Stalinismus und albanische Nation

Die Pyramide des fünften Architekten

Wie anderswo auf der Welt gilt auch in Albanien die Nation als historisch gewachsene Einheit. Doch ohne die ihrem Anspruch nach internationalistische Partei der Arbeit Enver Hoxhas gäbe es wahrscheinlich keinen albanischen Nationalstaat.

Anzeige

»Da oben kann man gut kiffen«, sagt Arjana*, als wir an der Pyramide Enver Hoxhas vorbeigehen. »In Sichtweite des Ministerpräsidenten«, ergänzt sie. Dessen Büro liegt in der Nachbarschaft des einst als Gedenkmuseum für den stalinistischen Diktator Hoxha errichteten Bauwerks. Junge Albanerinnen und Albaner klettern gern auf die Spitze, die Platz für eine kleine Partygesellschaft bietet.

Hoxha hat sich die Nutzung seiner Ruhmeshalle sicher anders vorgestellt. Es ist unklar, ob sie »ursprünglich für seine Einbalsamierung vorgesehen« war, wie der damalige albanische Ministerpräsident Sali Berisha 2010 behauptete; eine solche Frage wäre nach Hoxhas Tod im Jahr 1985 nur diskret im innersten Kreis der Parteiführung diskutiert worden. Verwunderlich wäre es nicht angesichts des Personenkults um den »fünften Architekten des Marxismus-Leninismus« (neben Marx, Engels, Lenin und Stalin), so die Einstufung der noch immer in mehr als 20 Ländern aktiven Hoxhaisten.

Hoxhas Pyramide zeigt allerdings neben Spuren mutwilliger Beschädigung bereits nach knapp 30 Jahren Verfallserscheinungen. Sie ist mittlerweile eine Sehenswürdigkeit, die von ausländischen Touristinnen und Touristen bestaunt und deshalb bei Bedarf sicherlich renoviert wird. Ansonsten würde sie langsam zerbröckeln wie die unzähligen Bunker, die Hoxha errichten ließ – Mahnmale einer bizarren Diktatur, über die man sich amüsieren kann wie über die Kapriolen der nordkoreanischen Kim-Dynastie, so die vorherrschende Haltung unter Besuchern des Landes.

Den Ruf als »Nordkorea des Balkans« hat Hoxhas Albanien nicht ganz zu Unrecht, die Repression war viel umfassender und brutaler als etwa im benachbarten Jugoslawien. Doch Hoxhas Diktatur hat etwas hinterlassen, das als selbstverständlich betrachtet wird, ohne sie aber wahrscheinlich keinen Bestand gehabt hätte: Albanien.

In der Nationalmythologie ist man bemüht, möglichst weit in die Vergangenheit zurückzugreifen. Fündig wird man auf dem Territorium des heutigen Albanien bei den Illyrern, die der Nachwelt vor allem deshalb bekannt sind, weil ihre Nachbarn, die Griechen, im 6. Jahrhundert v. Chr. begannen, in ihre Siedlungsgebiete vorzudringen. Die »Barbaren« im Norden benannten die Grichen nach Illyrios, einer Figur aus ihrer Mythologie – die Stämme der Region kannten den Begriff nicht und bildeten auch keine politische Einheit.

Die Diktatur Hoxhas schuf die Grundlagen für das kapitalistische Akkumulationsregime. Mit Sozialismus hatte das wenig zu tun.

Die Illyrer zu Protoalbanern zu erklären, dient vor allem dazu, die Nation mit der antiken Zivilisation in Verbindung zu bringen. Die zentrale Figur des albanischen Nationalismus aber ist Skanderbeg (1405–1468), ein aufstrebender albanischer Adliger, der eigentlich Gjergj Kastrioti hieß. Populärer ist jedoch der Name, den ihm die Osmanen gaben: İskender Bey, Fürst Alexander.

Skanderbeg stammte aus einer christlich-orthodoxen Familie. Er stand zunächst in osmanischen Diensten, doch 1443 desertierte er, begann umgehend eine Rebellion und trat zum Katholizismus über. Bevor er 1468 an Malaria starb, hatte Skanderberg eine Reihe von Siegen gegen oftmals zahlenmäßig überlegene osmanische Armeen errungen. Wie allen Adeligen seiner Epoche waren ihm nationale Ideen jedoch fremd. Er hatte sich entschieden, seine adelige Herkunft auszuspielen und, statt im osmanischen Heer Karriere zu machen, den Versuch zu unternehmen, sich ein eigenes Herrschaftsgebiet zu erobern. Er führte auch Krieg gegen Venedig und untertützte Ferdinand I. von Neapel mit einer Militärexpedition in Italien gegen dessen Widersacher. An seinem Hof dienten slawische Gelehrte, italienische Finanzexperten und englische Abenteurer.

Anders als sein Zeitgenosse Vlad III., der vergleichbare Leistungen im Kampf gegen die Osmanen vorweisen konnte, aber als Graf Dracula einen zweifelhaften Ruf genießt, wurde Skanderbeg in Europa zur legendären Figur. Dass er in der Periode des »Nationalen Erwachens« (Rilindja Kombëtare) nach 1870 zum Nationalhelden erkoren wurde, war deshalb eine politisch kluge Wahl. Albanien gehörte damals immer noch zum Osmanischen Reich. Sich auf den in Europa als Verteidiger des Christentums populären Skanderbeg zu berufen, verschaffte den albanischen Nationalisten dort Sympathie, und ohne ausländische Unterstützung war eine Staatsgründung in einem von stärkeren Mächten – neben dem Osmanischen Reich Griechenland, Serbien und Bulgarien – beanspruchten Gebiet undenkbar. Den Menschen, die Albaner werden sollten, präsentierten die Nationalisten Skanderbeg allein als Verteidiger des Vaterlands. Popularisiert wurde er nicht zuletzt von dem Schriftsteller Naim Fra­shëri, dessen Familie dem schiitisch-sufistischen Bektashi-Orden angehörte.

Die einem Aufstand folgende Ausrufung der Unabhängigkeit im Jahr 1912 wurde im folgenden Jahr von den europäischen Großmächten anerkannt, doch der damit unterbundenen serbischen Invasion folgte der Erste Weltkrieg. In der Zwischenkriegszeit konnte sich kein stabiles politisches System etablieren. Gegen Ahmet Muhtar Zogolli, der sich 1928 zum Monarchen Zog I. ausrief, soll es 55 Attentatsversuche gegeben haben.

Man kann darüber spekulieren, unter welchen Bedingungen den Albanerinnen und Albanern ein weniger brutaler Weg in die Moderne möglich gewesen wäre. In der gegebenen historischen Konstellation war der Stalinismus die einzige Alternative zur faschistischen Barbarei. Ein ernstzunehmendes nation building begann mit dem Partisanenkrieg, der ab 1939 gegen die italienischen, nach deren Kapitulation 1943 gegen die deutschen Invasoren geführt wurde. Erst 1941 wurde die Kommunistische Partei (1948 in Partei der Arbeit Albaniens umbenannt) gegründet, die ihren Herrschaftsanspruch auf den mit eigenen Truppen 1944 errungenen Sieg gründete. Dieser Sieg kann auch als eigentlicher Gründungsakt der albanischen Nation gelten, während zuvor Ideologie und vor allem Gewalt die Clans und die Fraktionen der schmalen Oberschicht notdürftig zusammengehalten hatten.

Enver Hoxha wurde zum Ministerpräsidenten ausgerufen. Doch die Alliierten erkannten Albanien nicht an, und der ebenso siegreiche, aber mächtigere Partisanenführer Josip Broz Tito hätte das kleine Land gerne der jugoslawischen Föderation angeschlossen. Hoxha nutzte 1948 den Bruch zwischen Tito und Stalin, um sich sowjetische Unterstützung zu verschaffen. Die Unabhängigkeit Albaniens war damit gesichert, doch das ohnehin ex­trem arme Land war durch Krieg und faschistischen Terror zerstört worden.

40 Jahre später hatte das Regime »viel vorzuzeigen bei seinen Bemühungen um die Modernisierung der Ökonomie«, urteilte Peter Prifti (»Remote Albania. The Politics of Isolation«), Mitarbeiter des Massachusetts Institute of Technology und keineswegs ein Lobredner Hoxhas. So produzierte die albanische Industrie 1984 in zwei Tagen so viel wie im gesamten Jahr 1938. Alphabetisierung, Elektrifizierung, nicht zuletzt die Einbeziehung der Frauen in Erwerbsleben und Staatsdienst sowie eine weitgehende Zerstörung der Clanbeziehungen und traditionellen Machtstrukturen ebneten den Weg in die Moderne.
Mit Sozialismus hatte das jedoch wenig zu tun. Eine nationalistische Diktatur schuf die Grundlagen für das kapitalistische Akkumulationsregime. Hoxha war zwar nicht so paranoid, wie es auf den ersten Blick scheint: Nach dem Bruch mit der Sowjetunion und deren Einmarsch in die ČSSR im Jahr 1968 eine Invasion zu befürchten oder sich Sorgen darüber zu machen, dass das griechische Militärregime seinen Gebietsanspruch auf Südalbanien ernst meinen könnte, war nicht gänzlich abwegig. Der auch von Hoxhas Militärexperten abgelehnte Bau von schätzungsweise 200 000 Bunkern für isolierte Einzelkämpfer ist jedoch ein Symbol für die nationalistische Isolationspolitik, die auf den Bruch mit Tito den mit der Sowjetunion (1961) und China (1978) folgen ließ. Überdies propagierte das Regime de facto eine großalbanische Ideologie, im Streit mit Jugoslawien gerierte Hoxha sich als Repräsentant der Albaner im Kosovo. Skanderbeg, als dessen Erbe Hoxha sich darstellte, war im Vergleich ein Internationalist.

Stalinisten können nur die erste Phase der Modernisierung bewältigen. Der Sturz des Regimes im Jahr 1991 war erstaunlich einfach, obwohl eine Entwicklung wie in Nordkorea, das sich von einer stalinistischen Diktatur zu einer offen nationalistischen und rassistischen Erbmonarchie wandelte, in Albanien ideologisch vorgezeichnet war. Dort fehlte es jedoch an Ressourcen und potentiellen Schutzmächten; die Parteibürokraten entschieden sich für den Versuch, vom Übergang zum Kapitalismus profitieren. Das ist vielen gelungen. Der heutige Hoxhaismus ist nur noch eine Randerscheinung des linken Sektenwesens.
Nicht beendet ist hingegen die Auseinandersetzung darüber, was Albanien ist und sein soll. Zuweilen sorgt der Kapitalismus für eine amüsante Banalisierung des Nationalismus – so hat Skanderbeg unter seinem Namen Kastrioti nun die Ehre, der albanischen Tankstellenkette Kastratis den Namen zu geben, die seinen stilisierten Helm als Logo verwendet. Doch großalbanische Ideen werden weiterhin propagiert (siehe Seite 18), und es gibt eine neue pseudointernationalistische Strömung: den politischen Islam. »Ihre Religion macht kaum einen Unterschied in ihrem Verhalten oder Auftreten«, schrieb Lord Byron, der Albanien 1809 bereiste. Dieses Urteil wird auch hinsichtlich der folgenden 200 Jahre von zahlreichen anderen Quellen bestätigt. Die albanische Verfassung des Jahres 1928 gewährte Religionsfreiheit, Hoxha rief Albanien zum ersten atheistischen Staat aus – was allerdings nur bedeutete, dass die Religionsausübung unterdrückt wurde.

Saudi-Arabien und die Türkei, aber auch der Iran, wo der Skanderbeg-Verehrer Naim Frashëri, abgebildet vor einer Moschee, als »albanischer Muslim« eine Briefmarke ziert, wollen ihre Version des Islam verbreiten. Wie erfolgreich diese Unternehmungen sein werden, ist noch nicht absehbar. Dass bei einem öffentlichen Gebet zum diesjährigen Opferfest das Skanderbeg-Denkmal durch einen Sichtschutz vor den Gläubigen verborgen wurde, sorgte für aufgeregte Debatten im Internet. Die von der Türkei finanzierte Moschee, die in Tirana errichtet wird, überragt Hoxhas Pyramide bereits jetzt. Dessen Fans mag es ein Trost sein, dass der Pyramidenfonds – ein betrügerisches Investitionsmodell –, der unter Präsident Sali Berisha aufgebaut wurde, bereits 1997 zusammenbrach.
 

* Name von der Redaktion geändert.