Erinnerungspolitik in der Ukraine

Wettbewerb des Gedenkens

Die ukrainische Regierung treibt die Beseitigung von Relikten des Sozialismus konsequent voran. Auch Babyn Jar als Ort national­sozialistischer Massenerschießungen von Juden ist von der Neuausrichtung der nationalen Erinnerungspolitik betroffen.

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Der Park ist schön angelegt, viele Bänke laden heute zum Entspannen ein, Bäume spenden Schatten. An diesem Ort wurde einst eines der größten Gewaltverbrechen des Zweiten Weltkriegs verübt. Im vergangenen Herbst jährten sich die nationalsozialistischen Massaker in der Schlucht Babyn Jar (»Weiberschlucht«) zum 75. Mal. Aus diesem Anlass wurde eine neue Ausstellung im Museum der Stadtgeschichte in Kiew eröffnet, ein Begleitband erschien vor kurzem.

Vor dem Zweiten Weltkrieg lagen in direkter Umgebung der Schlucht, die sich noch am Stadtrand von Kiew befand, mehrere große Friedhöfe, ein Krankenhaus und eine Militärkaserne. Im September 1941 erreichten deutsche Truppen Kiew und die Besatzer begannen zunächst mit der Einrichtung von Kriegsgefangenenlagern. Hier wurden bereits viele höher dekorierte Rotarmisten sowie jüdische Soldaten ermordet. Kurz danach ging der Befehl an alle Jüdinnen und Juden der Stadt, sich am Morgen des 29. September mit Ausweisen, warmer Kleidung und allen Familienangehörigen an der Straße zu den Friedhöfen einzufinden. Es war der Beginn von mehrtägigen Massenerschieß­ungen. Bis zu 34 000 Jüdinnen und Juden wurden in nur zwei Tagen erschossen. Babyn Jar wurde zu einem Schauplatz des geplanten Massenmords, bevor die ersten Deportationszüge Auschwitz-Birkenau erreichten.

Bis zur Befreiung Kiews durch die Rote Armee im Jahr 1943 wurden in Babyn Jar insgesamt etwa 100 000 von den Nationalsozialisten ermordete Menschen verscharrt. Mit dem Sterben der letzten verbliebenen Zeitzeugen gewinnt der historische Ort der Erschießungen selbst an Bedeutung. Aber die Orte nationalsozialistischer Gewaltverbrechen unterlagen einer ständigen Veränderung. Knapp sieben Jahre nach der Befreiung Kiews wurde die Schlucht aufgefüllt und eine große Parkanlage entstand. Ein künstlicher Damm hielt das Erdreich zunächst zurück. Im März 1961 brachen gut 650 000 Kubikmeter Erde den Damm, ergossen sich über den angrenzenden Stadtteil Kurenivka und begruben Hunderte Menschen unter sich. Die Gebeine der Leichen von Babyn Jar kamen dabei zum Vorschein.

Zum 25jährigen Jahrestag der Massen­erschießungen rief die sozialistische Regierung einen Wettbewerb für die architektonische Neugestaltung des Gebiets aus, es wurde jedoch kein einziger Vorschlag realisiert und der Park wieder sich selbst überlassen. Unerlaubterweise begann eine Gruppe Intellektueller, sich dort zu gemeinsamen Gedenkveranstaltungen zu treffen, und Babyn Jar wurde zu einem Treffpunkt vorwiegend jüdischer Dissidenten. Vielen wurde später ihre Teilnahme an den Treffen als »antisowjetische Aktivität« ausgelegt. Selbständige Erinnerung wurde nicht zugelassen. Zehn Jahre nach dem ersten Wettbewerb wurde ein sowjetisches Denkmal errichtet, das jedoch Jüdinnen und Juden nicht explizit als Opfer benannte, sondern die Ermordeten als Bewohner Kiews und und Kriegsgefangene bezeichnete. Jüdische Symbolik war an diesem Ort verboten.

Eine entgegengesetzte Richtung nahmen die Erinnerungsbestrebungen in der unabhängigen Ukraine der neunziger Jahre. Bürgerliche Initiativen setzten den verschiedenen Opfergruppen Denkmäler, 30 kleinere und größere Skulpturen sind heutzutage im Park und in dessen Nähe zu finden. Hier geht man mit dem Hund spazieren, es wird getrunken und gelacht. Erst seit den Gedenkfeiern im vergangenen Herbst gibt es Tafeln, die auf den Umstand hinweisen, dass hier Tausende Menschen ermordet und verscharrt wurden. Das neuste Denkmal wurde in diesem Jahr von einer Gruppe ukrainischer Nationalisten errichtet, die an die Dichterin Olena Teliha erinnern. Sie und 621 weitere Mitglieder der »Organisation Ukrainischer Nationalisten« (OUN) seien in Babyn Jar vergraben und teils auch ermordet worden. Die OUN kollaborierte zeitweise mit den Nationalsozialisten, Texte Telihas sind teilweise antisemitisch. Wenige Tage nach der Einweihung wurde die Statue mit roter Farbe übergossen.

Die Ausstellung zu Babyn Jar im Kiewer Stadtmuseum will die Geschichte des Ortes in einem größeren historischen Kontext darstellen und so auch zwischen Opfergruppen vermitteln. In einer Babyn-Jar-Gedenkstätte, so die Forderung, sollen Museumsaufgaben, Pädagogik und Forschung vereint werden. Eine Organisation der ukrainischen Diaspora in Kanada mit Namen »Ukrainisch-Jüdische Begegnung« schrieb einen weiteren Architekturwettbewerb aus, der erneut Entwürfe für eine weitläufige Umgestaltung des Geländes sammelte. Der Park, in dem sich Menschen »nicht immer besonders kultiviert« verhalten würden, solle grundlegend verändert werden, um die Aufmerksamkeit der Besucher darauf zu lenken, dass die gesamte Anlage auch ein riesiges Gräberfeld ist.

Ein drittes Projekt zeigt jedoch am besten, warum derzeit das Interesse an Babyn Jar wieder so groß ist. Präsident Petro Poroschenko freute sich am 29. September 2016, dem Jahrestag der Massenerschießungen, als Ukrainer das »Babi Yar Holocaust Memorial Center« (BYHMC) initiiert zu haben, und posierte fürs Gruppenfoto mit jüdisch-russischen Milliardären, die die Hauptinvestoren dieses Vorhabens sind, darunter Michail Fridman, der als Mitglied des »Russisch-Jüdischen Kongresses« bereits zahlreiche Projekte finanzierte. Das BYHMC soll an die mehrtägigen Massenerschießungen erinnern, die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in der Ukraine fördern und ein Zentrum für pädagogische Arbeit beherbergen. Für Poroschenko und all die anderen Politiker, die nach den Maidan-Protesten an die Macht kamen und an der radikalen Umgestaltung der ukrainischen Erinnerungspolitik arbeiten, bietet sich eine vielversprechende Gelegenheit. Hier gibt es einen Ort, dessen Neugestaltung die Eingliederung in die westeuropäische Erinnerungspolitik verspricht und in den sich die ukrainische Regierung einschreiben und gleichzeitig ihr Projekt der Entkommunisierung, der Entfernung sowjetischer Straßennamen und Denkmäler in ukrainischen Städten, fortführen kann. Die Darstellung des BYHMC setzt in erster Linie auf Pathos. Werbefilme für das Zentrum zeigen äußerst gewaltvolle Filmaufnahmen, die den Eindruck erwecken, sie zeigten die Leichen von Babyn Jar kurz nach deren Ermordung. Solche Bilder und Filme sind für Babyn Jar jedoch noch nicht entdeckt worden. Eine Quelle des Bildmaterials wird nicht genannt.

Ein nie zu Ende gebauter Sportplatz in den Parkanlagen ist bereits als Ort für die Errichtung des Zentrums bestimmt. Die jüdische Gemeinde Kiews sieht darin jedoch ein Problem, denn der Sportplatz war früher der jüdische Friedhof. Die jüdische Tradition verbietet das Errichten von Gebäuden auf Friedhöfen. Das ist nur der letzte von vielen Einwänden in der Kontroverse um das BYHMC. Vor dem Hintergrund des militärischen Konflikts in der Ostukraine und der zahlreichen Bemühungen um Abgrenzung zu Russland ruft auch die Staatsangehörigkeit der Geldgeber Kritik hervor. »Wenn das ein ukrainisches Projekt sein soll, dann muss man es auch ukrainisch machen. Dann muss auch die Finanzierung ukrainisch sein«, sagte Josef Zissels, stellvertretender Präsident der Vereinigung jüdischer Organisationen und Gemeinden in der Ukraine, in einer Stellungnahme auf dem Geschichtsportal »Istorytschna Prawda«.

Einige Kiewer Historikerinnen und Historiker schrieben einen offenen Brief an die Leitung des BYHMC mit weiteren Kritikpunkten. Unterzeichnet hat unter anderen Anatolij Podolskyj, der Leiter des Zentrums zur Erforschung des Holocaust, das chronisch unterfinanziert ist und seit Jahren eben die pädagogische Arbeit verrichtet, die sich nun das BYHMC groß auf die Fahnen schreiben will. Der offene Brief problematisiert in erster Linie, dass das Zentrum eine zu einseitige Perspektive einnehme und somit die Erinnerungskonkurrenz unterschiedlicher Opfergruppen nur weiter vorantreibe, anstatt einen Ort der gemeinsamen Auseinandersetzung zu schaffen, der so dringend nötig sei. Tetjana Pastuschenko, eine Historikerin an der staatlichen Akademie der Wissenschaften in Kiew, ist der Meinung, ein weiteres Denkmal für die Opfer sei nicht notwendig. »Ich glaube nicht, dass wir besser an die Toten erinnern, indem wir ein größeres Denkmal bauen. Wir brauchen einen Ort, an dem die Geschichte des Ortes in einem größeren Zusammenhang erforscht werden kann, nicht nur mit dem Schwerpunkt auf die eine oder andere Opfergruppe und ihre jeweiligen Interessenvertretungen«, sagt sie. »Babyn Jar steht nicht nur für die Geschichte der deutschen Besatzung. Es ist die Geschichte eines Kampfes um eine würdige Erinnerung an all die gestorbenen Menschen. Es ist auch wichtig, sich der Geschichte der Nachkriegszeit zu erinnern und diese zu erforschen.«

Die Antwort des BYHMC fiel recht karg aus: Man werde sich um die Einwände kümmern, alle seien eingeladen, an den Sitzungen teilzunehmen. Auf die jüngste Sitzung im Juli gab es jedoch entrüstete Reaktionen. Es wurden keine Protokolle geführt und einseitige Kommentare von Historikern veröffentlicht, die sich im Nachhinein um eine Richtigstellung an anderer Stelle bemühen mussten. Eine konstruktive Debatte sieht anders aus.