»Esthers Tagebücher« von Riad Sattouf

Lachkrampf in der Schweigeminute

Ähnlich wie Richard Linklaters Film »Boyhood« will Riad Sattoufs Comic »Esthers Tagebücher« das Aufwachsen eines Kindes begleiten.

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Kinder und Jugendliche bevölkern die Comicwelten des bald 40jährigen französischen Zeichners Riad Sattouf. Er zeigt den kindlichen Blick auf die Welt, die Abgrenzung der Jugend und ihre naive Betrachtung von Gesellschaft und Weltpolitik. Im subtilen Zusammenspiel von Text und Bild, Verknappungen und Verweisen wird aus dieser Perspektive auf die Welt ein vielschichtiger, über die kindliche Lebenswelt hinausweisender Kommentar zur Gegenwart. So etwa in seiner wichtigsten Arbeit, der in mittlerweile drei Bändern vorliegenden und mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Autobiographie »Der Araber von morgen«. Darin hat es der kleine Riad Sattouf, blondgelockter Sohn einer Französin und eines Syrers, nicht leicht, als sein Vater Anfang der Achtziger beschließt, die Freiheiten Frankreichs hinter sich zu lassen und eine wissenschaftliche Karriere in Libyen und später in Syrien anzustreben. In Libyen angekommen stellt sich die Volksrepublik als weniger ideal heraus als vom Vater erwartet, und so zieht die Familie bald schon weiter nach Syrien, aber auch dort bleibt dem des Arabischen kaum mächtigen Riad beim Spielen mit den Nachbarskindern nur die Rolle des Außenseiters.

Die Figur hat ein reales Vorbild: Esther A., die Tochter von Freunden Sattoufs, erzählt aus ihrem Pariser Alltag, von der Schule, von Freundinnen, Jungs und der Familie. Die zu Beginn neunjährige Esther will Sattouf über acht Jahre hinweg bis zu ihrer Volljährigkeit begleiten und Woche für Woche eine Episode ihres Lebens in einen Comic übersetzen. 

Die ersten zehn Jahre seines Lebens verbrachte der 1978 in Paris geborene Sattouf im Nahen Osten. Diese Erfahrung wird aus Sicht des Kindes erzählt. Keine neutrale Erzählerstimme bewertet und ordnet die naiven Gedanken und Blicke auf die Kuriositäten der eigenen Umwelt. Dadurch ergibt sich ein zwar verzerrter, jedoch auch authentischer Blick auf die Verhältnisse, etwa wenn Sattouf die Vorurteile herausstellt, die jene in den frühen Achtzigern sozialisierten und heute erwachsenen Libyer und Syrer oft hegen: den Hass auf den Westen, Israel und die USA, die Autoritätshörigkeit und die Angst vor religiösen Übertretungen. Auch wenn Sattouf die Perspektive des Kindes einnimmt, zeigt sich doch im ironischen Ton, der seine Arbeiten durchzieht, seine heutige Distanz dazu.

»Weil ich leicht paranoid bin und in der Welt mehr Bedrohungen als Annehmlichkeiten wahrnehme, fallen mir ständig Details und Situationen auf, die andere, meine Freunde etwa, meistens übersehen«, hat Sattouf den Ausgangspunkt seiner Comics in einem Interview einmal beschrieben. Diesen Sinn fürs Detail hat er vor allem über zehn Jahre hinweg in seiner Strip-Serie »La vie secrète des jeunes« (Das geheime Leben der Jugend) bewiesen, in der er von 2004 bis 2014 wöchentlich für Charlie Hebdo zufällig belauschte Gespräche, Szenen und Monologe zu One-Pagern verarbeitete. In Frankreich sind diese Strips über Menschen aller gesellschaftlichen Milieus mittlerweile in drei Comicalben gesammelt erhältlich und zeichnen in ihrer Gesamtheit ein ebenso skurriles wie deprimierendes Bild der Jugend.

In seinem aktuellen Projekt führt er diese beiden Ansätze zusammen: das konsequente Betrachten der Welt aus der kindlichen Perspektive sowie der Entwurf eines gesellschaftlichen Sittengemäldes, in dessen Mittelpunkt diejenigen stehen, die sich in dieser Gesellschaft neu zu orientieren haben. »Ich heiße Esther und bin zehn Jahre alt. Ich habe Riad Sattouf 52 total spannende wahre Geschichten erzählt und der hat daraus dieses sehr realistische Buch gemacht, mit schlimmen Wörtern (Scheiße – Arschloch – verdammt), weil wir jungen Leute halt so reden«, sagt die Protagonistin. Die Figur hat ein reales Vorbild: Esther A., die Tochter von Freunden Sattoufs, erzählt aus ihrem Pariser Alltag, von der Schule, von Freundinnen, Jungs und der Familie. Die zu Beginn neunjährige Esther will Sattouf über acht Jahre hinweg bis zu ihrer Volljährigkeit begleiten und Woche für Woche eine Episode ihres Lebens in einen Comic übersetzen. Das Langzeitprojekt soll auch zeigen, »wie sich moralische Ansichten und Werte über die Jahre entwickeln«, so Sattouf.  Es geht darum, wie aus jenen naiven Betrachtungen über Jungs (»ziemlich dooof«), Politik (»Ich habe Angst, dass die Terroristen in die Schule kommen und uns töööten«) oder Rassismus (»Ich weiß genau, was das ist. Das ist die Angst vor Leuten mit Farben«) reflektierte Meinungen werden.

Der kindliche Charme der zehnjährigen Esther wird vermutlich mit ihrer Pubertät schwinden, doch Sattouf hat einige Themen vorbereitet, deren Entwicklung über acht Jahre hinweg zu verfolgen spannend werden dürfte. Da ist zunächst das jetzt schon alles beherrschende Thema Jungs. Esther versteht ihr aggressives Gehabe nicht, ist aber dennoch fasziniert von ihnen. Nicht zuletzt im Hinblick auf ihren 14jährigen Bruder ist sie sich sicher, dass man mit deren Beschränktheit zu leben lernen muss: »Er hat’s gern, wenn andere leiden, das gefällt ihm (normal, er ist ein Junge).«
Freundschaften sind das zweite große Thema in Esthers Leben, in dem sich auch soziale Problematiken spiegeln. Ihre beste Freundin, das Großbürgerkind Eugénie, sagt einmal zu Esther: »Jedes Mal, wenn ich bei dir bin, frage ich mich: ›Wie können die nur in was leben, das so groß ist wie mein Scheißhaus?‹« Esther ist fassungslos: »Das ist das Gemeinste und Schrecklichste, das man mir im ganzen Leben gesagt hat.« Wichtig ist Esther, technisch stets auf dem neuesten Stand zu sein, vor allem aber endlich ein iPhone zu bekommen: »Wenn ich überhaupt ein iPhone hätte, auch nur das 4er, was wär ich da glücklich. Aber ich bin arm. In meiner Familie bin ich die allerärmste von allen.« 

Die textlastigen Strips, deren Stil vom französischen Independent-Comic des Verlags L’ Association wie auch den Karikaturen aus Charlie Hebdo geprägt ist, spielen mit diesen und anderen Themen, variieren sie immer wieder, und schon in diesem ersten abgebildeten Jahr lassen sich Entwicklungen nachvollziehen. Als Esther etwa von »La Manif pour tous« hört, den Demonstrationen gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, macht sie sich plötzlich über Homosexualität Gedanken: »Zwei Papas, das ist ja schrecklich! Stellt euch nur mal vor! Beide nie zu Hause wegen der Arbeit, keiner kann kochen, niemand räumt auf … « Dass an dieser Weltsicht etwas nicht stimmen kann, fällt Esther kurz darauf selbst auf: »Aber wenn man darüber nachdenkt, was soll so schlimm daran sein, homosexuell zu sein? Keine Ahnung, woher das kommt.« Was andere Fälle betrifft, muss man für solche Reflexionen noch auf zukünftige Strips warten – wenn sie denn eintreten, denn wie sich Esther entwickeln wird, ist nicht abzusehen. 
Die Politik dringt immer wieder in die Lebenswelt Esthers ein, auch wenn ihr Vater ihr verbietet, die abendlichen Nachrichten zu schauen. So muss Esther während der Schweigeminute für die ermordeten Mitarbeiter von Charlie Hebdo auf dem Schulhof lachen, während andere Freundinnen Angst vor Terroristen entwickeln. All dies ist Teil der Lebenswelt Esthers, ebenso wie Rassismus, HipHop, Armut, Träume, You­porn, Zukunft oder die Wahrheit über den Weihnachtsmann. Durch die Augen Esthers, in der all dies gleichberechtigt nebeneinander steht, erschafft Sattouf tatsächlich jene »Momentaufnahme der Gesellschaft«, die er sich in einem Interview über »Esthers Tagebücher« erhoffte.

Riad Sattouf: Esthers Tagebücher. Mein Leben als Zehnjährige. Reprodukt, Berlin 2017, 56 Seiten, 20 Euro