Eine Erinnerung an die »Schmach von Tirana«

Keine Bärte bitte, wir sind Albaner

Internationale Erfolge albanischer Sportler sind sehr selten. Den Fußballern gelangen immerhin manchmal kleine Sensationen.

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Es ist sehr einfach, das realsozialistische Albanien unter Enver Hoxha als »Europas Nordkorea« zu verspotten. So leicht allerdings lässt sich die Zeit nicht abtun, in der Hoxhas Partei der Arbeit zunächst mit Titos Jugoslawien brach, dann die Verbindungen zur Sowjetunion unter Chruschtschow kappte, sich nach Maos Tod von China lossagte und sich schließlich mit Abertausenden Bunkern dafür wappnete, den einzig wahren Marxismus-Leninismus gegen alle anderen einzig wahren Marxmismen-Leninismen und selbstverständlich den Kapitalismus zu verteidigen. In den nicht weniger als 71 veröffentlichten Bänden seiner Werkausgabe argumentierte Hoxha, warum alle anderen doof waren und nur sein Sozialismus der echte sei. Um eine Metapher aus dem Sport zu verwenden: Albanien war nicht wirklich ein team player.

Die Besonderheiten der albanischen Politik, vor allem das paranoide Misstrauen gegen die gesamte restliche Welt sowie eine gewisse Überempfindlichkeit angesichts tatsächlicher oder eingebildeter Respektlosigkeiten, die an dem Selbstbild als einzige echte staatliche Avantgarde der Weltrevolution kratzten, hatten auch Auswirkungen auf die sportlichen Aktivitäten. Als der 1. FC Köln im September 1964 in Albanien gegen Partizani Tirana spielte, beleidigten die deutschen Fußballer das Gastgeberland schwer, wenn auch unabsichtlich. Die Deutschen hatten nämlich ihr eigenes Essen und ihren eigenen Koch mitgebracht, eine im Spitzensport durchaus schon damals verbreitete Vorsichtsmaßnahme, was sich aber noch nicht bis nach Tirana herumgesprochen hatte. Nach langen Verhandlungen einigte man sich: Das Essen durfte bleiben, der Koch musste ausreisen. Die Kölner gewannen das Spiel im Europapokal der Landesmeister trotz Absenz ihres Küchenchefs mit 2:0.

1979 musste Celtic Glasgow in Tirana antreten. Innenverteidiger Danny McGrain trug einen prächtigen Vollbart, akkurat gepflegt und nicht allzu lang, doch in Albanien waren Vollbärte streng verboten. Sie galten als islamisches Symbol und Hoxha führte einen erbitterten Kampf gegen alles Religiöse. Ab Ende der sechziger Jahre wurden im Zuge einer an Chinas Kulturrevolution erinnernden »Jugendbewegung« nach und nach alle Moscheen und Kirchen in Albanien geschlossen und strenge Gesetze gegen religiöse Symbole aller Art erlassen, darunter islamische und christliche Namen und eben auch Bärte. Albanien erklärte sich 1967 stolz zum »ersten atheistischen Staat der Erde«. In albanischen Zeitungen erschienen Fotos McGrains entsprechend mit Bildunterschriften, die ihn als personifizierte westliche Dekadenz und Gefahr für Albaniens Jugend brandmarkten. Letztlich durfte er aber spielen und verlor mit seiner Mannschaft mit 0:1. Das Rückspiel in Glasgow gewannen die Schotten mit 4:1.

Hoxha tat einerseits viel, um den Sport und vor allem den Fußball im Land zu fördern, indem er zum Beispiel persönlich mehrere Vereine gründet. Andererseits sorgten seine ideologische Rigidität und seine stalinistische Verfolgungswut gegen alles, was er als Abweichung oder Kritik interpretierte, für Nachwuchsprobleme und beklagenswerte Leistungen auf internationaler Ebene. Immer wieder landeten denunzierte Sportlerinnen und Sportler in Straflagern. Als einziges Land der Erde boykottierte Albanien die olympischen Spiele nicht weniger als vier Mal. Während des gesamten Realsozialismus nahmen albanische Sportler überhaupt nur einmal an olympischen Spielen teil, nämlich 1972 in München, und brachten dabei keine einzige Medaille nach Hause. Die olympische Erfolgsbilanz besserte sich allerdings auch nach der kapitalistischen Restauration nicht. Bei den sieben Sommerspielen und den vier Winterspielen seit 1992, bei denen albanische Athletinnen und Athleten antraten, erreichten diese keine Plätze auf dem Siegerpodest.

Die einzige Sportart, in der Albanien manchmal Überraschungserfolge erzielen konnte, war jahrzehntelang der Fußball. 1967 etwa verhinderten die Albaner mit einem tapfer erkämpften 0:0 gegen die deutsche Nationalmannschaft deren Qualifiaktion für die EM 1968. Ein Ereignis, das die deutsche Sportberichterstattung als »Schmach von Tirana« kommentierte. 1971 schlugen die albanischen Nationalkicker die türkische Mannschaft mit 3:0, landeten aber dennoch auf dem letzten Gruppenplatz.
Je strenger sich das Land in den siebziger und achtziger Jahren vom Rest der Welt isolierte und je schlechter die Versorgungslage wurde, umso seltener wurden selbst Achtungserfolge. Mitte der achtziger Jahre durchlitt Albanien eine regelrechte Hungerkrise und nach Hoxhas Tod 1985 eine Phase politischer Orientierungslosigkeit – beides keine guten Voraussetzungen, um im internationalen Spitzensport zu reüssieren.

Nach dem Sturz der realsozialistischen Diktatur im Jahre 1990 wurde es für die Albaner erst einmal zehn Jahre lang schlimmer als je zuvor. Hunderttausende nutzten die plötzlich nicht mehr hermetisch abgeriegelten Grenzen, um sich nach Griechenland, Italien und in andere westliche Staaten abzusetzen. Die im Land verbliebenen, in Sachen Kapitalismus völlig unerfahrenen Menschen wurden Opfer von Pyramidenspielen. Anbieter von Finanzgeschäften nach dem Ponzi-Schema versprachen eine wundersame Geldvermehrung und fast alle Albaner, die ein bisschen Geld gespart hatten, investierten in die Geschäfte der kriminellen Abzocker. 1997 kollabierte der Schwindel, die um all ihr Geld betrogene Bevölkerung griff zu den noch aus den Tagen der permanenten Verteidigungsbereitschaft allgegenwärtigen Waffen und entriss der verhassten Zentralregierung unter Präsident Sali Berisha die Kontrolle über weite Teile des Landes. Erst nach einer internationalen Militärintervention stabilisierte sich die Lage allmählich. Es dauerte bis Anfang des vergangenen Jahrzehnts, bis in ganz Albanien wieder Frieden herrschte. An Fußball oder Olympia dachte in diesen Jahren kaum jemand, denn es ging ums nackte Überleben.

Nach und nach und mit viel logistischer Unterstützung aus Brüssel, Rom und Berlin zog in Albanien dann so etwas wie die typische postkommunistische Normalität ein, also eine semikriminelle Akkumulation, die einige Milliardäre und viele Hungerleider hervorbrachte, der aber auch eine Renaissance des Vereinssports und der Nationalmannschaft folgte. Oligarchen hielten sich Fußballclubs und hoben deren Spielweise langsam auf internationales Niveau.

Das zeigte sich bei den Qualifikationsspielen für die EM von 2016. Albanien gelang die große Überraschung, das Land qualifizierte sich trotz eines Skandalspiels in Belgrad für das Turnier in Frankreich. Beim Match gegen die serbische Mannschaft waren albanische Fans aus Angst vor nationalistisch motivierten Ausschreitungen nicht zugelassen. Mitten im Spiel schwebte plötzlich eine Drohne mit einer großalbanischen Fahne über dem Fußballfeld. Albanische und serbische Kicker gerieten rasch in Streit, die Serben wurden rasch von auf das Spielfeld stürmenden Fans handgreiflich unterstützt. Die Albaner flüchteten, von serbischen Hooligans mit einem Hagel aus Plastikfeuerzeugen und Bierbechern eingedeckt, und wollten aus Angst nicht mehr weiterspielen. Die Uefa sprach zunächst Serbien einen Forfait-Sieg zu, diese Entscheidung wurde aber vom internationalen Schiedsgerichtshof revidiert. Somit stand der Teilnahme Albaniens an der EM nichts mehr im Weg. In Frankreich schlug sich Albanien tapfer, schied aber nach der Vorrunde aus. Dennoch: Nach Jahrzehnten ist das Land wieder eine feste Größe im internationalen Fußball.Der albanische Club KF Skënderbeu Korça hat sich just sogar für die Gruppenphase der Europe League qualifiziert.