Der »Islamischen Staat« in Südostasien

Begehrte Erbschaft

Mit der absehbaren Niederlage des IS in Syrien und Irak zeichnet sich ein Machtkampf um dessen Zweigstellen in Südasien ab.

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Was passiert mit den Zweigstellen des »Islamischen Staats« (IS) – den sogenannten Provinzen des Kalifats – in Südasien, also in Afghanistan, Bangladesh und Pakistan, wenn der IS in Raqqa, seiner faktischen Hauptstadt und letzten großen Bastion in Syrien, besiegt ist? Begründete Vermutungen lassen sich durchaus ausstellen, auch wenn das Bild noch längst nicht in allen Teilen klar ist.

Die Niederlage des IS in Syrien erwarten bereits geduldig und in wachsender Vorfreude die Mitglieder von »al-Qaida auf dem Indischen Subkontinent« (AQIS), einer Gruppierung, die wie der IS selbst aus dem alten al-Qaida-Netzwerk hervorgegangen ist. Im Gegensatz zum IS ist AQIS dem Netzwerk und seiner Ideologie treu geblieben. Beim Messengerdienst »Telegram« sprießen Chat-Gruppen wie Pilze aus dem Boden und bereiten die Jihadisten Südostasiens auf die neue Phase des Kampfes vor. In der realen Welt werden inaktive Zellen reaktiviert. Für den von AQIS ersehnten und erwarteten Fall, dass sich demnächst der IS in Südasien in ein kopfloses Huhn verwandelt, plant AQIS, sich dessen Überreste schnell einzuverleiben – und operative Anleitungen und Kommuniqués zu diesem Zweck werden bereits fleißig verbreitet.

Entgegen der Hoffnung von al-Qaida auf dem Indischen Subkontinent, den IS in Südasien zu beerben, wird dort wohl eine neue jihadistische Organisation entstehen – eine Art IS 2.0.

»Ein offener Brief an die Brüder des Islamischen Staats« ist der Titel eines dieser Kommuniqués von einem saudischen salafistischen Ideologen, das gerade in alle wichtigen Sprachen Südasiens übersetzt und über Onlineforen verbreitet wird. Die Botschaft ist: Zeigt euch reuig und kehrt zurück in die Herde. Aber was dann? Während der IS damit beschäftigt war, Bombenanschläge auf andere Muslime in Pakistan zu verüben und Ausländer in Bangladesh niederzumetzeln, wodurch er den Zorn der dortigen Sicherheitsbehörden auf sich zog, baute sich AQIS langsam zu einer panasiatischen Untergrundpartei mit Hauptsitz in Afghanistan aus. In dieser Zeit wurden Hunderte junger Jihadisten in Bangladesh, Indien und Pakistan rekrutiert und indoktriniert. Ein jüngst veröffentlichter Verhaltenskodex für AQIS-Mitglieder macht sehr deutlich, dass diese Rekruten für eine auf lange Sicht angelegte Strategie vorbereitet werden.
Aber was werden die Angriffziele von AQIS in Südasien sein? Der Verhaltenskodex, dessen Version auf Bengali im Juni erschien, widmet der Frage ein ganzes Kapitel. In Afghanistan werden demnach das primäre Angriffsziel die US-Streitkräfte; in Pakistan werden die pakistanische Armee und andere Ordnungskräfte, inklusive des Geheimdienstes »Inter-Services Intelligence« (ISI) die Hauptziele sein. Sowohl in Indien als auch in Bangladesh werden indische Behörden im Visier stehen, überhaupt sollen indische Interessen geschädigt werden. In allen drei Ländern sollen vermeintliche Gotteslästerer und Apostaten entweder gezielt ermordet oder massenhaft abgeschlachtet werden. Auf lange Sicht zielt der Jihad von AQIS in Südasien auf Siege von Muslimen in Konflikten wie dem von Indien besetzten Kaschmir und in der Region Rakhaing in Myanmar, wo die muslimische Bevölkerungsgruppe der Rohingya einem schleichenden Genozid ausgesetzt ist. Dies ist zusammengefasst der Plan von AQIS für die Zukunft Südasiens – ein Plan, dessen Verwirklichung einige ernsthafte Hindernisse im Weg stehen.

Die unmittelbare Herausforderung wäre demnach der IS selbst. Während seine Tage als territorialer Parastaat in Syrien und Irak gezählt sein dürften, ist es fast schon sicher, dass er in neuer Gestalt – auferstanden aus den Ruinen von Mossul und Raqqa – fortbestehen wird. In welcher Form das sein wird, kann man allerdings heute noch nicht sagen. Die südasiatischen Zweigstellen des IS werden wohl zunächst mit der Mutterorganisation in Irak und Syrien zerfallen. Aber entgegen den Hoffnungen der AQIS-Führung dürften die IS-Mitglieder nicht in Scharen »bereuen und zurückkehren«. Das lange und langsame Spiel von AQIS ist nicht besonders attraktiv für die Sorte jugendlicher Abenteurer, die sich vom IS angezogen fühlte und von ihm rekrutiert wurde. Für sie ist die unmittelbare Aussicht auf den Märtyrertod und eine spektakuläre apokalyptische Entscheidungsschlacht sehr viel verheißungsvoller als die langwierige und zähe Arbeit am Aufbau eines islamischen Emirats. Dies ist wohl einer der Hauptgründe für den schnellen Aufstieg und Fall des IS in Irak und Syrien, während gleich andere auf der Sharia gründenden Miniemirate in Orten wie Idlib in Syrien entstanden, die kaum je dieselbe Aufmerksamkeit erfuhren wie der IS.

Dann ist da noch die Frage der jihadistischen Theologie. IS und al-Qaida haben sich inzwischen in Schlüsselfragen weit von einander entfernt– etwa in der takfir-Doktrin, also der Frage, unter welchen Umständen einzelne Muslime oder ganze Gruppen von Muslimen zu kuffar, also zu »Ungläubigen« erklärt werden können. Der Raum für eine Wiederannäherung ist sehr begrenzt, wenn es überhaupt einen dafür gibt. Vielmehr kommt inzwischen ein Übertritt von IS zu al-Qaida oder einer mit al-Qaida assoziierten jihadistischen Gruppe geradezu der Apostasie gleich. Und was in diesen Kreisen mit Apostaten passiert, ist bekannt – auf den Abfall vom Glauben steht der Tod.

Die Frage der Apostasie und als Apostaten verstandener islamischer Strömungen – Schiiten, Ahmadiyya und Ismaeliten – ist einer der größten Streitpunkte zwischen jihadistischen Gruppen in Südasien. Aus strategischen Gründen unternahm AQIS keine direkten Angriffe auf diese Gruppen, während IS-Mitglieder buchstäblich zum Massenmord an Schiiten und Ahmadiyya aufriefen. Das Gleiche gilt für sogenannte Ungläubige wie Hindus und Buddhisten. Der IS plante mit dem Ziel, das, was er eine »Ordnung auf Grundlage der Sharia« nennt, auf dem indischen Subkontinent zu errichten, einen Massenmord an Hindus in Bangladesh. AQIS hielt sich dagegen bislang weitgehend– von einzelnen Ausnahmen abgesehen –  an die Strategie, Hindus, Christen und Buddhisten nicht aktiv anzugreifen.

Entgegen der Hoffnung von AQIS, den IS in Südasien zu beerben, wird dort wohl in naher Zukunft eine neue jihadistische Organisation entstehen – eine Art IS 2.0. Die Organisation wäre frei von der Last, ein staatsähnliches Gebilde aufzubauen und zu verwalten. Wie der IS dürfte diese neue Organisation ein Hauptquartier irgendwo außerhalb Südasiens haben und in Verbindung mit örtlichen jihadistischen Gruppen agieren. Das Sagen hätten einflussreiche südasiatische IS-Kader – meist aus Bangladesh –, von denen einige sich heute in Raqqa aufhalten.

Die Region, die sich am besten als Hauptquartier einer solchen neuen Organisation eignet, ist Südostasien, namentlich Indonesien und Malaysia – zwei Länder, in denen der IS bereits über Hunderte Zellen verfügt. Dort gibt es auch bereits die indonesische jihadistische Organisation »Jemaah Islamiyah« (JI), die bereits über solide Verbindungen zum IS verfügt und einen eigenen »islamischen Staat« in der Region etablieren will. Diese Organisation ist heute adarauf vorbereitet, kampferprobte Jihadisten aus Südasien aufzunehmen. Eine solche Zuflucht werden sie brauchen, wenn sie nach der Niederlage des IS im Irak und in Syrien von dort entkommen müssen. Es gibt auch schon Anzeichen, dass JI einige der Anführer des IS aus Bangladesh aufgenommen hat.

Es ist noch nicht klar, wer die Hauptfiguren im nächsten Kapitel der Geschichte des IS in Südasien sein werden. Aber höchstwahrscheinlich planen diese bislang unbekannten Anführer bereits ihre nächsten Züge, vielleicht in Indonesien oder Malaysia.

Tasneem Khalil ist ein schwedisch-bangladeschischer freier Journalist und Autor von »Jallad – Death Squads and State Terror in South Asia«.
Übersetzung: Carl Melchers