Die Reunion der Band At The Drive-In

Maloche mal anders

Einst galten At The Drive-In als musikalische Genies. Nach vielen Jahren veröffentlicht die Post-Hardcore-Band aus dem texanischen El Paso ein neues Album. Von Kristof Maria Künssler

Reunions sind immer eine zwiespältige Angelegenheit, erst recht, wenn zwischen der Auflösung der Band auf dem Zenit ihres kreativen Schaffens und dem Comeback mehr als 15 Jahre liegen. Was die Skepsis nicht gerade mindert, ist, dass vor allem Sänger Cedric Bixler und Gitarrist Omar Rodriguez-Lopez bereits vor dem zwischenzeitlichen Ende von At The Drive-In in ihren Neben- und Nachfolgeprojekten vor Innovationsdrang geradezu explodierten und das eher strenge Rockkorsett ablegten. Man denke an das Dub-Projekt De Facto, den wahnwitzigen Prog-Jazz-Bombast von The Mars Volta oder die gniedelige Kooperation von Rodriguez-Lopez mit John Frusciante. Dem Vernehmen nach waren die anderen Bandmitglieder nicht an derlei Genre-Fremdem interessiert. Vier Fünftel der Band haben sich nun also wieder zusammengefunden. Den Platz von Jim Ward (Gitarre/Begleitgesang) nimmt dessen ehema­liger Bandkollege bei Sparta, Keeley Davis, ein.

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Einen weiteren Klassiker wie »Relationship of Command« konnte man nicht erwarten. Wobei sich durchaus darüber streiten ließe, ob nicht »In/Casino/Out«, das Debüt­album der Band, der eigentliche Geniestreich war. Die alten musikalischen Formeln haben At The Drive-In beibehalten, eigentlich sogar noch vereinfacht, die Songs sind weniger verschachtelt, gefühlt gibt es nur noch zwei Tempi. Der Gesang auf »In.Ter A.Li.A« (lateinisch für »un.ter an.de.rem«) ist merklich melodischer, was wohl auch mit Bixlers Stimmbandproblemen zu tun hat. Die größere Enttäuschung sind die banalen Texte. Bilder wie »The teleprompter has begun to rot« oder »There’s a woman eating her newborn under a tractor’s frame« sind ebenso bemüht wie plump.

Möglicherweise ist die Halbwertzeit von Post-Hardcore abgelaufen; und vielleicht klingt diese Musik in den Ohren von Teenagern frischer. Die Band ist zumindest weit davon entfernt, sich zu einer Karikatur ihrer selbst zu degradieren, wie es die musikalisch nicht unähnlichen Refused vor wenigen Jahren getan haben. Aber: Man wildert gelegentlich erschreckend nah am musikalischen Revier des Nu-Metal.

Ist es falsch, von einer Band wie At The Drive-In immer noch besseres, bahnbrechenderes Material zu erwarten? Stimmt man damit nicht in die Forderung nach endloser Optimierung ein? Das Musikgeschäft funktioniert je nach Zielpublikum unterschiedlich.

Der zweifellos überwiegende Teil des Musikmarktes folgt dem Prinzip der Nostalgie. Die Hörerschaft will keinesfalls überrascht werden: Was der Bauer nicht kennt, schiebt er nicht in seine iTunes-Playlist. Das gilt für die Volksmusik ebenso wie für die Nischenmärkte Hardcore-Punk und Metal. Gerade die Musikindustrie war nie berühmt für kreative Wagnisse oder Geduld. Wenn doch vereinzelt in ­innovative Projekte investiert wurde, dann erst, als diese sich längst einen relevanten Status abseits des Mainstream erspielt hatten.

All das könnte Musikerinnen und Musikern egal sein, Kunst muss nicht zwangsläufig ökonomisch verwertbar sein. Mit der Demokratisierung der Veröffentlichungsmöglichkeiten, speziell im Internet, haben sich die Abhängigkeitsverhältnisse entscheidend geändert – eine Entwicklung, von der sich die Musik­industrie bis heute nicht erholt hat. Künstlerinnen und Künstler benö­tigen keine Bandwettbewerbe oder Mäzene mehr, sondern lediglich eine aufgeschlossene Öffentlichkeit und gutes Material. Zu großen Multiplikatoren von Musik gehören heute Blogs wie Pitchfork, die man auch ohne die Unterstützung musikindustrieller Strukturen erreichen kann, solange man die richtigen Codes bedient, und wo Innovation zum tatsächlichen Kriterium wird. Plötzlich scheint die Verheißung, mit Musik auch kommerziell Erfolg zu haben, greifbarer als je zuvor.
Eine uralte Frage stellt sich erneut: In welchem Maß dürfen Künstler ökonomisch vom eigenen Schaffen abhängig sein? Allein, die Möglichkeiten, den Lebensunterhalt statt mit Barjobs oder halbtägiger Büroarbeit mit Musizieren zu bestreiten, sind weiterhin rar gesät.
Einen Underground abseits des Mainstream und der Musikwirtschaft gibt es seit jeher. Etwas vereinfacht könnte man sagen, hier tummeln sich zwei Gruppen von Musikern. Die ­einen wollen tatsächlich nur Songs schreiben, Gitarren malträtieren, unbezahlt hinter Kellertheken stehen, lustige Plattenhüllen basteln, also im weitesten Sinne kreativ sein. Sie sind es, die dem marktfernen Bereich einen Großteil der Authentizität und Vielfalt verleihen. In ihren Reihen finden sich oftmals unheimlich innovative Musiker, von denen eher zufällig ab und an welche an die Strände des Mainstream gespült werden – At The Drive-In gehören dazu.

Demgegenüber stehen als Künstler verkleidete Ich-AGs, die unkritisch reproduzieren, was auf dem Markt üblich ist. Ein von Konkurrenzdenken und Selbstoptimierung geprägter Karrieremodus, in dem Networking wichtiger ist als künstlerische Qualität und Experimentierlust. Sie zehren von den Ressourcen, die durch erstere unfreiwillig bereitgestellt werden. Fraglos befinden sich darunter kreative Genies, die meisten jedoch sind eher Angestellte einer Ideologie. Zwischen diesen Polen befindet sich der große Graubereich, in dem sich beinahe alle selbst ausbeuten.

At The Drive-In haben sich entschieden, das Geld zu verdienen, das ihnen die Arbeitsstelle At The Drive-In verspricht – woraus man ihnen keinen Vorwurf machen sollte. Es ist nur traurig, vor allem bei Künstlern, die vor wenigen Jahren Sätze wie »Compromise is no way to live« geäußert haben. Viele Künstler werden im Laufe der Zeit zu Handwerkern, sie verrichten gewohnheits­mäßig einen Job. Aber niemand schreibt Reviews darüber, welch sensationell innovative E-Mail Kun­denberater X vergangene Woche verschickt hat.

Kunst, Können, Handwerk, Nostalgie – hier wird es interessant, vor ­allem aus einer emanzipatorischen Perspektive. Diese Diskussion könnte durchaus fruchtbar sein. Es kann ­sogar Spaß machen, anderen beim Arbeiten zuzuhören.

At The Drive-In: In.Ter A.Li.A (Rise Records/Warner)