Der »People’s Climate March« in Washington, D.C.

Schützen bei Sonnenschein

Am 100. Tag der Präsidentschaft Donald Trumps demonstrierten beim »People’s Climate March« in Washington, D.C., und bei sogenannten »sister marches« in den ganzen USA über 370 000 Menschen für eine andere Umweltpolitik und vor allem gegen den US-Präsidenten.

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Die Sonne knallt auf die monumentalen Bauten und Boulevards von Washington, D.C., als sich Zehntausende Menschen zum Demonstrationszug sammeln. Die Temperaturen in der Hauptstadt der USA sind hochsommerlich. »Es sind die höchsten Werte, die seit über 40 Jahren für einen April in ­Washington, D.C., gemessen wurden«, sagt Jeff, ein 65jähriger Architekt aus Maryland. Er nimmt regelmäßig an den »People’s Climate Marches« teil, bei denen für eine umwelt- und klimafreundliche Politik demonstriert wird. Der erste Marsch mit 311 000 Teilnehmern fand am 21. September 2014 noch unter der Präsidentschaft Barack Obamas in New York City statt. Dieses Jahr wurde der 29. April ausgewählt, der 100. Tag seit der Amtseinführung von Präsident Donald Trump. »Ich wäre ja auch so gekommen«, sagt Jeff, der ein Auto mit Hybridmotor fährt und regelmäßig der dienstältesten US-Umwelt­organisation Sierra Club spendet, »aber jetzt erst recht.«

»Wir kämpfen hier, weil die indigenen Gemeinden immer an vorderster Front des Kampfes für Klima­gerechtigkeit stehen.«
Robert Hawk Storm Alan, Oberhaupt der Schaghticoke

Während die Regierung Trump noch nicht entschieden hat, ob sie aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen will oder nicht, hat sie bereits begonnen, Obamas wichtigste klimapolitische Initiative, den Clean Power Plan, rückgängig zu machen, und die Umweltbehörde EPA dem Republikaner Scott Pruitt unterstellt – einem erklärten Feind der Behörde, der ihr einst eine »aktivistische Agenda« attestiert hatte.

Rund 200 000 Menschen haben sich Presseberichten zufolge zur Demonstration in Washington, D.C., eingefunden. Zugleich fanden in einigen anderen Städten der USA und international sogenannte sister marches statt. Es ist das zentrale Ereignis der US-amerikanischen Bewegung für Klimagerechtigkeit, eine Art Sammelbewegung für ökologische und soziale Themen. Den ­Organisatoren zufolge waren insgesamt über 370 000 Menschen auf der Straße.

Die Spitze des Zuges in Washington, D.C., versammelt sich auf der Constitution Avenue direkt neben der National Gallery of Art, im Hintergrund erhebt sich die weiße Silhouette des Kapitols. Die National Mall, jener riesige, von Museen umringte Park, der sich vom ­Kapitol fast fünf Kilometer lang westwärts am Weißen Haus vorbei erstreckt, ist voller Menschen, die sich mit bunten Schildern, Musikinstrumenten, Bannern und gigantischen Pappmaché-Puppen an die für sie jeweils vorgesehenen Startpositionen entlang der Mall begeben.

Vor dem Washington Monument, dem knapp 170 Meter hohen Obelisken nahe dem Weißen Haus, verteilt Shanon Flugblätter der Gruppe »RefuseFascism.Org«, einer Frontorganisation der Revolutionary Communist Party. »Die Trump-Regierung ist faschistisch«, sagt sie. Man müsse nur sehen, was die ­Regierung Adolf Hitlers vor dem Reichstagsbrand gemacht habe. Das sei genau das Gleiche. Die Regierung Trump warte nur auf einen Notstand oder Krieg, um die Demokratie endgültig abzuschaffen. Neben Shanon liegt ein Stapel schwarzer Schilder, auf denen in großen weißen Lettern »Nein! Wir akzeptieren kein faschistisches Amerika« steht. Die Schilder werden verteilt, die Trägerinnen und Träger begeben sich in Richtung Kapitol am anderen Ende der Mall.

Ordentlich geht es am Sammelpunkt zu und sehr organisiert. Die verschiedenen Blöcke sollen die ganze Vielfalt der Bewegung spiegeln. Der Block »Protectors of Justice« führt den Marsch an. Hier finden sich alle ein, die zu den communities an den »Frontlinien« der Bewegungskämpfe zählen, womit vor allem die Angehörigen der indigenen Bevölkerung Amerikas gemeint sind, in den USA und Kanada häufig als first nations bezeichnet. In diesem Block gibt es eine bis ins Detail geplante Choreographie. In der vordersten Reihe laufen Kinder und Jugendliche, die lange Transparente auf Brusthöhe halten, gefolgt von Menschen aller Altersgruppen und Hautfarben, einige davon in traditionellem Aufzug mit Federn, Trommeln und brennenden Weihrauchbündeln. Ordnerinnen und Ordner in bunten T-Shirts sorgen mit Menschenketten und freundlichen, aber bestimmten Aufforderungen dafür, dass Schaulustige sich nicht vor und in den Block stellen.

Die nachfolgenden Blöcke hören auf so schöne Namen wie »Builders of ­Sanctuary« (Migranten und LGBTI), »Builders of Democracy« (Gewerkschaften, Bürgerrechtler), »Guardians of the Future« (Kinder, Jugendliche, Eltern, Senioren und Friedensbewegte), »Defenders of Truth« (Wissenschaftler und Lehrer), »Keepers of Faith« (religiöse Ökologiebewegte), »Reshapers of Power« (Bewegungen gegen Großkonzerne, Atomkraft und die Förderung und ­Nutzung fossiler Brennstoffe) und als Schlusslicht »Many Struggles, One Home« (alle übrigen). In diesen Blöcken geht es etwas legerer zu als bei den »Protectors of Justice«. Lediglich entlang der Fronttransparente und um die ­verschiedenen Pappmaché-Puppen und anderen Demonstrationselemente herrscht eine klare Aufgabenverteilung. Dazwischen laufen kleinere Gruppen, Familien und Einzelpersonen mit handgemalten Schildern.

Insgesamt macht die Demonstration einen äußerst heterogenen Eindruck und wirkt nicht wie eine weiße Mittelschichtsbewegung, als die die US-amerikanische Ökologiebewegung vor nicht allzu langer Zeit noch galt. Unter dem Motto Klimagerechtigkeit ist es ­offenbar gelungen, die Bewegung mit Themen wie Arbeitskämpfen, Gesundheit, Migration und Bürgerrechten zu verbinden. Schwarze Irak-Kriegsvete­ranen demonstrieren neben Studierenden aller Hautfarben und Herkunftsländer, Musliminnen mit Kopftuch und Juden mit Kippa. Obwohl auch Prominente wie der ehemalige Vizepräsident Al Gore, der Unternehmer und Milli­ardär Richard Branson und der Schauspieler Leonardo DiCaprio an der ­Demonstration teilnehmen, verzichten die Organisatoren darauf, dem viel Gewicht zu geben. Es entsteht der Eindruck, hier gehe es wirklich um the people, die einfachen Leute.

Fast alle Protestäußerungen richten sich gegen Donald Trump. Unzählige Pappmaché-Puppen karikieren ihn – als feuerspeienden Verschwender fossiler Brennstoffe oder beim Golfspielen mit dem Erdball. Vor dem Trump Interna­tional Hotel, einer gewaltigen ehemaligen Poststation im neogotischen Stil an der Pennsylvania Avenue, nur wenige Blocks vom Weißen Haus entfernt, steht eine drei Meter hohe Trump-Puppe, an der ein Schild mit der Anschrift »Putins Marionette« hängt. Als der Demonstrationszug am Hotel vorbeizieht, gibt es Buhrufe, einige Jugendliche machen obszöne Gesten, aber insgesamt bleibt man zurückhaltend. Polizei ist kaum zu sehen.
Ein paar Straßenzüge weiter erreicht der Demonstrationszug das Weiße Haus. Alle werden dazu aufgerufen, sich  zu setzen und »hundert Herzschläge lang« zu schweigen, um dann gemeinsam aufzustehen. Angesichts der Hitze ist das ein gewisser Kraftakt, der vielen sichtlich zusetzt. Zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind erschöpft. Eine Frau bricht zusammen und muss mit Wasser versorgt werden. Trump selbst ist nicht einmal da – er ist zu einer Massenkundgebung für seine Anhänger nach Pennsylvania ge­fahren.

Hinter dem Weißen Haus löst sich der Zug langsam auf und bewegt sich in Richtung des nahen Washington Monument, wo die Abschlusskundgebung stattfindet. An einem Baum nahe den Trinkwasserkanistern für die Demons­trierenden stehen einige Oberhäupter verschiedener first nations. Roberto aus Puerto Rico hat bereits zwei Tage zuvor an einem abendlichen Protest des Indi­genous Environmental Network vor dem Trump International Hotel mit vollem Federschmuck und Trommel protestiert. Heute hat er den Demonstrationszug mit angeführt. Die rote Schminke hat er sich aus dem Gesicht gewischt, Zeit aus­zuruhen bleibt ihm und den anderen Oberhäuptern nicht. Sie müssen gleich in einen Bus nach New York, wo sie an einem Treffen der Vereinten Nationen teilnehmen.

Auch der deutlich jüngere Robert Hawk Storm Alan wirkt erschöpft. Er ist der sachem – so der patrilinear ver­erbte Titel des Oberhauptes der Schagh­ticoke, die sich aus Überlebenden der Algonkin, der Mohikaner und anderer Gruppen zusammensetzen. »Wir kämpfen hier, weil die indigenen Gemeinden immer an vorderster Front des Kampfes für Klimagerechtigkeit stehen«, sagt er. Der Widerstand der ­indigenen Bevölkerung gegen die Dakota Access Pipeline hat viele in den USA aufgerüttelt (Jungle World 45/2016), auf der Abschlusskundgebung des Climate March werden die Protagonisten jenes Protests als Helden und »Protectors of the Water« gefeiert. Daher sei auch beschlossen worden, dass das Bündnis der indigenen Gruppen den Climate March anführen soll. Aber selbst in der Berichterstattung der liberalen und derzeit nicht besonders regierungsfreundlichen Zeitungen New York Times und Washington Post wird dieser Zusammenhang am folgenden Tag zur Randnotiz verkommen.

Als ahnte er das bereits, schüttelt Hawk Storm auf die Frage, ob die Be­lange der indigenen Bevölkerung seit dem Widerstand gegen die Dakota ­Access Pipeline mehr Aufmerksamkeit bekämen, nur den Kopf. Zuversichtlich ist er trotzdem. »Wir werden gewinnen«, sagt er. Und fügt dann ­etwas nachdenklich hinzu: »Weil wir es müssen.«