Wie Würselen durch Martin Schulz zur gefühlten Weltstadt wird

Rückkehr nach Würselen

Eine persönliche Würdigung des ideellen Gesamtbürgermeisters Martin Schulz.

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Wer den künftigen Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten der SPD als Parvenü der Bundespolitik schmähen will, ­verweist gerne auf dessen vermeintlich provinzielle Herkunft: Martin Schulz, der ehemalige Bürgermeister von Würselen. Doch diese Häme ist selbst provinziell. Denn die Bundesrepublik verdankt dem kleinen Städtchen in der Nähe von Aachen viele große Persönlichkeiten: den »Häuptling Silberlocke« genannten Bundestrainer Jupp Derwall etwa, den »Grafen« von der Band Unheilig und nicht zu vergessen den großartigen Fußballer Jupp Kapellmann. Auch ein Kommentator einer Berliner Wochenzeitung erblickte hier das Licht der Welt, schlug aber trotz Abitur, Zivildienst und Maloche in Würselen keine Wurzeln dort.
Freilich führt Herr Schulz von den Sozis die lokale Galerie der großen Geister an. Und das, obwohl er im rund acht Kilometer Luftlinie entfernten Hehlrath geboren wurde. Aber der Rheinländer an sich nimmt das nicht so genau. Die Leute schätzen »ihren« Martin. Zumal Würselen in der medialen Wahrnehmung nun zur Weltstadt wird. Zwar fände das literarische Genre der Ortsbeschimpfung nicht nur im Barfußgastronomiebereich des örtlichen »Spaßbades« mannigfache Inspirationsquellen. Aber der Spott über den öden Ort im westlichsten Zipfel der Republik würde dessen neue Bedeutung missachten. Schulz wird im Wahlkampf immer wieder von seiner Zeit als Bürgermeister erzählen. Denn Straßburg und Brüssel bleiben für viele abstraktes Ausland.
Als Bürgermeister war Schulz auch außerhalb des Rathauses eine prägende Figur: Seine Auftritte auf antirassistischen Demonstrationen wirkten nie wie Routinetermine. Schulz’ fulminante Festrede auf der Abiturfeier des Kommentators wirkt ex post stilbildend. Der Zuhörer erinnert sich an kein einziges Wort, wohl aber daran, dass er mehrfach lautstark geklatscht hat. Schulz genoss auch bei Linken außerhalb der SPD Respekt. Seine Biographie passt in keinen Karriereratgeber: Schulabbrecher, gelernter Buchhändler, jüngster Bürgermeister des Landes Nordrhein-Westfalen, Präsident des ­Europäischen Parlaments – dieser Werdegang steht für das sozialdemokra­tische Versprechen, dass die sogenannten kleinen Leute nicht klein bleiben müssen. Dass es eine zweite Chance geben muss. Über seine nie verhehlte ­Alkoholkrankheit witzeln in der feierwütigen Karnevalsgegend, in der SPD gerne auch mal volkstümlich mit »suffe, poppe, danze« übersetzt, nur charakterlose Zeitgenossen.
Schulz ist kein Linker. In der sogenannten Euro-Krise war er bestenfalls Sprecher der Partei des kleineren Übels. Aber seine Reden etwa vor dem örtlichen Denkmal der »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes« (VVN) weisen ihn als überzeugten Antifaschisten aus. Als Europäer, der intensiv die Geschichte der Wurzeln des Faschismus studiert hat. Die jährlichen antifaschistischen Regionalkonferenzen bei Aachen stehen auch unter seiner Schirmherrschaft. Die Wut Silvio Berlusconis bekam er zu spüren, als dieser Schulz 2003 die Rolle eines Kapo in einem KZ-Film anempfahl. Der ­polyglotte Kosmopolit aus dem Grenzland hatte den Medien-Cäsar aus Mailand provoziert. Ohnehin verkennen die Rechtspopulisten Schulz als das personifizierte Brüssel. Dabei agiert er als das politische Gewissen der europäischen Idee, nicht als Technokrat.
Für die AfD könnte es kein besseres Feindbild geben. Schulz wird das nicht beeindrucken. Aber der Kanzlerkandidat ist auch ein frappierendes Beispiel dafür, dass selbst die respektablen Leute die falsche Politik machen, weil sie dem Opportunismus des politischen Geschäfts erliegen. Im Europawahlkampf 2014 warb er beispiels­weise mit dem peinlichen Slogan: »Nur wenn Sie Martin Schulz und die SPD wählen, kann ein Deutscher Präsident der EU-Kommission werden.« Seine ­gegen die israelische Siedlungspolitik gerichtete Rede vor der Knesset basierte auf fake news.
Im Wahlkampf wird sich Schulz als ideeller Gesamtbürgermeister der Bundesrepublik inszenieren. Würselen wird zum Sinnbild für die »echte« Po­litik jenseits von geheimen Gremiensitzungen und Folgeterminen. Schulz wird richtige Dinge sagen. Aber letztlich verkörpert er die Diskrepanz zwischen Rhetorik und Realität der Sozialdemokratie. Der bemerkenswerte Bürgermeister hielt Anfang der neunziger Jahre leidenschaftliche Reden gegen Rassismus. Seine dennoch zustimmende Haltung zum »Asylkompromiss« 1993 bezeichnete er später als Fehler. 2017 wird er als Kanzlerkandidat der SPD zeigen, ob er seine antifaschistische Haltung konsequent fortführt oder ob er sich wieder dem Stil seines deutschen Europawahlkampfs annähert.