»Berlin Atonal«

Ehrfurcht und Fieber

Rückblick auf das Festival »Berlin Atonal«.

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Handelt es sich bei »Berlin Atonal« um ein Musikfestival oder um eine Ausstellung? Also bitte, ­Musik allein, das wäre fast schon zu banal. Zumal für das rabenschwarz gekleidete Publikum, das sich zwischen dem 16. und 20. August im ehemaligen Heizkraftwerk in Berlin-Mitte einfand.

Konzert oder Ausstellung? Ausschließlich zum Tanzen waren die meisten wohl nicht gekommen. Brav wurde rumgestanden und interessiert geschaut – ein Kunst-Event, zweifelsohne. Und tatsächlich konnte Berlin Atonal, lange bevor jede Weinverkostung für sich in Anspruch nahm, »kuratiert« zu werden, mit Recht behaupten, künst­lerische Grenzen zu überschreiten. Das Festival steht in einer avantgardistischen Tradition, der man sich bereits in den Jahren von 1982 bis 1990 verpflichtet fühlte. Nach langer Pause wurde sie 2013 wieder aufgenommen – mit öffentlicher Förderung und unter weitestgehendem Verzicht auf das für Veranstaltungen dieser Art typisch gewordene Begleitprogramm, bei dem häufig unklar ist, ob über die Realität oder akademische Paralleluniversen gesprochen wird.

Trotzdem: Karlheinz Stockhausen steht auf dem Programm, ein Name, der viele vor Ehrfurcht erzittern lässt. Das Interesse an dem, was als Geschichte gegenwärtiger Klangexperimente durchgehen könnte, ist in den vergangenen Jahren auch abseits des Nerd-Milieus gewachsen. Die Beschäftigung mit dem 2007 verstorbenen Komponisten erschöpfte sich weder in Traditionspflege noch erstarrte man vor seiner Autorität. Die große Bühne betraten Rashad Becker und Ena gar nicht erst, sondern nahmen am Mischpult Platz, in der Mitte des Saals. Wohl auch, um den Raumklang der acht Lautsprecher besser beurteilen zu können, durch die es an- und abschwellend murmelte, dann schnatterte und wie im Urwald zirpte. Wie auch immer ihre Arbeitsteilung war, Beckers klangliche Handschrift war klar identifizierbar und die geometrischen Visuals sorgten bei allem Minimalismus dafür, dass die Rückwand der Halle sich auf sonderbare Weise zu wölben schien. Ein erfrischendes Update.

Den Auftritt des BBC Radiophonic Workshop hatte so mancher kaum für möglich gehalten. Man fragte sich, wen man zu Gesicht bekäme, und stellte sich schon frischgebackene Absolventen der Londoner Goldsmiths University vor, die ihre Masterarbeiten über die einstigen Freaks des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verfasst haben. Aber das Durchschnittsalter auf der Bühne stieg dann doch auf 65 Jahre plus und die Pioniere, die sich in den fünfziger Jahren zusammengefunden hatten, um erst Hörspiele, dann auch Fernseh­serien mit Sounds zu versorgen, die so merkwürdig waren, dass sie unmöglich von Menschenhand stammen konnten, bedienten leibhaftig ihre Maschinen. Während im Hintergrund Bilder etwa aus dem Film »The Hitchhikers Guide to the Galaxy« liefen und man den Briten beim sympathischen Britischsein zuguckte, wusste man plötzlich: Mit so viel Witz und Erfindungsreichtum wie damals, als der Radiophonic Workshop die Titelmelodie von »Doctor Who« komponierte, wurden populäre Produktionen seitdem selten vertont.

Dass das Publikum dem Auftritt von Demdike Stare, dessen furioses Debütalbum vergangenes Jahr erschien, besonders entgegengefiebern würde, war den Festivalorganisatoren offensichtlich bewusst. Zuerst gab es ein DJ-Set, am kommenden Tag spielte das langjährige Produzentenduo auf der großen Bühne, allerdings in einer Nebenrolle. Es dominierten die detailreichen Videoprojektionen des Filmemachers Michael England, der jedem Track einen eigenen Film widmete. Dem Reflex nachzugeben, die Show mit ihren gigantischen Projektionen als Überwältigungsästhetik zu kritisieren, wäre leicht – bei einer Leinwandhöhe von knapp 20 Metern wirkt alles. Aber wer würde bei Bildern von Trans-Personen, von einem Tanzwettbewerb schwarzer Jugendlicher oder einer Butoh-Tänzerin Urteile aus der begrifflichen Mottenkiste bemühen. Wir schreiben das Jahr 2017, nichts anderes wird deutlich.

Das Programm des künstlerischen Leiters Laurens von Oswald dürfte den Ruf des Festivals als international bedeutende Institution experimenteller Musik und Medienkunst festigen. Zu genannten Musikern gesellten sich unter anderem Pan Daijing, CoH, LCC, Equiknoxx, Paul Jebanasam – welch grandiose Mischung! Was Robert Aiki Aubrey Lowe und Wolf Eyes auf diesem Festival zu suchen hatten, fragten sich wohl auch die Organisatoren. Und buchten den talentierten Synth-Wizard und die fabelhaften Krach-Weirdos auf undankbare Nebenschauplätze. Vielleicht fügten sie sich dann doch nicht ganz dem etwas arroganten Kunstsinn, der fünf Tage zelebriert wurde.