Der Rapper MCK im Gespräch über politischen Widerstand in Angola

»Noch nie war die Zustimmung für die Opposition größer«

Anzeige

Kann man von fairen und freien Wahlen sprechen?
Es ist unmöglich, an freie, faire und transparente Wahlen zu denken, wenn unabhängige und unparteiische Institutionen fehlen. Die Nationale Wahlkommission ist eindeutig ein parteiisches Organ und steht unter dem Einfluss der regierenden Volksbewegung zur Befreiung Angolas (MPLA). Man muss sich nur ihre Vertreter und ihr Verhalten während des Wahlprozesses anschauen. Es handelt sich um eine Institution, die große Hürden schafft, indem sie die Gleichbehandlung aller Parteien und die Zulassung von unerwünschten Kandidaten verhindert, die ungleiche Behandlung der Parteien in öffentlich-rechtlichen Medien nicht kritisiert, Oppositionsvertreter einschüchtert und eine echte Wahlbeobachtung durch die Zivilgesellschaft und die internationale Gemeinschaft unterbindet.

int

MCK, mit bürgerlichem Namen Katrogi Nhanga Lwamba, ist ein angolanischer Rapper. Der 36jährige hat einen Abschluss in Philosophie und Jura und kritisiert in seinen Texten unter anderem das Regime des seit 1979 amtierenden Präsidenten José Eduardo dos Santos. Dieser will 2018 zwar abtreten (Jungle World 33/2017), bei den Wahlen vom 23. August gewann jedoch erneut seine Partei Volksbewegung zur Befreiung Angolas (MPLA), die daher mit João Lourenço dos Santos’ Nachfolger stellen wird.

Bild:
privat

Sie sind 36 Jahre alt, der bisherige Präsident José Eduardo dos Santos hat Angola seit 1979 regiert. Können Sie sich überhaupt ein Angola ohne ihn vorstellen?
Jeder zukünftige Kandidat, der die Macht übernehmen möchte, wird bessere Bedingungen vorfinden als in den vergangenen 39 Jahren. Die Institutionen und die Bevölkerung sind aufgeklärter, das soziopolitische Klima ist gegenwärtig besser als in den sieb­ziger Jahren, gleichzeitig geht es uns wirtschaftlich besser. Jeder Angolaner mit politischem Willen und etwas Liebe zu seinem Land kann besser regieren als José Eduardo dos Santos und es ginge dem Land auf menschlicher und materieller Ebene besser.

 

Wird die Familie dos Santos weiterhin die Geschicke Angolas bestimmen?
Die Frage kann einfach mit folgender rhetorischer Frage beantwortet werden: Welchen Schlüsselbereich des wirtschaftlichen Lebens Angolas haben dos Santos und seine Getreuen nicht unter ihre Kontrolle gebracht? Die Präsidentenfamilie hat die wichtigsten Bereiche der privaten und der öffentlichen Wirtschaft des Landes übernommen. Eduardo dos Santos und seine Freunde haben vor der Ankündigung, dass er nicht wieder antreten will, mehrere diktatorische Maßnahmen ergriffen: Die Verordnung über den Status ehemaliger Präsidenten, mit der er sich Immunität verschafft hat, die Besetzung wichtiger Aufsichtsratsposten, wie den Vorsitz der staatlichen Erdölgesellschaft Sonangol mit seiner Tochter Isabel dos Santos, und das Gesetz über die Amtszeit der Sicherheits- und Militärführung, das einen Austausch des gegenwärtigen Personals verhindert. Damit und mit der Verfassung von 2010, die in seinem Sinne formuliert wurde, soll die absolute Kontrolle der politischen, ökonomischen und militärischen Macht gesichert werden.

Was halten Sie vom designierten Präsidenten João Lourenço? Wird er wirklich etwas ändern in Angola, so wie er es angekündigt hat?
Wenn man die angeführten Entscheidungen bedenkt, sieht man, dass der zukünftige Präsident mit weniger Macht und Veränderungsmöglichkeiten ins Amt kommt, und dass er sein Amt nach dem Willen und dem Interesse des Vorgängers ausüben muss. Außerdem wird die Macht von João Lourenço noch weiter eingeschränkt, da dos Santos Vorsitzender der MPLA bleibt und damit die Regierungspartei lenkt. Ohne Änderungen des gesetzlich-juristischen Rahmens wird der neue Prä­sident nur eingeschränkte Handlungsmöglichkeit haben.

Wie sehen Sie die Lage in Angola fast 50 Jahre nach der Unabhängigkeit?
Wir haben die Chance verpasst, unser Land voranzubringen. Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs unmittelbar nach dem Ende des bis 2002 andauernden Bürgerkriegs haben wir heute schlechtere soziale Bedingungen. Der kurze Zeitraum unseres wirtschaftlichen Wachstums wurde nicht für die wirtschaftliche Diversifizierung und die Weiterentwicklung des sozialen Fortschritts genutzt. Die Anhäufung von Kapital hat stattdessen Wohlstand und Reichtum für wenige geschaffen und in Angola zu Korruption sowie fehlender Transparenz in der Verwaltung und der Regierung geführt.

Wie begegnet die Mehrheit der Angolanerinnen und Angolaner der gegenwärtigen politischen Lage?
Immer öfter mit Interesse und dem Wunsch nach Veränderung. Man muss sich nur anschauen, wie die Menschen derzeit eine Neuauszählung der Wahlstimmen fordern. In Angola wurde der Wahlausgang noch nie so stark und von so vielen in Frage gestellt wie heute und noch nie war die Zustimmung für die Opposition größer. Das Bewusstsein für die Bürgerrechte und deren Wahrnehmung wachsen in Angola stetig.

Was muss sich in Angola ändern?
Das politische Regime ist ein grundsätzliches Hindernis für den wirtschaftlichen Fortschritt und die gesellschaftliche Entwicklung. Da das politische und wirtschaftliche Handeln nicht alle Angolaner einschließt und die Mächtigen ihre Macht missbrauchen, wird verhindert, dass die öffentliche Verwaltung transparent geführt wird und die wenigen Ressourcen effizient verwendet werden, um die Bedürfnisse aller gesellschaftlichen Gruppen zu befriedigen. Damit meine ich den Nepotismus, die Korruption, die Veruntreuung und vieles mehr, was dazu geführt hat, dass es einige unrechtmäßig Wohlhabende gibt. Das hat unser Land in diese Unproduktivität gestürzt, in der wir heute leben.

Stellen die Oppositionsparteien eine Alternative zur MPLA dar?
Ich glaube schon. Heute sind wir mehr als 25 Millionen Einwohner und darunter gibt es sowohl auf Seiten der Opposition als auch auf Seiten der Zivilgesellschaft einige schlaue Köpfe, die sich ihrem Land verpflichtet fühlen.

Wie reagieren die Autoritäten auf Sie als einen der schärfsten Regimekritiker?
Sie reagieren sehr negativ und in klarer Missachtung der Verfassung und der Gesetze. Meine künstlerische Karriere wurde von verschiedenen unrechtmäßigen Maßnahmen behindert. Das reicht von einem Verkaufsverbot meiner CDs und Konzertverboten bis zu Ausreiseverboten und sogar der Bedrohung und der Ermordung von Fans und Konzertveranstaltern.

Wie schwierig ist es, politischer ­Aktivist in Angola zu sein?
Es ist ein steiniger, einsamer Weg, für den man viel Mut braucht. Da wir keinen demokratischen Staat und keine echten Rechte haben, ist die Verfassung im Hinblick auf die Ausübung der Bürgerrechte ohne großen praktischen Nutzen. Gesetzesbrüche, körperliche Angriffe und die Verfolgung von poli­tischen Gegnern sind gängige Praxis in unserem Land und werden nie in irgendeiner Weise von Gerichten geahndet.

Kann Rap-Musik ein Mittel für Veränderung sein?
Sie ist in diesem Moment das beste Instrument, um politischen und gesellschaftlichen Druck auf zivilgesellschaftlicher Ebene zu artikulieren; manchmal mit den Oppositionsparteien und in einigen Fällen sogar über sie hinweg. Sie ist eine wichtige Quelle für Generationsdebatten, kann Kritik Ausdruck verleihen und ermöglicht die Entwicklung einer neuen Geisteshaltung. Sie ist ganz sicher ein Instrument, um die Jugend zu bilden und ihr Orientierung zu geben.

Wie sieht Ihre Vision für ein besseres Angola aus?
Es wäre ein anderes Land, das sich an den folgenden Prinzipien orientiert: Frieden, Gleichheit und soziale Gerechtigkeit.

Haben Sie Hoffnung, dass sich Angola zum Besseren ändert?
Ja, das habe ich. Aber mit Hoffnung meine ich, dafür zu kämpfen, eine bessere Welt zu schaffen, nicht stillzu­sitzen und zu warten.