Die LGBT-Szene in Tirana

Gegen das Tabu kämpfen

Offiziell bekämpft die albanische Regierung die Diskriminierung von LGBT-Personen. Doch Angst vor Gewalt und Schikane gehört für Homo- und Transsexuelle zum Alltag.

Anzeige

»Wir saßen bei einem unserer ersten Treffen in einem Café, und während wir uns unterhielten, sahen wir auf dem großen Bildschirm in der Ecke eine ­Erklärung der religiösen Gruppen, der Muslime, Katholiken und Orthodoxen, wonach Homosexualität abnormal sei und bekämpft werden müsse«, erinnert sich Xheni Karaj, die bekannteste Vorkämpferin der noch jungen aktivistischen LGBT-Szene in Albanien und Gründerin der ­Aleanca Kunder Kiskriminimit te LGBT ­(Allianz gegen die Diskriminierung von LGBT).

Alles begann 2009, als sie Anfang 20 war. Mit ein paar Freundinnen er­öffnete sie eine Facebook-Gruppe und begann, mit anderen Lesben und Schwulen zu kommunizieren und Treffen zu organisieren. Als Reaktion auf die Erklärung der religiösen Gruppen beschloss sie, ebenfalls eine Presseerklärung zu verfassen. »Wir schnappten unsere Laptops, eröffneten einen E-Mail-­Account und verschickten unsere Erklärung an alle Zeitungen und Journalisten. Innerhalb von zehn Minuten sahen wir unsere Presserklärung in den Fernsehschlagzeilen.« Es war der erste öffent­liche Auftritt der LGBT-Bewegung Albaniens. Was folgte, bezeichnet Karaj als »Graswurzelbewegung«. Zum Welt-Aids-Tag klebten sie Plakate zum Thema ­Homosexualität und Homophobie, nachts bemalten sie Bänke eines zentralen Parks in Regenbogenfarben. Aktionen, die in Albanien einigen Mut erfordern, aber auch Wirkung zeigen, weil sie außergewöhnlich sind.

Homosexualität galt in der Sozialistischen Volksrepublik Albanien als ­Ausdruck westlicher Dekadenz, das Strafgesetz sah für gleichgeschlecht­lichen Sex zehn Jahre Haft vor. Dieses Gesetz wurde erst 1995 aufgehoben. Die Entkriminalisierung änderte jedoch nichts an der weiten Verbreitung ­homophober Ressentiments, die öffentlich unter anderem von den nun wieder legalen religiösen Gruppen vertreten wurden.

Der Beitrittsprozess zur Europäischen Union setzte Albanien schließlich ­unter Druck. Seit 2010 ist Albanien eines der wenigen Länder in Europa, die in den Bereichen Arbeit, Dienstleistungen, Bildung, Gesundheitswesen und ­Wohnen Diskriminierung aufgrund geschlechtlicher Identität verbieten. Die fortschrittliche Gesetzgebung nutzt in der Praxis allerdings wenig, da sie kaum jemals vor Gericht durchgesetzt werden kann (siehe Seite 5). Zudem ist sie allein ein politisches Zugeständnis an die EU, nicht das Ergebnis gesell­schaft­licher Veränderungen. Tatsächlich ist Homosexualität immer noch ein Tabuthema. Gewalt und Beleidigungen gegen Homosexuelle werden nicht geahndet.

»Kaum ein Prominenter hat sich bisher geoutet. Das klassische Rollenbild ist geprägt von männlicher Dominanz.« Xheni Karaj, LGBT-Aktivistin

Unterstützt von anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen beschloss Xheni Karaj mit ein paar Mitstreitern und Mitstreiterinnen, eine Organisation zu gründen. Noch 2009 wurde die Aleanca Kunder Kiskriminimit te LGBT offiziell eingetragen. Doch nur der Druck aus dem Ausland, vor allem den USA und Schweden, brachte die Regierung dazu, der Aleanca staatliche Unterstützung zu gewähren. So konnte 2011 ein kleines Zentrum eröffnet werden. Zum ersten Mal entstand für LGBT-Per­sonen ein geschützter Raum, in dem sie ihre ­sexuelle Identität nicht verstecken müssen.
Ein Jahr später fand der erste Gay Ride durch Tirana statt. Die ursprünglich geplante erste Gay-Pride-Parade Albaniens wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt, nachdem der stellver­tretende Verteidigungsminister Ekrem Spahiu drohte, die Teilnehmenden verprügeln zu lassen. Die wenigen Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf Fahrrädern wurden von vermummten Gegendemonstranten mit Rauchbomben und Steinen attackiert und von der Polizei beschimpft, erzählt Karaj. Doch sie ließen sich nicht einschüchtern. »Das war eine Art Initialzündung. Wir fürchteten uns nicht mehr davor zu zeigen, wer wir sind. Wir wollten endlich den Kreislauf der Angst durchbrechen.«

Im selben Jahr entdeckten die albanischen Medien das Thema Homosexu­alität für sich, Karajs Mitstreiter Kristi Pinderi wurde zu einer Diskussionsrunde im Fernsehen eingeladen. Die Talkshow eskalierte. Murat Basha, ein rechtskonservativer Politiker der Demokratischen Partei, beschimpfte Pinderi und drohte, ihm die Kehle durchzuschneiden. Auf die Frage, was er seinem schwulen Sohn sagen würde, antwortete Basha: »So wahr mir Gott helfe, ich würde ihm eine Kugel durch den Kopf jagen und mit Stolz ins Gefängnis gehen. Ich würde ihm nicht erlauben weiterzuleben.« Er behauptete, mit dieser Haltung die Mehrheit der albanischen Gesellschaft zu vertreten. Karaj ist noch heute fassungslos: »Es war ein Schock für uns, dass er absolut keine Scheu zeigte, so etwas im albanischen Fensehen zu sagen.«

»Das größte Problem«, sagt sie, »ist nicht die Politik, sondern die eigene Familie. Sie ist für LGBTs hier oft der gefährlichste Ort.« Die Großfamilie ist in Albanien, wo die Jugendarbeitslosenquote nach offiziellen Statistiken fast 30 Prozent beträgt und es kaum Sozialleistungen gibt, für viele ein unentbehrliches soziales und finanzielles Netz. Doch Männer haben das Sagen in albanischen Familien, erzählt Karaj. Wer von der Norm abweiche, werde diszipliniert, versteckt oder verstoßen. Letzteres führe in vielen Fällen in die Obdach­losigkeit.

2014 eröffneten Xheni Karaj und Kristi Pirindi Streha, ein Heim für wohnungslose LGBTs im Alter von 18 bis 25 Jahren. Die Einrichtung versucht, jungen Erwachsenen, die Diskriminierung und Gewalt erlebt haben, von ihren Familien verstoßen wurden und häufig suizidgefährdet sind, mit einem Hilfsprogramm und psychischer Betreuung zu helfen. Karaj erzählt stolz: »Wir haben einen sicheren Zufluchtsort für junge LGBTs geschafft, wo sie ohne Angst leben können. Das Projekt stellt einen riesigen Schritt für die LGBT-Bewegung in Albanien dar. Waren die ersten Jahre noch vom Kampf um Sichtbarkeit geprägt, können wir heute außerdem ­direkte und unmittelbare Hilfe leisten.« Finanziert wird die Einrichtung von ausländischen NGOs.

Die Regierung Edi Ramas steuerte gerade einmal 8 000 Euro bei, reine Symbolik und keine echte Unterstützung. »Rama will auf internationaler Ebene ein PR-Motiv finden. Ansonsten interessieren ihn die Menschenrechte von Schwulen, Lesben und Transpersonen herzlich wenig. Der politische Wille, für LGBTs etwas zu verbessern, fehlt.«
Karaj kritisiert außerdem, dass es keine Aufklärungs- und Bildungsprogramme zum Thema Homo- und Transsexualität gebe. Die Aleanca begleite Transsexuelle in Krankenhäuser, da sie sonst nicht behandelt würden.

Obwohl das Land inzwischen ein wenig toleranter geworden ist und in manchen gesellschaftlichen Bereichen erste Erfolge sichtbar sind, bleibt noch viel zu tun. Eingetragene Partnerschaften oder die Ehe für Homosexuelle scheinen derzeit kaum erreichbar.

Es gibt zudem keine Bars oder Clubs, in denen sich die homosexuelle Szene offen treffen könnte. Karaj beklagt auch den Mangel an öffentlichen Vorbildern. »Kaum ein Prominenter hat sich bisher geoutet. Das klassische Rollenbild ist geprägt von männlicher Dominanz und Sexismus«, sagt sie müde ­lächelnd. Viele Albanerinnen und Albaner identifizierten sich mit der Euro­päischen Union und wünschten ihrem Land einen baldigen Beitritt. Doch die Gründe dafür seien meist ökonomisch und weniger bürgerrechtlicher Natur, meint Karaj. »Wir sind noch lange nicht in Europa angekommen.«