Ein Bericht über eine Tagung des neurechten »Institut Iliade« in Paris

Wiedererwachen mit Germanen und Griechen

In Paris lud das »Institut Iliade« zum vierten Mal zu einer Tagung. Diese demonstrierte, wie anschlussfähig die Neue Rechte in Frankreich für die Konservativen ist.

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Mitte März lud das neurechte »Institut Iliade« zum vierten Mal zu einem Kolloquium ins Zentrum von Paris, diesmal unter dem Titel »Europäer: vererben oder verschwinden«. Unbehelligt von Protest folgten über 1 100 Neurechte der Einladung ins repräsentative Maison de la Chimie, das sich in unmittelbarer Nähe der Nationalversammlung befindet. Der Name des Instituts ist Homers Epos »Illias« entlehnt. Das Emblem zeigt die auf einem Schwert sitzende Eule der Minerva. In einer Selbstdarstellung wird die Trias von Natur, Elite und Ästhetik bemüht. Sie bildet den ideologischen Kern, den »Iliade« durch Konferenzen, Netzwerkarbeit und eine Ästhetisierung der Politik kultiviert. Das Institut finanziert sich durch Spenden und den exklusiven »Club der 100«.

Der neurechte Think Tank, dessen Ziel im »Wiedererwachen des europäischen Bewusstseins« besteht, wurde 2014 gegründet. Er hat sich dem Andenken Dominique Venners verschrieben. Der französische Schriftsteller hatte sich im Mai 2013 mit 78 Jahren vor dem Altar der Pariser Kathedrale Notre-Dame erschossen. Kurz zuvor hatte er geschrieben, es sei eine Zeit angebrochen, in der Worte durch Taten bekräftigt werden müssten. Mit seinem Freitod wollte er gegen Dekadenz, Amerikanisierung, Islamisierung und die kurz zuvor gesetzlich anerkannte gleichgeschlechtliche Ehe demonstrieren.

In einer Ecke gab es Wikingerdevotionalien, Runen und Hakenkreuze aus Holz und Porzellan, in einer anderen hingen Poster mit brachialem Paganismus, griechischen Tempeln und faschistischer Monumentalästhetik. 

Venner kam aus dem Umfeld der Nouvelle Droite, der französischen Neuen Rechten, und war zeitlebens ein guter Freund Alain de Benoists. Sein Grundlagentext »Für eine positive Kritik« von 1962 wurde jüngst von Götz Kubitscheks Verlag Antaios neu aufgelegt. Das Manifest gilt als wesentlicher Impuls für die Gründung der »Identitären Bewegung« und Venner als deren rebellischer Prophet. Gegen die Spontaneität des Augenblicks ging es dieser »positiven Kritik« um die Formierung einer rechten Weltanschauung aus dem Geist der Antike. Die Feindschaftserklärung an den Liberalismus sollte durch eine eigenständige Ideengeschichte ergänzt werden, die Venner vom hierarchisch-heroischen Kriegerkult des griechischen Sparta ausgehend in eine paneuropäische Gegenwart projizierte. Die Identitäre Bewegung hat diese Idee schließlich kulturindustriell postmodernisiert.
Wie ein Blick auf die Teilnehmer der Konferenz in Paris verdeutlicht, hat sich die Neue Rechte in Frankreich anders als in Deutschland eine Anschlussfähigkeit an das konservative Milieu bewahrt. Auf den ersten Blick überraschte die große Anzahl an konservativen älteren Ehepaaren, jungen Familien, die Kinder und Babys mitbrachten und vor allem jungen Frauen. Gut die Hälfte der Organisatoren war weiblich und sogar Moderation und Podien waren annähernd paritätisch besetzt. Darunter fanden sich trachtentragende Ökos, feminin betonte Jungkonservative in Kleid und Pumps und einige aus der Dark-Wave-Subkultur.

Die gestriegelten Männer mit Burschenschaftstolle erinnerten hingegen an Strebertreffen der Jungen Union; aber es gab auch zahlreiche »Ibster« (identitäre Hipster) und eine rustikale Männlichkeit mit Holzfällerhemd, Klappmesser und Salafistenbart. Vereinzelt sah man Germanentattoos und Runen. Die Leute von der Sezession hätten sich perfekt ins Bild gefügt. Den habituellen Unterschieden zum Trotz verband alle Anwesenden ihre weiße Hautfarbe. Sie ist zugleich politisches Programm unter der Chiffre des »kulturellen Erbes der europäischen Zivilisation«.
Von »Erbe«, »Tradition« und »Herkunft« sprachen auch die Referenten unentwegt. Man zog gegen die »Ideologie der Dekonstruktion« zu Felde, fragte nach der griechischen Tradition des Mittelalters und der Vermittlung von Werten durch eine hierarchische Unternehmenskultur. In einem mit »Paideia«, dem griechischen Begriff für eine integrale Bildung, überschriebenen Panel wurde die Trinität von »Körper, Geist und Seele« betont und die Möglichkeit einer bewusst antiegalitären Erziehung diskutiert. Auch hier ging es um die Weitergabe einer Tradition. »Kinder hören zu, Erwachsene erzählen«, beschrieb die Bloggerin Anne-Laure Blanc ihr Bildungsideal. Sie hat eine »ideale Bibliothek« mit Kinderbüchern zusammengestellt. Der Unternehmer Hadrien Vico wiederum zog Parallelen zwischen Pfadfindergruppen und Burschenschaften und rief die Eltern im Publikum dazu auf, ihre Kinder schnellstmöglich in diese Bewegung zu schicken. Ein anderes Panel widmete sich der antifeministischen »Wiederkehr der Frauen«.

Zum Abschluss standen Folklore, Erbauung und »das Eigene« auf dem Programm. »Das Erbe ist ein Band, das uns frei macht«, hieß es in einem Vortrag über den »revolutionären Akt«. Bevor ein Nachwuchsrechter ein Gedicht des Romantikers Alfred de Vigny vortrug, warnte Jean-François Gautier noch vor dem »Großen Austausch«, der nicht nur die autochthone Bevölkerung, sondern ebenso ihre Musik betreffe. Zur Brauchtumspflege erschallte in den Pausen ein klassisches Orchester vom Band und verhieß bildungsbürgerliche Distinktion.

Vor dem Veranstaltungssaal gab sich das Who’s Who der französischen Rechten sein Stelldichein. Neben den Ständen der Identitären Bewegung, ihres Ablegers »La Citadelle« und der dubiosen Esoteriker namens »Solaris« wurden die Zeitschriften Éléments, Krisis, Nouvelle Ecole und Livr’arbitres verkauft. Der Renner auf dem Büchertisch war das neueste Werk des Postwachstumstheoretikers Jean-Claude Michéa.

Während Vertreter der rechtsextremen Portale »Boulevard Voltaire« und »Breizh-Info« Veranstaltungsgäste interviewten, baute das »TV Libre« des französischen Dugin-Adepten Alain Soral seine Kameras auf. In einer Ecke gab es Wikingerdevotionalien, Runen und Hakenkreuze aus Holz und Porzellan, in einer anderen hingen Poster mit brachialem Paganismus, griechischen Tempeln und faschistischer Monumentalästhetik. Wer nach dem identitären Konsum noch Geld im Portemonnaie hatte, konnte es beim Verlassen des Gebäudes auf eine Flagge werfen, die von zwei jungen Damen präsentiert wurde und in deren Mitte sich bereits ein Berg blauer Euroscheinen türmte.

Tatsächlich sagte kein Referent an diesem Tag einen Satz von analytischer Qualität. Verkündet wurden gemeinschaftsstiftende Beschwörungsformeln und Strategien zu ihrer hegemonialen Durchsetzung, zu deren Zweck das Institut gegründet wurde. Die Invektiven gegen den Liberalismus quittierte das Publikum stets mit tosendem Applaus und hämischem Gelächter. Die Humorlosigkeit des Gesagten hätte Venner sicher gefallen. Benoist beschrieb ihn einmal als ernsten und asketischen Einzelgänger. In ihrer ein halbes Jahrhundert andauernden Freundschaft habe er ihn nicht ein einziges Mal lauthals lachen sehen.