Mit dem »Anschluss« 1938 verlor der österreichische Fußball nicht nur seine Eigenständigkeit

Als der österreichische Fußball starb

1938 erfolgte der »Anschluss« Österreichs an Deutschland. Mit der ideologischen Gleichschaltung der Sportvereine endete auch die Ära des österreichischen »Wunderteams«

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Wien. Es ist die Nacht vom 11. auf den 12. März 1938. Der Arzt und Fußballfunktionär Emanuel Michael Schwarz, von allen nur »Michl« gerufen, schaut vom Fenster seiner Wohnung auf die Straßen und sieht überall SS und österreichische Polizisten mit der Hakenkreuz-Armbinde. »Heil Hitler«-Rufe schallen durch die von Fackelzügen gespenstisch erhellte Nacht. Schwarz war vom Mannschafts­arzt des FK Austria Wien zu dessen Präsidenten aufgestiegen. Nur Tage später entließ man ihn und belegte alle jüdischen Fußballer mit Spielverbot. 1939 wird Schwarz vor dem ­immer mörderischer werdenden Antisemitismus fliehen können und über Italien nach Frankreich gelangen, wo er 1944 von den Nazis auf­gespürt und inhaftiert wird. Doch er hat Glück: Der Leiter des Internierungslagers erkennt ihn und verhilft ihm zur Flucht. Schwarz überlebt und wird ab 1945 wieder Präsident der Austria Wien.

Österreicher, die dem österreichischen »Wunderteam« in den Jahren 1931 bis 1933 zugejubelt hatten, behaupteten plötzlich, sie hätten dieses »jüdische Wiener Scheiberlspiel« schon immer verachtet.

Als die Nazis 1938 in Österreich auch die Sportvereine gleichschalteten und »arisierten«, trafen sie auf wenig Widerstand, was nicht zuletzt daran lag, dass die Austro­faschisten bereits 1934 alle sozialdemokratischen Sport- und Turnver­eine verboten hatten und der seit Jahren schwelende Antisemitismus im Lande bereit zum eruptiven ­Ausbruch war. Das war bereits zwei Jahre vor dem sogenannten Anschluss spürbar: Als 1936 die olympische Fackel durch die Stadt getragen wurde, vorbei an begeisterten Menschenmengen, marschierten Abordnungen aller noch legalen österreichischen Sportvereine durch die Straßen. Die Schwestern Judith und Hanni Deutsch, beide erfolgreiche Schwimmerinnen im jüdischen Sportverein Hakoah, gingen mit ihren Clubkollegen mit. Immer wenn ein nichtjüdischer Verein vorbeizog, brüllte das Publikum begeistert »Heil Hitler«, obwohl die austro­faschis­tischen Regierung das verboten hatte. Hanni Deutsch erinnerte sich später in einem Interview mit dem Nürnberger Institut für NS-Forschung: »Dann kamen wir von Hakoah vorbei, und eine Totenstille machte sich breit.«

 

Fußballer bekamen die widerwärtigsten Seiten des Antisemitismus zu spüren.

Teils dieselben Österreicher, die dem österreichischen »Wunderteam« in den Jahren 1931 bis 1933 zugejubelt hatten, ­behaupteten plötzlich, sie hätten dieses »jüdische Wiener Scheiberlspiel« schon immer verachtet. Als »Wiener Scheiberlspiel« bezeichnete man eine damals revolutionäre neue Kurzpasstechnik, die dem österreichischen Team teils hohe Siege über europäische Spitzenmannschaften und 1932 den Europameistertitel bescherte. Die Nazis sahen statt feiner Technik lieber schwitzende, hart kämpfende Männerleiber, die langen Pässen hinterherjagten. Das »Scheiberlspiel« stammte maßgeblich von der Austria Wien, einem Verein, der einen hohen Anteil an jüdischen Spielern und Vorstandsmitgliedern hatte.

Wenige Tage nachdem Österreich im Deutschen Reich aufgegangen war, entließen die neuen Herren den gesamten Vorstand der Austria und belegten etwa die Hälfte der Fußballer mit Spielverbot. Juden durften in ­Zukunft nur mehr in rein jüdischen Vereinen spielen – gegen andere rein jüdische Mannschaften. Die meisten Vorstandsmitglieder setzten sich in die Schweiz ab und viele Spieler folgten ihnen. Mehrere Funktionäre und Spieler konnten nicht recht­zeitig fliehen und fielen der Shoah zum Opfer. Aus der Austria wurde der »SC Ostmark«.

Im Gegensatz zur »jüdischen« Austria Wien galt Rapid Wien als »arisch«, was aber nicht ganz den ­Tatsachen entsprach. Zwar gab es bei Rapid weniger jüdische Funktio­näre und Spieler, aber es gab sie. So war der Journalist und Verleger Leo Schid­rowitz seit 1923 Vorstandsmitglied von Rapid Wien. 1938 gelang ihm die Flucht nach Paris und von dort nach Brasilien. Als sich der 1. Wiener FC 1899 in Rapid umbenannte, geschah dies auf Initiative des ­jüdischen Vereinsfunktionärs Wilhelm Goldschmidt, der später von den Nazis ermordet wurde. Trotz jüdischer Wurzeln des Vereins und trotz der Tatsache, dass es unter den Rapid-Spielern kaum NSDAP-Mitglieder gab, konnte sich der Club wesentlich geschmeidiger an die neuen Ver­hältnisse anpassen als die Austria und andere Vereine.

Die Gleichschaltung der österreichischen Fußballvereine nach dem »Anschluss« geschah rasend schnell. Nicht einmal 24 Stunden nach dem Einmarsch deutscher Truppen wurde der österreichische Fußball den Strukturen des »Reichs« eingegliedert. Die österreichische Nationalmannschaft wurde aufgelöst. Das »Wunderteam« durfte am 3. April 1938 ein letztes Mal gegen die deutsche Nationalelf anreten, allerdings als »Ostmark« gegen »Altreich«. Ganz im Sinne der NS-Ideologie wurde der Profisport untersagt, was auch einige nichtjüdische Spieler ins Exil drängte. Auf behördliche An­ordnung hin wurde auf allen Fußballplätzen des Landes die Hakenkreuzfahne gehisst und Spieler hatten einander mit dem Hitlergruß zu grüßen.

Wo die Nazis die Sportler nicht mit Gewalt auf Linie brachten, schafften sie es oft mit Verführung. Der Mittelstürmer und Kapitän des »Wunderteams«, Matthias Sindelar, galt nicht als Anhänger der Nazis. Das hinderte ihn aber nicht daran, sich mit deren Hilfe das Kaffeehaus »Annahaus« unter den Nagel zu reißen, dessen jüdischer Besitzer im KZ Theresienstadt ermordet wurde. Sindelar brauchte Geld, da das Profitum als »undeutsch« verboten worden war, und gab sich eine Zeitlang als Galionsfigur des »arischen Fußballs« her. Er weigerte sich jedoch, der ­NSDAP beizutreten. Am 23. Januar 1939 fand man die Leichen Sindelars und seiner jüdischen Lebensgefährtin. Nach offiziellen Angaben waren sie wegen eines defekten Kamins an Kohlenmonoxid erstickt. Bis heute ranken sich jedoch Gerüchte über einen Doppelsuizid oder gar einen Doppelmord um diese Todesfälle.

 

Hitler wollte ein Team von Weltformat

Während die meisten ehemals ­österreichischen Vereine in der nun großdeutschen Meisterschaft nicht reüssieren konnten, gelangen einigen Mannschaften Überraschungssiege gegen Gegner aus dem »Altreich«. Insgesamt ließ die Qualität des österreichischen Fußballs aber stark nach, da man nicht nur einige der besten Spieler durch Mord oder Vertreibung verloren hatte, sondern unter dem ideologischen Druck der Nazis auch begann, die eigentliche Stärke, das Kurzpassspiel, zu vernachlässigen. Die Versuche der Nazis, österreichische Spieler für die deutsche Nationalmannschaft zu rekrutieren, gingen auch nicht immer glücklich aus. ­Hitler persönlich erteilte dem deutschen Nationaltrainer Sepp Herberger den Auftrag, aus der deutschen und der ehemals österreichischen Mannschaft ein Team von Weltformat zu formen. Sechs deutsche und fünf Österreicher, das sollte die Erfolgsmischung werden. Es klappte nie so recht. Die »Ostmärker« wollten die Deutschen das Kurzpassspiel lehren, die Deutschen die Österreicher das Laufen und Hecheln. Ein harmonisches Team entstand so nie. Die damals trotz der großdeutschen Ideologie noch wesentlich ausgeprägteren Ressentiments, die man gegen­einander hegte, schlugen sich auch in den spielerischen Leistungen nieder. Ab 1939 spielte Fußball dann ohnehin nur mehr eine untergeordnete Rolle zwischen Vernichtungskrieg und mehreren gleichzeitig stattfindenden Massenmorden.

In Österreich erinnert man sich bezeichnenderweise nicht so sehr daran, dass viele Funktionäre und Sportler mit dem NS-Regime paktierten und viele andere, die das nicht taten oder Juden waren, vertrieben oder ermordet wurden, sondern lieber daran, dass man einmal noch »Wunderteam« sein konnte. Bei dem Freundschaftsspiel am 3. April 1938 in Wien, das nach den Wünschen der NS-Regie unentschieden ausgehen sollte, hielten sich die österreichischen Spieler, deren Land gerade untergegangen war, nicht an den Deal, sondern kickten sich unter dem ­Jubel der Zuseher zu einem 2:0-Sieg. Hitler war dem Vernehmen nach nicht amüsiert.