkender ­Kadaver.
Danger Dan: Wir wollten mit Schorsch Kamerun ein Punkrock-Stück zusammen aufnehmen. Der meinte aber nur: »Nee, das ist mir zu konservativ!« Dann haben wir aber zusammen den Track »Fugen im Parkett« auf­genommen.
Koljah: Da müssen wir noch ein Geheimnis lüften: Wir haben tatsächlich ein Bonusalbum mit Punkrock-Versionen unserer alten Songs ­auf­genommen: »Atombombe auf Deutschland«. Mit unterschiedlichen Gastsängern. Schorsch war der einzige, der diese Anfrage abgelehnt hat. Er meinte, so eine Musik habe er zuletzt in seiner Jugend gehört.

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