Das System Harvey Weinstein: eine fiktive Filmbesprechung

Aufstieg und Fall des Harvey Weinstein

Unser Autor bespricht die fiktive Verfilmung der Weinstein-Affäre, in der Oliver Stone ein mythisches Bild des New Yorker Selfmademan und »Sexmonsters« zeichnet.

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Im Rennen um den frühesten Start einer Verfilmung des Lebens und Skandals des Harvey Weinstein hat Oliver Stone – nachdem James Toback sich durch Selbstbeschuldigungen disqualifiziert hatte – vor seinen Kollegen Abel Ferrara und Martin Scorsese gesiegt. Stones Film »Weinstein – Der Untergang eines Produzenten« ist ein rohes, zorniges und zugleich subtiles Porträt eines monströsen Menschen geworden, der ­zugleich faszinierend und abstoßend, zugleich Ausnahme und Regel war. Stone hat sich nur wenig Zeit zur Reflexion gelassen, daher ist sein Film weniger ein kulturhistorischer Rückblick auf ein Hollywood, das es nach dem Weinstein-Skandal vielleicht nicht mehr geben wird, als eine Momentaufnahme, geboren aus Ratlosigkeit und Verzweiflung. Denn mehr, viel mehr ging mit Harvey Weinstein zugrunde als der Mythos vom liberalen, aufgeklärten und offenen Hollywood, in dem sich vielleicht langsam, aber immer noch für den Rest der Gesellschaft beispielgebend Emanzipation und Respekt zwischen den »Rassen«, den Geschlechtern und den Generationen verwirklichen sollte.

 

Ein amerikanischer Archetyp

Nun stellt sich heraus: In seinem Inneren war Hollywood offenbar ­immer noch von der Herrschaft des alten, weißen Mannes geprägt. Von einer furchtbaren Herrschaft, denn dieser alte, weiße Mann ist seelen- und sozialkrank bis ins Mark. Weinstein ist in Oliver Stones Film ein amerikanischer Archetyp. Er zeigt, dass der ökonomische, öffentliche ­Erfolg und das Verhalten als Sexmonster zwei Seiten ein und derselben ­Sache sind. Und Stone zeigt es, wie gewohnt, in holzschnitthafter Direktheit: Aus einer tief gestörten Person entwickelt sich ein Drama von Macht, Erfolg, Gewalt und Eroberung, und aus diesem Drama entsteht die Darstellung eines Systems von Unterdrückung, Abhängigkeit und Korruption, das wiederum wachsen und wuchern muss, bis zu dem Punkt, an dem es überdehnt wird, an dem ­andere Systeme in jenes eingreifen. Das Ende Harvey Weinsteins in Oliver Stones Film ist eher eine Farce als ein Drama. Die Geschichte von einem, der immer weitermacht, obwohl sich die Anzeichen mehren, dass das System Brüche bekommt, dass nicht mehr alle mitmachen wollen, dass die Wirkkraft des offenen Geheimnisses nachlässt.

Erneut zeigt sich ein Hollywood-Film fasziniert vom »kometenhaften« Aufstieg und vom tiefen Fall eines Selfmademan. Weinstein entspricht wie kein Zweiter der großen Märchenerzählung von der Karriere im Big Apple: Wenn man es in New York schafft, hat man es beinahe überall geschafft. Und zimperlich darf man hier nicht sein. Viel Zeit gönnt Stone der Jugend und dem Milieu der New Yorker Diamantenschleifer, in dem Harvey aufwächst. Es ist ein Leben voller unterdrückter Impulse, voller unerfüllbar scheinender Träume. Alle Beziehungen unterliegen ­einer gewissen Öffentlichkeit; man ist so gut wie nie mit sich allein und wird doch mit vielen seiner Probleme und Wünsche alleingelassen. Harvey baut sich zwei Träume auf, den Traum vom Erfolg und den Traum von der Kunst.

 

Die Weinsteins werfen sich ins Filmgeschäft

Zwei Jungs, Harvey und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Bob, haben Flausen im Kopf, wollen etwas ganz anderes, wollen raus und möglichst groß rauskommen, schon während des Studiums an der State Univer­sity of New York. Sie gründen ein Thea­ter, das Century Theater, in dem auch kleine Filmreihen und Festivals organisiert werden. Von Anfang an ist das Unternehmen auf Expansion ­angelegt, und darauf, mit so viel Kunst wie möglich so viel Geld wie nötig zu machen. Die Beziehung der Brüder zeichnet Stone, vielleicht ein wenig klischeehaft, nach so vielen US-amerikanischen Vorbildern: der geniale Hitzkopf und Machtmensch und der gemäßigtere, rationalere Begleiter. Bei Outlaws, Gangstern, Künstlern, Politikern, Erfindern – stets ist die Bruderbeziehung (in diesem amerikanischen Mythos) die Keimzelle eines größeren Machtsystems. Freilich: In der Bruderbeziehung liegt stets schon der Keim des Zerfalls. Die Konflikte sind programmiert; einmal kann der eine den anderen nicht mehr kontrollieren, ein anderes Mal ist der nicht mehr bereit, dem ersten zu folgen. Der Bruder ist zugleich Stärke und Schwäche des Machtmenschen. Stone zeigt das in derben Bildern: Die ersten Streiche der beiden Weinsteins zeigen sofort, wie sie zusammen ­»arbeiten« und wie sie (vergeblich) versuchen, den jeweils anderen zu kontrollieren und zu nutzen. Beginnt der Film mit einer Gemeinsamkeit, die mehr auf Interesse als auf Verständnis aufgebaut ist, endet er mit der öffentlichen Verleugnung des Bruders durch Bob Weinstein. Und genauer kann es Stone nicht sagen, dass der tiefe Fall des Harvey Weinstein vor allem damit zusammenhängt, dass Menschen angesichts der moralischen Katastrophe eher ihren Arsch als ihre Seele retten wollen.

Die Weinsteins warfen sich ins Filmgeschäft. Aber sie wurden keine Kalifornier. Sie blieben New Yorker, und das ist nicht nur eine Frage des Wohnorts. In ihnen steckt immer beides, die Straße und das Penthouse. Sie entwickeln nicht den Hauch von »Zurückgelehntheit«; immer geht es um den Überlebenskampf. Stone zeigt New York City als dampfenden Moloch, in dem die Menschen ihre Zeit zunächst in Taxis und dann in Stretchlimousinen verbringen, wenn sie es zu etwas gebracht haben. 1979 gründen Harvey und Bob Weinstein das Produktionsunternehmen Miramax. Das war der Nachklang von New Hollywood und dessen Idee, ein bisschen Kunst mit etwas Glamour und dem Geist der großstädtischen Liberalität zu verbinden. Als sie das Unternehmen 1993 an Disney verkauften, hatten die Weinsteins Spuren im ­US-amerikanischen Kino hinterlassen, sie waren zu Partnern von Regisseuren, Autoren, Schauspielern geworden und wussten, dass sie, und nur sie diesen dritten Weg zwischen Kunst und Kommerz der Traumfabrik genial zu öffnen verstanden. Die Weinsteins arbeiteten nun mit den Größen des Business auf Augenhöhe zusammen; sie führen das Unternehmen auch nach dem Verkauf und dürfen sich rühmen, mehr künstlerische und finanzielle Freiheit zu genießen als jedes andere Disney-Unternehmen.

Zu den erfolgreichsten Filmen von Miramax gehören »Chicago« (2002), »Shakespeare in Love« (1998), »Scary Movie« (2000), »Der englische Patient« (1996) und »Gangs of New York« (2002). Aber beinahe bei jedem dieser Projekte kommt es zu Kämpfen zwischen den Weinsteins und dem Mutterkonzern. Bob und Harvey erlangen den Ruhm, aufrechte Kämpfer für die Freiheit der Kunst und ­gegen Traditionalismus und Langeweile im Business zu sein. Sie genießen diesen Ruhm und sie wissen genau, dass eine bestimmte Art von Filmen und des Filmemachens auf Leute wie sie, schließlich vor allem auf den einen, den großen Harvey Weinstein, angewiesen sind. Der Bruch ist dennoch unabwendbar. Als Disney sich im Jahr 2004 weigert, den wütenden Dokumentarfilm »Fahrenheit 9/11« von Michael Moore ­herauszubringen, kaufen die Weinsteins die Rechte mit ihrem Privatvermögen. Sie verlassen Miramax und Disney, mit der Ablösesumme von 140 Millionen Dollar gründen sie The Weinstein Company (TWC) mit Sitz in New York City. TWC ist immer noch eine der größten Independent-Produktionsgesellschaften in den USA; Harvey und Bob sind nach wie vor die maßgebenden Köpfe, aber von der Firma gehören ihnen nur 42 Prozent.

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Im Zentrum des Systems. Harvey Weinstein bei einer Oscar-Verleihung, am 28. Februar 2016

Bild:
picture alliance / AP Photo / Al Powers

Weinstein hat große Summen für Wahlkämpfe der Demokratischen Partei gesammelt, unter anderem für den Wahlkampf von Barack Obama 2012, den von Hillary Clinton und die beiden Wahlkämpfe von Bill Clinton. Er selbst spendete seit 1990 fast 1,5 Millionen Dollar an demokratische Kandidaten. Er war mehrmals Obamas Gast im Weißen Haus. Obamas Tochter Malia absolvierte ein Praktikum bei der Weinstein Company. Weinstein gilt als langjähriger Freund von Bill Clinton und dessen Frau Hillary.

Oliver Stone bleibt Zaungast solcher Veranstaltungen, beschreibt mit seiner Kamera, wie sehr da die eine Seite von der anderen profitiert. Und wie sehr doch Harvey Weinstein immer einer bleiben musste, der trotz seiner Millionen nicht wirklich dazugehörte.
An der Oberfläche wirkt all dies folgerichtig und reibungslos. Die Botschaft ist: Eine erneute Trennung der großen Studios von den Independents wird eine neue Situation im US-amerikanischen Kino erzeugen. Die Erfolgsgeschichte der Weinsteins geht sozusagen aus dem eigenen Schwung heraus noch weiter und auch als Gallionsfiguren des neuen, liberalen Hollywood agieren die beiden weiterhin, insbesondere Harvey macht sich als großzügiger Unterstützer der Demokraten bekannt, finanziert Projekte für junge Filmemacherinnen, wird nicht müde, für Gleichberechtigung und Toleranz zu werben. Alles Lüge? Alles Maske vor dem Gesicht eines Mannes, der seine Macht hemmungslos nutzt, um Frauen zu bedrängen, sexuell zu demütigen, zu vergewaltigen und anschließend Schweigen darüber zu erpressen, zu erkaufen, zu manipulieren?

Stone sieht das anders, schlimmer. Mit seinen sexuellen Machtspielen, die alle von einer unerwachsenen Freudlosigkeit, von obszöner Gier nach Bestätigung, von einer quälenden Unerfülltheit geprägt sind, ­reagiert der Harvey in Stones Film auf die Panik in seinem Inneren. Weinsteins Erfolg nämlich hat so wenig vermocht, die Versagensängste seiner Jugend zu überwinden, wie sein liberales Auftreten das Spuken sexueller Höllenvisionen und die Wiederkehr eines inneren Dramas verhinderte: Harvey würde den ­Ansprüchen, die in seiner Kindheit an ihn gestellt wurden und die er in sich noch einmal verschärfend immer weiter entfaltete, nie gerecht werden. Das galt auch für seine Ehe, die nach außen gelungen schien und eine vorbildliche Familie hervorbrachte. So wie bei vielen Vertretern von New Hollywood schien das furchtbare System der casting couches und der strukturellen sexuellen Ausbeutung überwunden zugunsten offener ­Familienmodelle; Spielberg und Lucas wurden nicht müde, ihre Verantwortung gegenüber den Kindern zu betonen. Scheidungsgeschichten und Rosenkriege gab es selbstverständlich; auch dass jemand vielleicht Sexualität als Waffe im Konkurrenz- und Aufstiegskampf einsetzte, wie in jedem anderen Unternehmen auch, das kam vor, aber viel strahlender waren die Geschichten von der Liberalität der Mittelschicht.

 

Harvey in der Falle

Unterdessen trieb Harvey Weinstein die Angst vor dem Versagen immer wieder in ein Verhalten, das mit dieser Idee eines geläuterten, neuen Hollywood so gar nichts zu tun hatte. Denn sein Unternehmen, die Firma, die Familie, die Bruderbeziehung, das Netzwerk der Abhängigkeiten, die Rolle in der Öffentlichkeit, die Auszeichnungen und die Freundschaften mit Künstlerinnen und Künstlern – all das war nie so sicher und stabil, wie es nach außen schien. ­Etwas plump metaphorisch zeichnet Stone eine Serie von Ereignissen, die nach dem immer gleichen Muster ablaufen: Harvey gerät an die Grenzen seines Systems, beinahe körperlich verwandelt er sich vom liberalen Erfolgsmenschen in das erotische Monsterkind, das von den Frauen keine Zuneigung, sondern Unterwerfung verlangt. In diesen Situationen will er gar nicht geliebt, sondern nur gefürchtet werden. Wie es bei Monstern so ist: Er lässt ab von jenen Opfern, die ihn durchschauen, die seine Armseligkeit erkennen, und er wird rasend bei jenen, die ihm offenen Widerstand entgegensetzen. Alles, was kaputt ist an seinem System, fließt als dunkle Energie in seine Übergriffe, und diese wiederum verlangen enorme Energie dafür, das System von Bedrohung, Abhängigkeit und Schweigen zu erhalten.

Harvey sitzt in der Falle. Seine politische, seine ökonomische und seine sexuelle Identität lassen sich nicht mehr zusammenbringen. Sein Verhalten wird zum »offenen Geheimnis«, aber selbstverständlich malt sich niemand das Ausmaß seiner Vergehen aus. Stone wechselt an diesem Punkt seiner Geschichte – gerade ist die Ehe in die Brüche gegangen – zur Perspektive der Opfer. Denn mag Harvey Weinsteins innere Panik, die immer raschere Verwandlung vom Traumfabrikanten zum Albtraummonster, auch faszinierend und in der psychologischen Herleitung einigermaßen plausibel sein – die Falle, die er sich selbst gestellt hat, ist um ein Viel­faches furchtbarer für die Frauen, an denen er sich vergeht. Auch sie stecken in der Zwangssituation, das äußere Bild von sich und die innere Verletzung irgendwie miteinander vereinbaren zu müssen. Offen auszusprechen, was geschehen ist, ist den meisten einfach deswegen nicht möglich, weil Harvey Weinstein die Mittel hat, sie zu vernichten, und weil es schwer bis unmöglich ist, Alliierte im Kampf gegen ihn zu finden. Denn auch das zeigt Stone, wobei der Mediensatiriker in ihm zum Vorschein kommt: Die Frauen sind nicht nur Opfer von Harvey Weinstein, des Systems von Bedrohung und Schweigen, das er errichtet hat, sie sind auch ­Opfer von Medien und Öffentlichkeit. Denn das »offene Geheimnis«, eine Verschleierung durch Ironisierung oder Karnevalisierung (der sexuelle Übergriff als bitterer Scherz), wirkt zweischneidig. Es solidarisiert die Opfer nicht, es gewöhnt die Öffentlichkeit an Verhältnisse, es macht sich schließlich noch über die Unfähigkeit lustig, an ihnen etwas zu ändern. Immerhin gab Courtney Love in ­einem Interview den Rat an junge Schauspielerinnen, niemals eine Einladung von Harvey Weinstein anzunehmen, Asia Argento nannte bei ihrem Bekenntnis, von einem Hollywood-Mogul vergewaltigt worden zu sein, keinen Namen, und 2012 kam in der Comedy-Serie »30 Rock« eine Szene vor, in der eine Schauspielerin sagt, sie lasse sich von keiner Hollywood-Größe einschüchtern, schließlich habe sie schon mehrere Male Harvey Weinstein den Geschlechtsverkehr verweigert, »bei drei von fünf Gelegenheiten«. Großes Gelächter. Verurteilung oder Mitwisserschaft? Bei der Oscarverleihung 2013 alberte Seth MacFarlane bei der Bekannt­gabe der Nominierungen für die beste Nebendarstellerin: »Congratulations, you five ladies no longer have to pretend to be attracted to Harvey Weinstein.«

Stone schildert einen Harvey Weinstein, bei dem weder eine Ehe noch eine Familie seinen dunklen Drang lindern können; der sich im tiefen Inneren bewusst ist, dass es ein katastrophales Ende geben wird. Wie der Strauss-Kahn in Abel Ferraras Film, den Gérard Depardieu so massig-monströs gibt, stellt Robert De Niro Weinstein als einen Mann dar, der seinen inneren Dämonen auch deswegen ausgeliefert ist, weil er den wahren Kern seiner sexuellen Wut nicht benennen kann. Die letzten Übergriffe geschehen beinahe so, als wolle er erwischt werden oder als habe er endgültig die Kontrolle über sein Verhalten verloren. Denn die beiden – im Film, versteht sich –, Strauss-Kahn und Weinstein, sind eben nur einerseits Repräsentanten eines Systems, das sexuelle Ausbeutung und Korruption fortsetzt, in dem mächtige Männer sich sexuell bezahlen lassen und nehmen, was sie kriegen können (ohne das System dabei zu überdehnen); auf der anderen Seite sind sie die Störfälle, die monströsen Gestalten, an denen erst wirklich klar wird, wie krank das ­System ist.

 

Politik, Medien und Justiz arbeiten für das System Harvey

Zunächst scheint es noch zu halten: Rose McGowan informiert den Studioboss von Amazon, Roy Price, dass Weinstein sie vergewaltigt habe. ­Price ignoriert die Information und arbeitet weiter gedeihlich mit Weinstein zusammen. Bald darauf muss er seinen Posten räumen, weil gegen ihn selbst Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe erhoben werden. Das italienische Model Ambra Battilana ­Gutierrez zeigt Harvey Weinstein bei der New Yorker Polizei wegen sexueller Belästigung an; die junge Frau wird als Erpresserin mit zweifelhaftem Hintergrund abgetan, schließlich soll sie etwas mit Silvio Berlusconis »Bunga-Bunga-Parties« zu tun gehabt haben. Der Staatsanwalt schlägt den Fall nieder, obwohl die Polizei die Indizien für eine Anklage für ausreichend erachtet. Gegen andere Frauen, die ihre Stimme erheben, wird kräftig Stimmung gemacht. Einige von ihnen werden unter Druck gesetzt und mit Verleumdungsklagen bedroht, andere werden mit höheren Summen ausbezahlt, da sie vor Gericht kaum Recht bekämen. Spätestens hier wird Stones sexuelle Monsterfarce vom amerikanischen Machtmann auch zu einem politischen Gleichnis. Politik, Medien und Justiz arbeiten für das System Harvey. Aber sie tun es nicht grenzenlos.

Die Katastrophe, die sich bei Stones Harvey Weinstein längst angekündigt hat, tritt endgültig mit dem berühmten Artikel in The New York Times ein. Daraus folgt alles weitere mechanisch: Das System stürzt ein, Harvey wird unter seinen Trümmern begraben. Im Oktober 2017 schließlich treten einige Mitglieder der Führung von TWC zurück, Weinstein selbst zieht sich zurück, wird gefeuert. Man beschließt, bei keinem seiner Projekte den Namen Weinsteins zu nennen, die Firma soll umbenannt werden. Stone macht sich über das Übermalen der Namen lustig: Weinstein wird aus allen Titeln, Dokumenten, Ehrungen, Projekten getilgt – und ist dabei doch nur umso gegenwärtiger. Bob Weinstein selbst erklärt das Ende einer Ära, dementiert aber Gerüchte über die Schließung der Firma. Richard Koenigsberg, einer der wenigen, die Harvey Weinstein treu geblieben waren, muss die Firma verlassen. Das Geschäft geht weiter, sagen die Menschen um Bob Weinstein; das Projekt TWC werde auf­gelöst, sagen dagegen die Leute um den Chef des operativen Geschäfts David Glasser. Der Kampf um die Trümmer des Königreichs ist entbrannt.

Und während sich hier die bizarre Frage stellt, ob es für die Independent-Studios überhaupt noch eine Zukunft im US-amerikanischen Film gibt, ob in Harvey Weinsteins tiefem Fall also so etwas wie ein Sieg des ­alten Hollywood und der globalen Blockbuster-Produktion zu sehen ist, geht die gesellschaftliche Diskussion weiter: Mehr als 60 Frauen sind es schließlich, die Harvey Weinstein wegen sexueller Übergriffe ­anklagen. Gewöhnlich bestellt er die jungen Frauen in ein Hotelzimmer oder ins Büro, angeblich um mögliche Rollen oder Karriereschritte zu besprechen, und dann verlangt er eine sexuelle Handlung als Gegenleistung.

Es ist wie in einem sehr, sehr miesen Film, und da ist Oliver Stone in seinem Element: Er inszeniert diese Szenen, ohne die Beteiligten zu zeigen, in der Art von Vintage-Pornofilmen, komplett mit rotstichigen Farben und flackernder Beleuchtung. Auch wenn man gar keine eindeutigen sexuellen Handlungen sieht, erkennt man doch den Zusammenhang. Das System folgt den Mustern. So sehr wie die Gewalttätigkeit stößt diese zwanghafte Wiederholung ab. Von Erotik und Lust kann in diesen Bildern keine Rede sein.

Es ist der Mann, der sich von seinen Versagens- und Verlustängsten durch die sexu­elle Demütigung von Frauen »erleichtert«. Unter den Frauen, die angaben, Opfer von Harvey Weinstein gewesen zu sein, befinden sich so prominente Namen wie Angelina Jolie, Eva Green, Kate Beckinsale, Rosanna Arquette, Asia Argento, Ashley Judd, Rose McGowan, Gwyneth Paltrow, Mira Sorvino und Sean Young. Aber Stone widersteht der Versuchung, mit Stars zu punkten. Wichtiger scheint ihm, dass Weinstein in seinem bizarren Doppelleben auch ein System der Selbstrechtfertigung entwickelt. Er scheint sich immer etwas aus einer Welt nehmen zu wollen, von der er sich zugleich ausgeschlossen fühlt. Alle seine sexuellen Übergriffe haben auch einen Aspekt von Rache. Niemals zeigt dieser Harvey Weinstein Mitgefühl mit seinen Opfern oder Reue über seine Missetaten. Das einzige Gefühl, das er kennt, ist Angst, tiefe Angst. Im Jahr 2000 überlebte er einen Herzinfarkt. Hätte das nicht das Zeichen für eine Umkehr, ein Anlass zur Läuterung sein können? Nein. Harvey Weinstein lebte den amerikanischen Traum, und der, ­daran lässt Stone keinen Zweifel, besteht nie aus etwas anderem als ­einer der jeweiligen Biographie und Psyche ­angepassten Mixtur aus Gier und Angst.

 

Die finstere Seele des US-amerikanischen Kapitalismus

Für Stone ist Weinstein ein ebenso monströses wie bemitleidenswertes Wesen, das von einer Gier getrieben wird, die sich nur teilweise und ­widersprüchlich erklären lässt. Anders als Abel Ferraras Groteske um Strauss-Kahn, in der Gerard Depar­dieu nur noch ein fettes, geiles ­Un­geheuer ist, das sich nicht im Geringsten mehr beherrschen kann, spielt De Niro den Harvey Weinstein subtiler. Als einen Mann, der seine Minderwertigkeitskomplexe und Versagensängste nie wirklich überwunden hat. So weit er ökonomisch aus dem Schatten des Vaters getreten ist, so wenig hat er seine ­magische Bindung verloren. Dieser Weinstein – begegnet Oliver Stone ihm mit allzu viel Verständnis? – bedrängt die Frauen mit seiner Macht und seinem Reichtum, weil er zur Liebe nicht fähig ist. In Wirklichkeit treibt ihn eine panische Angst um, weder dem mütterlichen ­Ideal der Moral noch dem väterlichen Ideal des Erfolgs zu ­genügen. Dieser mächtige Mann ist von der Angst vor seiner Impotenz getrieben und hat kein anderes Mittel als die Gewalt, um ihr zu entkommen. Dieser Mann ist nichts anderes als die finstere Seele des US-amerikanischen Kapitalismus.

Und noch etwas unternimmt Oliver Stone in seinem Film. Er versucht, Harvey Weinstein in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Parallel zu dem zähen, aber unaufhaltsamen Prozess, der Harvey Weinsteins tiefen Fall einleitet, montiert der Regisseur Szenen vom Aufstieg und von der medialen Präsenz Donald Trumps. Dass ihm offensichtlich mehr ver­ziehen wird als Harvey Weinstein, ja, dass das rechtsextreme und bigotte Milieu, das ihn stützt, vom Fall Weinstein profitiert, nimmt man mit ­einer gewissen Ratlosigkeit zur Kenntnis. Denn Stone wäre nicht Stone, wenn er nicht auch die Fährte einer Verschwörung aufnähme, antisemi­tische und antiliberale Kräfte am Werk sähe. Am Ende nämlich sind zwei Prozesse in Gang gesetzt. Der eine Prozess ist eine mögliche Läuterung der Gesellschaft. Vielleicht gibt es eine Chance, nicht mehr so lange wegzusehen, nicht Teil des offenen Geheimnisses zu sein, sich nicht mit Scherzen über das Unerträgliche hinwegzumogeln. Immer mehr Frauen schließen sich dem Projekt an, das offene Geheimnis öffentlich zu machen. Aber auf der anderen Seite unternahm der Guardian im Jahr 2017 den Versuch, 20 männliche Schauspieler zu befragen, die in der einen oder anderen Weise mit Harvey Weinstein zu tun hatten. Nicht einer von ihnen wollte sich äußern.