Skandal um Pjotr Tolstoi in Russland

Die Kirchenzerstörer sind zurück

Pjotr Tolstoi, ein Nachfahre des russischen Schriftstellers Lew Tolstoi, wärmt uralte antisemitische Ressentiments auf.

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Lew Tolstoi schätzte seine Verwandtschaft bekanntermaßen wenig. Der russische Schriftsteller und Denker ent­wickelte eine ganz eigene Lebensphilosophien, seine unkonventionelle Vorstellungen von Religion führten sogar zu seinem Ausschluss aus der russisch-orthodoxen Kirche. Zwistigkeiten mit seinem Nachfahren Pjotr Tolstoi, dem publikumsverwöhnten Fernsehjour­nalisten, wären unvermeidlich, hätten sie die Möglichkeit, einander zu begegnen. Zumal nach dem jüngsten Skandal mit Pjotr Tolstoi in der Hauptrolle, der seit vergangenem Jahr auch das Amt des Vizesprechers der russischen Duma bekleidet. Ausgangspunkt war, wie so häufig, die Kirche. Im Mittelpunkt stehen weniger Glaubensfragen als handfeste materielle Interessen und das Image der Kirche als staatstragender Institution. Unmittelbar nach den Neujahrsfeiertagen verkündete der Gouverneur von St. Petersburg, Georgij Poltawtschenko, seinen Beschluss, die Isaakskathedrale, ein Wahrzeichen der Stadt und eines der meistbesuchten staatlichen Museen im Land, der orthodoxen Kirche zu übergeben. Anfallende Unterhalts- und Renovierungskosten sollen aus dem städtischen Budget beglichen werden, da die Kirche über keine entsprechenden Finanzmittel verfüge. Eine Eigentumsrückgabe, wie sie eine seit sechs Jahren gültige gesetzliche Regelung vorsieht, ist das jedoch nicht, denn der Bau wurde im 19. Jahrhundert aus der Staatskasse bezahlt und befand sich immer in staatlicher Hand. Frühere Versuche der Kirche, dies zu ändern, waren am Widerstand der Bevölkerung und des lokalen Machtapparats gescheitert. Auch jetzt formierte sich lautstarker Protest, mehr als 200 000 Menschen unterzeichneten eine Petition im Internet gegen die Übergabe, nicht zuletzt wegen berechtigter Zweifel an der Kompetenz des Kirchenapparats beim sachgemäßen Umgang mit den einzigartigen Museumsbeständen. Pjotr ­Tolstoi hingegen stellte auf einer Pressekonferenz klar, wer sich seiner Ansicht nach gegen die Übergabe der Kathedrale wehrt: die Enkel und Urenkel derer, die 1917 aus der »Ansiedlungsgrenze mit einer Pistole in der Hand auftauchten« und »unsere Kirchen zerstörten«. Wer damit gemeint war, liegt auf der Hand, denn das Wort »Ansiedlungsgrenze« ist im russischen Sprachgebrauch eindeutig: Bezeichnet werden damit die westlichen Gebiete im Zarenreich, außerhalb derer es der jüdischen Bevölkerung nur in Ausnahmefällen gestattet war, sich niederzulassen. Wieder mal sind die Juden an allem schuld. Prompt wiesen diverse Medien wie die Nesawissimaja Gaseta und der Radiosender Echo Moskwy auf den antisemitischen Charakter von Tolstois ­Behauptung hin. Der Verband jüdischer Gemeinden (FEOR) forderte eine Entschuldigung und der Abgeordnete des Petersburger Stadtrats, Boris Wischnewskij, kündigte an, die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Tolstoi setzte noch eins drauf, und bezichtigte die genannten Medien des Antisemitismus. Er sei sehr verwundert über die Reaktion auf seine Aussage. »Nur Menschen mit einer krankhaften Einbildung und ohne Kenntnisse der Landesgeschichte können aus meinen Worten ›Anzeichen von Antisemitismus‹ herauslesen«, teilte er auf Facebook mit. Unterstützung erhielt Tolstoi von Duma-Sprecher Wjatscheslaw Wolodin. Der Begriff Ansiedlungsgrenze könne theoretisch auch im Zusammenhang mit Sträflingen im zaristischen Regime stehen. Es könne ja sein, dass Tolstoi sich darauf bezog. Gefragt habe ihn danach schließlich niemand. Die Gefährdung des nationalen Friedens sei jedenfalls unzulässig. Wolodins Worte lassen ebenso wenig Spielraum für Interpretation wie Tolstois: Ihm zufolge tragen jene die Verantwortung für den Skandal, die sich durch Tolstois antisemitische Tirade angesprochen fühlen. In die gleiche Kerbe hieb Tolstois Pressesprecherin Jekaterina Larinina. Juden als solche seien schließlich gar nicht genannt worden, außerdem hätten sich auch die Nachkommen der aus den zentralen Regionen Russlands einst verwiesenen Zigeuner nicht beschwert. Wofür sich also entschuldigen? Nach offizieller Lesart gibt es in Russland praktisch keinen Antisemitismus. Politiker der höheren Ränge üben sich in der Regel in Zurückhaltung und an den in früheren Zeiten de facto nicht thematisierten Holocaust wird heutzutage bei prominent besetzten Veranstaltungen erinnert. So eröffnete der russische Außenminister Sergej Lawrow höchstpersönlich die diesjährige Gedenkwoche anlässlich der Befreiung von Auschwitz. Und vor einem Jahr sprach die russische Führung gar eine Einladung an Juden aus, die sich in Europa nicht mehr sicher fühlen könnten. Von einem antisemitischen Ausrutscher kann jedoch keine Rede sein. Tolstois Äußerung hat System, daran ändert auch seine spätere Entschuldigungsgeste gegenüber dem Vorsitzenden von FEOR, Aleksandr Boroda, nichts. Der Medienprofi Tolstoi hat den politischen Fernsehjournalismus in Russland entscheidend mitgeprägt, auch die Darstellung der bewaffneten Auseinandersetzung mit der Ukraine, die er an Ort und Stelle als Militärreporter begleitete und im ersten Kanal propagandistisch bearbeitete. Im Donbass will er keine russischen Waffen gesehen haben, aber, so ein Zitat aus seiner Talkshow, der Konflikt werde nur mit »unserem Sieg beendet«. Hinsichtlich der Oktoberrevolution bedient sich Tolstoi gängiger, aber historisch unhaltbarer Stereotype. Selbst Kirchenvertreter räumen ein, dass russisch-orthodox Getaufte während und nach der Oktoberrevolution in großer Anzahl an der Zerstörung von Kirchen mitgewirkt haben. Letztlich macht Tolstoi Juden als die Verkörperung des »Nichtrussischen« verantwortlich für die Revolution von 1917. Als effektivstes Propagandainstrument hat sich in Russland das Schüren von Hass auf alles von außen Kommende und als fremdbestimmt Definierte erwiesen. Die Propaganda hat ­einen gewissen Bezug zu realen Vorgängen, ist jedoch losgelöst von dem Versuch, einer Sache auf den Grund zu gehen. Eine Lüge muss nicht zwangsläufig zur Wahrheit werden, hört aber auf, eine Lüge zu sein, wenn sie höheren Zielen dient. Eine analytische Dimension fehlt grundsätzlich in der Propaganda. Diese Art der medialen Programmierung trägt weitaus mehr zur Entpolitisierung in Russland bei als die Angst vor Repression. Lew Tolstoi musste sich mit der Verbreitung seiner Ansichten auf Papier begnügen, allerdings in beträchtlichen Auflagen. Sein Werk prägte ganze Generationen, so auch den Litauer Leonas Levinskas. Seine Familie rettete im Krieg zwei jüdischen Frauen das Leben. Für die überzeugten Anhänger Tolstois war das damals eine Selbstverständlichkeit.