Zu den Thesen des neuen Buches des »Unsichtbaren Komitees«

Sich unregierbar machen

Das neue Buch des französischen Autorenkollektivs »Unsichtbares Komitee« plädiert für die Zerstörung des Bestehenden durch Organisation, Aufstand und Verweigerung. Welcher Kommunismus dabei herauskommen soll, bleibt unklar.

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»Alle Gründe für eine Revolution sind da.« So beginnt das neue Manifest des Unsichtbaren Komitees, das im April unter dem Titel »Maintenant« in Frankreich erschienen ist und demnächst auf Deutsch herauskommt. Doch »es sind nicht die Gründe, die eine Revolution machen, sondern die Körper. Und die Körper sitzen vor den Bildschirmen.« In einer bildreichen und polemischen Sprache skizzieren die anonymen Autoren, wie die Körper durch Organisation, Aufstand und Verweigerung befreit werden können. Die Kapitelüberschriften sind zugleich das Programm: »Morgen ist abgesagt«, »50 Nuancen des Bruchs«, »Zu Tode mit der Politik«, »Setzen wir die Welt ab«, »Ende der Arbeit, magisches Leben«, »Die ganze Welt hasst die Polizei« und: »Für die Fortsetzung der Welt«.

Die Diagnose, die sich in diesen Kapiteln entfaltet, lautet: Die kapitalistische Herrschaft hat die Welt derart verheert, dass ihr Weiterbestehen jede Zukunft mit Sicherheit zerstört. Die Welt hat sich fragmentiert, ist von Brüchen durchzogen. Es gibt keine Einheit mehr – keine nationale, keine der Arbeit, des Rechts, der Ökonomie oder des Ichs – und alle Versuche, eine solche gewaltsam wiederherzustellen, wie es Donald Trump, der Front National oder die AfD mit ihrem Programm der nationalen Identität versprechen, sind dazu verurteilt, das Gegenteil hervorzubringen: eine umso tiefere, irreparable Spaltung der Gesellschaft. Ein Symp­tom dieser verlorenen Einheit ist der Wahnsinn der Sicherheitspolitik, der Frankreich (und auch Deutschland) inzwischen an den Rand eines Polizeistaats geführt hat.

 

Köpfe und Körper befreien

Diese Diagnose gilt ebenso für Versprechen von Sozialdemokraten, »Arbeit« wieder in ihr Recht zu setzen, sowie für die marxistische Perspektive, die auf die revolutionäre Aneignung der Produktionsmittel durch »das Proletariat« in einer weltumspannenden Umwälzung setzt. Denn: »Wer will sich noch ernsthaft Atomkraftwerke, Autobahnen, Supermärkte oder Werbeagenturen aneignen?« Die Analyse des kleinen Buches ist radikal: Politik, Recht, Ökonomie, das »Soziale« selbst sind Einrichtungen, die abzusetzen sind. All das wird in den sieben Kapiteln historisch unterfüttert und eindringlich beschrieben. Die Frage des Kommunismus, heißt es, ist trotz ihrer gründlichen Verdrängung »das Herz der Epoche«. Sie zu umgehen, heißt nichts anderes, als sich an das Morden, an die Zerstörung des Planeten, an die alltägliche Entsagung zu gewöhnen – um den Preis, jede Fähigkeit zur Wahrnehmung dessen, was ist, in uns abzutöten. Kommunismus (und damit ist gemeint: die kommunistische Bewegung) bedeutet hier zuallererst die Kultivierung der Empfindung, der Fähigkeit zu unterscheiden, zu sehen. Kommunismus heißt: wahrnehmen, was ist. Diese nachdrückliche Betonung der Sinnlichkeit zielt auf die Befreiung nicht nur der Köpfe, sondern auch der Körper.

Das Versprechen des Kommunismus ist, dass jedes einzelne Fragment dieser zerbrochenen Welt errettet wird und seinen eigenen Namen erhält. Dieses Versprechen ist »in der Fragmentierung der Welt enthalten«. Es zu realisieren »erfordert eine Geste, die unendlich zu wiederholen ist, eine Geste, die das Leben selbst ist«. Dies bedeutet, »zwischen den Fragmenten Durchgang zu gewähren, sie in Kontakt zu setzen, zwischen ihnen Begegnungen zu organisieren, Wege zu bahnen« vom einen Ende der Welt zum anderen.

Die radikale Zivilisationskritik ruft Unbehagen, ja Angst hervor. Fragmentierung bedeutet Chaos, doch die Frage drängt sich tatsächlich immer stärker auf, was wir mit dieser Zivilisation eigentlich zu verlieren haben.

Was tun? – Desertieren, aufhören, sich entziehen, sich organisieren, um den Zustand der Welt abzusetzen, sich unregierbar machen. Unmerklich vielleicht, aber »auf alle Fälle: Jetzt«. Das bedeutet für die Autoren weder den Aufbau von linken Kollektiven, Unternehmen, »die nichts produzieren außer sich selbst«, noch das Abhalten von ewigen Versammlungen verbunden mit einer »Mikrobürokratie der Mikro-Bürokratie«, wie sie es als veritable Krankheit bei Bewegungen wie »Nuit debout« und »Occupy« diagnostizieren.

Es bedeutet zum einen, Strukturen aufzubauen, die jenseits der Macht des Bestehenden liegen (und damit illegal sind), also buchstäblich dem Staat Territorium entreißen, wie es die ZAD in Nantes geschafft hat. (ZAD steht für zone à défendre, »zu verteidigende Zone«; so nennt sich das selbstverwaltete Gelände, das Aktivisten gegen den Bau eines zweiten Flughafens in der Nähe von Nantes seit zehn Jahren besetzt halten, Anm. d. Red.) Es geht aber auch um den Angriff auf das Bestehende, um dessen Zerstörung, dies allerdings in der indirekten Bewegung der »Destitution«, die beide Gesten vereint: Institutionen wie das Recht, die Schule, der Staat werden nicht bekämpft, indem man sie als zu besiegende Gegner betrachtet, sondern indem man sie überflüssig macht, sie ihrer Funktion beraubt. Kinder, die Lust haben zu lernen, bräuchten keine Schule.
Zugleich wird im Buch das Konstruktive der Zerstörung etwa in den Aufständen und Protesten des vergangenen Jahres gegen das gerade erst beschlossene Arbeitsgesetz in Frankreich betont. Dabei sei allerdings nie das Ziel aus dem Auge zu verlieren: die Polizei nicht etwa militärisch zu besiegen, sondern sich ihrer Macht zu entziehen. Dass all dies unter den gegebenen Umständen gefährlich ist, bestreiten die Autoren nicht. Doch anders als die unwägbaren Risiken, die Kapital und Staat über unser Leben verteilten, sei dieses Risiko berechenbar.

Solche Emphase des Jetzt und der Entscheidung, solcher Unmittelbarkeitspathos der Zivilisationskritik und die vitalistisch klingende Betonung des »Lebens« sowie der Verbundenheit alles Lebendigen haben dem vorletzten Buch des Unsichtbaren Komitees, »Der kommende Aufstand«, hierzulande den Vorwurf eingebracht, »Heimweh nach der Sippe und der Naturhaltung des Menschen« zu artikulieren, »deutsche Ideologie« zu verbreiten oder gar faschistisch zu argumentieren, wie Rainer Trampert in dieser Zeitung schrieb.

Die radikale Zivilisationskritik ruft Unbehagen, ja Angst hervor. Fragmentierung bedeutet Chaos, doch die Frage drängt sich tatsächlich immer stärker auf, was wir mit dieser Zivilisation eigentlich zu verlieren haben.

 

Welcher Kommunismus?

Ein Problem des Entwurfs besteht darin, dass den Autoren das Vokabular fehlt, da sie sämtliche überkommenen Begriffe und Konzepte von Politik, vom Sozialen, von Humanität, Totalität, Universalismus und Revolution, für obsolet erklären. Denn gerade diese Konzepte hätten noch immer dazu geführt, dass sich Revolutionen in ihr Gegenteil verkehrt haben, indem sie von der Macht ergriffen wurden, die sie selbst ergreifen wollten. Daher der raunende, emphatisch lebensbejahende, mitunter auch existentialistische Ton des Textes. Dessen verdächtige Unmittelbarkeit rührt daher, dass die Autoren die Trennung von Mittel und Zweck überwinden wollen – darin auf Walter Benjamins Begriff der revolutionären Gewalt bezugnehmend, aber in gewisser Weise auch in der Tradition von Theodor W. Adornos Idee der »Versöhnung«. Revolutionär ist nur eine Handlung, in der diese Trennung selbst bereits aufgehoben ist. Es gibt folglich keinen Kampf für den Kommunismus, der nicht selbst bereits kommunistisch wäre, nicht in der Handlung eine neue Relation zur Wirklichkeit, zu sich selbst, zum Anderen und zur Natur zum Ausdruck brächte. Diese Tat wäre Geste, nicht Mittel. Eine solche Geste sehen sie etwa im Agieren einiger Jugendlicher bei den Aufständen gegen das Arbeitsgesetz 2016, in deren Versuch, den Gewerkschaften die Führung ihrer zombiehaften Aufmärsche zu entreißen und sie in etwas weit Größeres zu verwandeln: in den Ausdruck des Willens, nicht mehr regiert zu werden.

Gegen allen Verdacht des Beschwörens einer autoritären »Gemeinschaft« steht kurz vor Ende ein Zitat von Heiner Müller: »Der Kommunismus ist die Entlassung des Menschen in seine Einsamkeit.« Der Kommunismus, der dem Komitee vorschwebt, ist eine Absage an die Gemeinschaft als Bedingung jeder Gemeinschaft. Oder die Bejahung der Fragmentierung als Bedingung ihrer Überwindung durch Vervielfältigung der Verbindungen, die zwischen Menschen, Tieren, Dingen, Natur, der Welt als ganzer existieren können. Sie nennen dies eine neue »Kunst der Distanzen«.
Viele Fragen bleiben offen, vor allem die nach der Organisation der Lebensprozesse und der Produktion im Kommunismus. Vielleicht die entscheidende Frage. Sie bleibt im Vagen einer »neuen Verbindung«, »neuer Wege« zwischen allen Wesen, die die Phantasie des Lesers herausfordert. Der Text muss diskutiert werden. Die Frage des Kommunismus drängt.


Unsichtbares Komitee: »Jetzt«, Nautilus-Verlag, 128 Seiten, 14 Euro