Zum Todestag von Ernesto Guevara

Mit Che zur Vollkommenheit

Vor 50 Jahren wurde Ernesto Guevara erschossen. Sich selbst sah er als Vorbild des zu schaffenden »Neuen Menschen«, der unter persönlichen Entbehrungen die Revolution vorantreibt. Dennoch gilt er heutzutage vielen als hedonistischer Rebell.

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Nachdem Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre im März 1960 gemeinsam Havanna besucht hatten, zeigten sie sich tief beeindruckt von den ebenso jugendlichen wie tatendurstigen Gastgebern und ihrer kurz zuvor zum Sieg geführten Revolution. Der vormalige Machthaber Fulgencio Batista war ins Exil geflohen und den frisch aus Westeuropa herbeipilgernden Intellektuellen musste es scheinen, als hätten sie nach langer Suche endlich ihr neues, von den Verwerfungen des Zweiten Weltkriegs unbeschädigtes revolutionäres Subjekt in der Figur des mit der Waffe kämpfenden, intellektuell geschulten Guerilleros gefunden. Zumal Fidel Castro und vor allem Ernesto Guevara den Eindruck erweckten, nicht nur erfolgreiche Revolutionäre zu sein, sondern die Menschheit auch physisch auf eine neue Ebene zu heben. Unter den hellwachen Anführern jener Revolution, so schrieb Sartre nach seinem Besuch, schien Schlaf kein natürliches Bedürfnis mehr zu sein, sondern eine bloße Routine. Castro und Guevara hätten eine Diktatur über ihre Bedürfnisse errichtet, um über sich selbst hinauszuwachsen.

Guevara pflegte einen 16- bis 18stündigen Arbeitstag und schien – wie Sartre beeindruckt feststellte – kaum mehr als sechs Stunden pro Tag zu schlafen.

Über sich hinauswachsen sollte in den Augen Guevaras auch die Kubanische Revolution. Darauf drängte er, nachdem er als Industrieminister Kubas gescheitert war, zunächst im Kongo und – nach dem desaströsen Ende jener Afrikaexpedition – in Südamerika. Von Bolivien aus, das damals zu den sozioökonomisch rückständigsten Ländern des gesamten Kontinents zählte (und heute noch zählt), wollte er den von den USA geführten Westen zur weltumspannenden Entscheidungsschlacht herausfordern. Verdichtet in der bald auch für die westdeutsche Linke emblematischen Formel »Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam« rief er die »Völker der Welt« dazu auf, die ihnen von den »imperialistischen Mächten« auferlegte Starre abzuschütteln, um gemeinsam mit ihm für die endgültige »Befreiung der Menschheit« zu kämpfen. Und auch wenn diese letzte, ebenso vergebliche wie entrückte Mission, geprägt von strategischen Fehlern und politischer Naivität, in eine Niederlage mündete, schien sie doch die vorgebliche Vollkommenheit Guevaras zu bestätigen. Sartre zumindest brachte nach dessen Erschießung vor 50 Jahren, am 9. Oktober 1967, eine Überzeugung auf den Begriff, die über Jahrzehnte zum festen Bestandteil linker Mythologie werden sollte: Che Guevara war, so zitierte ihn die kubanische Zeitschrift Bohemia im Dezember 1967, »nicht nur ein Intellektueller, sondern der vollkommenste Mensch unserer Zeit«.

Die Maßstäbe jener von Sartre bescheinigten Vollkommenheit hatte Guevara indes selbst aufgestellt. Sie waren auch Ergebnis einer tiefen Enttäuschung. Im Oktober 1962, als es während der diplomatischen Krise zwischen den USA und der Sowjetunion um die auf Kuba stationierten Raketen kurzzeitig so schien, als stehe ein atomarer Erstschlag bevor, hatte Guevara von den sowjetischen Verbündeten gefordert, einen Dritten Weltkrieg zu provozieren. Erst die endgültige Eskalation der Blockkonfrontation werde, so glaubte er, den Weg zum Sozialismus ebnen. Und dafür hätte er sowohl die Raketen direkt auf New York City, das Herz der USA, gerichtet als auch im Kriegsfall die gesamte kubanische Bevölkerung geopfert. Die Sowjetunion hingegen zog die Raketen ab und handelte sich damit den Vorwurf Guevaras ein, mit dem »Yankee-Imperialismus« gemeinsame Sache zu machen. Als Mitte der sechziger Jahre darüber hinaus deutlich wurde, dass Kuba nicht nur keinen Rückhalt der Sowjetunion für seine Bemühungen um die Weltrevolution erhalten würde, sondern selbst nicht in der Lage war, die dafür nötige ökonomische Stabilität zu erreichen – worin es im Übrigen ganz den anderen sozialistischen Staatsgründungen des 20. Jahrhunderts glich –, begab sich Guevara auf die Suche nach einer alternativen, für die Schwankungen von Weltwirtschaft und Großmachtpolitik weniger anfälligen Ressource.

 

Enthaltsamkeit und protestantische Arbeitsethik

Im Kampf gegen den imperialistischen Norden sollte sich Kuba auf seine subjektive Energie stützen. Für den Aufbau des Kommunismus, so führte Guevara in dem 1965 veröffentlichten Text »Der Sozialismus und der Mensch in Kuba« aus, müsse neben der materiellen Basis ein »Neuer Mensch« geschaffen werden. Diesen begriff er als von allen niederen Begierden gereinigtes Wesen, das sich organisch aus der sozialistischen Ordnung entwickeln und wieder in sie einpassen sollte. Der so hervorgebrachte Mensch werde sein Denken von der ihm aufgezwungenen Notwendigkeit befreien, vermittels der Arbeit seine »tierischen Bedürfnisse befriedigen zu müssen«. Stattdessen werde er anfangen, sich im eigenen Werk wiederzuerkennen und seine menschliche Größe in der von ihm verwirklichten Arbeit erfassen. Arbeit sei ihm nicht mehr nur verkaufte Arbeitskraft, sondern Ausfluss seiner selbst und Beitrag für das gemeinsame Leben. Die in diesem Bewusstsein »pünktlich« entrichteten Opfer für die Revolution würden durch die Befriedigung an der erfüllten gesellschaftlichen Pflicht abgegolten. Erst das als Teil der »revolutionären Masse« stillgestellte Individuum könne, so Guevara, die ihm vom Kapitalismus aufgezwungene, entfremdete Existenz als »Ware Mensch« überwinden. Und so forderte er, dass aus den »Kreaturen unseres dekadenten und kranken Jahrhunderts endlich Revolutionäre erwachsen, die das Hohelied vom neuen Menschen mit der wahren Stimme des Volkes anstimmen«.

Wer diesen am Horizont schon aufscheinenden Neuen Menschen idealtypisch verkörperte, stand außer Frage. Guevara selbst pflegte einen 16- bis 18stündigen Arbeitstag und schien – wie Sartre beeindruckt feststellte – kaum mehr als sechs Stunden pro Tag zu schlafen. Seine Familie bekam ihn nur unregelmäßig als Gast zu Gesicht, er trank keinen Alkohol, galt in der zutiefst machistisch geprägten Gesellschaft Kubas als geradezu enthaltsam und erlaubte sich als einziges Laster die ikonischen Zigarren. Mit größtem Eifer beteiligte er sich ungeachtet seines chronischen Asthmas an den »freiwilligen« Arbeitseinsätzen während der Zuckerrohrernte, auf Baustellen und an den Hafenpiers. Eine andere, wenn auch nur verklausuliert formulierte Forderung seines Textes hatte er, gewissermaßen in vorauseilendem Gehorsam, bereits während der ersten Monate des Jahres 1959 erfüllt. In der im Januar von den Rebellen eingenommenen Festungsanlage La Cabaña hatte er als Befehlshaber die Schnellprozesse gegen mutmaßliche Kollaborateure des alten Regimes beaufsichtigt, die Todesurteile bestätigt und über Monate hinweg allmorgendlich die aus diesen resultierenden Erschießungen vornehmen lassen. Denn die im Werden begriffene neue Gesellschaft, so hatte er sich in besagtem Text nachträgliche Legitimation verschafft, müsse »sehr hart mit der Vergangenheit abrechnen«.

Für weite Teile der Linken stellte Guevaras Tod in Bolivien unter Beweis, dass er bereit war, für die Revolution auch das größtmögliche Opfer auf sich zu nehmen. Vor allem aber schien sein Tod, indem er Wort und Tat ihres Protagonisten vorgeblich miteinander zur Deckung brachte, Theorie und Praxis endlich wieder zu versöhnen. Die maßgeblich hierauf beruhende, posthume und ganz der Vorgabe Sartres folgende Mythologisierung Guevaras hat im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte alle widersprüchlichen, düsteren und autoritären Züge des Denkens und Handelns des Guerilleros zugunsten einer verklärenden Hagiographie verdrängt. So wurde aus Ernesto Guevara eine hedonistische Lichtgestalt, ein libertärer Bohemien oder der Säulenheilige all jener, die auf ein nicht mehr ganz so miserables Leben im Diesseits hoffen. Und so skandieren auch 2017 noch Mitglieder des französischen Gewerkschaftsbunds CGT unter seinem Konterfei: »Slackers of all nations unite!« Zu dem asketischen Advokaten protestantischer Arbeitsethik, der in seinen Texten und seinem politischen Wirken aufscheint, will das nicht so recht passen.