Die südspanische Gemeinde Jun praktiziert Basisdemokratie mit sozialen Medien

Im digitalen Dorf

Die südspanische Gemeinde Jun lebt seit fast zwei Dekaden vor, wie digitale Verwaltung, Bürokratieabbau und Demokratie auf Basis sozialer Medien funktionieren können.

Von Jan Marot
Anzeige

Am Twitter-Obelisken im Kreisverkehr der Dorfeinfahrt hat sich Dick Costolo, der ehemalige CEO von Twitter, mit seinem Handabdruck schon vor längerem verewigt. »Larry the bird«, das Logo von Twitter, ist in Jun omnipräsent, das zwitschernde Vögelchen ziert nicht nur das Gemeindeamt. In der südspanischen Gemeinde, einem Vorort von Granada, nahm eine weltweit beispiel­lose Erfolgsgeschichte 1999 ihren Anfang – mit zylinderförmigen, aluminiumbeschichteten Chipsdosen zur Verstärkung des WiMax-Signals für Breitbandinternet. Hinter der Erfolgsgeschichte steht der Bürgermeister des 3 700 Einwohner zählenden Dorfs, José Antonio Rodríguez Salas vom sozialistischen PSOE.

Rodríguez Salas war 1999 Vizebürgermeister und übernahm das Bürgermeisteramt 2005. Erste ausgemusterte Computer musste er noch von Banken als Spenden erbetteln. Die Förderung des Netzzugangs zählte damals nicht zu den Prioritäten der Regionalregierung. Seither hat sich Jun von Grund auf verändert. Mehr als 1 200 Einwohnerinnen und Einwohner sind mittlerweile aktiv auf Twitter – über den Mikroblogging-Dienst läuft alles im Dorf. Rodríguez Salas wurde 2007 und 2011 bei den Gemeinderatswahlen mit absoluter Mehrheit wiedergewählt. Selbst in der seit Ende der Franco-Diktatur »roten Bastion« Andalusien ist dies in ­Anbetracht der Dauerkrise der Sozialisten bemerkenswert.
Zunächst implementierte der Bürgermeister im beschaulichen, einst vom Töpferhandwerk geprägten Dorf die fast flächendeckende Kommunikation per E-Mail und nutzte seinen mehrfach preisgekrönten Blog noch vor der Ära von Facebook und Co. für den Austausch mit Bürgerinnen und Bürgern. Dabei sei es auch darum gegangen, die Verwaltung effizienter zu gestalten und sich von der ausufernden Büro­kratie zu verabschieden, so Rodríguez Salas im Gespräch mit der Jungle World.

Seit Jahren erheben Forscher in Echtzeit die Interaktionsdaten der Bürgerinnen und Bürger. Es zeigt sich eine Veränderung von einer hierarchischen Kommunikation zu einer überwiegend horizontalen.

Der Bürgermeister von Jun hat rund 445 000 Follower auf Twitter – weit mehr als Amtskollegen weltbekannter Milli­onenmetropolen und immerhin knapp die Hälfte der Follower von Bill de Blasio (New York) oder Anne Hidalgo (Paris). Stolz zeigt Rodríguez Salas, dass er in Spanien zu den einflussreichsten Nutzern sozialer Medien gehört. Diesbezüglich kann er sich mit Ministerpräsident Mariano Rajoy von der konser­vativen Volkspartei (PP) und den Parteivorsitzenden von Unidos Podemos messen. Zudem ist Rodríguez Salas ein enger Vertrauter von Pedro Sánchez, dem jüngst wiedergewählten Parteivorsitzenden des PSOE; ihn berät er vor ­allem zum Thema soziale Medien.

Rodríguez Salas hat keine Social-Media-Manager, er hält sie in politischer Kommunikation auch nicht für sinnvoll: »Ich führe alle meine Accounts selbst.« Das bringe den wesentlichen Unterschied mit sich, dass es in seinen Twitter-Nachrichten nicht um institutionelle Meldungen gehe, sondern um »eine Kommunikation auf Augen­höhe«. Wenn er einmal einen Fehler mache, könne man sich sicher sein, dass er dafür die Verantwortung trage.
Das Gemeindeamt erscheint an diesem Freitagmittag verwaist. Es gibt keine Warteschlangen, keine entnervten ­Bürgerinnen und Bürger. Selbst das Smartphone des Bürgermeisters klingelt während des stundenlangen Interviews nur einmal. Seine Frau will wissen, ob er pünktlich zum Essen kommt. »Ein Anruf ist eine Störung der Privatsphäre, ein Tweet nicht«, sagt ­Rodríguez Salas auf die Frage, ob ihn jemals die Zahl der Follower gestresst habe. »Was mich belastete, waren zahllose Anrufe. Und während man einen entgegennahm, bei dem man den Anrufer nicht zufriedenstellen konnte, musste man 20 weitere ablehnen oder auf die Mobilbox leiten. Das hat mich oft nahe an die totale Erschöpfung gebracht.« Für Rodríguez Salas geht es darum, eine Art »osmotische Beziehung«, wie in Zellen, zwischen den Bürgern und dem Gemeindeamt zu ermöglichen. Netzwerke sollen entstehen. »Ziel ist es, dass die Bewohner von Jun ihre eigene Zukunft gestalten können«, sagt er. »Dafür braucht es keine ein­seitige Kommunikation, auch keine zweiseitige, sondern eine auf Vielseitigkeit beruhende.«

Rodríguez Salas, der außer dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama auch Hillary Clinton im Präsidentschaftswahlkampf beraten hat, ist sich der Problematik, die rechter Populismus und sogenannte alternative facts darstellen, bewusst. Er will sich ihr stellen. »Dafür muss man proaktiv agieren, Trends in der öffentlichen Meinung mittels analytischer Tools früh erkennen. Und eben nicht mit antiquierten Strategien, sondern vehement in den sozialen Medien vorgehen.« Er ist überzeugt, dass Juns Modell nicht nur auf kleine Städte, sondern auch auf Metropolen übertragbar ist. »Es geht darum, diese in kleinere, überschaubare Einheiten zu teilen«, in Bezirke, Straßenzüge, Wohnblöcke, Viertel, dann klappe es auch in Megastädten. Lokale Probleme bräuchten lokale Lösungen. Als Beispiel nennt Rodríguez Salas ein kürzlich aufgetauchtes Problem mit Wespen. »Wenn auf einmal viele Dorfbewohner über Wespen klagen und man auch ­anhand der Meteorologiedaten sieht, dass im Vorjahr wegen früher Hitze die Wespenlarven früher schlüpften, können wir rasch und effizient dagegen vorgehen.«

Aber was macht der Bürgermeister, wenn Twitter pleite geht? Daran glaube er nicht, aber wenn, werde es Alterna­tiven geben. »Twitter erschien uns als das praktikabelste Werkzeug, besser als Facebook«, sagt er. »Wenn es ein neues, besseres soziales Netzwerk gibt, das gut ankommt, dann werden wir uns eben auf dieses konzentrieren.« Plenarsitzungen des Gemeinderats werden seit 2001 live mittels Online-Streaming übertragen. Damals war Jun die erste Gemeinde der Welt, die eine solche Sitzung live per Internet übertrug. Der ­Fokus auf neue Kommunikationstechnologien hat Jun etwas gebracht, das andere Dörfer erst bis 2030 haben werden: schnelle Internetverbindungen mittels Glasfaser. Wie Rodríguez Salas betont, musste er keinen Druck machen; der damalige Vize-CEO, mittlerweile CEO des spanischen Telekommunikationskonzerns Telefónica, José María Álvarez-Pallete López, habe ihm das angeboten.

Alle Generationen in Jun nutzen primär Twitter, aber auch Facebook, ­LinkedIn, Instagram und andere Dienste. Ebenso die derzeit 56 Gemeinde­bediensteten, von den Gemeinderäten wie Sergio González Naveras (Sport und Bildung) über den Klempner Miguel Martínez und den Straßenkehrer bis zum Elektriker. Ihn kann man per Tweet herbeirufen, wenn er gebraucht wird. Der Rekord für das Austauschen der Glühbirne einer Straßenlaterne liegt derzeit bei 2.30 Minuten – vom Tweet bis zum Licht. »Die Präsenz von ganz normalen Gemeindebediensteten auf Twitter hat auch einen positiven Effekt auf die Wertschätzung ihrer Arbeit«, sagt Rodríguez Salas.

Gemeinderat González Naveras ist stolz: »Wir haben die einzige Flagge mit Binärcode weltweit.« Dieser stehe im Dorfwappen und bedeute ausge­lesen amor (Liebe). Das US-amerikanische Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat Jun längst als Sozial- und Innovationslabor entdeckt. Seit Jahren erheben Forscher um den MIT-Chefdatenanalysten Deb Roy in Echtzeit die Interaktionsdaten der Bürgerinnen und Bürger. Alle Nutzer des Dorfs sowie der Grad ihrer Interaktion und die ­Vernetzung untereinander sind in den Netzwerkgrafiken des MIT vermerkt. Über die Jahre zeigt sich darin deutlich eine Veränderung von einer hierarchischen Kommunikation zu einer überwiegend horizontalen. Die Erfahrungen aus Jun sollen auch US-Städten wie Chicago, New York, San Francisco und Boston dienen.

Ein Wifi-Zugang gehört in Jun zu den grundlegenden Rechten, kostenfrei und allen zugänglich. Es sei »ein Service wie die Müllentsorgung und die Trinkwasserversorgung«, sagt Rodríguez Salas. Doch sind die Bewohnerinnen und Bewohner Juns allesamt süchtig nach sozialen Medien? In zahlreichen Gesprächen geben sie zu, sehr viel und mitunter zu viel Zeit auf Facebook, Twitter und sonstigen Diensten zu verbringen. Nur der Priester von Jun ist als einer der wenigen nicht in den sozialen Netzwerken aktiv.