Nightlife auf den Dachterrassen von Tirana

Raus aus dem Untergrund

Auf der Suche nach dem Nachtleben in Tirana.

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Kubanische Folklore, bunte Neonröhren, eine Unisex-Toilette und ein strenges Raumerfrischeraroma in der Luft – so sieht es also aus in der dem Reiseportal Tripadvisor zufolge besten gay-friendly-Bar Tiranas. An diesem Donnerstagabend sind nur wenig Gäste in der »Bunker 1944 Lounge«, einer Kneipe, die – wie der Name erahnen lässt – in einem ehemaligen Bunker unter einem Wohnhaus untergebracht ist. Sie liegt etwas abseits des Blloku-Viertels, eines Areals, das einst Regimeangehörigen vorbehalten war und in dem sich heutzutage schicke Bars und Restaurants aneinanderreihen. In der Bunker 1944 Lounge sind die Preise moderat, viele Möbel und Dekorationsgegenstände stammen noch aus sozialistischen Zeiten und dem Reiseratgeber »Lonely Planet« zufolge handelt es sich hier um ein Schlupfloch der Boheme. Wo ist sie nun, die Subkultur? An diesem Abend sind es vor allem die Bohemiens der Jungle World, die das Raumerfrischer­aroma stetig mit einer strengen Note Aschenbecher versetzen.

Barkeeper Besi gibt bereitwillig Auskunft: »Als Underground-Bar haben wir es schwer.« Trifft sie sich an anderen Tagen also doch hier, die queere Boheme? Zu früh gefreut. »Die Leute gehen lieber in eine Bar, wo sie die Straße beobachten können und auch selbst gesehen werden«, erläutert Besi. Das habe auch etwas mit den Regimezeiten zu tun, endlich könne man sich freier bewegen und vielen seien die Luftschutzübungen noch in schlechter Erinnerung. Bei Sirenenalarm mussten sich früher alle in die Bunker der Wohnhäuser oder in Sammelbunker im Viertel begeben. Ganz Tirana sei von einem unter­irdischen Tunnel- und Bunkersystem unterhöhlt, so Besi, eine ganze unterirdische Stadt gebe es. Die sozialistischen Lasterhöhlen kann man heute aber leider nicht alle erkunden, viele sind weiterhin gesperrt, Tirana lädt nur in manchen zum Museum umgestalteten Bunkern zur Besichtigung von bunk art.

»Nightlife ist dead life in Tirana«, meint Etmond, einer der Gäste, achselzuckend und lädt zu einer Runde Raki ein.

Es geht beim Underground-Problem also nur um die Lage im Souterrain. Na gut, nächster Versuch: Wie sieht es aus mit dem gay-friendly? Da stutzt Besi erst einmal. Vermutlich gehe es darum, dass alle willkommen seien, sagt er. In anderen Bars oder Clubs in Tirana würden reine Männergruppen oft nicht eingelassen, nur gemischte Gruppen oder Paare. Im Bunker sei hingegen jeder und jede willkommen, schließlich gehe es auch um den Umsatz. Mit der Gay-Szene habe er persönlich aber nichts zu tun. Ob es sonst irgendwelche Subkulturläden oder interessante Clubs gebe? Besi winkt ab, er gehe nicht aus, das sei zu teuer. Viele Leute würden eine Woche lang nichts ­essen, um am Wochenende ausgehen zu können, auch wenn musikalsich nicht viel Abwechslung geboten werde. Wer es sich leisten kann, fliege am Wochenende zum Ausgehen lieber nach Rom oder in andere Städte mit Nachtleben. Kurz nach Mitternacht unterbricht die Polizei das Gespräch. Die Tür der Bar müsse ordentlich geschlossen werden wegen der Lärmbelästigung. Dann ziehen die Beamten wieder ab.

Die Bars und Restaurants im Blloku-Viertel sind trotz der – am albanischen Durchschnittseinkommen ­gemessen – hohen Preise gut besucht. Stark geschminkte Frauen sitzen ­neben kurzgeschorenen Männern. Bunte Haare sieht man kaum, nur ab und an einen Hipsterbart. Wo geht sie denn nun hin, die Subkultur in Tirana? Oder kann man bei einer Bevölkerung von nicht einmal drei Millionen Menschen im Land solch einen Distinktionsluxus nicht erwarten? Die Bar »Radio Club« betreibe ein Linker, lautet ein heißer Tipp. Im großen Eingangsraum zieren Filmplakate die Wände, auch Schallplatten gibt es hier zu kaufen. Es schließt eine schöne, abgeschlossene Veranda an. Kästen sind dort derokativ an den Wänden verteilt, in denen Grünpflanzen und Blumen hängen. Es gibt ansprechende Cocktails, Bier und natürlich Raki. Besonders subkulturell sieht es aber auch hier nicht aus.

Ein Ort, an dem sich nicht nur Linke treffen sollen, ist das »Komiteti – Kafe Muzeum« in der Nähe der Pyramide, die einst als Mausoleum und Museum für Enver Hoxha gedacht war und nach einer späteren Nutzung als Kulturzentrum mittlerweile dem Verfall preisgegeben ist. Wer mutig oder betrunken genug ist, kann sogar von außen hinaufklettern.

Das Komiteti ist liebevoll gestaltet. In jedem Raum wird einer anderen Epoche der albanischen Geschichte gedacht. Einer ähnelt dem Inneren eines einfachen Landhauses, mit Rollbrett an der Wand und Stahlhelm auf der Kommode. Trachten, Kunst- und Alltagsgegenstände, Teppiche und Decken sind ausgestellt, sogar sozialistische Bonbons darf man probieren. Im Barraum erinnern Möbel, Fotos und alte Radios an die sozialistische Zeit – Andenken aus der DDR gar nicht unähnlich. Insgesamt über 3 000 Originalgegenstände seien im Komiteti ausgestellt, es gehe darum, »Artefakte des albanischen Kultur­erbes« zu bewahren, steht auf Albanisch und Englisch auf einer Tafel neben dem Toilettenraum. Die Kneipe ist auch bei Touristen beliebt. ­Unter anderem sind Dutzende Rakisorten im Angebot. Doch auch hier versteht der langhaarige Barkeeper die Frage nach Subkultur in Tirana nicht so ganz. Ausgehtipps hat er auch nicht parat.

»Nightlife ist dead life in Tirana«, meint Etmond, einer der Gäste, achselzuckend und lädt zu einer Runde Raki ein. Der Kunststudent empfiehlt schließlich die Bar »Hemingway Fan Club«. Sie liegt versteckt zwischen der Rruga E Kavajës und der Rruga E Durresësit und befindet sich im Erdgeschoss eines schönen und alten, aber sehr verfallenen ­Gebäudes. Auf die Vorderseite des gegenüberliegenden Hauses werden alte Stummfilme projiziert. Drinnen zieren Zitate Ernest Hemingways die Wände, das Mobiliar wirkt bunt zusammengewürfelt. Jazz und Swing erklingen im Hintergrund. Die Außentische sind von jungen Hipstern belagert, die Stimmung ist ausgelassen, man trifft selbst einige Teilnehmerinnen der Demonstration gegen Femizid wieder .

Auf der Karte steht eine große Auswahl an Rum, Whiskey und selbstverständlich Raki, neben Cocktailklassikern gibt es Eigenkreationen, auf die das Barpersonal sichtlich stolz ist. Auch hier kommt schließlich die Polizei vorbei, allerdings erst gegen ein Uhr. Der Kellner dreht kurz die Musik leise, danach geht es weiter.

Das wirklich gute Nachtleben ­findet in Tirana sowieso nicht im Untergrund statt, sondern auf Dach­terrassen oberhalb der schicken Bars im Blloku-Viertel. Hier legt ein anerkannter linker Theoretiker Postpunk auf, ein Künstler schwingt seinen ­Lockenkopf zum Takt und eine Schauspielerin erzählt von ihrer Nominierung für das »Herz von Sarajevo« beim Filmfestival. Neben der Kreativszene kommen auch einige der wenigen Linken, die in Tirana die Stellung halten. Wer in Tirana gut feiern gehen will, sollte nicht auf Reiseführer hören, sondern gute Kontakte haben. Die Party ist nämlich privat.