Verdi will die Auszubildenden im Friseurhandwerk gewerkschaftlich organisieren

Über den Löffel barbiert

Die Ausbildungsvergütung im Friseurhandwerk gehört zu den niedrigsten in Deutschland. Mit einer bundesweiten Tarifkampagne will die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi das ändern.

Extrem niedrige Löhne, viele ausbildungsfremde Tätigkeiten und zahlreiche unbezahlte Überstunden – für die meisten Auszubildenden im Friseurhandwerk gehört all dies zum Alltag. Knapp 90 Prozent von ihnen sind Frauen. Es gibt bisher keinen einheitlichen Tarifvertrag, der Lohn- und Arbeitsbedingungen der angehenden Friseure und Friseurinnen regelt. Zwischen den verschiedenen Bundesländern gibt es daher enorme Unterschiede bei den Vergütungen. Während Auszubildende im Westen derzeit im Durchschnitt 494 Euro im Monat verdienen, sind es im Osten gerade einmal 269 Euro. Sowohl im Westen als auch im Osten liegt der Lohn der Auszubildenden im Friseurhandwerk damit weit unter dem anderer Berufsgruppen. Im Bundesdurchschnitt werden 836 Euro im Monat gezahlt.

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Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi will das ändern. Mit einer Tarifkampagne der Verdi-Jugend unter dem Motto »Besser abschneiden« soll ein bundesweiter allgemeinverbindlicher Tarifvertrag mit höheren Vergütungen und besseren Arbeitsbedingungen für die etwa 23 000 Friseurinnen und Friseure in Ausbildung durchgesetzt werden. Nicht nur die extrem niedrigen Gehälter machen eine tarifvertragliche Regelung notwendig. Der jährliche DGB-Ausbildungsreport zeigt, dass auch die Ausbildungsbedingungen schlecht sind.

Ein Großteil der Auszubildenden arbeitet mehr als 40 Stunden in der Woche und bekommt keinen Freizeitausgleich für Überstunden. Die meisten von ihnen müssen zudem regelmäßig ausbildungsfremde Tätigkeiten verrichten und werden vor allem als billige Arbeitskräfte genutzt. Selbst Dinge, die in anderen Berufen selbstverständlich sind, werden Auszubildenden im Friseurhandwerk vorenthalten. So stellt vielfach nicht der Betrieb die Arbeitsmittel zur Verfügung, Scheren oder Kämme etwa müssen von den Auszubildenden selbst bezahlt werden. Eine hochwertige Schere kostet nicht selten einen dreistelligen Betrag. Kein Wunder, dass viele Friseurbetriebe keine Bewerberinnen und Bewerber finden und viele Ausbildungsverträge wieder gelöst werden – im Jahr 2014 waren es 6500.

Im Mittelpunkt der Tarifkampagne stehen deshalb die Forderungen nach einem Ende der unkompensierten Überstunden, einer Übernahme der Kosten aller Ausbildungsmittel durch den Betrieb und einer Vergütung, die den Auszubildenden ein eigenständiges Leben ermöglicht. »Vergütungen von 1,68 Euro in der Stunde sind ein Skandal. Ein Geschäftsmodell, das darauf basiert, dass Auszubildende überwiegend von Sozialleistungen leben müssen, ist für die Betroffenen und für alle Steuerzahler nicht hinnehmbar«, so Verdi-Sekretär Marvin Reschinsky, der die gewerkschaftliche Tarifkampagne auf Bundesebene koordiniert, in einer Pressemitteilung. »Der anspruchsvolle und körperlich anstrengende Ausbildungsberuf zum Friseur muss dringend in Qualität und Bezahlung aufgewertet werden«, fordert der Gewerkschafter.

Die Gewerkschaftsjugend steht jedoch vor enormen Herausforderungen. Um einen Tarifvertrag durchzusetzen, braucht es genügend Beschäftigte, die bereit sind, sich zu organisieren und für ihre Forderungen zu kämpfen. Gerade in einer Branche wie dem Friseurhandwerk, in dem in vielen Betrieben nur vier oder fünf Beschäftigte arbeiten, ist dies nicht einfach. Statt die Betroffenen im Betrieb anzusprechen, will die Gewerkschaft sie daher vor allem in den Berufsschulen erreichen. An mehr als 80 Berufsschulen versuchte die Verdi-Jugend in den vergangenen sechs Monaten für die Tarifkampagne zu werben und Auszubildende gewerkschaftlich zu organisieren. Das Ziel war es, 3 000 angehende Friseurinnen und Friseure als Mitglieder zu gewinnen, um dann in Tarifverhandlungen mit den Arbeitgeberverbänden zu treten.

Dies gelang nur teilweise. Viele Berufsschulen verweigerten der Gewerkschaftsjugend den Zugang. Immerhin 1 800 Auszubildende konnten nach Angaben von Verdi für die Tarifkampagne gewonnen werden. Dabei zeigen sich jedoch deutliche regionale Unterschiede. Daher will die Gewerkschaft nun zunächst in den Bundesländern Tarifverhandlungen aufnehmen, in denen sich besonders viele neue Mitglieder organisiert haben. In Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland will Verdi demnächst Tarifkommissionen bilden und in Verhandlungen mit den Arbeitgeberverbänden treten – mit welchen konkreten Forderungen, ist noch unklar. Möglichst viele Auszubildende sollen vorher eingebunden werden. Auch bei den Verhandlungen strebt Verdi eine möglichst große Beteiligung der Betroffenen an. In den anderen Bundesländern soll weiter verstärkt in den Berufsschulen für die Tarifkampagne geworben werden, um auch dort verhandlungsfähig zu werden.

Obwohl die Tarifkampagne ihr ursprüngliches Ziel nicht erreicht hat, wertet die Gewerkschaft ihren bisherigen Verlauf als Erfolg. »So etwas gab es noch nie: Hunderte Azubis aus dem Friseurhandwerk halten zusammen und wollen gemeinsam ihre Interessen durchsetzen«, heißt es in einer Stellungnahme der Verdi-Jugend. Tatsächlich hat diese es geschafft, in einen Bereich vorzustoßen, der bisher als unorganisierbar galt. Sollte es gelingen, im Friseurhandwerk einen Tarifabschluss durchzusetzen, der mit einer deutlichen Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen einhergeht, könnte dies auch ein Vorbild für andere gewerkschaftlich bisher wenig beachtete Bereiche im Dienstleistungssektor liefern.