Pedro Kadivar, Autor und Theaterregisseur, über Literatur und Migration

»Mit Proust entdeckte ich die Sprache«

Pedro Kadivar hat nach seiner Flucht aus dem Iran seine Muttersprache abgelegt. Ein Gespräch über innere und äußere Migration, die Aufhebung von Grenzen in der Literatur und eine denkwürdige Nacht mit Heiner Müller.
Interview Von

Der Autor und Theaterregisseur Pedro Kadivar wurde in Shiraz (Iran) geboren und ist im Alter von 16 Jahren nach Frankreich ­immigriert. Nach dem Abitur in Paris hat er Literatur- und Theaterwissenschaft an der Universität Paris III – Sorbonne Nouvelle studiert. Er publizierte zahlreiche Texte in französischen Theater­zeitschriften und arbeitete in Paris als Theaterregisseur. Beeindruckt von Berlin und einem Treffen mit Heiner Müller während einer Reise ließ er sich in der deutschen Hauptstadt nieder und promovierte an der Humboldt-Universität über Marcel Proust. Er inszenierte in Berlin unter anderem »In der Einsamkeit der Baumwollfelder« von Bernard-Marie Koltès. Sein Buch »Petit Livre des Migrations« wurde 2015 bei Gallimard veröffentlicht und erscheint jetzt in deutscher Übersetztung im Sujet-Verlag.

Anzeige

 

Sie sind im Iran geboren, nach Paris emigriert und leben heute in Berlin. In Ihrem Essay »Kleines Buch der Migrationen« verbinden Sie biographische und literarische Erfahrungen. Welche Bedeutung hat die Literatur für Sie und welche die Migration?
Das Thema der Migration ist natürlich sehr präsent in meinem Leben. Wenn einen die Umstände dazuzwingen, sein Land zu verlassen, ist die schwierige und offene Frage die, was man daraus macht. Literatur ist in meinem Leben immer wichtig gewesen, schon seit den ersten Lese­erfahrungen in der Kindheit. In meinem Essay suche ich deshalb nach Verbindungen zwischen Migration und Literatur; mit Hilfe von Referenzen, Zitaten und Schriftstellern, die implizit oder explizit am Begriff der Migration gearbeitet haben. Ich möchte zeigen, wie ­Literatur und Migration in einer genuinen Verbindung stehen. Literatur ist eine Form von Migration an sich – und zwar unabhängig davon, ob sie Migration thematisiert. Es geht um eine Fortbewegung innerhalb der Sprache und der Gedanken.

Sie haben Ende der achtziger Jahre mit Ihrer Muttersprache gebrochen. Warum haben Sie das Persische abgelegt?
Das war eine radikale persönliche Entscheidung. Der Bruch mit dem Iran und der Vergangenheit im Iran konnte nur durch den Bruch mit der Sprache vollzogen werden. Durch die Sprache hatte sich das Geographische in mir befunden, davon wollte und musste ich mich trennen. Die Gründe dafür kann ich teilweise erst heute bewusst benennen. Ich hatte damals nicht die Möglichkeit, eine Zukunft in Europa und zugleich eine Vergangenheit im Iran zu haben. Die Zeit nach der Gründung der Islamischen Republik war sehr lebendig, aber auch heftig; davon wollte ich mich befreien. Zudem vermittelte mir die französische Gesellschaft den Eindruck, dass ich mich entscheiden musste. Ich konnte nicht Iraner und Franzose zugleich sein.

In Frankreich begannen Sie, sich eingehend mit Marcel Proust zu beschäftigen. Warum gerade dieser Autor?
Proust war tatsächlich eine Entdeckung, die auch mit der Sprache verbunden war. Ich hatte viele Werke der internationalen Literatur auf Persisch gelesen, doch kaum konnte ich ein bisschen Französisch – ich war noch dabei, es zu lernen –, begann ich, Proust zu lesen. Zunächst verstand ich kaum etwas. Aber mit Proust entdeckte ich die Sprache. Später im Gymnasium in Nantes konnte ich ihn besser begreifen und spürte absolut unerwartet eine tiefe Vertrautheit mit ihm.

Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« ist der Versuch, im Medium der Erinnerung etwas Verlorenes zu vergegenwärtigen. War das für Sie biographisch ein Anknüpfungspunkt?
Proust hat überhaupt nichts Nostalgisches. Es geht um den Zeitbegriff. Wie funktioniert die Zeit? Die Erfahrung, die der Roman beschreibt, eröffnet einen neuen Begriff von Zeit. Die Vergangenheit ist nicht abgeschlossen, sondern wirkt auf die Gegenwart. Proust befreit sich von jeder Nostalgie oder auch Melancholie, denn die Vergangenheit ist bei ihm nicht verloren. Die Zeit ist nicht linear. Man kann nicht über die Zeit verfügen; es gibt unwillkürliche Erinnerungen, Sprünge, Verbindungen.

Wie bringen Sie Proust mit der Migration zusammen?
Im letzten Band von »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« heißt es so schön, dass jeder richtige Schriftsteller eine Art Fremdsprache in seiner eigenen Sprache erfinde. Ein literarischer Text zeichnet sich dadurch aus, dass er in der gewohnten Sprache etwas Neues, also Fremdes, erfindet. Der Schriftsteller ist ein Fremder in der eigenen Sprache. Er ist ein Migrant.

Fremdheit ist also eine Grundbedingung der Literatur?
Ein literarischer Text schafft ein ­anderes Verhältnis zur Sprache. Das ist eine Form der Verfremdung. Indem mir die eigene Sprache fremd erscheint, kann ich zu ihr ein neues Verhältnis einnehmen. Verfremdung heißt aber auch Erkenntnis, durchs Verfremden enthülle ich einen neuen Aspekt des Vertrauten.

Geht es in der Literatur also um die Produktion von Fremdheit als Mittel der Erkenntnis?
Das Fremde ist uns nie ganz fremd. Es ist ein Teil von uns selbst, ein Teil unserer gemeinsamen Welt. Es ist uns nie absolut fremd. Das muss man ­erkennen.

Sie schätzen Autoren wie Samuel Beckett und Heiner Müller. Beide beschäftigen sich mit Entfremdung, auch der Entfremdung in der Geschichte. Ist das ein Thema, das Sie interessiert?
Es gibt bei Beckett und Müller eine Art Stillstand. Aber in diesem Stillstand lebt zugleich die Möglichkeit der Bewegung. So kommt auch eine ursprüngliche Form der Lebendigkeit ans Licht. Heiner Müller lernte ich bei einer organisierten Reise für junge französische Theatermacher kennen. Mit Anfang 20 war ich der jüngste der Gruppe. Fünf Tage und fünf Nächte verbrachten wir mit Müller, eine sehr prägende Erfahrung, die zum Ausgangspunkt meiner Begegnung mit Berlin und auch der deutschen Sprache wurde. Am letzten Abend hatten wir eine unglaubliche Diskussion, die später unter dem Titel »Auschwitz ohne Ende« in der Zeitschrift des Berliner Ensembles publiziert wurde. Das war ein reichhaltiger und beeindruckender Austausch. Müller hatte auch eine sehr sensible Beziehung zu Berlin, der Stadt, die er sehr mochte.

Sie haben lange in Paris gelebt und gearbeitet, wo auch das »Kleine Buch der Migrationen« entstanden ist. Was bedeutet die Stadt für Sie?
Ich habe eine sehr affektive Beziehung zu Paris. Ich bin gerne dort, habe meine Adoleszenz in Paris verbracht und bleibe der Stadt beruflich verbunden. Das hat wiederum auch mit der Sprache zu tun, ich schreibe auf Französisch. Regelmäßig in Paris zu sein, ist für mich ein emotionales Bedürfnis.

Sind Sie nach 1983 noch einmal in den Iran gereist?
2004 war ich erstmals wieder im Iran, nach 21 Jahren, und seither noch mehrere Male. Es war eine Reise, vor der ich mich auch gefürchtet habe, ein schwieriger Schritt. Es gab Zeiten, da wollte und konnte ich nicht in den Iran reisen, und Zeiten, da wollte ich, aber konnte nicht– und irgendwann wollte und konnte ich auch. Ich wusste nicht, was mich erwartet und wie ich reagieren würde, mit Depression, Verlorenheit oder Euphorie und Begeisterung. Es war letztlich eine sehr erfreuliche und wichtige Erfahrung für mich.

Sie beziehen sich auch auf Sadeq Hedayat, den Übersetzer von Kafka, Sartre, Tschechow, Maupassant und Schnitzler ins Persische und Begründer der modernen iranischen Literatur. Hedayat, der in Paris lebte, ist in Europa wenig bekannt. Was schätzen Sie an ihm?
Mit Hedayat bin ich aufgewachsen, wie wohl jeder im Iran. Es gibt Werke von ihm, die heute im Iran verboten sind und die man trotzdem überall finden kann. »Die blinde Eule« ist ein sehr schöner Roman. Hedayat ist eine wichtige Figur, ein iranischer Schriftsteller, der viele Verbindungen zwischen Europa und dem Iran geschaffen hat. Die neue persische Prosa ist quasi seine Erfindung.

Interessant ist, wie Sie Proust, Beckett, Müller und Hedayat zusammenbringen. Sie zeigen, dass es im Grunde schon eine geteilte Welt in der Literatur gibt.
Es gibt eine Welt der Verbundenheit in der Literatur. Das ist das Gegenteil der Vorstellung von den getrennten und in sich geschlossenen Kulturen. Das ist eine falsche Vorstellung, eine Illusion. Es gibt viel mehr Verbindendes als Trennendes. In der Literatur wird das sehr deutlich. Warum wird man – egal ob man in Europa oder im Iran lebt – von dem Text beispielsweise eines chinesischen Autors berührt? In der Literatur kann man Migrationserfahrung machen, ohne sich auf verlorene Weise fremd zu fühlen.

Ist das ein Plädoyer für eine Weltliteratur, die Differenzen kennt, aber vor allem verbindet?
Literatur ist Weltliteratur oder sie ist keine Literatur. Es geht um die Wahrnehmung von Grenzen, aber auch die Aufhebung von Grenzen. Sicherlich gibt es Unterschiede, Differenzen. Man muss aber den Grenzbegriff relativieren, um Verbindung und Unterschied zugleich entdecken zu können. Mit meinem Buch habe ich auch versucht, verschiedene Ebenen miteinander in Beziehung zu setzen. Es bewegt sich zwischen den Grenzen, auch zwischen den Genres. Es gibt eine Dynamik der Form, die dem Gegenstand folgt. Mich interessiert auch das literarische Fragment, das fragmentarische Schreiben, mit dem verschiedenen Ebenen zusammengebracht werden können. Das Fragment hat eine starke Kontinuität, denn es produziert Verbindungen, die man zuerst nicht sieht. Die Grenze im Fragment weist über sich hinaus.

Rührt daher Ihr Interesse für Grenzgänger der Sprache wie Hedayat und Beckett, der in einer Mischung aus Englisch, Französisch und Deutsch sein Tagebuch schrieb?
Beckett wurde einst gefragt, warum er auf Französisch schreibe. Er antwortete, dass es ihm eine Reduktion ermögliche. Gleichzeitig eignet seiner Sprache aber ein großer Reichtum. Das ist faszinierend. Es geht Beckett um Armut, Schlichtheit und ­literarische Ökonomie, die – wie beispielsweise in »Der Namenlose« – ihm neuen Reichtum ermöglichen, auch eine Technik der Fremdheit. Es muss aber keine fremde Sprache sein, es gibt verschiedene Wege. Proust hat zeitlebens in seiner Muttersprache geschrieben. Es geht nur darum, fremd zu werden in einer Sprache, um Literatur zu schaffen. Das ist ein Prozess der Verwandlung, der Umwandlung, der Verfremdung – der Migration.

 

Pedro Kadivar: Kleines Buch der Migrationen. Aus dem Französischen von Gernot Krämer. Sujet-Verlag, Berlin 2017, 170 Seiten, 21,90 Euro