Start-ups in Israel boomen

Die neuen Helden der Arbeit

In Israel boomen die Start-ups. Teils werden sie vom Staat gezielt gefördert. Von ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verlangen viele der jungen Firmen völlige Hingabe.

Von Zoé Sona
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»Ich verstehe Innovation als eine Philosophie«, sagt Chemi Peres mit sonorer Stimme. Er ist der Mitbegründer von Pitango Venture Capital, einem der größten Risikokapitalfonds in Israel. Der Sohn des früheren israelischen Präsidenten Shimon Peres gibt sich nicht als trockener Unternehmer, sondern schmückt seine Ansichten über die israelische Wirtschaft mit paradiesisch anmutenden Zukunftsvisionen: »Durch Hightech können wir eine Lösung für den Tod finden, die Menschen glücklich machen, Cyborgs erschaffen.« Seiner Meinung nach sollen gesellschaftliche Probleme durch die Zusammenarbeit von Staaten und Großkonzernen gelöst werden. In globalisierten Zeiten gehe es darum, jenseits von Grenzen zu denken. Die Digitalisierung der Welt überbrücke Zeit und Raum und führe langfristig zur Senkung von Produktions- und Lebenshaltungskosten. Sein Glaube an diese kapitalistische Utopie beruht zu großen Teilen auf dem Erfolg der Hightech-Firmen, von denen in Israel immer mehr gegründet werden.

In dem kleinen Land boomen die Start-ups. Rund 6 000 solcher kleiner Firmen gibt es hier Schätzungen zufolge. Nur wenige von ihnen entwickeln sich zu marktfähigen Unternehmen, doch was zählt, sind Ideen und die Motivation, sie zu realisieren. Bietet ein Start-up eine ausreichend interessante und halbwegs realistisch erscheinende Geschäftsidee, kaufen Großkonzerne das Unternehmen auf. Mobileye entwickelt Software für selbstfahrende Autos und landete kürzlich den bislang größten Coup in der Start-up-Geschichte Israels: Das Softwareunternehmen Intel übernahm die Firma im März für 15 Milliarden US-Dollar. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer können eine ganze Reihe an Start-ups vorweisen, die sie gegründet und dann nach wenigen Jahren verkauft haben. Auch ein Scheitern der Firmen gilt nicht unbedingt als Problem. Im Gegenteil, es geht darum, aus dem Scheitern zu lernen. Der Staat unterstützt gezielt riskante Projekte, damit diese für Investoren interessanter werden. »Wir übernehmen den Löwenanteil des Risikos«, so Avi Hasson, der Vorsitzende der Israel Innovation Authority. Auf Umwelt- und Sozialstandards angesprochen sagt er, ihn habe hauptsächlich der wirtschaftliche Erfolg des Landes zu interessieren. Von der Idee der sozialistischen Kibbuzim, die das Land aufbauten, ist nicht viel geblieben. Es sei eine Entscheidung zwischen freiem Markt und Gleichheit gewesen, so Hasson.

Innovation war in Israel schon immer wichtig. Nach der Staatsgründung mussten die ersten Siedlerinnen und Siedler das trockene, teils wüste Land fruchtbar machen und erfanden Systeme, die die Verteilung des kostbaren Wassers effizient regelten. Die Landwirtschaft wurde zum Motor der Wirtschaft. Doch Israels Existenz war nicht nur durch natürliche Faktoren bedroht, die jüdische Bevölkerung ist seit Jahrzehnten auch immer wieder Angriffen der Nachbarländer und ihr feindlich gesinnter Bewohnerinnen und Bewohner des Landes ausgesetzt. Entsprechend erfindungsreich mussten die Israelis sein, um sich dagegen zu schützen. Das Militär bekam eine immer größere Bedeutung, insbesondere der technische Bereich wurde ausgebaut. Das militärische Wissen lässt sich aber auch im zivilen Bereich anwenden. Junge Israelis nutzen ihre Erfahrungen aus den technischen Abteilungen der Armee als Basis für ihre Start-ups.

So vielversprechend der Boom der Start-ups wirkt, die Arbeit in den Unternehmen ist kein Zuckerschlecken.

Der Kern der Hightech-Start-ups liegt in der Informationsverarbeitung, die Maschinen dazu befähigt, mehr oder weniger selbständig menschliche Tätigkeiten zu übernehmen oder zu optimieren. Die Firmen sammeln riesige Datenmengen und lassen sie mit Hilfe von Algorithmen analysieren, um mit einer möglichst geringen Fehlerquote Aussagen über das menschliche Verhalten zu generieren. Mobileye bietet eine Alarmsoftware für Autos an, mit der 98 Prozent der Unfälle im Straßenverkehr vermieden werden sollen. Aerobotics, ein Hersteller für Industriedrohnen, die auf Baustellen und im Bergbau eingesetzt werden, sieht sich künftig als Lieferant von ärztlicher Notfallhilfe an Unfallstellen. Orcam produziert winzige Systeme, die an Brillenbügeln montiert werden, um sehschwachen Menschen im Alltag zu helfen. Eine Kamera erfasst Text, Schilder und Produktoberflächen, diese Informationen wandelt ein Computerprogramm um und gibt sie als Sprachdatei an die Brillenträger aus. Diese können sich so Speisekarten und Straßennamen vorlesen lassen oder im Supermarkt das richtige Waschmittel finden. Das Start-up Zebra entwickelte einen Algorithmus, mit dem Tausende von Krankenakten durchsucht werden können, um Muster und Abweichungen von Krankheitssymptomen zu analysieren und Ärztinnen und Ärzten Empfehlungen für eine bessere Behandlung zu übermitteln.

Dass der Umgang mit diesen Daten vertrauenswürdig ist und die automatisierte Technik den Menschen wirklich zugute kommt, ist – wie allgemein beim Thema Big Data – auch in Israel nicht garantiert. Start-ups wie 5th Dimension, das sich auf Big-Data-Analysen im Sicherheitsbereich spezialisiert hat, haben keine ethischen Prinzipien, auf denen ihre Arbeit oder die Auswahl ihrer Kundschaft basiert. »Wir wählen danach aus, was gut für die Firma und gut für Israel ist«, so Guy Capi, einer der Gründer des Unternehmens. Welche Kunden das Unternehmen bedient und wie es zum Thema Datenschutz steht, möchte er nicht kommentieren. Wie schützen Unternehmen wie Zebra und Mobileye die Datenmengen und Systeme, mit denen sie arbeiten, vor Hacker­angriffen? »Das ist eine Herausforderung, die kein einzelnes Unternehmen lösen kann«, sagt Lior Sethon, Global Director of Sales, Marketing and Business Development von Mobileye.

So vielversprechend der Boom der Start-ups wirkt, die Arbeit in den Unternehmen ist kein Zuckerschlecken: »Good things come to those who work their asses off and never give up«, verkündet ein großer Schriftzug an einer Wand in der Produktionshalle von Aerobotics. Jeder Quadratmeter im Raum ist effektiv genutzt, Bürotische mit Computern reihen sich eng aneinander, Abteilungsleiterinnen und -leiter können sich in kleine Arbeitskegel zurückziehen, die rundum abgeschlossen sind und knapp Platz für einen Schreibtisch bieten. »Wir arbeiten hier sehr hart«, sagt Efrat Fenigson, die Marketingchefin des Unternehmens. Um die Angestellten daran zu erinnern, die entsprechende Haltung zu ihrer Arbeit einzunehmen, ist die gesamte Hallenwand mit großen Slogans bestückt wie »Focus on being productive, not busy« und »No unicorns here, just a bunch of wild horses«.

Es ist Purim, ein Feiertag, und Fenigson berichtet stolz, dass viele der Angestellten Eltern sind, von denen einige heute ihre Kinder mitgebracht haben, um keinen Arbeitstag zu versäumen. »Wir versuchen, so flexibel wie möglich zu sein«, so Fenigson zu familiengerechten Arbeitsbedingungen. Die Ideologie der Start-ups funktioniert in Israel genauso wie in anderen Ländern: Wer sich dafür entscheidet, darf einem jungen, coolen, hochmotivierten Teams angehören, das die Arbeit als Abenteuer betrachtet und sich dafür nahezu selbst aufgibt. Benjamin Soffer, der Direktor der Unternehmensabteilung von Technion, der größten technischen Universität Israels, und zuständig für die Förderung von Start-ups, bringt diese Haltung auf den Punkt: »Früher waren Generäle die Helden, jetzt sind es Unternehmer.«