Der Streit um das Buch »Beißreflexe« von Patsy l’Amour la­Love

Die Kontrolle des Diskurses

Judith Butler und Sabine Hark beklagen sich in einem Aufsatz in der »Zeit« über den von Patsy l’Amour laLove herausgegebenen Sammelband »Beißreflexe«. Der Gestus des Beleidigtseins erstaunt ebenso wie die fehlende Argumentation in der Sache.

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»Die Verleumdung« ist der Artikel in der Zeit betitelt, in dem sich Judith Butler und Sabine Hark gegen die »infamen Angriffe« auf die queer theory »wehren«. Titel und Anleser kann man den Autorinnen nicht zum Vorwurf machen, sie fallen gemeinhin in die Verantwortung der Redaktion, doch ist der Gestus des Textes darin trefflich gespiegelt. Butler, die wohl bekannteste Vertreterin der queer theory, und Hark, die Leiterin des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der Technischen Universität Berlin, sehen in dem von der Berliner Geschlechterforscherin Patsy l’Amour la­Love herausgege­benen Sammelband »Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, ­autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten« einen zu verurteilenden, weil niederträchtigen Angriff auf ihre Arbeit. In dem Sammelband wird kritisiert, dass sich Gender-Aktivismus zunehmend gegen die Selbstbehauptung schwuler, lesbischer und transsexueller Menschen wendet und unter Rückgriff auf Konzepte wie ­critical whiteness und cultural appropriation hinter jedem gesellschaft­lichen Fortschritt die Inanspruchnahme von Privilegien vermutet.

Interessant ist, dass sich die Diskussion über »Beißreflexe« vor allem auf die Frage der Legitimität des ­Buches konzentriert. Was ein Angriff, was eine unsolidarische, was eine ­berechtigte Kritik sei, bestimmt die Auseinandersetzung stärker als die Frage nach der Plausibilität der Argumentation. Auch Butler und Hark verfahren so. Um das nachzuvollziehen, muss man ihre Art der Abwehr und deren Rhetorik analysieren.

Dass Butler und Hark in ihrem Text auf formale Aspekte abzielen, zeigt auch, wie die Verwaltung von Diskursen und deren Immunisierung gegen Kritik zum Paradigma linksliberaler Theorie geworden sind.

Butler und Hark gehen der sachlichen Auseinandersetzung aus dem Weg, indem sie bei den Regeln des Diskurses ansetzen. In einer fragwür­digen Parallelisierung stellen sie die Autoren des Büchleins in den Zusammenhang eines »Trumpism«, behaupten mit Wilhelm Heitmeyer eine Tendenz zur »rohen Bürgerlichkeit« und beklagen eine »Grammatik der Härte«. Schon in dem einleitenden Absatz des Artikels suggerieren sie, die Autorinnen und Autoren des kleinen Aufsatzbandes seien diejenigen, die Gewalt androhten – und nicht die, denen diese aus der Queer-Szene angedroht wurde. Warum ist Butler und Hark so viel daran gelegen, die geäußerte Kritik nicht als eine Kritik aus der Szene an der Szene zu bezeichnen, sondern eine Bedrohung zu beklagen, die so gar nicht existiert? Fügen sich ein paar theoretische Texte, die einem kleinen, interessierten Publikum zur Anregung von Reflexion dienen sollen, tatsächlich in die gegenwärtigen autoritären Bewegungen ein? Und was sollte ein Büchlein weithin unbekannter Autoren in einer Auflage von wenigen Tausend Exemplaren mit dem US-amerikanischen Präsidenten zu tun haben? Wählen die Autorinnen hier nicht selbst einen suggestiv gefärbten Zugang, den sie doch zu kritisieren behaupten?

Nachdem Butler und Hark die Überlegungen selbst als »Scheinge­fechte« und »Simulation von Kritik« abgetan haben, schreiben sie, dass es eigentlich um den Umgang mit auftretenden Widersprüchen politischer Theorie und Praxis gehe. Das stimmt. Nur unterschlagen sie, dass die Kritik des Bandes genau an dieser Stelle ansetzt. Es ist keineswegs nur eine Bedrohung von außen, sondern eine innere Dynamik des queeren Aktivismus, die darauf zielt, dass auftretende Widersprüche mit Ausschlüssen sanktioniert werden – wie ein Beispiel aus den Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin zu plausibilisieren versuchte.
Dieser Umgang hat seine Ursachen auch in queerer Theoriebildung. Verschiedene Aspekte, wie das Verständnis der Theorie als Praxis, der Sprache als Handlung und eine allgemeine ethische Wende in den Geistes- und Sozialwissenschaften, sind dafür verantwortlich. Diese Aspekte sind ­weder überall noch stets gleich stark vorhanden, sie charakterisieren aber eine Strömung des queeren Aktivismus, der mit den Gender Studies zusammenhängt. Insoweit muss man bei der Kritik einer Strömung notwendig abstrahieren, wenn das Geteilte – also bestimmte Prämissen – Gegenstand der Kritik sein soll.

Letztlich ist es ein Streit über Prämissen, über die theoretischen Voraussetzungen, unter denen eine Kritik der Gesellschaft möglich ist. Man sollte nicht vergessen, was ein intellektueller Streit ist. Der mag zwar auch mit scharfen Worten, Polemik, Übertreibungen geführt werden und er kann auch Irrtümer beinhalten. Doch sind es, wie es in der dramatischen Literatur ein dänischer Prinz zu sagen pflegte, nur »Worte, Worte, Worte«. Und zwischen einer Polemik in interessierter Absicht und ­einer Hassrede kann man unterscheiden. Wer den Unterschied im Diffusen, im Unklaren lässt, spekuliert möglicherweise auf einen Effekt, der nicht in dem sachlichen Streit ­begründet liegt, sondern eher mora­lischer Natur ist. Einwenden mag man, dass dies im Ringen um das knappe Gut der öffentlichen Aufmerksamkeit geboten sei. Nur hat das nicht nötig, wer wie Butler seit Jahren als eine der wichtigsten Intellektuellen der Gegenwart gehandelt wird.

Das irritiert an dem Text von Butler und Hark: Wo man von den Lehrstühlen herab eine strenge sachliche Zurechtweisung der im Band vertretenen Positionen mittels der vorhandenen Theorie hätte erwarten können, erfolgt eine Abwehr, die man als Versuch der Selbstviktimisierung ­bezeichnen könnte. Diese Reaktion ist nur erklärlich, wenn man die ­eigene Position unangreifbar machen möchte. Doch so abwegig ist das nicht.

Butler und Hark beenden ihren Text mit einem Zitat von Theodor W. Adorno, das besagt, dass das wahre Unrecht dort zu finden sei, wo man sich selber blind ins Recht und das andere ins Unrecht setze. In der Tat trieb die Skepsis gegen das zum ­Dogma Erstarrte Adornos dialektisches Denken an. Doch klingt der Ausspruch in diesem Zusammenhang eher wie eine Verteidigung einer relativistischen Position. Zu fragen wäre doch, ob solcherlei Bonmots in Verkehrung ihres skeptischen Sinns hier nicht einen selbst zum Dogma verfestigten Relativismus legitimieren sollen. Und weiter zu fragen wäre, ob es nicht eine Art des Sich-selbst-ins-Recht-Setzens gäbe, die nicht als solche auftritt, sondern sich gerade in der scheinbaren Allgültigkeit ethischer Weisheiten verbirgt? Ob nicht der affirmative Effekt einer solchen Argumentation gerade darin liegt, eine subtile Kontrolle über das diskursive Felde auszuüben? In der Fetischisierung der Regeln der Sprache drückt sich auch die positivistische Neigung aus, der schon immer an der Vorherrschaft des Formalen gelegen war – was den Inhalt allerdings nicht unberührt lässt. Adorno hatte ein zartes Gespür für die Tendenz der Moderne, Zensur in Apparatur und Herrschaft in Technisches zu überführen.

Dass Butler und Hark in ihrem Text der Kritik ausweichen und vor allem auf formale Aspekte abzielen, zeigt auch, wie die Verwaltung von Diskursen und das Ideal der Unangreifbarkeit zum Paradigma linksliberaler Theorie geworden sind. Dass aber solche Immunisierung gegen Kritik eben nicht weniger, sondern stärker angreifbar macht, sollte auch jenen, die sie betreiben, zu denken geben. Gerade wenn Butler und Hark Solidarität einfordern, hat es den schalen Beigeschmack des Ordnungsrufs, mit dem »Ruhe im Karton!« gefordert wird. Die Fokussierung auf das Wer und Wie der Rede vernachlässigt, was auch von Bedeutung wäre: das Was und Wozu. Eine Kritik, die aufs Ganze zielt und das Besondere nicht aufgibt, wird sich schwerlich in der Welt der verwalteten Sprache einrichten können. Das ist aber eben keine Parteinahme für sprachliche Enthemmung, sondern für den intellektuellen Streit, der darum weiß, dass die Verdrängung des Konflikts das Übel anzieht, das sie zu meiden versucht. Dass man sich gerade jetzt – wegen Trump zum Beispiel – mit Kritik zurückhalten solle, dürfte weder ein guter Ratschlag noch auf lange Sicht erfolgsversprechend sein.

Jakob Hayner gehört zu den Autoren des Sammelbands »Beißreflexe«.