Eine Reportage aus der kurdischen Stadt Kobanê

Der Kampf um Normalität

In Kobanê sind die Spuren des Kriegs noch überall sichtbar, aber das Leben kehrt langsam zurück.

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Es war ein Sieg, der nicht nur Zehntausende Menschen vor dem Terror des »Islamischen Staats« (IS) bewahrte, sondern auch große symbolische Bedeutung hatte. In der Schlacht um Kobanê wurden im im Herbst 2015 die Milizen des IS aufgehalten, als dies vielen unmöglich erschien. Derzeit kommen Hunderte Flüchtlinge aus anderen syrischen Städten, in denen derselbe Feind bekämpft wird, nach Kobanê. Die Grenzstadt wirkt wie ein Skelett. Eine hohe Mauer, mit Stacheldraht bewehrt, trennt die sie von der Türkei und von der wohlhabenden Welt im Norden. Die Gebiete im Westen jenseits des Assad-Sees werden von der syrischen und russischen Luftwaffe bombardiert.

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Zurück zum Anfang. Kobanê im Frühling 2017

 

Wer in Kobanê aus Städten wie Manbij, Tabqa oder Raqqa ankommt, ­findet erst einmal etwas, was derzeit in Syrien rar ist: ein wenig Sicherheit. »Wir haben im September 2016 eröffnet und haben jetzt schon zwölf All­gemeinärzte, fünf Kardiologen, einen Chirurgen, einen Anästhesististen und einen Radiologen. Sie stammen alle aus Kobanê«, sagt Doktor Abdallah. Er ist Direktor des Krankenhauses von Heyva Sor a Kurdistane, des Kur­dischen Roten Halbmondes, einer international nicht anerkannten Organi­sation. Es ist eines der beiden großen Krankenhäuser der Stadt, die nach dem Ende der Belagerung durch den IS wiederaufgebaut wurden. Die Glasscheiben an den Außenwänden sind noch mit Klebeband versehen, die ­Innenwände frisch gestrichen. Doch dass der Neubeginn alles andere als einfach ist, spüren Ärzte, medizinisches Personal und vor allem Patienten jeden Tag: Es fehlen medizinische Geräte, externes Personal, Medikamente. »Zum Glück bekommen wir von Ärzte ohne Grenzen wenigstens das Nötigste an Medikamenten«, erzählt Abdallah. In fast jedem Zimmer liegen Verletzte – teilweise ganze Familien, die alles verloren haben. »Mein Haus wurde bombardiert« und »Ich habe wegen einer Autobombe ein Bein verloren«, erzählen die Frauen in Zimmer zwölf. Unten im Erdgeschoss befindet sich die Notaufnahme, wo die Verletzten auf den ­Boden liegen und darauf warten, behandelt zu werden. Liegen gibt es kaum.

In der Abteilung für Schwerverletze liegt ein alter Mann mit einem langen weißen Bart, dem man Hände und Füße ans Bett gebunden hat. Auf seine Stirn sind Buchstaben gemalt. »Wir ­haben ihn mit einem Bauchschuss gefunden, wenige Kilometer von Tabqa. Als wir ihn mitgenommen haben, fing er an, über Allah und die Ungläubigen zu faseln. Wir glauben, er gehört dem IS an«, sagt Doktor Bakthiar Madres, der Chirurg, der den Mann be­handelt. »Sobald wir ihn wieder auf die Beine bekommen, übergeben wir ihn den YPG, die ihn verhören werden.« Was würde passieren – sollte sich der Verdacht der Ärzte über die Zugehörigkeit des Mannes bestätigen –, wenn sich ­herumspräche, dass hier ein IS-Mann behandelt wird? »Es ist schwer zu ­sagen«, sagt Madres. »Dass wir hier jemandem helfen, der so viel Leid ver­ursacht hat, würden sicher nicht alle gelassen hinnehmen.«

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Die Stadt ist vom IS befreit, aber der Krieg ist allgegenwärtig.

 

Kobanê ist vom IS befreit, aber der Krieg ist allgegenwärtig. Im Rest der nordsyrisch-kurdischen Enklave Rojava gibt es viele Häuser, die halb zerstört, und viele, die halb gebaut sind. Es ist oft nicht einfach zu erkennen, ob sie Symbole einer Flucht oder eines neuen Anfangs sind. In Kobanê ist es anders. Nicht, dass es hier keine Zerstörung gäbe, im Gegenteil. Alles, was hier neu entsteht, gilt als Sieg im Kampf gegen den IS.

»Hier gab es nichts mehr, tagelang blieben die Toten auf den Straßen ­liegen, wir liefen buchstäblich über die Leichen«, erzählt ein gesprächiger ­alter Mann, den wir auf dem Jina-Azad-Platz ansprechen – dem Platz der ­»Freiheit der Frauen«.

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Denkmal auf dem Jina-Azad-Platz

Mitten auf dem Platz steht das Denkmal für Arîn ­Mîrkan, jene Kämpferin der kurdischen YPG, die sich im Oktober 2014 am ­Hügel Mishtenur nahe der Stadtgrenze in die Luft gesprengt und zahlreiche ­Jihadisten mit in den Tod gerissen hatte. Als erster international bekannter Fall einer kurdischen Kämpferin, die einen Selbstmordanschlag gegen den IS verübt hat, wurde sie auch für einen großen Teil der internationalen Kurdistan-Solidaritätsbewegung zum Symbol des Widerstands.

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Arîn ­Mîrkan

 

Vom Hügel Mishtenur kann man die ganze Stadt überblicken. Eine Schotterstraße führt hinauf bis zur Basis der von den USA geführten Anti-IS-Koalition, die auf der syrischen Seite der Grenze offenbar zuverlässigere Verbündete ­gefunden hat als auf der türkischen Seite. »Ich hätte euch beinahe erschossen. Wie seid ihr denn überhaupt bis nach oben gekommen, ohne euch auszuweisen?« fragt ein kurdischer Soldat, der, noch bevor wir »Uns hat niemand gefragt« antworten können, in lautes ­Lachen ausbricht. In Kobanê kämpft man zwar nicht mehr auf offener ­Straße, sich hier frei zu bewegen, kann trotzdem lebensgefährlich sein.

Die große türkische Fahne auf der anderen Seite der nahen Grenze erinnert daran. »Seht ihr die weidenden Schafe? Vor zweieinhalb Jahren standen dort Autos in kilometerlangen Staus. Es waren die verzweifelten Menschen, die versucht haben, in die Türkei zu kommen«, erzählt Rewşan. »Dabei konnte man von hier sehen, wie die türkischen Soldaten den Stacheldraht besiseite nahmen, um IS-Leute passieren zu lassen.« Rewşan trägt eine Weste der zivilen Selbstverteidigungseinheiten HPC, eine Kalaschnikow hängt über ihrer Schulter. Die etwa 60jährige ist eine der Mitbegründerinnen der HPC, die unmittelbar nach der zweiten Großoffensive des IS auf die Stadt im Juni 2015 gegründet wurden. »Das erste Mal, als der IS die Stadt belagerte, wurden wir evakuiert, aber das zweite Mal bin ich geblieben und habe geholfen, wie ich konnte«, erzählt Rewşan. »Dann habe ich diese Einheiten mitgegründet. Die Verteidigung der Stadt geht uns alle an.«

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Die Grenze zur Türkei

 

 

Rewşans fünf Kinder sind alle ­Mitglieder der Bewegung für eine Demokratische Gesellschaft in Westkurdistan (TEV-DEM), die die Selbstverwaltung der autonomen Region koordiniert. Rewşan erzählt und raucht, während ihre zweijährige Enkelin, Hamara, Krieg spielt und eine Bewegung macht, als würde sie eine Granate werfen.

Ein Leben ohne Krieg kennt die kleine Hamara, wie viele andere Kinder aus Kobanê, nicht. Das weiß auch Nasrin, Lehrerin und Mitglied des Komitees für Bildung der Stadt: »Wiederkehrende Motive auf den Bildern der Kinder sind sehr oft Soldaten, Waffen, Panzer und viel Blut. Wenn sie untereinander streiten, sagen sie: ›Jetzt hole ich Daesh!‹« Diese Kinder seien vom Krieg geprägt. »Ihr Verhalten, untereinander und gegenüber den Lehrern, ist sehr gewalt­tätig«, sagt Nasrin. »Es ist nicht einfach, diese Gewalt auszulöschen.« Über dem Zaun auf dem Schulhof sieht man die oberen Etagen der zerstörten ­Häuser, vielleicht der Wohnungen, in denen diese Kinder oder ihre Familie vor dem Krieg gewohnt haben. »Unseren Kindern fehlt die Schönheit. Überall, wo sie ­hingehen, sehen sie Trümmer«, sagt Osman, der Rektor der Grundschule.

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Pause für die Lehrerin in einer Grundschule von Kobanê

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In Kobanê und den umliegenden Dörfern gibt es fast 400 Bildungseinrichtungen – von der Grundschule bis zur Universität. In den ersten drei Jahren wird Kurdisch gelernt, ab dem vierten Arabisch und später dann Englisch oder Französisch. Seit der ­Abschaffung des Islam­unterrichts wird »Geschichte der Glaubensrichtungen« unterrich­tet. »Den Kindern wird ­Wissen über Religionen vermittelt«, sagt Nasrin und betont: »Wissen. Alles andere gehört nicht in die Schule.«

Die vielen Kinder, die nicht in Klassenzimmern sitzen, arbeiten in Werkstätten oder schleppen Kisten mit Kartoffeln und Wasser in die Cafés und kleinen Supermärkte der Stadt; andere hängen nur auf den Straßen herum. »Es gibt in Kobanê 56 Waisenkinder und über 100, die mindestens einen Elternteil verloren haben«, sagt der Schul­direktor. Für diese Kinder soll ein Haus gebaut werden, nicht unweit des ­»Märtyrerfriedhofs« mit über 3 000 Gräbern. »Fast alle ihre Eltern sind dort begraben«, sagt Osman betrübt. »Wir müssen einen Weg finden, die Leere im Leben dieser Kinder zu füllen, so dass sie ein ethisches Leben führen können. Aber es ist schwer. Manchmal fehlt Zement, manchmal die Kraft.«

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Im »Märtyrerfriedhof« von Kobanê sind über 3000 Gräber

 

TEV-DEM versucht, Bedingungen herzustellen, die so etwas wie ein nor­males Leben wieder ermöglichen. Das fängt beim Elementaren an: Haus und Arbeit. »Wir sind gerade dabei, drei Kooperativen aufzubauen: Eine, die ­Stoffe herstellt, eine Schneiderei und einen Bauernhof. Aber uns fehlen ­Wissen, kompetente Ausbilder und vor allem die Produktionsmitteln«, sagt Nesbir, Leiterin des Komitees für Arbeit der Koordination der Frauenorganisation Kongreya Star. Die Wirtschaft in Rojava basiert auf auf dem partizipativen Umgang mit der Verwaltung von Ressourcen. »Das ist alles andere als einfach«, sagt ­Nesbir, die aber auch zugibt: »Trotzdem, auch ohne Hilfe von außen haben wir schon unglaublich viel erreicht. Vor ­allem im Hinblick auf das Selbstbewusstsein von Frauen.«

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Feierlichekeiten zum 1. Mai in Kobanê

 

Ein wenig außerhalb von Kobanê finden wir unerwartet Weizenfelder und ordentlich ausgerichtete Rebenreihen auf den Hügeln. Die Häuser sind so niedrig, dass man bis zum Euphrat blicken kann. Andere Felder aber liegen brach. Wir treffen eine arabische Frau mit ihren zwei Töchtern, sie ist die ­Hüterin dieser Felder. »Uns fehlen die Maschinen zum Ernten«, erzählt sie. Was passiert dann auf diesen Feldern? »Wir lassen die Tiere weiden, es ist ­alles, was wir tun können.«

Nachts sind einige Straßen mit bunten Glühbirnen beleuchtet, manche Cafés sind bis spät in die Nacht geöffnet. Aus einem Keller hat man ein ­improvisiertes kleines Lokal mit großer Leinwand gemacht, wo die Champions-League-Spiele übertragen werden. Ein kleines Stück Normalität, das aber ziemlich irreal wirkt. Wenn der Tag anbricht, wird der Krieg wieder real. Wir laufen an den rostigen Überresten von Autobomben vorbei und fragen uns, wie viele Menschen bei der Explosion dieses Kleinwagens oder jenes Transporters gestorben sein mögen.

Aus dem Italienischen von Federica Matteoni.